Trauer auf Urlaub

Ich bin gerade krank, mein Schmetterling. So krank war ich glaube ich noch nie vorher in meinem Leben. Ich nehme an ich hab die Grippe oder sowas, ist auch egal. Wichtig ist, dass ich heute Zeit habe. Zeit für mich, das kommt selten vor. Es hat in der letzten Zeit Tage geben, an denen ich nicht traurig war. Tage an denen ich mich wirklich gut gefühlt habe, an denen ich glücklich war. Und immer wieder kommt an diesen Tagen das schlechte Gewissen. Eine Stimme, die mir sagt: wie kannst du nur? Wie kannst du nur glücklich sein? Und manchmal an diesen Tagen habe ich Angst, Angst dass die Trauer nicht zurückkommt. So seltsam das klingt. Ich habe Angst, dass es eines Tages o. k. sein könnte. Denn es kann und darf nicht o. k. sein. Doch dann kommen andere Tage. Tage wie heute. Und ich begrüße die Trauer, wie einen alten Freund, ich umarme sie und lade sie wieder zu mir ein. Ich habe dich vermisst, sage ich leise zu der Trauer. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich dachte du bist fort. Und sie nimmt mich sanft in den Arm, sie umgibt mich und sie ist warm. Und dann weiß ich, dass die Trauer nicht wirklich fort war. Ich war nur zu beschäftigt für sie. Mein Leben ist ein Wirbelwind, und ich habe zwischendurch keine Zeit für sie. Aber das heißt nicht, dass sie fort ist. Sie nimmt ein bisschen Abstand, sie setzt sich irgendwo an den Wegesrand und sie wartet. Geduldig wartet sie, bis ich wieder bei ihr vorbeikomme. Bis ich wieder Zeit für sie habe, und sie zu mir einlade. Also sitze ich hier und bin froh über meine Trauer, bin froh über jede Träne, die ich dir schenken darf mein Schmetterling. Mein geliebtes Kind.

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Besondere Momente

Deine Schwester entwickelt sich in der letzten Zeit rasant, mein Schmetterling. Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, das erleben zu dürfen. Vor ein paar Tagen ist sie ihre ersten Schritte gelaufen. Und ich muss ehrlich gestehen, ich habe ein paar Tränchen verdrückt, obwohl ich mich was das angeht gar nicht für so sentimental gehalten habe. Aber immer wenn so ein Meilenstein erreicht ist, denke ich auch an dich, und all das, was wir mit dir nicht erleben durften. An all das, was auch du selbst verpasst hast. Das macht mich einerseits sehr traurig, andererseits schätze ich dadurch jeden dieser Momente umso mehr und sehe das Wunder, dass ihnen innewohnt, klar und deutlich. Deine Schwester hat ihren ganz eigenen Kopf, sie probiert sich aus und es ist absolut bewundernswert, wie sie sich die Welt um sich herum zu eigen macht und erschließt. Heute ist etwas passiert, über das ich mich ganz besonders freue. Sprechen tut sie schon lange und sie spricht viel und gut. Man versteht fast alles, was sie sagt. Aber ein Wort hat sie bis jetzt noch nicht gesagt, obwohl es ein Leichtes ist und in ihrem Lautrepertoire schon vorkommen müsste. Deinen Namen. Heute war das erste Mal. Sie hat sich dein Bild angeschaut, hat auf dich gezeigt und gesagt: „Mika“. Ich habe lange darauf gewartet und habe mich bemüht, sie nicht in diese Richtung zu drängen, ihr nicht aufzuladen, wie wichtig mir das war. Aber jetzt hat sie es geschafft, und ich hab mich sehr gefreut. Sie hat mir deinen Namen geschenkt, und ich werde diesen Moment mit all den anderen besonderen Momenten, die mir durch sie geschenkt werden, ganz fest in meinem Herzen behalten.