Verwundet

Eine andere AT/RT-Engelsmutter hat einen Beitrag geschrieben darüber, wie es ihr an Weihnachten geht. Über Dinge, vor denen sie Angst hat. Über Dinge, die andere Menschen an ihrem Verhalten und an ihren Gefühlen nicht verstehen können. Und beim Lesen ist mir etwas klar geworden, mein Schmetterling. Etwas, das bestimmt vorher schon vielen Menschen aufgefallen ist, nur nicht mir. Wir sind wie Soldaten, die seelisch verwundet aus dem Krieg gekommen sind. Wir leiden oft an den gleichen psychischen Problemen. Viele Soldaten und Soldatinnen kommen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurück. Sie sind nicht mehr wie früher. Sie haben Dinge gesehen, Entscheidungen getroffen, die sie nicht ertragen können. Oft für die „gute Sache“, für ein übergeordnetes Ziel. Ebenso ist es bei uns.

Wir haben Dinge gesehen, die man nicht ertragen kann. Wir haben gesehen und aushalten müssen, wie unseren Kindern schreckliche Dinge angetan wurden. Sie waren für eine gute Sache, ganz bestimmt. Nichtsdestotrotz waren sie schrecklich. Wir haben Entscheidungen getroffen, treffen müssen, die niemand treffen müssen sollte. WIR haben unser Einverständnis gegeben, dass unseren Kindern furchtbare Schmerzen zugefügt werden. Wir haben zugestimmt, dass sie aufgeschnitten werden. Verletzt. Vergiftet. Wir haben zugestimmt, dass wir das Risiko auf uns nehmen, dass sie bei diesen Eingriffen sterben könnten. Wir tragen die Verantwortung. Und sie ist schwer, so unendlich schwer. Viele von uns konnten es unseren Kindern nichtmal erklären. Unsere Kinder waren zu klein, um zu verstehen. Wir können uns nicht entschuldigen. Unsere Kinder sind nicht mehr da. Ich bin sicher, dass das, was wir getan und wofür wir uns entschieden haben richtig war. Trotzdem muss ich damit leben, dass ICH ja gesagt habe, ich habe meine Unterschrift dafür geleistet, dass man dir weh tut, furchtbar weh tut. Und dass es am Ende nichts geholfen hat. Anders als ein Soldat oder eine Soldatin, habe ich niemanden töten müssen. Aber ich habe trotzdem furchtbare Dinge getan, habe mein Einverständnis zu grauenhaften Dingen gegeben. Im Namen der guten Sache. Im Namen eines hehren Ziels.

Ich bin aus dem Krieg gekommen. Und so fühle ich mich. Viele von uns haben Flashbacks. Haben Angst vor bestimmten Daten, vor bestimmten Orten, vor bestimmten Geräuschen. Ich ertrage den Geruch von Krankenhäusern sehr schlecht. Ich ertrage den Anblick von Magensonden bei Kindern nicht mehr. Ich ertrage den Anblick von Beatmungshilfen sehr schlecht. Die Engelsmama von der ich sprach hat Angst vor dem Vergehen der Zeit. Niemand kann das nachvollziehen. Sie bekommt einen emotionalen Zusammenbruch, weil das Wasser in ihrer Dusche nicht warm wird. Jemand sagt: Mach dir nichts draus, du kannst morgen duschen. Aber nein, das erträgt sie nicht. Denn sie hat das Gefühl, dass das warme Wasser das einzige ist, was ihr an diesem Tag Freude bereiten kann. Und so weint sie, weil ihr Wasser nicht warm wird. In Wahrheit weint sie auch um ihr Kind, und sie weint um sich. Sie weint um die Zukunft, die sie nicht haben wird. Sie weint um die Vergangenheit, die sie nicht ändern kann. Sie weint den Schmerz heraus, der in ihr wohnt. Aber das kann niemand sehen. Man sieht nur, dass sie weint, weil das Wasser kalt ist, und das findet ihre Umwelt unverständlich.

Wir sind  verwundet. Wir mussten in einen Krieg ziehen, den wir nie wollten, den wir nicht begonnen haben und den wir nicht beenden konnten. Wir haben uns nicht dafür entschieden, und wir konnten nicht aussteigen. Wir haben unsere Verletzungen davon getragen und viele von uns sind nicht mehr wie früher. Aber das ist okay. Und wenn wir weinen müssen, weil das Wasser kalt ist, weil eine Tasse zerbrochen ist, weil der Wind weht oder weil unser Joghurt schlecht geworden ist, dann ist das okay. Denn wir weinen in Wahrheit um so viel mehr. Und wenn wir bestimmte Orte, oder Daten, oder Dinge nicht mehr ertragen können, dann ist das okay. Niemand zwingt einen Soldaten, der verwundet nach Hause kam, in ein zerbombtes Kriegsgebiet zurück.

Ich liebe dich, mein Schmetterling. Ich werde dich immer lieben. Und wenn ich weine, vielleicht ohne Grund, dann weißt du ich weine um dich. Und wenn ich traurig bin, vielleicht weil der Regen nass ist, dann weißt du: ich trauere um dich. Und wenn ich lache, weil ich einen Schmetterling sehe, dann weißt du: ich lache für dich.

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Die Macht der Sonne

Ich  habe mir in den letzten Tagen und Wochen viele Gedanken um die Macht der Sonne gemacht, mein Schmetterling. Der Winter ist die dunkle Jahreszeit, vielen Menschen geht es nicht gut, man ist traurig und alles geht ein wenig langsamer als sonst. Selbst wenn man keinen Verlust erlitten hat, ist der Winter oft eine Jahreszeit, in der man mehr nachdenkt, stärker in sich gekehrt ist. Fehlt jemand so schmerzhaft wie du, ist der Winter umso schwieriger. Ich frage mich, woran das liegt, dass wir so sehr abhängig sind vom Licht der Sonne. Ihr Strahlen zaubert uns oft ein Lächeln in das Gesicht. Sind wir traurig, so fühlt es sich im Sommer oft falsch an, wenn alles um einen herum blüht und strahlt. Manchmal habe ich in der Sonne eine Freude empfunden, die aus mir herausgesprudelt ist, und der Schmerz war ein bittersüßer Nachgeschmack, nur im Hintergrund. Ganz zart. Nie vergessen, aber klein und überlagert, überstrahlt von der Helligkeit der Sonne. Auch im Winter gibt es helle Tage, die meisten Menschen lieben diese hellen, klaren Wintertage. Der Himmel ist blau, wenige weiße Schäfchenwolken treiben auf ihm dahin. Auch diese Tage sind leicht, denn die Sonne schickt ihre hellen, heilenden Strahlen – wenn auch nicht so warm wie im Sommer. Aber viele Tage des Winters sind grau. Es wird nicht richtig hell, der Himmel ist verhangen und auch über unseren Köpfen hängen graue Wolken. Es ist keine Sonne da, um sie zu vertreiben. An diesen Tagen fällt es manchmal schwer zu lächeln. An diesen Tagen ist der Schmerz stark, und rau, und brennend. Er ist größer, er nimmt mehr Platz ein. Ich brauche einen Ersatz für die Sonne, eine eigene Sonne, die mich im Winter wärmt und die die grauen Wolken vertreiben kann. Ich brauche eine Sonne in meinem Kopf. Besser noch, mehr als eine. Ich möchte ein Sternenbild aus Sonnen, das in mir strahlt, das aus mir heraus strahlt. Eine dieser Sonnen ist deine kleine Schwester, mein Schmetterling. Wenn sie sich in meine Arme wirft und ihren kleinen Kopf an meine Brust legt, dann scheint sie glühend hell. Ihre kleine Stimme sagt Mama zu mir, und ich bin so glücklich, so unendlich glücklich dass es mir geschenkt ist dieses Wort aus ihrem Mund hören zu dürfen. Auf eine seltsame Art und Weise bist auch du eine meiner Sonnen, auch wenn dein Verlust es im Winter so schwer macht. Aber so hell wie deine Sonne strahlt, so dunkel sind auch die Wolken, die durch die Trauer um dich entstehen. Hell und dunkel, mein geliebter kleiner Schmetterling, mein Mika. Schwarz und weiß.

Wenn ich es genau überlege, wenn ich tief in mich reinhorche, dann fühle ich: ich brauche mehr als nur Sonnen. Ich brauche etwas, das nicht so hell ist, aber das kontinuierlich und immer brennt. Ich brauche ein ewiges Feuer für den Winter. Eines, das nicht durch Tag und Nacht beeinflusst wird. Eines, das nicht von außen kommt. Eines, das in mir selbst ist. Ich brauche ein Feuer in mir aus Zufriedenheit, aus Güte, aus Liebe. Ein Feuer, das nie ausgeht. Ein Feuer, das auch wenn es dunkel ist, wenn alle meine Sonnen einmal nicht scheinen können, für mich brennt. Nicht hell und lodernd, vielleicht nur wie eine Glut. Sodass ich sehen kann, sodass ich nicht erfrieren muss. Ein solches Feuer kann von dunklen Wolken nicht verdeckt werden, es muss sie nicht verjagen. Es kämpft nicht, es ist einfach da, und wärmt mich mit seiner Glut.

Wir sind abhängig von der Sonne, aber vielleicht nicht ganz. Vielleicht kann uns allen ein solches Feuer helfen, wenn die Tage dunkel sind. Wenn unsere Sonnen mal nicht scheinen. Eines, das uns durch die Nacht hilft, bis am Morgen die Sonne wieder scheint.

Weihnachten mit ohne Mika

Dieses Jahr ist das erste Weihnachten seitdem du fort bist an dem wir es uns wieder weihnachtlich machen, mein Schmetterling. Gestern haben wir das Haus dekoriert, dein Papa hat Lichterketten angebracht und wir haben einen Adventskranz aufgestellt. Und diesmal fühlt es sich richtig an. Denn deine Schwester ist hier. Durch sie darf Weihnachten wieder ein richtiges Weihnachten werden, mit festlich geschmücktem Baum, mit Geschenke auspacken, mit Weihnachtsplätzchen und mit allem, was dazu gehört. Aber trotzdem wird uns so auch wieder sehr schmerzlich bewusst, dass du nicht hier sein darfst, dass du das alles nicht mit uns zusammen erleben darfst. Heute waren wir zum ersten Mal mit deiner Schwester im Schwimmbad, und auch dort hast du sehr gefehlt. Wir hatten nie die Gelegenheit, mit dir schwimmen zu gehen. Wie schön wäre es gewesen, heute zu viert zu planschen, viel zu viele Pommes zu essen und durchs Wasser zu toben. Morgen hat deine Schwester Geburtstag und ich habe ihr einen kunterbunten Kuchen gebacken. Dir habe ich auch einen zum ersten Geburtstag gebacken, aber da warst du schon nicht mehr da, mein Schmetterling. Ich habe ihn mit deinem Papa und meinen Arbeitskollegen gegessen, für dich. In all diesen Momenten fällt die Lücke, die deine Form hat, so sehr auf. Das Schweigen, wo deine Stimme sein müsste, ist so schrecklich laut. Aber wir müssen geduldig miteinander sein, einen Schritt nach dem anderen gehen. Dieses Jahr zum ersten Mal wieder richtig Weihnachten, so richtig es eben ohne dich sein kann. Ein bisschen Weihnachtsstimmung kommt sogar auf, auch wenn sie oft unterbrochen wird vom Innehalten und dem Stechen im Herz. Und wer weiß, vielleicht wird es sogar schön. Vielleicht wird es schön, weil es nicht okay ist, dass du nicht hier bist, aber weil du im Herzen so fest mit dabei bist als wärst du mit unter dem Baum, als leuchten deine Augen mit denen deiner Schwester um die Wette, als würdet ihr beide gemeinsam Geschenkpapier zerreißen. Vielleicht wird es schön, weil du immer dabei bist. Vielleicht.