Erbe

Was ist das Erbe eines Kindes? Was hinterlässt so ein kleiner Mensch an Dingen, wenn das Leben so schrecklich kurz war? Du hattest keine Zeit, um weltlichen Besitz anzusammeln, kleiner Schmetterling. Du hattest keine Zeit, um viele Menschen kennenzulernen, Freundschaften zu schließen und zu ‚leben‘. Materiell hinterlässt du nichts als deine Kleider und ein paar Spielzeuge, ein Bett, einen Autositz und einige Kleinigkeiten. Zwei, drei Kartons voll. Aber dein Erbe ist größer, so viel größer als das. Du hast mir viel hinterlassen. Du hast mir Geduld geschenkt. Die Geduld um zu sagen: das ist jetzt gerade so. Warten wir ab, es wird anders werden. Du hast mir Mitgefühl geschenkt, noch viel mehr als zuvor. Du hast meine Fähigkeit verstärkt für und mit anderen zu lachen und zu weinen und an ihren Leben teilzuhaben, mit meinem ganzen Herzen. Du hast mir Offenheit geschenkt und Mut, die Möglichkeit der Welt zu sagen: das bin ich, mit all meinen Fehlern und Macken. Du hast mir Verständnis geschenkt dafür, dass Menschen manchmal so sind wie sie sind und dass jeder seine Geschichte im Gepäck hat und sich deshalb so verhält, wie er sich verhält. All diese Dinge habe ich im Kleinen schon vorher besessen, aber sie haben sich zigfach verstärkt durch dich. Du hast mir noch mehr als zuvor Bewusstsein für den Moment geschenkt und für den Wert, den die schöne Zeit mit unseren liebsten hat. Man muss den Augenblick genießen, wenn er da ist. Und du hast diese Dinge nicht nur uns, sondern durch deinen Kampf auch Anderen hinterlassen. Und du hast uns Menschen geschenkt, die durch dich und deine Geschichte für uns da sind. Ich schrieb über die Gemeinschaft, und mit ihr kommt etwas ganz wichtiges. Du hast mir den Wunsch geschenkt, etwas davon zurückzugeben. Du hast mir den Willen geschenkt, für andere Menschen da zu sein, wenn sie traurig sind, egal ob ich durch Familien- oder Freundschaftsbande mit ihnen verknüpft bin, oder nicht. Ich weiß, wie es ist, wenn ‚Fremde‘ da sind und einen stützen und ich weiß wie wichtig es ist wenn jemand sagt: Ich nehme Anteil. Ich bin mit dir traurig. Ich bin für dich da, egal woher wir uns kennen. Wenn jemand einfach eine liebe Nachricht hinterlässt, weil er berührt ist. Ich wünsche mir, dass dieses Erbe wie ein Schneeball ist, der eine Lawine auslöst, oder wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der zu einem Tornado anwachsen kann. Ich wünsche mir, dass aus deiner Geschichte Gutes entsteht. Es hat schon begonnen. Und ich wünsche mir, dass es größer wird, wächst und gedeiht, bis das Licht, das dadurch entsteht, heller ist als die Sonne. Du hast ein riesiges Erbe hinterlassen, mein Schmetterling. Nicht materiell. Aber in meinem Herzen. Im Herzen deines Schmetterlingspapas. Im Herzen deiner Familie, deiner Freunde und im Herzen all derer, die dich auf deinem Weg ein Stück begleitet haben oder uns noch auf unserem Weg begleiten. Auch ein kleiner Mensch kann sehr große Fußstapfen hinterlassen. Ich danke dir dafür.

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Schmetterlinge

Ich kann mich gar nicht richtig erinner, wie wir darauf kamen, aber irgendwann wurdest du unser Schmetterling, kleiner Mika. Wir bekamen bunte gehäkelte Schmetterlinge ins Krankenhaus geschickt und auch auf den Bildern für dich waren Schmetterlinge. So wurdest irgendwann du der Schmetterling. Man sagt, dass Schmetterlinge die Seelen von Verstorbenen ins Jenseits geleiten und man sagt auch, dass Schmetterlinge ein Gruß unserer Lieben von der anderen Seite sind. Wir gaben dir zwei gehäkelte Schmetterlinge mit auf deine letzte Reise. Einer liegt vor deinem Bild. So sind wir durch die Schmetterlinge verbunden und wir haben noch genug, um deinen kleinen Geschwistern, so sie denn kommen, auch jeweils einen zu schenken. So werden auch sie mit dir verbunden sein. Noch viel wichtiger ist aber die Bedeutung von Schmetterlingen und ihrer Metamorphose vor dem Hintergrund deiner schwerer Krankheit. Denn, und das erfuhren wir erst eine Weile nachdem du gegangen warst und du unser Schmetterling wurdest, Schmetterlinge sind ein Symbol für die von der Materie befreiten Seele. Und welch besseren Vergleich gibt es? Du, dessen kleiner, wunderschöner und zerbrechlicher Körper defekt war und der sich verpuppt und aus seinem Kokon geschlüpft ist, um frei und leicht fliegen zu können? Wir haben einige Male Schmetterlingsbesuch gehabt, seitdem du so hoch und weit geflogen bist. Dein Onkel war auf Montage in Polen als du starbst. Und er musste danach auch wieder hin, wenn ich mich recht entsinne. Und obwohl es vorher nie so gewesen war: nach deinem Tod war ein Pfauenauge in der Halle und hat auf ihn gewartet. Er ließ den Schmetterling hinaus und erzählte uns davon und wir waren sicher, das war ein Gruß von dir. Wir bekamen auch von anderen Menschen viele Bilder von Schmetterlingen geschickt, manchmal auch umgetauft im Titel: SchMIKAling. Erst vor Kurzem, es war schon November und alle Schmetterlinge waren längst fort, hatten wir einen Schmetterling bei uns im Keller. Er ist dort hineingeflogen und hat gewartet. Der Schmetterlingspapa hat ihn gefunden und ihn wieder freigelassen. Vielleicht hast du ihn geschickt, zu uns in die Kälte. Zuletzt haben wir erst vor ein paar Tagen Schmetterlinge gesehen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt mitten in der Wüste, auf dem Weg von Abu Dhabi nach Al Ain. Dort ist lange Zeit gar nichts. Wüste, so weit das Auge reicht. Sand und Dünen. Und dort, mitten im Nichts, besuchten uns zwei Schmetterlinge. Wie sie dort hingekommen sind? Ich weiß es nicht. Aber sie waren da, schwirrten um uns herum, um unser Auto, und flogen dann weiter. Jeder Schmetterling, den ich sehe, erinnert mich an dich und trägt deinen Namen für uns in die Welt. Und ich werde für immer an dich denken, wenn ich Schmetterlinge sehe. „Hallo Mika.“ sage ich dann. Manchmal kullert eine Träne. Aber ich weiß in dem Moment, dass du mir einen kleinen Gruß geschickt hast, von der anderen Seite.

Trost

Seitdem du weg bist habe ich dich manchmal gehört, kleiner Schmetterling. Es ist seltsam, denn eingebildet habe ich mir diese Dinge nicht. Zwei Mal habe ich in unserer Wohnung deine kleine Stimme gehört. Ein Mal habe ich dich weinen gehört. Das war kurz nach deinem Tod. Erst dachte ich, dass es der kleine Junge von unten gewesen sei, aber es klang nicht nach ihm und wie ich dann erfuhr, war er auch gar nicht da. Aber ich war mir 100% sicher und ich bin kein Mensch, der sich üblicherweise etwas einbildet. Beim zweiten Mal habe ich dich Brummen gehört, wie du es immer getan hast, wenn du zufrieden warst und dich mitteilen wolltest. Hmmm – hmmm hast du dann immer gemacht. Ich war im Schlafzimmer und ich habe dich aus dem Wohnzimmer gehört. Einbildung? Ich weiß es nicht. Ich glaube es auch nicht. Du hast dich hier in der Wohnung einige Male gezeigt. Einmal, als ich morgens aus der Dusche kam, habe ich mit dir gesprochen. Ich war schrecklich traurig an diesem morgen und habe schon direkt nach dem Aufstehen in der Dusche geweint. Ich habe dir erzählt, wie sehr ich dich vermisse und wie sehr ich dich lieb habe. Und dann habe ich dein Gesicht im Wasserdampf gesehen. Zufall? Ich weiß es nicht. An einem anderen Tag hat es an der Badezimmertür geklopft. Ich dachte dein Schmetterlingspapa stünde vor der Tür und ich hätte vergessen, wieder aufzuschließen. Die Dusche ist direkt neben der Tür und es hat laut und deutlich zwei Mal geklopft. Ich bin platschnass aus der Wanne gestiegen (unsere Dusche ist in der Badewanne) und habe die Tür geöffnet. Nur: sie war nicht abgeschlossen. Und niemand stand davor. Dein Schmetterlingspapa war noch im Bett. Einbildung? Zufall? Solche Dinge sind mir nie zuvor passiert. Natürlich könnte das alles Einbildung sein, geboren aus der Trauer. Aber vor dem Hintergrund der anderen Dinge, die mir seit deinem Tod geschehen sind, glaube ich das nicht. Ich glaube du zeigst dich in diesen kleinen Dingen. Deine Omi war in der Türkei im Urlaub, gemeinsam mit deinem Opi. Sie hat mit dir gesprochen, in einer sternenklaren Nacht. Schaute in den Himmel und sagte: „Na Mika?“ Und genau in dieser Sekunde fiel eine Sternschnuppe herab. Sie hat es mir ganz aufgeregt geschrieben. Zufall? Nein. Glaube ich nicht. Ich bin sicher du bist da und zeigst dich, wenn du kannst. Du hast uns noch viel mehr Zeichen geschickt, und auch andere Menschen haben mir von solchen Begebenheiten erzählt. Ich werde sie nach und nach erzählen. Du bist noch da und du wartest auf uns. Und manchmal, wenn wir ganz traurig sind, dann versuchst du uns zu trösten, mein wunderbarer, lieber kleiner Schmetterling.

Wer ich bin

Seit Mikas Tod wurde mir ein paar Mal gesagt, dass man gern wüsste, wer ich bin. Was für ein Mensch. Ich habe darüber nachgedacht. Ich habe mir meine Gedanken gemacht. Wer bin ich? Für andere? Und für mich selbst? Ich bin Studentin. Doktorandin. Ich bin Psychologin und Forscherin. Ich bin eine Schwester, eine Tochter, eine Schwiegertochter. Eine Enkelin. Bin eine Freundin. Eine Feindin. Ich bin eine Ehefrau. Ich bin eine Mutter. Ich bin introvertiert und extrovertiert zugleich. Chaotisch und desorientiert. Aber gewissenhaft. Loyal. Ich bin stark und ich bin schwach, alles zu seiner Zeit. Ich rede zu laut. Ich bin empfindlich. Ängstlich manchmal. Grüblerisch. Ich bin die Frau, die ihr Kind verloren hat. Ich bin die, die manchmal in Gesprächen auf einmal still wird. Ich bin die, die manchmal in Tränen ausbricht, ohne dass man einen Grund sehen kann. Die, die manchmal Feiern nicht erträgt. Die manchmal weggehen muss. Die, die offen ist und ihr Herz auf der Zunge trägt. Wenn ein Herz zerbrochen ist, kann man es nicht mehr verletzen. Deshalb werfe ich es in die Welt hinaus. Die, die oft lacht auch wenn ihr Herz weint. Die, die sich manchmal nicht freuen kann, wenn sie ein Baby sieht, und sich dann schrecklich fühlt. Die manchmal Dinge einfach nicht schafft und sagen muss: „Ich kann das heute nicht.“ Ich bin die, die vieles vergibt, aber manches nie. Die, die nur noch wasserfeste Schminke trägt. Aber auch die, die ihre Maske abgesetzt hat und der Welt ihr Gesicht zeigt. Die, die von ihrem Kind erzählt, egal ob es jemand hören will. Ich bin die, die sich nicht mehr auf ihren Geburtstag freut. Die, die manche Tage einfach nicht erträgt, für die manche Daten zu viel Gewicht haben. Die einen Baum besuchen geht statt zu feiern. Ich bin die, die keine Angst mehr vor dem Tod hat, weil sie ihn kennt. Die, für die der Tod das Ziel am Ende eines langen Weges ist. Ich bin die, die jeden Tag kämpfen muss. Für die jedes fröhliche Ereignis immer ein bisschen weh tut. Die, die nie vergessen wird, und auch nicht will. Der kleine Dinge manchmal viel zu viel bedeuten. Aber ich bin auch die, die Ja sagt zum Leben. Die, der manche Dinge jetzt einfach egal sind. Ich bin die, die innerhalb sehr kurzer Zeit mehr Liebe erfahren hat, als andere in ihrem ganzen Leben. Die, die das Bedürfnis hat, diese Liebe tausendfach an die Welt weiterzugeben. Ich lache. Ich weine. Ich liebe von ganzem Herzen. Ich vermisse. Ich sehne mich. Ich kämpfe. Ich singe und ich schweige. Ich bin die, die die Schmetterlinge liebt, weil sie einen besonderen Schmetterling hat. Ich kenne euch andere Mütter da draußen, die so sind wie ich. Ich sehe den Schmerz hinter eurem Lächeln. Ich sehe euren Kampf und eure Masken. Ich bin ihr und ihr seid ich. Ich bin Schmetterlingsmama. Mutter von Schmetterlingsmika. Und ich will nichts anderes sein auf der Welt als das.

Schmetterlingsbeisetzung

Der Tag deiner Beerdigung war zu Beginn bedeckt, aber trotzdem war er schön. Wir trafen uns einige Zeit vor Beginn mit dem Bestatter, um deinen Baum zu schmücken. Deine Omi hat Sonnenblumen gekauft für dich und wir bedeckten die Wiese um deinen Baum herum mit Sonnenblumenköpfen. In den Baum hängten wir Windspiele, bunte für Kinder mit flatternden Bändern, ein klingendes aus Glas und ein glitzerndes, aus Metall mit einem glitzernden Juwel in der Mitte. Das Podest, auf dem deine Urne stehen sollte, bedeckten wir mit deinem Tragetuch. Darauf kam noch der Kranz. Wir hatten auch Rosenblätter gekauft, denn niemand sollte Erde zu dir ins Grab werfen müssen. Rosenblätter sind wunderschön und fallen sanft. Bunte Farben wählten wir aus, gelb und rosa.

Mikas Grabplatz

Als wir ankamen hing schon das Schild an deinem Baum. Die Zeit, die darauf steht, ist viel zu kurz. Du hättest mehr verdient gehabt. Ein ganzes Leben. Aber der Krebs hat dich geholt und dir dieses Leben gestohlen. IMG_3900

Die Zeremonie begann schon am Parkplatz. Wir begrüßten alle Gäste, niemand war in Trauerkleidung gekommen. Nicht einmal der Bestatter. Wir waren eine bunte Gruppe Menschen. Ich trug dir Urne mit dir darin, und dein Schmetterlingspapa stütze mich dabei, Arm in Arm gingen wir den sonnigen Weg durch den Wald bis zu deinem Baum. Er wurde von der Sonne angestrahlt, hell und freundlich sah es aus. Wir begannen deine Feier mit einem Lied von den Söhnen Mannheims. „Wenn du schläfst“ heißt es. Es gibt wieder, was wir so sehr empfinden, immernoch. Wir wollen in deiner Nähe sein. Dich beschützen. Das war unsere Aufgabe und es ist so schwer, dass wir nun nutzlos geworden sind in dieser Hinsicht. Der Pfarrer sprach wunderbare Worte über dich, erzählte von dir, davon, dass es zu früh war – so viel zu früh. Er sprach über deinen Baum und dass er jetzt an deiner Stelle wachsen muss. Dann fing es langsam an leicht zu regnen. Wir sangen „Hallelujah“ von Leonard Cohen für dich. Ich sang laut und verzweifelt, in der Hoffnung, dass du mich hörst. Der Regen wurde immer stärker. Wie man es sonst nur aus Filmen kennt. Wir ließen deine Urne herab, dein Schmetterlingspapa und ich, und alle machten Seifenblasen für dich. Dann warf jeder Rosenblätter zu dir herab, als letzten Gruß. Dann machten wir alle einen großen Kreis, fassten uns an den Händen und beteten für dich. Und wir spielten ein letztes Lied für dich. „We’ll meet again“ von Johnny Cash. Ich bin sicher, wir sehen uns wieder, mein Schmetterling. Es regnete so stark am Ende, alle standen unter ihren Schirmen. Dein Onkel und ich grinsten uns an. Wir wussten, dass du den Regen geschickt hattest. Es war einfach ein zu seltsamer Zufall. Am Schluss gab ich die Milch zu dir ins Grab. Und als wir dann gingen, deine Familie, deine und unsere Freunde und wir, kam die Sonne wieder heraus. Der Himmel war mit uns traurig gewesen und jetzt zeigte er sich von seiner schönsten Seite. Auf dem Parkplatz ließen deine Großeltern Luftballons steigen, mit Nachrichten für dich. Einen für jeden Lebensmonat. Ich hoffe, sie sind bei dir angekommen. Nach der Beerdigung gab es eine Grillparty. Und am Schluss zündeten wir den Kamin an. Dein Schmetterlingspapa und ich konnten mit Hilfe des Bestatters unsere Abschiedsbriefe an dich und ein Foto von uns in die Urne schmuggeln. Die anderen Briefe an dich, von all deinen Lieben, kamen ins Feuer. Wir schickten sie dir so hinterher. Deine Uromi hat dir sogar ein Foto geschickt. Ich hoffe du hast unsere Nachrichten bekommen, mein Schmetterling. Ich wünsche es mir so sehr.

We’ll meet again,
don’t know where- don’t know when.
But I know we’ll meet again some sunny day.
Keep smiling through just like you always do.
Til‘ the blue skies drive the grey clouds far away.

And will you please say hello to the folks that I know,
tell them that I won’t be long.
And they’ll be happy to know, that as you watched me go,
I was singing this song.

We’ll meet again.
Don’t know where- Don’t know when.
But I know we’ll meet again some sunny day.

(Johnny Cash)

Mika – Challenge: Teil 17

MIKA – Challenge: Tag 86

Heute bin ich dankbar, dass ich es geschafft habe, kleine Mika Rituale in meinen Tag zu integrieren. Sei’s der Blog oder die Challenge, was beides irgendwann vorbei sein wird, oder sei es das Anzünden seiner Kerze. Das mit ihm sprechen, was wir am Anfang komisch vorkam, aber mittlerweile ganz normal ist. Oder jeden Morgen seinen Erinnerungsschmuck umzulegen. Durch diese kleinen Tätigkeiten oder Gesten, ist er immer wieder ganz nah bei mir. Ich komme mir dabei auch nicht seltsam vor. Ich trinke auf ihn, wenn wir anstoßen. Ich spreche über ihn und mit ihm. In ganz vielen kleinen Gelegenheiten zeige ich ihm so (und auch anderen Menschen) dass er ein fester Teil meines Lebens ist und auch immer sein wird.

MIKA – Challenge: Tag 87

Heute habe ich jemanden wieder gesehen, den ich vorher lange Zeit nicht getroffen habe. Jemand, zudem lange Zeit gar kein Kontakt bestand. Wir haben uns irgendwann „getrennt“, uns in unterschiedliche Richtungen orientiert und uns lange Zeit nicht gesehen. Trotz alledem, war auch noch so langer Zeit wieder viel Nähe zu spüren. Verständnis für den anderen, Lachen und Trauer hatte auch ihren Platz. Ich bin für dieses Treffen sehr dankbar. Es zeigt mir, dass auch Wege die sich trennen, irgendwann wieder zusammen geführt werden, wenn man es denn wirklich will. Und genau so glaube ich, dass mein Weg ganz am Ende auch wieder mit dem von Mika zusammen geführt wird.

MIKA – Challenge: Tag 88

Heute habe ich zwei doofe Aufgaben, die ich schon lange vor mir her schiebe, erledigt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich gehöre zu den Leuten, die häufig prokrastinieren und deshalb oft nicht so viel schaffen, wie sie könnten. Besonders wenn sehr unliebsame Dinge anstehen, kann sich das schon einmal eine ganze Weile hinziehen und alle anderen Sachen sind plötzlich wichtiger. Deshalb bin ich dankbar, dass ich mich trotz eines momentan Stimmungstiefs an die Dinge gesetzt habe und sie geschafft habe. Hätte man mich heute Morgen gefragt, hätte ich nicht erwartet, dass diese Dinge heute Abend erledigt sind.

MIKA- Challenge: Tag 89

Heute bin ich dankbar, dass ich wider Erwarten vor dem morgigen Flug gar nicht nervös bin. Eigentlich habe ich Flugangst. Flüge sind für mich bisher immer der Horror gewesen, obwohl ich gar nicht oft geflogen bin. Aber jetzt bin ich ganz ruhig. Weil ein Gedanke immer ganz präsent ist. Wenn jetzt irgendwas passieren sollte, dann gehe ich halt einfach zu Mika. Ist ja nicht schlimm. Ich bin dankbar, dass mir dieser Gedanke Gelassenheit schenken kann. Heute war auch auf dem Bahnhof ganz viel los, sehr viel Sicherheitspersonal im Zug, eigentlich Grund genug, um Angst zu haben. Ich hatte aber keine. Wenn was ist, gehe ich nur zu Mika. Warum sollte ich davor Angst haben?

MIKA – Challenge: Tag 90

Heute bin ich dankbar, dass wir heil in Abu Dhabi angekommen sind und dass wir bei schrecklichem hin und her wegen Schmetterlingspapas Reisepass (er hatte ihn auf dem Flughafen vergessen bzw. er ist ihm in einem Laden nicht zurück gegeben worden) ganz viel Hilfe hatten. In solchen Situationen kann man erleben, wie hilfsbereit Leute sind, auch gegenüber ihnen völlig fremden Personen. Sie kennen uns nicht, wir haben nicht ihren Glauben, nicht ihre Nationalität, wir sprechen nichtmal ihre Sprache – und trotzdem haben sich einige Leute fast ein Bein augerissen, um uns in unserer Misere zu helfen. Das ist ein Grund, sehr dankbar zu sein, finde ich.

Beerdigungsvorbereitungen

Wie gestaltet man eine Beerdigung für ein Kind? Was ist Richtig, für das, was so falsch ist? Man hat tausend Ideen für die Geburtstage der eigenen Kinder, für Feste, mit denen man ihnen eine Freude machen kann. Aber man will und sollte nicht darüber nachdenken müssen, wie man die Beerdigung des eigenen Kindes gestalten soll. Für uns stand eine Frage bei allen Entscheidungen im Mittelpunkt. Hätte es dir gefallen? Angefangen bei der Auswahl der Kleidung. Hätte dir schwarze Kleidung gefallen? Ich glaube nicht. Du warst ein so fröhlicher Junge. So lebensfroh. Schwarze Kleidung passte einfach nicht zu dir. Deshalb baten wir alle Gäste, etwas anzuziehen, was dir gefallen hätte und auf Trauerkleidung zu verzichten. An deinem Papa hat dir zum Beispiel ein blauer Kapuzenpulli mit weißen Kordeln gut gefallen. Du hast sie gern angefasst und mit ihnen gespielt. Ich habe ganz bunte Kleidung getragen, die weich war und Struktur hatte. Du hast beim Stillen so gern über die Dinge gestreichelt, die ich anhatte. Ich erinnere mich so gut an die Berührung deiner kleinen Hände. Sie fehlen in meinem Gesicht und an meiner Kleidung. Sie fehlen in meinem Herz. Es ist einsam ohne dich.

Was hätte dir noch gefallen? Du mochtest Milch. Und ich hatte so viel, viel zu viel abgepumpt und aufgehoben für später. Für ein später, was nie mehr kommt. Deshalb habe ich Milch eingepackt, um sie dir mitzugeben.

Was für ein Kranz ist richtig für ein Kind? Welche Blumen? Nichts massives. Nichts schweres. Leicht und bunt muss es sein. Sonnenblumen. Gelb und fröhlich. Kleine weiße Blumen, fein wie du und ebenso unschuldig. Du mochtest Blumen und Pflanzen, du hast sie gern angefasst. Mochtest ihre Struktur in deiner Hand, das Streicheln ihrer Blätter auf deiner zarten Haut.

Seifenblasen haben dir gefallen. Im Krankenhaus hast du sie kennengelernt und du hast sie sehr gemocht. Hast ihnen zugeschaut, wie sie schillenrnd durch die Luft flogen. Vergängliche, zerbrechliche Dinger sind sie. Wenn sie zerplatzten hast du erstaunt eingeatmet. Also solltest du Seifenblasen haben.

Du mochtest Musik. Du liebtest Gesang. Also war klar, dass es Musik geben musste. Ich wollte für dich singen, mein Schmetterling, aber wir wussten nicht ob ich es allein schaffe und so war klar, wir singen alle gemeinsam für dich. Und wir wollten Musik spielen, nur für dich allein.

Du mochtest dein Tragetuch. Du mochtest bunte Dinge. Du mochtest den Wind, du hast ihn nicht verstanden aber du mochtest ihn.

So setzte sich das Bild nach und nach zusammen. Und wir bereiteten alles vor. Wir kauften ein. Wir organisierten Dinge. Wir planten. Wir weinten viel. Und jeder Tag stand unter dem selben Motto: deinen Abschied so schön wie möglich zu machen. So, wie er dir gefallen hätte. Wenigstens das konnten wir noch für dich tun.