Don’ts in der Trauer und ihre Hintergründe

Heute schreibe ich einen Artikel über ein sehr wichtiges Thema, nämlich darüber, was man zu trauernden Eltern und den Verwandten auf keinen Fall sagen sollte. Ich werde auch schreiben, was dahinter steckt, und was man stattdessen sagen könnte, denn ich habe einen Artikel über die Hintergründe auf Englisch gelesen und fand es sehr hilfreich für mich zu hinterfragen, warum bestimmte Dinge gesagt werden.

„Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder bekommen.“

Nein. Nein, das hilft leider überhaupt nicht. Denn: kein Kind kann ein anderes ersetzen. Was wir daraus verstehen ist, grob und überspitzt gesagt: Ach, ihr macht einfach ein neues Kind und dann ist es wieder gut. Nein, es wird nicht wieder gut. Und wenn wir noch hundert Kinder bekommen, werden wir das eine, was fehlt, nicht weniger schmerzlich vermissen. Was häufig hinter dem Spruch steckt ist der Wunsch, irgendeinen Trost zu spenden, und da fällt einem eben oft als erstes ein: man kann ja noch mehr Kinder bekommen. Statt dessen ist es besser, die Trauer ernstzunehmen, und den Gefühlen Raum zu geben. Sagt doch vielleicht: „Es tut mir sehr leid, dass du so traurig bist, und ich leide mit dir. Es ist schrecklich, sein Kind zu verlieren, und es wird immer fehlen.“ Oder sag: „Ich vermisse dein Kind auch.“ Gib der Existenz des Kindes Raum. Erkenne an, dass es nicht ersetzbar ist. Werte es nicht ab, indem du es zu etwas Ersetzbarem machst.

„Wer weiß, wozu es gut war.“

Zu diesem Spruch habe ich schon einmal etwas geschrieben, aber ich will trotzdem nochmal im Detail darauf eingehen. Wenn die Eltern irgendwann von sich aus auf den Gedanken kommen, hinter ihrem Verlust einen tieferen Sinn zu erkennen, dann ist das gut, denn es ist heilsam, Sinnhaftigkeit zu schaffen. Wenn die Eltern es aber immer als sinnlos und grausam empfinden, dann ist das in Ordnung und sie haben jedes Recht dazu. Die Aussage es gäbe einen Sinn dahinter sagt uns, dass es etwas gibt, das wichtiger war, als das Leben unseres Kindes. Dass es „gut“ war, weil es einem Zweck dient. Und diese Entscheidung, diese Bewertung, die darf niemand fällen als die Eltern selbst. Bitte verweist nie, niemals auf etwas Gutes dahinter, es sei denn die Eltern sprechen selbst davon. Hinter diesem Spruch steckt der Wunsch, durch das Finden eines Sinnes dahinter Akzeptanz zu schaffen und den Eltern zu  helfen, zu verarbeiten. Dieser Wunsch ist gut, aber er muss anders ausgedrückt werden. Vielleicht sagt ihr einfach: „Es tut mir weh zu sehen, wie ihr leidet. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um euch zu trösten.“ Damit drückt ihr eure Gefühle und eure Wünsche aus, ohne den Tod des Kindes zu verharmlosen. Denn das ist sehr verletzend.

„Du bist doch nur XYZ, nicht die Eltern. Es steht dir nicht zu, so viel zu trauern.“

Trauer ist individuell. Trauer hat nichts mit Blutbanden zu tun, Trauer hat nichts mit Verwandschaftsgrad zu tun. Das Einzige, wovon die Trauer abhängt, ist die Vertrautheit und die emotionale Nähe. Wie sehr wir lieben, ist unabhängig davon, ob wir Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, oder vielleicht nur Nachbarn des verstorbenen Kindes sind. Und das zu verstehen ist wichtig. Hinter diesem Spruch steckt das Unverständnis über die Intensität der Trauer und gleichzeitig auch die Idee, dass die Verarbeitung anders ablaufen müsste. Aber das muss sie nicht. Trauer ist so individuell wie jeder einzelne von uns. Wer sehr liebt, trauert vielleicht sehr intensiv. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Und wenn man weniger trauert, oder vielleicht weniger ‚offen‘, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass man weniger geliebt hat. Das heißt nur, dass man anders verarbeitet. Es ist wichtig, die Reaktion anzuerkennen und anzunehmen, der Trauer den Raum zu geben, den sie benötigt. Denn nur wer durch die Trauer hindurch geht, der kann heilen. Reden wir die Trauer klein, dann heilen wir nicht. Auch steckt hinter diesem Spruch wohl der Wunsch, dass die andere Person  nicht mehr so sehr trauert, und der rührt daher, dass der Sprecher die Trauer der anderen Person nicht gut aushalten kann. Statt das zu sagen könnte man seine Gefühle in Worte fassen: „Ich kann es nicht gut sehen, dass es dir so schlecht geht. Und ich verstehe es auch nicht so gut, denn meine Trauer fühlt sich anders an.“ Aber man kann und darf dem Ganzen keinen normativen Rahmen geben. Ein Falsch und ein Nicht Zustehen gibt es hier nicht. In der Trauer gibt es keine Regeln, die allgemeingültig sind. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten.

„Jetzt ist auch mal gut, es war doch noch kein richtiges Kind.“

Dieser Spruch hat gleich zwei Komponenten und ist insbesondere relevant für Eltern, die ihre Kinder früher in der Schwangerschaft verloren haben. Der erste Teil bezieht sich wieder auf ein Richtig oder Falsch in der Trauer, entsprechend gilt, was ich im vorherigen Abschnitt schrieb. Der zweite Teil bezieht sich darauf, dass das Kind noch nicht geboren war, noch nicht ‚fertig‘. Hinter diesem Spruch steckt wieder der Wunsch, dass die Eltern nicht mehr so traurig sein sollen, eine Idee davon, dass man sie vielleicht vom ‚unfertig sein‘ des Kindes überzeugen kann, damit ihre Trauer gemildert wird. Aber das tut sehr, sehr weh. Unsere Kinder sind unsere Kinder, und wir trauern um sie egal wie klein sie waren. Auch hier ist es eine individuelle Sache wie sehr beispielsweise eine frühe Fehlgeburt jemanden belastet.  Die eine Mutter kommt vielleicht gut damit zurecht, die andere wirft es in ein sehr tiefes emotionales Loch. Wir trauern verschieden. Unsere Bindung in der Schwangerschaft entwickelt sich verschieden. Und auch dort ist alles erlaubt. Ein Kind in der 6. Woche kann von seinen Eltern ebenso intensiv geliebt werden, wie ein Kind am Ende der Schwangerschaft. Man erkennt mit diesem Spruch dem Kind die Existenz ab. Das ist für die Eltern sehr verletzend. Wie bei den vorherigen Sprüchen auch sollte man anders anfangen, seinen Gefühlen Raum geben und den Wunsch zu Trösten explizit aussprechen: „Es tut mir so leid, dich so zu sehen. Ich wünschte, es würde dir besser gehen. Und ich wünschte, ich könnte etwas sagen, um dir zu helfen.“

Falsch zählen

Das hier ist kein wirklicher Spruch, aber es ist für viele Eltern ein großes Problem, wenn man die Kinder falsch zählt. Mika war mein erstes Kind. Jedes Kind danach muss eine andere Zahl bekommen. Auf Formularen muss ich oft eintragen, wie viele Kinder ich habe, und wenn ich aus irgendwelchen Gründen 1 eintragen muss, weil es anders nicht geht, dann tut mir das sehr weh. Ich habe das Gefühl, ich habe Mika betrogen. Und wenn jemand anderes ein möglicherweise zweites, oder drittes Kind, als das erste oder zweite bezeichnet, dann tut das auch weh. Wir verstehen es, wenn es jemand nicht wissen kann. Wenn man es aber weiß, dann sollte man der Existenz des Kindes Respekt zollen, indem man es mitzählt. Damit gebt ihr uns das Gefühl, dass es auch für euch eine Rolle spielt, dass ihr es nicht vergessen habt. Und das tröstet uns.

Ich finde man merkt eines ganz deutlich. Ganz vielen der Sprüche liegt der Wunsch zugrunde, zu trösten. In ihnen steckt die Tatsache, dass man die Trauer des Gegenüber schlecht aushalten kann, das man sich wünscht, es würde ihnen besser gehen. Und die Lösung ist wie man sieht sehr einfach: sagt das. Fasst eure Gefühle und eure Wünsche in Worte. Erkennt an, dass ihr vielleicht hilflos seid. Und dass euch das frustriert. Sprecht über das, was euch bewegt. Seid euch darüber im Klaren, dass ihr es nicht in Ordnung bringen könnt. Denn das Anerkennen der Untöstlichkeit der Eltern (oder auch der Freunde und Verwandten) ist die schwerste, aber auch die wichtigste Aufgabe, vor der ihr steht.

Die Liste ist aus den Anregungen anderer Personen entstanden. Wenn ihr selbst Sprüche gehört habt, die ihr hier gern wieder finden würdet, dann hinterlasst mir einen Kommentar. Ich ergänze den Artikel dann gern um eure eigenen Erfahrungen.

Advertisements

Ein Geschenk

Ich habe uns etwas geschenkt, mein Schmetterling, dir und mir. Ich habe schon vor einiger Zeit eine Künstlerin gefunden, die selbst ihren Sohn verlor. Sie findet ihre Heilung an einem Strand. Nach ihrem Sohn benannte sie ihn Christian’s beach. Und sie macht die wunder-wundervollsten Bilder dort. Oft malt sie Dinge in den Sand und fotografiert sie im Sonnenuntergang, beim Sonnenaufgang, in der Dämmerung, in all diesen magischen Momenten wo das Licht seine Bilder malt und man fühlen kann, wie sich ein Schleier der Ruhe heilend auf das schmerzende Herz legt. Ich habe uns ein Bild von ihr geschenkt, das sie mit deinem Namen versehen hat. Es mag keine große Sache sein, aber ich finde es wunderschön. Und sie hat uns überrascht und uns noch ein zweites Bild für dich geschenkt. Ich werde diese Bilder auf Leinwand drucken lassen und sie unten in mein Zimmer hängen, wenn es fertig ist. Und immer, wenn ich traurig bin, werde ich sie ansehen und werde das Leuchten des Sonnenuntergangs auf meiner Haut spüren.

https://www.facebook.com/CarlyMarieProjectHeal/

 

Kintsugi

Ich habe vor einige Zeit Kintsugi kennengelernt, mein Schmetterling. Kintsugi ist eine wundervolle japanische Kunstform, in der man zerbrochenes repariert und dabei die dadurch entstandenen Makel als besondere Schönheit hervorhebt.

Bild1 Dieses Foto ist lizenziert gemäß CC BY-NC-ND; http://www.art-vibes.com/inspiration/kintsugi/

Ich finde das wundervoll. Und es erinnert mich so sehr an uns. Dein Sterben hat uns zerbrochen, hat etwas in uns zerstört, was unwiederbringlich ist. Aber das heißt nicht, dass wir zerbrochen sein müssen. Es heißt nicht, dass wir für immer so bleiben müssen. Wir werden nie wieder wie vorher, wir werden nie wieder makellos sein. Aber das heißt nicht, dass wir nicht schön sein können. Wenn ich in mich hineinhöre, und ich habe dir schon einmal davon erzählt, mein Schmetterling, dann weiß ich: Ich bin besser durch dich. Ich bin ein besserer Mensch. In vielen Bereichen bin ich ganz anders als vorher, und auch wenn der Preis viel zu hoch ist, bin ich nicht unglücklich mit meinem neuen Ich. Die Makel, die ich davongetragen habe, sind unübersehbar. Aber sie können schön sein, wenn man sie aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet. Ich bin stärker und schwächer, beides zugleich. Verständnisvoller, achtsamer, unendlich geduldiger als vorher. Und das ist schön. Und wie bei einer zerbrochenen und mit Kintsugi reparierten Schale kann man meine Narben sehen, doch sie sind golden und ich trage sie mit Stolz. Kintsugi ist da, damit man die Geschichte eines Gegenstandes sehen kann. Unsere Geschichten machen uns zu dem, was wir sind. Unsere Narben machen uns zu dem, was wir sind. Wir sollten sie nicht verstecken, sondern erhobenen Kopfes tragen, denn wir haben sie überlebt und wir sind immernoch da. Tragt eure Narben mit Stolz. Zeigt eurer Welt die goldenen Scherben. Schaut in den Spiegel und erkennt: ihr seid schön.

Die Liebe ist ein seltsames Gefühl

Es ist ein seltsames Ding mit der Liebe, mein Schmetterling. Woran liegt es, dass man ein Wesen, das man nur so kurz kennt, so sehr in sein Herz schließt? Wenn man sich den Verlauf der Zeit anschaut, dann kann ich sagen: eigentlich habe ich dich kaum gekannt. Dennoch waren wir uns so nah, waren uns so sehr vertraut. Sind uns immernoch so nah, wenn auch nur in Gefühlen und Gedanken. Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich nichtmal 6 Monate wirklich kennenlernen durfte (wenn man die Schwangerschaft nicht hinzu zählt), so sehr liebe? Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich so kurz kannte, so sehr, so unendlich vermisse? Die Liebe ist ein seltsames Gefühl, denn sie kennt keine Zeit. Ich kann jemanden lieben, den ich zum ersten Mal sehe. Die Geburt ist so ein Moment. Ich sehe jemanden, ich sehe dich, zum ersten Mal. Und ab der ersten Sekunde liebe ich dich, liebe dich so sehr. Bewundere jede Einzelheit an dir. Und jede dieser Einzelheiten vermisse ich dann. Für immer. Ich vermisse dich in jedem einzelnen Atemzug. Woran liegt es, dass ich auch nach all der Zeit, die schon vergangen ist, nach all den Tagen, den unendlichen Stunden, Minuten und Sekunden, immer und immer an dich denke? Es gibt nicht einen einzigen Tag an dem du nicht in meinen Gedanken bist. Es vergehen selten mehrere Stunden, bis ich wieder an dich denke. Du bist mir immer präsent. Du bist ein so fester Teil von mir, du gehörst zu mir wie mein Kopf und mein Herz. Du bist nicht wegzudenken, wir sind eins. Ich weiß nicht ob noch immer Zellen von dir in mir leben, ich weiß nicht wie lange sie geblieben sind oder noch bleiben werden. Ich weiß, dass es das gibt, aber wie lange es hält, weiß ich nicht. Ich stelle mir gern vor, dass immernoch ein körperlicher Teil von dir in mir lebt. Aber auch wenn sie inzwischen verschwunden sein sollten, bist du immernoch ein Teil von mir. Woran liegt es, dass die Liebe ein Gefühl ist, dass uns zum Lachen und zum Weinen bringen kann, beides vor Freude sogar? Sie kann uns so glücklich machen, und so traurig, und manchmal beides zur gleichen Zeit. Die Liebe ist seltsam. Nicht ohne Grund beschäftigt sie die Menschheit schon immer. Schon in der Bibel, einem der ältesten Bücher, wird darüber geschrieben. Auch wenn ich die Bibel nicht so sehe, wie sie von der Kirche verstanden wird, sondern eher als ein kluges Regelwerk, wenn man es richtig zu interpretieren vermag und nicht zu wörtlich nimmt, finde ich den Spruch sehr schön.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, aber hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. […]

Ohne die Liebe sind wir nichts. Das ist etwas, das du und dein Dasein mir ganz deutlich vor Augen geführt haben. Wen wir lieben, was wir lieben, das ist ganz egal. Aber wenn wir nicht lieben, irgendetwas, irgendjemanden, dann fehlt etwas, dann sind wir unglücklich.

Die Liebe ist ein seltsames Ding, mein Schmetterling. Obwohl wir nur so wenig gemeinsame Zeit hatten, sie verbindet uns für immer. Das Band, das die Liebe zwischen uns gewoben hat, vermag niemand zu trennen. Kein Mensch, keine Naturgewalt, nicht einmal der Tod.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.