Heilen tut weh

Ich habe eine Weile nichts mehr geschrieben, mein Schmetterling. Mir sind immer mal wieder Gedanken durch den Kopf geschossen, aber ich hatte das Gefühl, sie nicht in Worte fassen zu können. Und dann habe ich einen Artikel gelesen, einen guten und wichtigen Artikel. Und dann kamen die Worte zurück. In diesem Artikel ging es darum, warum sich Heilung wie Verrat anfühlt. Und genau das hat mich in der letzten Zeit ganz viel beschäftigt. Ich habe es vor einiger Zeit schon einmal versucht, Worte dazu zu finden. Warum nur fühlen sich verwaiste Eltern oft so schlecht, wenn es ihnen besser geht? Warum haben wir das Gefühl, dass wir nicht heilen dürfen? Warum haben wir das Gefühl, dass wir Traditionen des Gedenkens, die wir uns selbst auferlegt haben, nicht wieder ablegen dürfen?

Es ist ein furchtbar schwieriges Thema. Vor ein paar Wochen hat ein Vater, der seit sechs Jahren jeden Tag an seine verstorbene Tochter geschrieben hat, sich entschieden, damit aufzuhören. Die Entscheidung muss unfassbar hart gewesen sein und in seinen Worten steckte all sein Schmerz. Er trauerte dem Schreiben hinterher, aber er hatte trotzdem das Gefühl, sich davon frei machen zu müssen. Weitergehen zu müssen, so seltsam das in diesem Zusammehang klingen mag.

Manchmal trauen wir uns nicht, Dinge wieder aufzugeben, weil wir das Gefühl haben, wir verraten unsere Kinder. Wir trauen uns nicht, nicht mehr jeden Tag eine Kerze anzuzünden. Wir trauen uns nicht, nichts mehr zu schreiben. Wir trauen uns nicht, nicht mehr ein Mal die Woche zum Grab zu fahren. Und all das, obwohl es sich vielleicht gar nicht mehr richtig anfühlt. Wir trauen uns nicht, weil wir Angst haben. Einerseits Angst, das Andenken unserer Kinder zu verraten. Anderseits Angst, dass wir vielleicht verurteilt werden. Man kann uns ja nur vor den Kopf schauen, und nicht hinein, und wie sieht es schon aus wenn man sich entscheidet, bestimmte Traditionen nicht mehr fortzuführen? So als würde man vergessen. So als wäre es einem egal. Man fragt sich sogar selbst, ob es einem egal geworden ist, wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt. Aber der Schmerz, den das Ablegen eines Verhaltens mit sich bringt, zeigt, dass es nicht egal ist.

Manchmal müssen wir Dinge loslassen, weil sie nicht mehr in die Zeit passen, in der wir uns befinden. Manchmal ist es notwendig, Dinge loszulassen, um heilen zu können. Es ist kein Verrat, auch wenn es sich so anfühlt. Es ist kein Vergessen. Und heilen heißt auch nicht heilen im Sinne von: Es ist alles wieder gut. Es heißt nur: Ich kann wieder gehen, wo ich vorher nur kriechen konnte. Vielleicht nie wieder so schnell, aber ich kann wieder gehen. Und manchmal müssen wir eine Last von unseren Schultern nehmen, um uns wieder aufrichten zu können. Es werden andere Traditionen an die Stelle treten. Vielleicht ein stilles Zwiegespräch, ab und zu. Vielleicht ein Lied, was uns ab und zu über die Lippen kommt. Loslassen tut weh. Auch Traditionen loslassen tut weh. Weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Weil wir Angst haben, dass wir die Verbindung verlieren. Aber das werden wir nicht. Wir müssen weiter wachsen, wir müssen weiter leben, mit unseren Kindern im Herzen und für die Kinder in unseren Herzen. Und was auch immer uns daran hindert: Fort damit. Etwas anderes wird an seine Stelle treten. Kein Einsiedlerkrebs wird in einem zu klein gewordenen Haus bleiben, weil er darin nicht wachsen kann. Keine Schlange wird an ihrer alten Haut festhalten, wenn sie nicht mehr passt. Und so müssen wir uns manchmal häuten und dabei Dinge zurücklassen. Und das ist okay. Auch wenn es weh tut. Oder gerade weil es weh tut. Es ist okay.

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