Weihnachtswunder

Das zweite Weihnachten ohne dich, mein Schmetterling. Es ist kaum zu fassen und noch schwerer zu ertragen, dass du so lange schon fort bist. Viel zu lange. Aber dieses Jahr waren Dinge anders. Wir hatten wieder keinen Baum und haben auch nichts geschmückt, aber nicht mehr weil es uns so sehr widerstrebte wie im letzten Jahr, weil der Schmerz zu unerträglich war, um auch nur ansatzweise Festtagsstimmung aufkommen zu lassen. In diesem Jahr gab es keinen Baum, weil es sich nicht gelohnt hat, weil er hier wegen unserem Umzug nicht lange hätte stehen können. Weil es nicht mehr so richtig gemütlich ist  bei uns zwischen den Kisten. Dieses Jahr war es aber vor allem anders, weil wir nicht mehr allein sind. Wir sind wieder zu dritt. Und auch wenn deine Schwester noch viel zu klein ist, um um den Baum zu laufen, Geschenke auszupacken oder Schokolade mit uns zu essen, so waren wir nicht mehr allein. Und das macht einen riesigen Unterschied. Wir waren trotzdem um dich sehr traurig, wir haben geweint um dich und darüber gesprochen, wie es gewesen wäre, wenn du dieses Jahr bei uns gewesen wärst. Wie schön es gewesen wäre, zu viert zu sein. Wir hätten vielleicht trotzdem einen Baum aufgestellt, im Chaos. Einfach nur für dich. Wir waren hin- und hergerissen zwischen Freude über deine Schwester, die unser kleines großes Weihnachtswunder ist, und Trauer um dich, weil wir dich so sehr vermissen. Vielleicht wird es irgendwann wieder ein Weihnachten ohne Tränen geben, an dem die Trauer mild ist. Aber so lange es so ist wie in diesem Jahr kann ich sagen: ich kann das aushalten. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass es mich zerreißen muss und wird. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass es besser wäre, keinen weiteren Tag erleben zu müssen, weil er ohne dich sein wird. Unser Weihnachtswunder bringt Heilung. Keine völlige, das kann sie nicht, das kann niemand. Das soll sie auch nicht. Aber sie bringt Linderung für unsere zerbrochenen Herzen, sie bringt Freude. Sie bringt das Gefühl, wieder eine Familie zu sein. Wenn sie auch nie wieder komplett sein wird. Ich hoffe du hast da oben ein schönes Weihnachtsfest, mit deinem Großonkel, deinem Uropi und Heinz, deinem Uropa, deiner Uroma und vielen vielen kleinen Engeln, die von ihren Familien schmerzlich vermisst werden, genauso wie du. Wenn es nicht mehr ganz so kalt ist und deine Schwester noch ein kleines bisschen gewachsen ist, dann fahren wir zu deinem Baum. Und ich bringe dir einen Tannenzweig, wenn ich einen finden kann. Dann hast du auch dort ein bisschen verspätetes Weihnachten. Ich schicke dir tausend Küsse und Umarmungen und ich schicke dir Liebe und Licht. Frohe Weihnachten, mein Schmetterling.

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Aufatmen

Gestern waren wir mit deiner kleinen Schwester beim Ultraschall, mein Schmetterling. Wahrscheinlich weißt du das sowieso, vielleicht warst du mit dabei. Wir waren dort, weil die Angst ein unschöner Begleiter ist und weil sie uns auf den Schultern hockt wie ein Geier, ein übergewichtiger kranker Geier, eine schwere Last und hässlich noch dazu. Und auch wenn wir sowieso mit ihr dorthin gehen wollten, gab es in den letzten Tagen viel Futter für den Geier, der den Besuch dort zu einer echten Notwendigkeit gemacht hat. Deine kleine Schwester hat nämlich angefangen zu spucken. Für andere Eltern eine Normalität beim Aufwachsen der Kinder, eine Nichtigkeit, nicht der Rede wert. Für uns ein Alarmsignal, ein Weckruf, Futter für den Geier. Außerdem hat sie begonnen, an der Brust zu würgen, wenn sie einigermaßen satt war. Mehr Futter für den Geier. Und so wurde er schwerer und schwerer, drückt die Schultern nach unten und macht das Gehen anstrengend. Pickt immer wieder auf den Kopf, sodass man ihn kaum ignorieren kann. Zum Glück hatten wir den Termin sowieso schon, sonst hätten wir sicher einen gemacht. Unsere Ärztin hat uns absolut ernst genommen in unserer Sorge und Angst, auch wenn sie natürlich ebenso wie wir wissen, dass der Geier eigentlich nur dort sitzt, weil wir es nicht schaffen, ihn wieder zu verscheuchen. Gestern Abend fuhren wir also in dein Krankenhaus, mein Schmetterling. Auf deine Station. In dein Ultraschall-Untersuchungszimmer. Ich hatte Angst vor den Erinnerungen. Und einfach war es nicht, ganz sicher nicht. Aber wir mussten nicht auf der Station warten, was gut war. Wir mussten nicht durch den Flur gehen, wir mussten nicht an deinem Zimmer vorbei, nicht die Nummer 4 sehen. Weißt du, dass im Japanischen die Zahl 4 als Unglückszahl gilt, weil sie klingt wie das Wort für Sterben? Zum Glück mussten wir nicht dort entlang, nicht dort warten, nicht die Last der schlimmen Gedanken tragen, denn auch so war es schon schwer genug. Deine Schwester war während der Untersuchung sehr ruhig, als wüsste sie, dass es nötig ist, so wahnsinnig nötig. Sie ist einfach eingeschlafen, war ganz entspannt. Und deine Schmetterlingsmama konnte zusammen mit der Ärztin sehen: es ist alles in Ordnung. Es sieht alles so aus, wie es aussehen soll. Deine Schwester ist gesund, zumindest momentan. Und so erhob sich der Geier in die Lüfte, so gut es ging, dick wie er war, und flog davon. Ich sehe ihn noch kreisen und auch deine Ärztin weiß, dass er dort noch eine ganze Zeit kreisen wird. Deshalb hat sie uns angeboten, dass wir sie jederzeit wieder anrufen können, wenn der Geier Anstalten macht, sich wieder niederzulassen. Gemeinsam scheuchen wir ihn dann wieder fort, wenn wir es allein vielleicht nicht schaffen. Du wirst gut auf deine Schwester aufpassen, da bin ich sicher. Und das hilft auch, den Geier auf Abstand zu halten. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Ich vermisse dich. Aber ich weiß, dass du der beste Schutzengel bist, den man sich wünschen kann.

Viel Spaß

Heute möchte ich von Mikas neuestem Zeichen erzählen.  Die Zeichen sind in der letzten Zeit weniger geworden. Ich habe davon schon oft gehört und nehme an, dass es normal ist. Trotzdem macht man sich seine Gedanken, fragt sich warum das so ist, ob es dafür einen Grund gibt, ob das Kind noch da ist.  Zweifel kommen auf. Auch wenn das natürlich Unsinn ist.  Ich habe mir vorher viele Gedanken darüber gemacht, ob Mika wohl bei der Geburt seiner Schwester anwesend sein wird, ob er an unserer Seite sein wird um sie in dieser Welt zu begrüßen.  Ich habe es mir sehr gewünscht, aber ich wollte auch nicht zu sehr darauf hoffen. Denn wenn man zu sehr hofft, wird man leicht enttäuscht.  Aber Mika war da, das hat er mir ganz deutlich gezeigt. Von Mikas besondere Freundin habe ich ja schon erzählt.  Die kleine Maya, die einen Draht zu ihm hat.  Die mit ihm spricht, auf ihre Art und Weise. Und die er sich ausgesucht hat, um mit mir zu sprechen.  Maya war baden an dem Abend, als Mikas kleine Schwester sich langsam auf den Weg gemacht hat.  Und nach dem Baden ist sie zu ihrer Mama gekommen  und hat ihrer Mama gesagt, sie soll mir viel Spaß wünschen.  Das hat die Mama auch gemacht.  Ein bisschen irritiert, aber sie hat es ausgerichtet. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht gewusst hat, war das die Wehen kurz davor eingesetzt hatten.  Zu diesem Zeitpunkt waren sie alle 6 Minuten und die Geburt  kam langsam in den Fluss.  Und auch wenn ich erst nicht verstanden habe, wieso es ausgerechnet viel Spaß ist, was mir gewünscht wird, so wusste ich doch sicher, von wem diese Nachricht kommt.  Ich habe mich so sehr darüber gefreut. Mein Schmetterling ist nicht fort. Mein Schmetterling ist da. Und er war da, als seine Schwester zur Welt kam. Vielleicht hat er seine Uroma mitgebracht.  Vielleicht haben sie gemeinsam gewartet, bis das neue kleine Leben das Licht der Welt erblickt hatte.  Ich habe danach viel über die Wortwahl nachgedacht, da gebären für mich von Spaß ziemlich weit entfernt ist. Habe mich gefragt, ob das wohl der Humor des Schmetterlingspapas ist, der da durchkommt.  Aber vielleicht war es auch einfach ganz ernst gemeint. Dass es darum geht, Freude zu empfinden, wenn ein neues Leben auf die Welt kommt. Dass es darum ging, die Geburt an sich zu vergessen und auf das Ziel zu schauen.  Ich werde sicher irgendwann die Gelegenheit bekommen, dich das zu fragen mein Schmetterling. Bis dahin warte ich und bin froh und dankbar, dass du mir so deutlich gezeigt hast, dass du an meiner Seite warst. Du kennst meine Zweifel, ganz bestimmt. Und wieder hast du alles in Bewegung gesetzt, um mir zu zeigen: ich bin da.

Alles neu – und doch vertraut

Hier war es ein paar Tage sehr ruhig, mein Schmetterling.  Das liegt daran, dass deine Schwester auf die Welt gekommen ist. Während ich dies schreibe schläft sie an meiner Brust.  Sie ist so wunderschön. Sie ist so schön wie du.  Und alles ist so neu, und doch so vertraut. Ihr seid euch so ähnlich. Ich habe Fotos gemacht, da weiß man nicht wer von euch wer ist.  Es ist so schön, sie hier zu haben. Sie ist ein Sonntagskind geworden, genau wie du. Die Geburt stand eine Weile still, wahrscheinlich weil sie am gleichen Tag auf die Welt kommen wollt wie du.  So viele Dinge waren so gleich. Ihre Daten sind fast gleich. Sie ist genauso groß und wiegt nur 10 g mehr.  Sie liegt auf meiner Brust und ich höre ihr zartes atmen, ihre leisen Geräusche. Ich sehe ihr kleines schönes Gesicht.  Ich fühle ihre Wärme. Ich kann ihren Duft riechen. Und alles ist so neu und doch so vertraut. Ich muss oft bewusst daran denken, dass sie nicht du ist,  so gleich kommt mir alles vor. Als wäre die Zeit zurückgedreht, als wären wir wieder da, wo wir Anfang 2015 waren.  Es ist wundervoll, so viele Parallelen zu sehen. Aber es ist auch schwer. Sehr schwer. Die Angst ist da, die Sorge.  Der Schmerz ist da, die Trauer ist da. Aber es ist auch ganz viel Freude da.  Es ist unendlich viel Liebe da.  Ich habe ihr schon viel von dir erzählt. Manchmal lächelt sie im Schlaf, wenn ich von dir spreche.  Ich glaube sie weiß von dir. Eigentlich bin ich sehr sicher. Denn du weißt auch von ihr, du wusstest das sie auf dem Weg ist. Du hast es mir gesagt. Aber davon möchte ich erst beim nächsten Mal erzählen.  Momentan kann nicht immer eine Kerze für dich brennen, denn manchmal ist einfach zu viel Trubel. Deine Schwester wirbelt uns durcheinander. Aber ich weiß, dass dir das nichts ausmacht. Dass du froh bist. Ich weiß, dass du sie liebst.  Nichts in dieser Welt kann wieder gutmachen was passiert ist. Aber wir können neu anfangen. Wir können glücklicher sein als wir es waren bevor sie kam. Wir sind wieder eine Familie. Wir sind wieder zu dritt auf dieser Welt.  In unseren Herzen sind wir zu viert.  Ich liebe dich mein Schmetterling. Und ich liebe deine Schwester.  Und auch wenn die Trauer wieder stärker ist, weil vieles so gleich ist und nicht so leicht, dann ist es jede Träne wert, es ist jede Sekunde wert.