Fragen über Fragen

Deine Schwester wird immer größer, mein Schmetterling. Es ist so seltsam, sie Dinge tun zu sehen, die du nie getan hast. Noch ist sie nicht älter als du, aber sie hat einen anderen Weg der Entwicklung gewählt als du. Sie tut andere Sachen zuerst. Zum Teil Dinge, die  ich bei dir nie gesehen habe. Es ist wunderschön, sie diese Dinge tun zu sehen. Ihre täglichen Fortschritte zu bewundern und sich mit ihr zu freuen, wie sie die Welt immer mehr entdeckt. Gleichzeitig stimmt es mich aber auch traurig, weil es mir immer wieder vor Augen führt, dass ich diese Dinge bei dir nie sehen werde. Ich werde nie hören wie du brabbelst.  Ich werde nie sehen, wie du dich vom Bauch zurück auf den Rücken drehst. Ich erinnere mich noch so gut, wie du dich auf den Bauch gedreht hattest und dort fest gesteckt hast. Nach kurzer Zeit bist du dann ärgerlich geworden, weil du den Weg zurück einfach nicht gefunden hast. Deine Schwester hat bereits entdeckt, dass sie einen großen schweren Kopf hat, der ihr helfen kann. Ich frage mich, ob du ihre Entwicklung mitverfolgst, ob du dabei bist, wenn sie all diese kleinen und großen Meilensteine erreicht. Ich wüsste gerne wer du jetzt wärst. Ich wüsste so gern, wie du jetzt aussehen würdest. Was du mir erzählen würdest. Welche Wünsche du hättest, welche Ideen. Welche Gefühle. Ich wüsste gern was du magst und was du nicht magst. Welche Dinge dir Spaß machen und welche Dinge du blöd findest. Ich wüsste gern, ob du mit deiner Schwester spielen würdest.  Ich hätte so gern gesehen, wie du sie kennenlernst. Wie du dich vielleicht über sie gefreut hättest.  Ich wüsste gerne welche Kleidung du schön findest und welche nicht. Welche Tiere du magst und vor welchen du vielleicht Angst hättest. Wenn ein Kind stirbt bleiben so unendlich viele unbeantwortete Fragen zurück, mein Schmetterling. Nicht nur die Frage nach dem warum, sondern all diese hunderte, tausende Fragen  danach, was für ein Mensch dieses Kind wäre. Deine Schwester lächelt während ich mit dir spreche.  Während ich dir diesen Text erzähle, weil sie in meinem Arm liegt und ich nicht schreiben kann. Ich glaube sie weiß, wie du jetzt bist.  Sie kennt dich in deiner jetzigen Form sicherlich besser als ich. Vielleicht erzählt sie es mir irgendwann. Du sollst wissen, dass ich immer noch jeden Tag an dich denke. Ich bin nicht mehr jeden Tag so traurig, deine kleine Schwester spendet uns sehr viel Freude. Aber du bist immer und immer fest verankert in meinen Gedanken, fest verankert in meinem Herzen. Der Tod trägt dich nur durch eine Tür, die Kraft uns endgültig zu trennen hat er nicht.  Nichts kann das.

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