Aufatmen

Gestern waren wir mit deiner kleinen Schwester beim Ultraschall, mein Schmetterling. Wahrscheinlich weißt du das sowieso, vielleicht warst du mit dabei. Wir waren dort, weil die Angst ein unschöner Begleiter ist und weil sie uns auf den Schultern hockt wie ein Geier, ein übergewichtiger kranker Geier, eine schwere Last und hässlich noch dazu. Und auch wenn wir sowieso mit ihr dorthin gehen wollten, gab es in den letzten Tagen viel Futter für den Geier, der den Besuch dort zu einer echten Notwendigkeit gemacht hat. Deine kleine Schwester hat nämlich angefangen zu spucken. Für andere Eltern eine Normalität beim Aufwachsen der Kinder, eine Nichtigkeit, nicht der Rede wert. Für uns ein Alarmsignal, ein Weckruf, Futter für den Geier. Außerdem hat sie begonnen, an der Brust zu würgen, wenn sie einigermaßen satt war. Mehr Futter für den Geier. Und so wurde er schwerer und schwerer, drückt die Schultern nach unten und macht das Gehen anstrengend. Pickt immer wieder auf den Kopf, sodass man ihn kaum ignorieren kann. Zum Glück hatten wir den Termin sowieso schon, sonst hätten wir sicher einen gemacht. Unsere Ärztin hat uns absolut ernst genommen in unserer Sorge und Angst, auch wenn sie natürlich ebenso wie wir wissen, dass der Geier eigentlich nur dort sitzt, weil wir es nicht schaffen, ihn wieder zu verscheuchen. Gestern Abend fuhren wir also in dein Krankenhaus, mein Schmetterling. Auf deine Station. In dein Ultraschall-Untersuchungszimmer. Ich hatte Angst vor den Erinnerungen. Und einfach war es nicht, ganz sicher nicht. Aber wir mussten nicht auf der Station warten, was gut war. Wir mussten nicht durch den Flur gehen, wir mussten nicht an deinem Zimmer vorbei, nicht die Nummer 4 sehen. Weißt du, dass im Japanischen die Zahl 4 als Unglückszahl gilt, weil sie klingt wie das Wort für Sterben? Zum Glück mussten wir nicht dort entlang, nicht dort warten, nicht die Last der schlimmen Gedanken tragen, denn auch so war es schon schwer genug. Deine Schwester war während der Untersuchung sehr ruhig, als wüsste sie, dass es nötig ist, so wahnsinnig nötig. Sie ist einfach eingeschlafen, war ganz entspannt. Und deine Schmetterlingsmama konnte zusammen mit der Ärztin sehen: es ist alles in Ordnung. Es sieht alles so aus, wie es aussehen soll. Deine Schwester ist gesund, zumindest momentan. Und so erhob sich der Geier in die Lüfte, so gut es ging, dick wie er war, und flog davon. Ich sehe ihn noch kreisen und auch deine Ärztin weiß, dass er dort noch eine ganze Zeit kreisen wird. Deshalb hat sie uns angeboten, dass wir sie jederzeit wieder anrufen können, wenn der Geier Anstalten macht, sich wieder niederzulassen. Gemeinsam scheuchen wir ihn dann wieder fort, wenn wir es allein vielleicht nicht schaffen. Du wirst gut auf deine Schwester aufpassen, da bin ich sicher. Und das hilft auch, den Geier auf Abstand zu halten. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Ich vermisse dich. Aber ich weiß, dass du der beste Schutzengel bist, den man sich wünschen kann.

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2 Gedanken zu “Aufatmen

  1. Ja, der Geier wird weiter kreisen, aber von unten aus der Ferne gesehen sieht ein Geier ja doch irgendwie majedtätisch aus. Und: Geier können im Flug speisen, verauen und schlafen. Möge dieser Geier also niemals niemals landen!

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