Intensivstation

Auch bei dieser OP gab es wieder das schlimme, unendlich lange Warten. Stundenlang. Wir sind spazieren gegangen, draußen in der Sonne, wären sonst sicher verrückt geworden vor Sorge. Wir wussten, dass du eine Blutkonserve bekommen solltest, weil deine Blutwerte schlecht waren, Babykonserve nennen sie die. 120ml bestrahltes Blut. Blutgruppe A hattest du, dabei war ich mir so sicher, dass du 0 haben müsstest, wie ich. Babykonserven mussten erst geliefert werden, aber sie hatten auch Notkonserven bereit liegen, so heikel war der Eingriff. Und du hast sie gebraucht, haben wir hinterher gelernt. 2 Blutkonserven mussten sie dir geben. Der Tumor wollte dich so dringend umbringen, wollte sich nicht besiegen lassen. Geblutet hat er wie verrückt. Die OP wurde viel größer als geplant, sie mussten mehr Tumor entfernen, um die Blutung zu stoppen, kamen näher an deine Hirnnerven als sie wollten. Aber du hast einen Schutzengel gehabt, der dir noch etwas Zeit mit uns schenken wollte. Dir ist nichts passiert. Du bist zurückgeschickt worden. Aber du hattest dich verändert. Du hattest die andere Seite schon gesehen. Deine Augen waren alt geworden, mit dem Eingriff. Es waren nicht mehr die unbeschwerten Kinderaugen, die unschuldigen und unbedarften. Ich denke du bist schon kurz drüben gewesen, wusstest schon wo du hingehen würdest. Wenn man es mit den Bildern von vorher vergleicht, ist der Unterschied erschreckend. Du hast mit einem Mal alt und irgendwie weise ausgesehen. Ich konnte es noch nicht sehen aber deine Omi wusste schon da, dass du gehen würdest.

Mika nach der Not-OP
Mika nach der Not-OP
Mika nach der Not-OP2
Mika nach der Not-OP 2

Als wir endlich den erlösenden Anruf bekamen und endlich wieder zu dir durften, war das Gesamtbild einfach erschreckend. Du lagst allein in diesem riesigen Krankenhausbett, mit all diesen Kabeln, Schläuchen, Monitoren, der Drainage in deinem Kopf, überall hingen Beutel und Gefäße um deine Körperflüssigkeiten entweder zuzuführen oder abzulassen, dich zu vermessen, auszugleichen was dein Körper nicht mehr leisten konnte. Und du hattest mehr Probleme nach dieser OP. Dein armes Gehirn schaffte es nicht mehr, deine Körpertemperatur zu regulieren. Normal nach so einem Eingriff, trotzdem erschreckend. Du lagst auf der eiskalten Intensivstation, hattest nichts an außer deiner Windel, und trotzdem hattest du oft trotz aller Medikamente 39 Grad.Mika auf der Intensivstation Dein Herz schlug viel zu schnell. Dein Atem ging zu schnell und durch die Intubation hattest du Sekret in der Lunge. Dein Natriumhaushalt funktionierte nicht mehr richtig. Alles vom Hirn gesteuert. Ständig piepte irgendwas, irgendein Tropf war leer, es musste irgendwas gespült werden, dein Herz war zu schnell, deine Sauerstoffsättigung zu gering, deine Temperatur zu hoch… aber du hast so tapfer durchgehalten. Musstest auch hier immer wieder brechen. Konntest nichts mehr trinken. Aber du hast weiter gekämpft, hast die Nachwirkungen der OP so niedergerungen. Hast wieder angefangen zu spielen, nach ein paar Tagen. Du warst so unglaublich tapfer und hart im Nehmen. Wir sind so stolz auf dich, kleiner Kämpfer. Wenn es nur die geringste Chance gegeben hätte, dann hättest du überlebt. Die Zeit auf der Intensivstation war die anstrengendste des gesamten Krankenhausaufenthaltes. 3 Stunden bei dir sitzen, dann 3 Stunden schlafen. Tag und Nacht. Zwischendurch mal schnell essen, duschen, auf die Toilette, auf Kosten der Schlafenszeit. Nie auf Kosten deiner Zeit. Und die Diagnose ließ weiter auf sich warten.

Advertisements

Eskalation

Nach deiner OP war irgendwas komisch mit dir. Du wurdest irgendwie nicht richtig wach. Warst groggy. Den ganzen Tag über warst du immer nur mal für sehr kurze Zeit wach und schliefst immer wieder ein. Wir haben uns da erst gar keine Gedanken drüber gemacht, kannten wir das doch schon von der Biopsie. Aber mit der Zeit wurden die Ärzte nervös. War es doch nur ein kleiner Eingriff gewesen. Mit großer Besorgnis habe ich auch deinen  Herzschlagmonitor betrachtet. Erst war der Herzschlag immer um die 120/110. Dann war das höchste plötzlich 90. Dann 80. Schleichend ging es immer weiter nach unten. Dann war dein Herzschlag plötzlich das erste Mal unter 70. Dein Monitor fing an Alarm zu machen, alle waren furchtbar nervös. Die Nacht war der Horror. Auch am nächsten morgen wolltest du nicht richtig wach sein. Und dann passierte das Schlimmste, was wir bisher erleben mussten: du konntest nicht mehr richtig sehen. Ich stand vor dir und deine Augen konnten mich nicht erfassen. Rollten einfach zur Seite. Du warst wach und bei Bewusstsein, und konntest mich doch nicht sehen. Ein unbeschreibliches Grauen hat das bei mir ausgelöst. Wir waren so verzweifelt. Wir versuchten für dich da zu sein und dich zu trösten und du konntest uns nichtmal mehr sehen. Ich wünsche so etwas niemandem auf der Welt, so grausam war es dich so zu sehen. Die Ärzte schallten dein Köpfchen. Akuter Hirndruck, Vigilanzminderung, Verlust der Kontrolle über die Augenmotorik. Deine Pupillen reagierten, dein Sehnerv war also nicht geschädigt, immerhin. Helfen konnte die Erkenntnis nicht. Sie versuchten über das Ommaya-Reservoir Liquor,  also Hirnwasser, abzulassen. Klappte auch, reichte aber nicht. Es änderte sich nichts. Konsequenz: Not-OP. Auf einmal standen alle Ärzte um uns herum und erklärten uns, dass wir dich sofort operieren lassen mussten. „Wie lange sollen wir das denn noch mitmachen, was soll das denn alles bringen?“ habe ich weinend gefragt. Hatte ich doch das Gefühl, ich schaue dir seit Wochen trotz aller Bemühungen nur langsam beim Sterben zu. Wieder Aufklärungen, hastig, hastig, schnell Unterschriften geben, schnell im OP anrufen. Hastig mit dir zum Aufwachraum rennen, während der Monitor piepte und arlarmierte. Gelber Alarm, roter Alarm. Ich habe nur noch ein Mal mehr Angst gehabt in meinem Leben, und das war an dem Abend deines Todes. Wieder haben sie dich weggenommen. Diesmal hast du nicht geweint, und das war fast noch schlimmer. Du konntest nicht, warst schlapp und konntest nichts sehen. Passiv und schlaff hingst du in den Armen des Anästhesisten, der uns mit seinen braunen Hundeaugen traurig ansah. Ich hatte nur noch Bruchstücke der Gespräche im Kopf: Tumor entfernen so weit es geht, ja leider auch Hirngewebe entfernen. Drainage setzen. Die Vorstellung wie du wieder im OP lagst und sie deinen kleinen Kopf wieder aufschnitten, dich noch mehr verletzten, war unerträglich. Aber die Alternative wäre dein sicherer Tod gewesen, noch viel unerträglicher. Manchmal hat man nur die Wahl zwischen Leid und noch mehr Leid. Es ist so schwer, diese Entscheidungen zu treffen. Konnten wir dich doch nicht fragen. Aber ich bin froh, dass wir so entschieden haben. Die OP hat uns zwei weitere Wochen mit dir geschenkt. Zwei wertvolle Wochen, um unsere gegenseitige Anwensenheit zu genießen, um zu weinen, um zu lachen und zu singen, um zu kuscheln, um mit dem Akzeptieren zu beginnen und um Abschied zu nehmen, wir von dir und du von uns.

Das Auge des Sturms

Nach der Biopsie wurdest du wieder auf die Kinderonkologie verlegt. Es kannten dich inzwischen schon viele und du warst ein kleiner Star, süß wie du warst. Die Schwestern und Pfleger mochten dich gern und wer für dich zuständig war, hat dich sofort ins Herz geschlossen. Das hat sich auch hinterher so gezeigt, als du länger auf der Intensivstation bleiben musstest, schlimme OPs hattest und die Schwestern nach dir gefragt haben, noch nach dem Dienst auf Station anriefen um zu fragen ob du es gut überstanden hast oder dein Lieblingspfleger uns erzählte, dass er in der Nacht 4 Mal aufgewacht ist, weil er so viel an dich denken musste. Du hast im Krankenhaus die Herzen genauso berührt wie vorher als du gesund warst, vielleicht noch mehr. Auch die Oberärztin, die für dich zuständig war, sagte dass du ein besonderes und besonders starkes Kind warst – das wiederholte sie auch, nachdem du schon über die Regenbogenbrücke gegangen warst.

Es gab ein langes hin und her auf der Station. Jeden Tag erhofften wir uns ein Ergebnis der Biopsie, und jeden Tag wurden wir wieder vertröstet. Aber die Zeit saß uns im Nacken und man hatte das Gefühl Teil eines Wettlaufs zu sein, wo alle rennen und nur man selbst hat das Startsignal verpasst oder steckt mit einem Fuß im Morast und kommt nicht los. Am Mittwoch kam man dann auf uns zu. Man wollte dich erneut operieren. Eine Chemo musstest du bekommen, das war klar, und dafür brauchte man Equipment. Broviac-Katheter. Ommaya-Reservoir, Rickham-Reservoir. Worte, die wir nicht kannten. Was wir verstanden war, dass sie mehr Löcher in dich machen wollten, dein kleiner perfekter Körper weiter verschandelt werden musste. Und trotzdem waren wir froh, wir hatten endlich das Gefühl, etwas zu tun. Das Nichtstun und Abwarten war schrecklich und quälend, zu sehen wie du leidest und zu wissen, wie sich das Monster in deinem Kopf mehr und mehr vergrößert und nichts tun zu können. Wir ließen wieder die Aufklärung über uns ergehen, gaben wieder unsere Unterschriften, diesmal musste ich morgens sogar nichtmal kotzen, als wir dich abgeben mussten. Seltsam, wie schnell etwas so schreckliches so routiniert wird. Nur ein kleiner Eingriff, schnell vorbei, 2 Stunden mehr nicht, sagten sie uns. Natürlich hat es auch diesmal wieder länger gedauert. Natürlich mussten wir auch diesmal warten in der Angst, dass etwas schiefgelaufen war. Hatten sie doch durch dein kleines Gehirn gestochen, mussten sie wieder ein neues Loch in deinen Kopf machen. Und auch diesmal wieder der erlösende Anruf: ihr Sohn ist fertig, es geht ihm gut, wenn er wieder wach ist kann er zurück auf die Onkologie. Nichtmal Intensivstation diesmal. Du warst beduselt, aber das kannten wir ja schon. Wir waren froh, dich zurück zu haben. Streichelten deinen armen kleinen Körper, noch mehr Schläuche drin, noch mehr Löcher, noch mehr Schmerzen, Nähte und Schnitte. Wir dachten wir könnten ein bisschen Frieden haben, Zeit zu heilen, Körper und Seele, bis das Ergebnis der Biopsie fertig war. Aber das war nur die kurze Ruhe im Auge des Sturms.

Achterbahn

Mit klopfendem Herzen sind wir zur Intensivstation gelaufen, so schnell es eben ging. Mussten noch einen Moment im Wartebereich Platz nehmen. Wir haben uns an den Händen gehalten und gewartet, zwischen Hoffen und Bangen vor der Nachricht die uns erwartete. Endlich kam der Neurochirurg zu uns. Und er hatte gute Nachrichten: Es sei alles sehr gut gelaufen. Sie hätten einen Schnellschnitt gemacht und kleine blaue Zellen gefunden. Neuroblastom. Keine Komplikationen und wir könnten jetzt zu dir. Meine Erleichterung war unglaublich. Hatte ich doch gehört, dass ein Neuroblastom im Endstadium bei so kleinen Kindern wir dir eine sehr hohe Spontanremissionsrate hat. Habe das sogar später noch freudestrahlend deinen Großeltern erzählt. „Wir haben in unserer Situation das bestmögliche Ergebnis bekommen. Er kann es schaffen. Er hat eine Chance.“ habe ich erzählt und war fast schon trunken vor Erleichterung. Zum Glück habe ich nicht gewusst, wie falsch ich lag und wie schnell die Diagnose wieder revidiert werden würde. Aber erstmal durfen wir zu dir.

Mika nach der Biopsie
Mika nach der Biospie, noch beatmet.

Das Bild mag erschreckend sein, aber wir hatten uns weit schrecklichere Bilder ausgemalt und deshalb fanden wir dich so schön wie immer. Nach dem Aufwachen nach deinem MRT drei Tage eher war es dir sehr schlecht gegangen, du hast viel geweint und warst desorientiert. Umso friedlicher warst du jetzt. Du hast auch sehr schnell wieder begonnen selbst zu atmen. Als sie den Tubus entfernen wollten mussten wir kurz gehen, aber da hast du noch geschlafen und wir waren bei dir als du wach wurdest. Wir hatten schon begeistert allen von der „positiven“ Diagnose erzählt – spannend wie sehr man sich über eine bösartige Krebsform freuen kann – da kamen die Kinderonkologen zu uns. Und zerbrachen unsere gerade geschöpfte Hoffnung. Nein, man könne noch nicht sagen was es ist. Kleine blaue Zellen heißen nur bösartig, sonst könne man daraus keine Diagnose treffen. Der Neuropathologe müsse da das Urteil fällen. Das könne aber dauern. Mehrere Tage im schlechtesten Fall. In Wahrheit hat es hinterher noch viel länger gedauert. Weil das Monster so kompliziert war, und so selten. Diese Art Gefühlsachterbahn, die an dem Tag begann, war charakteristisch für alle weiteren Tage, die wir mit dir im Krankenhaus erlebt haben. Hoffnung und Enttäuschung, Hoffnung und Enttäuschung. Immer wieder und wieder. Zum Glück ist dein Schmetterlingspapa schon am Tag der Diagnose zu uns ins Krankenhaus eingezogen. Ich wüsste nicht, wie ich es ohne ihn und ohne die Familie hätte aushalten sollen, die ständige Angst und die Verzweiflung. Du wurdest dann für eine Nacht auf die Kinderintensivstation verlegt. Wir waren die ganze Zeit bei dir. Haben uns in 3-Stunden-Schichten abgewechselt, damit du nie allein warst und immer wenn du wach wurdest jemand bei dir war. Und es war so gut, dass wir das tun konnten. In Anbetracht der Tatsache, wie wenig Zeit wir mit dir noch haben sollten, ist jede erlebte Minute jetzt kostbarer als Gold.

Auf in den Kampf

Die erste OP stand an. Eine Biopsie sollte es sein. Wir wollten herausfinden, was für ein Monster in deinem Kopf wohnt, damit wir den Kampf anfangen konnten. Man schickt Ritter zu Drachen, Vampirjäger zu Vampiren und auch bei deinem Monster musste man erstmal rausfinden, was sich da im Dunkeln versteckt, um jemanden hinschicken zu können.

Mika vor der OP
Mika vor der OP. Mit der schiefen Kopfhaltung hat er die Tumorregion im Krankenhaus oft entlastet.

Ich habe dir Abends  ein Märchen erzählt, um dir zu erklären, was passieren wird. Eigentlich albern, denn du warst ja noch zu klein, um zu verstehen, aber trotzdem wollte ich, dass du nicht unvorbereitet bist. Ich habe dir erzählt, dass ein Monster in deinem Kopf wohnt. Und dass sie jetzt eine Tür machen, und schaun, was für ein Monster das ist. Dass das alles doof ist und weh tut, aber dass dann ein Zauberer eine Zaubermedizin für dich macht, um das Monster zu vertreiben. Dass die auch doof ist, weil sie verflucht ist und einem davon furchtbar übel ist. Aber dass nur so eine doofe Medizin dir helfen kann. Ich habe keine Ahnung, ob du davon irgendwas verstanden hast, aber zugehört hast du. So aufmerksam und wach wie immer. Ich werde deinen intensivem Blick und deine leuchtenden Augen nie vergessen, die du immer hattest, wenn ich mit dir gesprochen habe. Oder für dich gesungen. Ich habe diesen Blick jetzt ein paar Mal wiedergesehen, in anderen Kindern. Und es sind immer Kinder, die irgendwann sehr krank wurden. Ich glaube, dass ihr Kinder, die so etwas durchmachen müssen, etwas ganz besonderes seid. Jedes Kind ist besonders, natürlich. Jedes Kind ist ein kleines Wunder. Aber ich glaube, dass diese Kinder einen besonderen Funken haben, der ihnen hilft, ihren schweren Weg verkraften zu können.

Nach einer schrecklichen Nacht mit ständigem Aufwachen und ganz viel Angst sind wir aufgestanden, haben dich und uns fertig gemacht und dann musstest du schon in den Aufwachraum um zu warten, bis sie dich abholen. Deine Omi hatte dir einen Talisman dagelassen, ein bronzenes Oval mit einem Engel darauf. Den haben wir dir mitgegeben. Er sollte dich beschützen und dir helfen, die OP gut zu überstehen. Ich habe vor Aufregung im Aufwachraum so schlimm gekotzt, dass sie eine Psychologin geholt haben. Dann haben sie dich mitgenommen, und das war das Schlimmste. Sie hatten mir vorher gesagt, dass ich bei dir bleiben kann, bis du schläfst. Aber sie haben dich dann einfach mitgenommen. Mir gesagt, dass ich nicht mit in den Bereich darf, weil er steril ist. Und du hast so geweint, du hast das nicht verstehen können. Ich habe auch geweint, mein Mamaherz ist in tausend Stücke zersprungen, weil ich nicht bei dir sein und dir deine Angst nehmen durfte. Zu sehen wie sie dich mitnehmen und dann den Raum zu verlassen, in dem Wissen, dass du alleine warst und Angst hattest, war grauenhaft. Zu wissen, dass sie jetzt ein Loch in deinen kleinen Kopf machen, in deinem schlauen Gehirn herumschneiden. Die Angst, das etwas schief geht. Die Tatsache, dass man keinerlei Kontrolle hat über das was passiert. Und das Warten. OPs dauern immer länger als man denkt. Das ist fast ein Naturgesetz. Aber 4 Stunden werden im Gefühl zu 4 Tagen. Und jede Minute die länger ist als das, auf was man vorbereitet war, zieht sich ins Unendliche. Ist das ein gutes Zeichen? Ein schlechtes? Heißt das es ist was schiefgelaufen? Oder heißt das es ist alles gut und sie nehmen einfach mehr vom Tumor weg? Hätten sie uns schon gerufen, wenn dir etwas passiert ist? Wenn du tot wärst hätten sie uns bestimmt schon Bescheid gesagt. Oder etwa nicht? Und so haben wir bange auf den Anruf gewartet, der uns hoffentlich erlösen sollte. Und dann kam er, endlich. „Ihr Sohn ist fertig und ist auf der Intensivstation. Es hat alles gut geklappt. Er wird jetzt bald langsam wach. Sie können zu ihm.“

Loslassen

Das Loslassen ist das Schwerste, wenn jemand stirbt. Wir wollen unsere Liebsten doch bei uns haben. Ich wollte dich doch nicht gehen lassen. Unsere Kinder sollen uns ein ganzes Leben lang begleiten. Sein Kind zu verlieren ist so widernatürlich, dass es für uns nichtmal einen Namen gibt, uns Eltern die keine Kinder mehr haben. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Aber es gibt Witwen, es gibt Waisen, aber einen richtigen Namen gibt es nicht für Menschen wie dich und deinen Schmetterlingspapa. Verwaiste Eltern werden wir genannt, in Ermangelung eines Wortes.

„Du musst bei mir bleiben, was soll ich denn ohne dich machen? Wie soll ich denn ohne dich leben? Was soll ich denn nur machen, wenn ich ohne dich nach Haus gehe? Du MUSST gesund werden. Du MUSST wieder mit nach Haus.“ Solche und viele ähnliche Sätze habe ich dir oft gesagt. Habe dich fest umarmt und dabei geweint. Mein Herz war so nah an deinem und es tat so weh. Deine Omi hat mir gesagt, dass ich sowas nicht sagen soll. Hat versucht, mir das Loslassen zu zeigen, um es dir und mir einfacher zu machen, für den Fall, dass du gehst. Ich habe viel darüber nachgedacht. Habe über einen Todesfall in meiner Familie nachgedacht, wo jemand Angst hatte vor dem Tod, Angst Menschen allein zu lassen. Ich wollte nicht, dass du Angst hast. Ich wollte, dass du frei bist. Egal wie es ausgeht, dass du wusstest, dass es gut ist. Und vor deiner ersten OP, in der Nacht im Krankenhaus, haben dein Schmetterlingspapa und ich dir das schwerste gesagt, was wir jemals über die Lippen bringen mussten. Die härtesten Worte der Welt, gespickt mit Scherben, die einem die Lippen zerschneiden. „Wir wollen dich gesund zurück haben, mehr als alles andere auf der Welt. Aber wenn das nicht geht, wenn du nicht gesund werden kannst und der Weg zu steinig und der Kampf zu schwer wird, dann darfst du gehen. Das ist in Ordnung.“ Wir haben dich zu sehr geliebt, um dich um jeden Preis festhalten zu wollen. Und wenn es auch die schwersten Worte, die schmerzhaftesten und schrecklichsten waren, die ich jemals sagen musste, so waren es doch auch die schönsten und liebevollsten, die ich jemals gesprochen habe.

Wegweiser

Du warst nicht getauft, kleiner Schmetterling. Wir wollten, dass du es selbst entscheiden kannst, wenn du alt genug bist – an was du glaubst und ob und welcher Glaubensgemeintschaft du angehören möchtest. Wir haben diese Entscheidung eigentlich nie in Frage gestellt. Aber an dem Samstag nach der Diagnose, dem Wochenende vor der Biopsie-OP, da wurde ich morgens mit einem schlechten Gefühl wach. Ich habe deinen Schmetterlingspapa angeschaut und ihm gesagt: „Wir müssen über etwas reden. Ich glaube ich möchte, dass Mika getauft wird. Für den Fall, dass er es sich nicht mehr selber aussuchen kann.“ Ich wollte, dass du weißt, wohin du gehst, für den Fall, dass dass du den Kampf verlieren solltest.

Taufe Mika
Mika auf dem Weg zur Taufe

Ich weiß nicht, wo dieser Gedanke herkam. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er nicht von allein kam, sondern dass jemand wollte, dass du getauft wirst. Ich bin nicht gläubig genug gewesen, als das der Drang aus mir selbst gekommen sein könnte. Glaube ist Opium fürs Volk, habe ich gesagt. Ich habe mich selbst immer als Agnostikerin bezeichnet. Und trotz all meiner Skepsis war das Gefühl so stark, so dringlich. Wir haben unseren Pfarrer angerufen, jenen netten Mann, der uns getraut hat. Leider war er im Urlaub. Aber die Klinik hatte eine sehr freundliche Pfarrerin zur Verfügung, die kam und sich unsere Not und unserer Wünsche anhörte. Dein Taufspruch musste gefunden werden. Wir hatten uns ja nie damit auseinander gesetzt, solltest du dir doch alles selbst wählen. Aber deine Omi hat gefragt, ob sie einen vorschlagen darf, und sie hat den schönsten und passendsten Taufspruch der Welt für dich vorgeschlagen. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein.“ Dein Schmetterlingspapa und ich haben beide geweint und wir wussten sofort, dass es der richtige ist. Er hat tief in uns etwas zum Schwingen gebracht. Die Pfarrerin hat innerhalb einer Stunde einen Gottesdienst erarbeitet. Wir haben niemanden eingeladen, war es doch eine Nottaufe. Der Besuch, der gerade da war, wurde mit dazu gebeten. Taufpaten wurden dein Onkel und deine Tante. Es war die traurigste Taufe der Welt. Aber du warst ganz ruhig. Du warst bei uns auf dem Schoß und hast dir alles aufmerksam angehört. Hast nicht geweint, als du Wasser auf den Kopf bekamst, du fandest alles schön und interessant. Du hattest einen guten Tag und deine Beschwerden hielten sich in Grenzen. Nicht ein einziges Mal hast du erbrochen während der Zeremonie. Ich fühlte mich erleichtert, nachdem du getauft warst. Eine wunderschöne Taufkerze hast du bekommen, eine mit einem Regenbogen darauf. TaufkerzeDer Regenbogen als Gottes Versprechen, dass er uns nicht allein lässt. Und im Regenbogen solltest du dich mir zeigen, nachdem alles vorbei war. Aber davon will ich ein anderes Mal erzählen. An diesem Tag habe ich wieder begonnen zu beten. Ich habe gebetet wie nie zuvor in meinem Leben. „Bitte mach ihn gesund. Bitte mach ihn gesund. Bitte mach ihn gesund.“ Wie ein Mantra, jeden Abend vor dem Schlafengehen. Ich wusste ja nicht, dass das nicht möglich war, dass es schon feststand, wie dein Weg sein sollte. Die Wegweiser schon gesetzt waren. Und am Ende, als es immer schlimmer wurde mit dir habe ich gebetet: „Wenn er schon nicht gesund werden kann, dann lass ihn bitte schnell sterben. Lass nicht zu, dass er sich quälen muss.“ Wenigstens dieser Wunsch wurde mir erfüllt.