Himmelskindergarten

Als ich vorhin auf einer Sternenkinderseite gelesen habe, hat es mich wie der Blitz getroffen. Willkommen im Himmelskindergarten stand dort. Ich habe vorher nie daran gedacht, aber du wärst wahrscheinlich spätestens jetzt auch in den Kindergarten gekommen. Du hättest einen tollen kleinen Rucksack gehabt, oder einen Koffer, oder vielleicht die schöne Fruchtalarm-Tasche, die du im Krankenhaus bekommen hast, und wärst zusammen mit uns losgezogen. Wir wären furchtbar aufgeregt gewesen, hätten uns Sorgen gemacht ob alles klappt, ob du schnell Freunde findest, ob es dir gefallen wird. Es hätte sicher die eine oder andere Träne gegeben. Bestimmt hättest du eine kleine Schultüte bekommen, also quasi eine Kindergartentüte, mit deinen Lieblingssüßigkeiten und einem Paket schöner Stifte, etwas Knete, Seifenplasen, ein Spielzeugauto oder eine Puppe, alles was das Kinderherz höher schlagen lässt. Ich kann mir dich bildlich vorstellen wie du mit einer Käppi auf dem Kopf und mit deiner Tasche bewaffnet losgezogen wärst. Vielleicht wärst du mir sogar einfach weggelaufen und hättest gar nicht mehr geschaut, wer weiß. Vielleicht wärst du gern in den Kindergarten gegangen und hättest es kaum erwarten können, die anderen Kinder zu treffen. Mit ihnen draußen zu spielen, im Sand, unter den Bäumen, zu malen und zu basteln, Geschichten zu lesen… Wir werden es nie erfahren. Und obwohl ich vorher nie daran gedacht habe, trifft es mich jetzt mit doppelter und dreifacher Härte. Du wärst ein Kindergartenkind gewesen. Du hättest es verdient gehabt, all diese Erfahrungen zu machen. Was würde ich nur geben, diese Sorgen haben zu dürfen, mir diese Gedanken machen zu dürfen, und die kleinen, heimlichen Abschiedstränen zu weinen, wenn ich im Auto sitze und nach Hause fahren möchte. Was würde ich nur darum geben, traurig zu sein, weil ich dich Stück für Stück in ein unabhängigeres Leben loslassen muss, loslassen darf. Loslassen musste ich dich, aber ganz anders. So, wie keine Mutter ihr Kind loslassen sollte. Deshalb gilt heute auch für dich: Willkommen im Himmelskindergarten, mein Schmetterling. Herzlich willkommen. Ich hoffe, du hast eine gute Zeit mit all den anderen Himmelskindern. Ich hab dich lieb. Ich wünschte, ich könnte dir eine Kindergartentüte schicken, mit allem was du magst. Aber du bist zu weit fort und ich weiß nicht einmal, was du magst. Deshalb schicke ich dir tausend Küsse und meine ganze, unendliche Liebe.

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Eine Chance

Du hast mir eine Chance geschenkt, mein Schmetterling. Eine wundervolle Chance. Eigentlich wollte ich noch nichts darüber sagen, weil ich auch gar nicht weiß, ob am Ende alles klappen wird, aber es beschäftigt mich so viel, dass ich es nun doch loswerden muss. Ich wollte immer gern Bücher schreiben, schon seit ich jung war. Ich habe viele unfertige Geschichten, in alten Heften, vergraben auf meiner Festplatte, so viele Ideen und Erzählungen, die irgendwo liegen und darauf warten, noch einmal in die Hand genommen zu werden. Ich hatte diesen Traum irgendwann zu den Akten gelegt. Habe mich mit anderen Dingen beschäftigt. Und dann kamst du. Und ich hatte sowieso nur noch Zeit und Augen für dich, habe keine Gedanken mehr daran verschwendet. Und dann bist du gegangen, und dieser Drang Dinge zu erzählen ist wieder in mir aufgestiegen, stärker geworden, bis ich begonnen habe zu schreiben. Deine Geschichte diesmal. Die Worte flossen wie Wasser aus mir heraus, und wie Wasser waren sie nicht aufzuhalten, als der Damm gebrochen war. Ich habe eine zeitlang fast jeden Tag geschrieben, dann irgendwann wieder etwas weniger, aber der Wunsch, Geschichten zu erzählen, war wieder in mir erwacht. Und dann hast du mir ein Geschenk gemacht, mein Schmetterling, ein wundervolles Geschenk. Du hast mir eine Chance geschenkt. Dadurch, dass ich deine Geschichte erzählt habe, in Worte fassen durfte, wie sehr ich dich liebe und was für ein perfekter kleiner Mensch du warst, ist wie ein Stein in einen See die Geschichte deines Lebens in das Netz geraten. Und sie hat Kreise gezogen, immer größere Kreise, immer weiter, bis sie jemanden erreicht hat, den sie ganz in seinen Bann gezogen hat. Und nun darf ich ein Buch schreiben. Weil du da warst. Weil ich von dir erzählt habe. Nur durch dich habe ich diese Chance bekommen, nur durch dich hat sich diese Tür geöffnet, und nur durch dich habe ich die Möglichkeit, vielleicht, mit etwas Glück, einen Lebenstraum wahr werden zu lassen. Noch weiß ich nicht ob das, was ich erzählen möchte, am Ende wirklich spannend genug ist, ob es interessant genug ist, ob es zum Schluss wirklich klappen kann. Aber es ist eine Chance die man sonst nicht bekommt. Deshalb werde ich es versuchen. Wenn es nicht klappt, war es eine schöne und aufregende Erfahrung. Aber wenn es klappt, ist es die Erfüllung eines fernen Traumes, mehr als ich jemals zu hoffen gewagt habe. Ich hoffe du wirst mich auf dem Weg an die Hand nehmen und mir die richtige Richtung zeigen. Danke, mein Schmetterling.

Wie jedes Jahr

Deine Nacht steht wieder bevor, mein Schmetterling. Morgen ist dein dritter Todestag. Und wie jedes Jahr stehe ich vor diesem riesigen Berg Emotionen, vor meiner unendlichen Trauer um dich, vor der Angst vor der Nacht und dem Tag, und vor meiner Liebe zu dir. Meiner unerschöpflichen, ewigen Liebe. Und wie jedes Jahr sind es zu viele Gefühle, um sie in mir verschließen zu können. Sie kommen einfach heraus. Ich bin ein Gefäß mit einem Sprung, und immer wieder tritt etwas der Gefühle aus. Je näher wir dem Moment kommen, desto stärker wird es, desto mehr lassen sich die Gefühle nicht im Zaum halten. Sie übermannen mich, immer wieder. Aber das ist okay. Meine Gefühle sind das, was uns verbindet, was uns immer verbinden wird, und was mich am Ende, wenn es so weit ist, wieder zu dir führen wird. Meine Gefühle sind mein Tribut an dich. Ich lege sie dir zu Füßen, baue ein Schloss aus ihnen, in denen die Erinnerung an dich fürstlich lebt. Wie jedes Jahr erhebe ich dich auf deinen Thron aus Tränen, wo du sitzen wirst, bis der Tag geschafft ist. Einen Atemzug nach dem anderen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Augenblick nach dem anderen. Heute Nacht werde ich wieder spüren wie du mir entgleitest, wie du deinen letzten Atemzug nimmst, wie dein Herz ein letztes Mal schlägt. Wie du mir entglitten bist, ganz langsam. Wie jedes Jahr weiß ich nicht, wie ich das erneut ertragen soll. Aber wie jedes Jahr weiß ich: ich werde überleben. Ich schaffe es. Auch wenn ich gebrochen bin und geschafft nach deiner Nacht, auch wenn mir alles weh tut und ich müde bin, auch wenn ich nicht erhobenen Hauptes gehen kann, weil die Kraft fehlt: ich werde leben. Mein Herz wird weiterschlagen, doppelt so stark, denn es schlägt auch an deiner statt. Und wie jedes Jahr bringt mich auch diese Sternenschnuppennacht wieder einen Schritt näher zu dir.