I draw childhood cancer

Manchmal braucht es nicht viele Worte… I draw childhood cancer macht wundervolle, kraftvolle und sehr bewegende Comics und Bilder.

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Angus Olson ist der Mann hinter dem Stift und er verarbeitet darin den Kampf seines eigenen Kindes gegen den Krebs.

 

 

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Sarggestaltung bzw. Urnengestaltung

Heute möchte ich ein bisschen zum Thema Sarggestaltung schreiben. Es ist in ein paar Artikeln schon angeklungen, aber es ist wichtig genug um einen ganz eigenen Artikel daraus zu machen und alle Informationen nochmal zusammenzufassen.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die letzte Ruhestätte seines Kindes zu individualisieren. Man kann damit beginnen, den Sarg selbst zu bauen, wenn man dies möchte und handwerklick begabt ist. Dazu gibt es einerseits hilfreiche Videos auf youtube, es gibt aber auch Bestatter die Workshops anbieten, in denen man einen Sarg bauen kann. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Tischler vor Ort einem sicher behilflich ist, wenn man die Situation schildert und um Hilfe bittet. Bei Urnen ist das nicht ganz so einfach, weil sie schlicht schwieriger zu bauen sind, aber auch da kann man sich bei dem Tischler seines Vertrauens informieren. Es ist hier zu beachten, dass beispielsweise für Friedwald und Ruheforst klare Richtlinien gelten, was in die Erde gebracht werden darf und was nicht, entsprechend muss man sich hier genau informieren und idealerweise anrufen und nachfragen, ob eine eigene Urne gestattet ist, oder ob man auf die angebotenen Urnen beschränkt bleiben muss.

Der nächste Schritt kann die äußere Gestaltung der letzten Ruhestätte sein. Wenn man einen Sarg bzw. eine Urne aus hellem Holz gewählt hat, lässt sich das sehr gut selbst bemalen. Bei anderen Oberflächen sind natürlich auch Lackfarben möglich. Auch hier muss man darauf achten, was jeweils in die Erde gebracht werden darf. Im Friedwald beispielsweise sind wasserlösliche und umweltunschädliche Farben notwendig. Fingerfarben für Kinder erfüllen die Kriterien in jedem Fall, halten aber natürlich nicht auf jeder Oberfläche.

Weiterhin kann man auch die innere Gestaltung des Sargs bzw. der Urne mit übernehmen. Bei einer Urne ist das mangels Platz gar nicht so einfach, aber auch hier kann man vielleicht Bilder einkleben oder etwas in den Deckel malen oder Zeichnen. Bei einem Sarg gibt es mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Man kann hier den Innenraum bemalen oder bekleben, und es gibt die Möglichkeit, ihn selbst mit Stoff auszukleiden. Vielleicht nutzt man Lieblingskleidung des Kindes, um daraus ein Set zu nähen. Wenn man nicht gut nähen kann, dann reicht es vielleicht auch einfach schon, dem Kind seine eigene Decke in den Sarg zu legen oder es darin einzukuscheln. Weiterhin gibt es viele Näher und Näherinnen, die auf Wunsch solche Dinge anfertigen. Hier ein kurzer Hinweis: sofern jemand Hilfe beim Nähen eines solchen Sets benötigt kann er sich an mich bzw. unseren Verein SchMIKAling wenden, denn wir haben eine sehr liebe Mama an Bord, die gern anderen Eltern helfen möchte und deshalb solche Sets mit viel Liebe und nur gegen den Ausgleich der Versandkosten aus der Kleidung oder anderem Stoff des Kindes näht.

Als letzten Punkt der Gestaltung des Sargs bzw. der Urne sind Beigaben zu nennen. In einer Urne lässt sich nicht so viel unterbringen, aber auch hier kann man Fotos und Briefe mit hineingeben. Für eine Bestattung im Friedwald ist es wichtig, dass alles was hineingegeben wird biologisch abbaubar ist, es darf also beispielsweise nichts aus Plastik dabei sein. Im Sarg sind da kaum Grenzen gesetzt. Ich habe erst gestern einen Artikel zur Bestattung eines stillgeborenen Kindes gelesen und möchte die Inspiration an euch weitergeben. Die Mutter hat ihre Hände aus Gips oder einem ähnlichen Material abgeformt und ihr Kind dort hinein gebettet, sodass es für immer von ihr geborgen gehalten wird. Ich finde das eine wundervolle Idee. Abformungssets findet man in vielen Bastelläden und es gibt auch im Internet Anleitungen, wie man so etwas selbst herstellen kann. Bei größeren Kindern könnte man darüber nachdenken, den gesamten Arm abzuformen und die Kinder geborgen hineinzubetten. Auch ansonsten gibt es viele Möglichkeiten, dem Kind etwas mit auf den Weg zu geben: lieb gewonnene Spielzeuge, Kuscheltiere, Schutzengel, eine Haarlocke der Eltern… erlaubt ist, was hilft und tröstet. Ich habe bei Mikas Bestattung Muttermilch mit ins Grab gegeben, weil es mir geholfen hat, mich so von ihm zu verabschieden. An den Beigaben kann sich natürlich die ganze Familie, Freunde und auch andere Personen beteiligen, wenn die Eltern es erlauben. Vielleicht möchten die Oma oder der Opa auch noch einen Brief mit in den Sarg oder die Urne geben.

Der Tod eines Kindes ist furchtbar. Nutzt deshalb alle Möglichkeiten, alles so „schön“ und für euch stimmig wie möglich zu gestalten. Ich fand es sehr tröstend das Gefühl zu haben, Mika sicher gebettet und kuschelig geborgen, umgeben von seinen liebsten Dingen zu verabschieden. Und selbst wenn es eine Urnenbestattung wird die eine Feuerbestattung notwendig macht, so wie bei uns, kann man den Sarg, der vorher benötigt wird, entsprechend gestalten und ausstatten. Ich wünsche euch allen, die ihr den Artikel lest, weil ihr gezwungen seid einen Abschied zu planen, alle Kraft der Welt. Ihr seid Krieger. Ihr werdet das schaffen, auch wenn es jetzt unschaffbar scheint. Und euer Kind oder eure Kinder werden euch zeigen, dass sie ganz nah bei euch sind.

Frage ohne Antwort

Ich habe in der letzten Zeit auf unterschiedlichen Wegen immer und immer wieder eine Frage gelesen. Die schwerste Frage. Die Frage, auf die ich mit all der Erfahrung, die ich sammeln konnte, und mit all meiner Trauerarbeit noch immer keine Antwort weiß. Die, bei der mir die Worte fehlen. „Ich weiß, dass mein Kind sterben wird, ich weiß nur noch nicht wann. Wie kann ich mich darauf vorbereiten?“ Die Frage wird häufig von Eltern gestellt, deren Kinder schwer an Krebs erkrankt sind, und die von den Ärzten die Hiobsbotschaft erhalten haben, dass sie nichts mehr für das Kind tun können. Ich habe glaube ich schon einmal kurz darüber gesprochen, aber es beschäftigt mich so sehr, lässt mir keine Ruhe. Denn diese Frage trifft mich jedes Mal wie ein 40-Tonner mit Vollgas, sie wirft mich um und lässt mich zerschmettert am Boden liegen. Ich weiß keine Antwort auf sie, und sie reißt alle Wunden weit, weit auf. Was soll ich Eltern sagen, die diese Frage stellen? Wie soll man sich auf das Unvorstellbare vorbereiten, das Unmögliche, das, was verboten sein müsste? Wie soll man sich darauf vorbereiten, jemanden zu verlieren, der wichtiger ist als man selbst? Jemanden, bei dem jede einzelne Zelle des eigenen Körpers brennt mit dem Verlangen, diesen Jemand zu beschützen, koste es was es wolle? Jemanden, den man bis zur Selbstaufgabe liebt? Jemanden, ohne den man nicht leben kann und auch nicht will? Und all meine Worte verlassen mich in diesen Momenten, sie verflüchtigen sich wie Rauch im Wind, von einem Moment auf den anderen sind sie fort. Ich öffne meinen Mund und ihm entströmt ohrenbetäubende Stille. Ich möchte so viel sagen, es wirbelt in mir, aber alles passt nicht zur Frage. Sätze wollen sich bilden: Es tut mir so leid, so unendlich leid. Ich wünschte es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte dir diesen Schmerz abnehmen. Ich will nicht, dass du diesen Weg gehen musst. Ich will nicht, dass dein Kind stirbt. Ich will dich beschützen vor dem, was kommt. Ich kenne dich nicht, aber ich will nicht, dass du so leiden musst. Ich sehe dein Kind und will nicht, dass es fort ist. Ich will, dass dieser Mensch lebt, dass er aufwachsen darf. Ich sehe das Lächeln deines Kindes und es treibt mir glühend heiße Tränen in die Augen. Ich kenne es nicht, aber ich liebe es, allein von diesem Bild, und ich will nicht, dass es geht. Ich will nicht, es geht nicht, es darf nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

Aber aus meinem Mund kommt nichts. Will ich die Worte fassen, sind sie fort, mein Kopf ist leer. Denn, ihr lieben, ihr tapferen, ihr starken und wunderbaren Eltern: ihr könnt euch nicht vorbereiten. Egal was ich euch sage, egal was ihr tut, egal wie viel ihr vorher kuschelt, unternehmt, wie viele Erinnerungen ihr schafft: Am Ende ist es nicht leichter. Es ist IMMER grauenvoll. Es reißt uns um, zertrümmert uns und lässt uns zerstört liegen. Irgendwann rappeln wir uns auf, setzen uns wieder zusammen, oft mit der Hilfe anderer Menschen. Aber nichts, absolut gar nichts in dieser Welt kann euch vorbereiten auf den Tod eures Kindes. Nichts kann euch helfen gegen den Schmerz, der da kommt. Deshalb ist alles, was ich sagen will, nur Schall und Rauch. Und alles was bleibt ist diese brüllend laute Stille. Und in meinem Kopf die Worte. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

Don’ts in der Trauer und ihre Hintergründe

Heute schreibe ich einen Artikel über ein sehr wichtiges Thema, nämlich darüber, was man zu trauernden Eltern und den Verwandten auf keinen Fall sagen sollte. Ich werde auch schreiben, was dahinter steckt, und was man stattdessen sagen könnte, denn ich habe einen Artikel über die Hintergründe auf Englisch gelesen und fand es sehr hilfreich für mich zu hinterfragen, warum bestimmte Dinge gesagt werden.

„Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder bekommen.“

Nein. Nein, das hilft leider überhaupt nicht. Denn: kein Kind kann ein anderes ersetzen. Was wir daraus verstehen ist, grob und überspitzt gesagt: Ach, ihr macht einfach ein neues Kind und dann ist es wieder gut. Nein, es wird nicht wieder gut. Und wenn wir noch hundert Kinder bekommen, werden wir das eine, was fehlt, nicht weniger schmerzlich vermissen. Was häufig hinter dem Spruch steckt ist der Wunsch, irgendeinen Trost zu spenden, und da fällt einem eben oft als erstes ein: man kann ja noch mehr Kinder bekommen. Statt dessen ist es besser, die Trauer ernstzunehmen, und den Gefühlen Raum zu geben. Sagt doch vielleicht: „Es tut mir sehr leid, dass du so traurig bist, und ich leide mit dir. Es ist schrecklich, sein Kind zu verlieren, und es wird immer fehlen.“ Oder sag: „Ich vermisse dein Kind auch.“ Gib der Existenz des Kindes Raum. Erkenne an, dass es nicht ersetzbar ist. Werte es nicht ab, indem du es zu etwas Ersetzbarem machst.

„Wer weiß, wozu es gut war.“

Zu diesem Spruch habe ich schon einmal etwas geschrieben, aber ich will trotzdem nochmal im Detail darauf eingehen. Wenn die Eltern irgendwann von sich aus auf den Gedanken kommen, hinter ihrem Verlust einen tieferen Sinn zu erkennen, dann ist das gut, denn es ist heilsam, Sinnhaftigkeit zu schaffen. Wenn die Eltern es aber immer als sinnlos und grausam empfinden, dann ist das in Ordnung und sie haben jedes Recht dazu. Die Aussage es gäbe einen Sinn dahinter sagt uns, dass es etwas gibt, das wichtiger war, als das Leben unseres Kindes. Dass es „gut“ war, weil es einem Zweck dient. Und diese Entscheidung, diese Bewertung, die darf niemand fällen als die Eltern selbst. Bitte verweist nie, niemals auf etwas Gutes dahinter, es sei denn die Eltern sprechen selbst davon. Hinter diesem Spruch steckt der Wunsch, durch das Finden eines Sinnes dahinter Akzeptanz zu schaffen und den Eltern zu  helfen, zu verarbeiten. Dieser Wunsch ist gut, aber er muss anders ausgedrückt werden. Vielleicht sagt ihr einfach: „Es tut mir weh zu sehen, wie ihr leidet. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um euch zu trösten.“ Damit drückt ihr eure Gefühle und eure Wünsche aus, ohne den Tod des Kindes zu verharmlosen. Denn das ist sehr verletzend.

„Du bist doch nur XYZ, nicht die Eltern. Es steht dir nicht zu, so viel zu trauern.“

Trauer ist individuell. Trauer hat nichts mit Blutbanden zu tun, Trauer hat nichts mit Verwandschaftsgrad zu tun. Das Einzige, wovon die Trauer abhängt, ist die Vertrautheit und die emotionale Nähe. Wie sehr wir lieben, ist unabhängig davon, ob wir Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, oder vielleicht nur Nachbarn des verstorbenen Kindes sind. Und das zu verstehen ist wichtig. Hinter diesem Spruch steckt das Unverständnis über die Intensität der Trauer und gleichzeitig auch die Idee, dass die Verarbeitung anders ablaufen müsste. Aber das muss sie nicht. Trauer ist so individuell wie jeder einzelne von uns. Wer sehr liebt, trauert vielleicht sehr intensiv. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Und wenn man weniger trauert, oder vielleicht weniger ‚offen‘, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass man weniger geliebt hat. Das heißt nur, dass man anders verarbeitet. Es ist wichtig, die Reaktion anzuerkennen und anzunehmen, der Trauer den Raum zu geben, den sie benötigt. Denn nur wer durch die Trauer hindurch geht, der kann heilen. Reden wir die Trauer klein, dann heilen wir nicht. Auch steckt hinter diesem Spruch wohl der Wunsch, dass die andere Person  nicht mehr so sehr trauert, und der rührt daher, dass der Sprecher die Trauer der anderen Person nicht gut aushalten kann. Statt das zu sagen könnte man seine Gefühle in Worte fassen: „Ich kann es nicht gut sehen, dass es dir so schlecht geht. Und ich verstehe es auch nicht so gut, denn meine Trauer fühlt sich anders an.“ Aber man kann und darf dem Ganzen keinen normativen Rahmen geben. Ein Falsch und ein Nicht Zustehen gibt es hier nicht. In der Trauer gibt es keine Regeln, die allgemeingültig sind. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten.

„Jetzt ist auch mal gut, es war doch noch kein richtiges Kind.“

Dieser Spruch hat gleich zwei Komponenten und ist insbesondere relevant für Eltern, die ihre Kinder früher in der Schwangerschaft verloren haben. Der erste Teil bezieht sich wieder auf ein Richtig oder Falsch in der Trauer, entsprechend gilt, was ich im vorherigen Abschnitt schrieb. Der zweite Teil bezieht sich darauf, dass das Kind noch nicht geboren war, noch nicht ‚fertig‘. Hinter diesem Spruch steckt wieder der Wunsch, dass die Eltern nicht mehr so traurig sein sollen, eine Idee davon, dass man sie vielleicht vom ‚unfertig sein‘ des Kindes überzeugen kann, damit ihre Trauer gemildert wird. Aber das tut sehr, sehr weh. Unsere Kinder sind unsere Kinder, und wir trauern um sie egal wie klein sie waren. Auch hier ist es eine individuelle Sache wie sehr beispielsweise eine frühe Fehlgeburt jemanden belastet.  Die eine Mutter kommt vielleicht gut damit zurecht, die andere wirft es in ein sehr tiefes emotionales Loch. Wir trauern verschieden. Unsere Bindung in der Schwangerschaft entwickelt sich verschieden. Und auch dort ist alles erlaubt. Ein Kind in der 6. Woche kann von seinen Eltern ebenso intensiv geliebt werden, wie ein Kind am Ende der Schwangerschaft. Man erkennt mit diesem Spruch dem Kind die Existenz ab. Das ist für die Eltern sehr verletzend. Wie bei den vorherigen Sprüchen auch sollte man anders anfangen, seinen Gefühlen Raum geben und den Wunsch zu Trösten explizit aussprechen: „Es tut mir so leid, dich so zu sehen. Ich wünschte, es würde dir besser gehen. Und ich wünschte, ich könnte etwas sagen, um dir zu helfen.“

Falsch zählen

Das hier ist kein wirklicher Spruch, aber es ist für viele Eltern ein großes Problem, wenn man die Kinder falsch zählt. Mika war mein erstes Kind. Jedes Kind danach muss eine andere Zahl bekommen. Auf Formularen muss ich oft eintragen, wie viele Kinder ich habe, und wenn ich aus irgendwelchen Gründen 1 eintragen muss, weil es anders nicht geht, dann tut mir das sehr weh. Ich habe das Gefühl, ich habe Mika betrogen. Und wenn jemand anderes ein möglicherweise zweites, oder drittes Kind, als das erste oder zweite bezeichnet, dann tut das auch weh. Wir verstehen es, wenn es jemand nicht wissen kann. Wenn man es aber weiß, dann sollte man der Existenz des Kindes Respekt zollen, indem man es mitzählt. Damit gebt ihr uns das Gefühl, dass es auch für euch eine Rolle spielt, dass ihr es nicht vergessen habt. Und das tröstet uns.

Ich finde man merkt eines ganz deutlich. Ganz vielen der Sprüche liegt der Wunsch zugrunde, zu trösten. In ihnen steckt die Tatsache, dass man die Trauer des Gegenüber schlecht aushalten kann, das man sich wünscht, es würde ihnen besser gehen. Und die Lösung ist wie man sieht sehr einfach: sagt das. Fasst eure Gefühle und eure Wünsche in Worte. Erkennt an, dass ihr vielleicht hilflos seid. Und dass euch das frustriert. Sprecht über das, was euch bewegt. Seid euch darüber im Klaren, dass ihr es nicht in Ordnung bringen könnt. Denn das Anerkennen der Untöstlichkeit der Eltern (oder auch der Freunde und Verwandten) ist die schwerste, aber auch die wichtigste Aufgabe, vor der ihr steht.

Die Liste ist aus den Anregungen anderer Personen entstanden. Wenn ihr selbst Sprüche gehört habt, die ihr hier gern wieder finden würdet, dann hinterlasst mir einen Kommentar. Ich ergänze den Artikel dann gern um eure eigenen Erfahrungen.

Eins

Gestern hat jemand etwas schönes geschrieben, mein Schmetterling. Ich habe darüber erzählt, wie wir versuchen werden, dich bei der Geburt deiner Schwester dabei zu haben, so als wärst du auch körperlich dagewesen. Und als ich so darüber erzählt habe, was unsere Pläne sind, schrieb mir jemand: „Ihr seid alle eins.“ Ich habe darüber nachgedacht und überlegt, dass es stimmt. Auf der körperlichen Seite allein schon. Deine kleine Schwester ist noch in meinem Bauch, deshalb sind wir eins. Und du, mein Schmetterling, mein wunderbarer kleiner Junge, du bist fest in meinem Herzen. Aber sie meinte noch etwas anderes. Sie schrieb mir: „Mika ist Energie. Mika ist immer da. Immer.“ Diese wenigen Worte haben mich tief berührt und mich wieder zum Nachdenken gebracht. Als rational denkender und recht wissenschaftlich verwurzelter Mensch habe ich früher so meine Probleme mit dem Leben nach dem Tod gehabt. Warum sollte es weitergehen, wenn der Körper, der doch die Basis unseres Seins darstellt und notwendig ist, damit wir funktionieren, vergeht? Aber ich habe gelernt, dass Energie nicht verschwinden kann. Sie kann sich nur umwandeln. Und ein Mensch explodiert geradezu vor Energie, sowohl körperlich als auch geistig. Viele Aktivitäten können wir gar nicht sehen. Wenn zum Beispiel jemand wie Stephen Hawking an ALS leidet, so mag man von außen denken, dass da keine Energie ist, denn er bewegt sich nicht wirklich, er spricht nicht. Aber sein Geist ist unglaublich wach und aktiv. Immer wieder hat die Wissenschaft Dinge entdeckt, von denen die Menschheit vorher dachte es gäbe sie nicht, schlicht weil wir sie nicht sehen, nicht darstellen konnten. Das Higgs-Boson beispielsweise können wir nach wie vor nicht sehen. Trotzdem wissen wir inzwischen, dass es da ist, weil Nachweise gefunden wurden, die sich nur durch seine Existenz erklären lassen. Ebenso dachten die Menschen früher, dass es Radioaktivität nicht gäbe, einfach weil wir sie noch nicht kannten, sie nicht darstellen konnten. Es wurde viel zum Tod geforscht, mein Schmetterling, und es gibt Hinweise darauf, dass der Tod nicht das Ende ist. Spannenderweise gibt es selbst in unserem Körper Gene, die erst aktiv werden, wenn wir gestorben sind. Nahtoderfahrungen geben Anhaltspunkte, auch wenn für vieles davon auch Alternativerklärungen in Betracht kommen. Es gibt die Zeichen unserer Liebsten, die sich oft nicht gut wegerklären lassen. Natürlich wird man einen eingefleischten Skeptiker niemals überzeugen können. Aber ich habe meine Skepsis abgelegt, als ich dem Tod Auge in Auge begegnet bin. Das passiert oft, habe ich gehört. Du bist Energie, mein Schmetterling. Die Energie, die du mitgebracht hast, kann nicht verschwunden sein. Es ist physikalisch nicht möglich. Sie kann sich nur umgewandelt haben. Und in welcher Form auch immer du existierst – du bist da. Energie ist überall. Sie durchdringt alles. Und so finde ich Trost in den Worten, die mir geschrieben wurden. Wir haben viele materielle Erinnerungen geschaffen, die mir unendlich viel bedeuten. Aber auch wenn ich sie nicht hätte – du bist immer da. Immer. Wir sind alle eins.

Achtsamkeit: die MIKA-Challenge

Der Tod eines Kindes ist grausam und hinterlässt uns Eltern oft in einer schmerzhaften und einsamen Welt, die an manchen Tagen einfach unerträglich erscheint. Wenn wir traurig und verzweifelt sind können wir manchmal kaum etwas anderes sehen und vor allem fühlen, als unsere Trauer und unseren Schmerz. Das Gefühl ist allumfassend und setzt uns manchmal eine Binde auf die Augen. Um wieder ins Leben zu finden ist es essentiell, dass wir uns von dieser Binde nicht blind machen lassen. Dabei hilft Achtsamkeit. Ich möchte hier einen möglichen Weg aufzeigen, der mir sehr geholfen hat: die MIKA-Challenge.

Die MIKA-Challenge ist eine Achtsamkeitsaufgabe. Wir fühlen so viele negative Dinge, dass oft kein Platz mehr bleibt, um die Schönen Dinge des Lebens wahrzunehmen. Und auch wenn das unglaublich klingt: das Leben hält immer auch etwas Schönes für uns bereit. Es gibt schlechtere Tage und es gibt bessere Tage, aber es gibt nie auch nur einen einzigen Tag, an dem wir nichts finden können, was schön ist, sofern wir nur genau hinschauen. Eine gute Freundin, die Mika sehr fest in ihr Herz geschlossen hat, hat dazu die MIKA-Challenge ins Leben gerufen. Die Aufgabe dabei war, jeden Tag etwas zu finden, was uns dankbar macht. Ich habe kurz nach Mikas Tod damit begonnen und die Challenge hat mich 365 Tage lang jeden Tag begleitet. An manchen Tagen war es schwieriger, etwas zu finden. An anderen Tagen war es sehr einfach. Aber eines war allen Tagen gemeinsam: Ich habe immer etwas gefunden. An jedem noch so schwarz aussehenden Tag. Manchmal ist es nur die Tatsache, dass man den Tag gut überstanden hat, dass man noch steht, dass man es trotz Allem geschafft hat etwas zu essen, etwas zu kochen, die Wäsche zu machen, sich zu duschen, manchmal können ganz alltägliche Aufgaben in Anbetracht der Schwere der Trauer sehr anstrengend sein. An anderen Tagen sind es wundervolle kleine Dinge: ein schönes Lied im Radio, eine liebe Geste durch einen Mitmenschen, ein schöner Traum, die Sonne auf unseren Schultern oder der Wind in unseren Haaren. 365 Tage lang habe ich die Challenge öffentlich niedergeschrieben und auch jetzt mache ich weiter, wenn auch für mich selbst. Ich habe mir ein schönes Notizbuch gekauft und schreibe jeden Abend nieder, was an dem Tag schön war. Manche Einträge sind sehr lang, andere sind eher kurz. Aber auch seitdem die ersten 365 Tage um sind habe ich jeden Tag etwas gefunden, was schön war. Das kann alles sein. Eine schöne Blume, ein Schmetterling, ein leckeres Essen, ein nettes Gespräch. Ein kleines Geschenk, ein gutes Gefühl, vielleicht auch einfach weinen zu können, wenn man es braucht.

Das Leben bringt wundervolle Dinge für uns mit. Wir müssen nur wieder lernen, sie zu sehen. Ihr lieben trauernden Eltern, ich wünsche euch, dass es schaffen könnt, eure Augen wieder zu öffnen und das Glück in eure Herzen zu lassen, und sei es nur für ein paar Sekunden an jedem Tag. Nur so schaffen wir es, mit unseren Kindern im Herzen wieder glückliche Zeiten zu haben. Wenn wir es schaffen, an jedem Tag etwas Schönes zu sehen, dann finden wir Schritt für Schritt wieder ins Leben und bewältigen den steinigen Weg, der vor uns liegt.

Wiederholungen

Mein Schmetterling, heute hat ein anderer kleiner Engel Geburtstag, 6 Jahre alt wäre er nun schon geworden, wäre alles anders gewesen. Ich hoffe ihr seid da oben zusammen und feiert gemeinsam, ich wette er ist ein guter Kumpel.

An Tagen wie heute habe ich das Gefühl, die Tatsache dass ich dich verloren habe, dass wir dich verloren haben, verurteilt mich zu unendlichen Wiederholungen. Ich möchte so vieles sagen, möchte so viele Gefühle ausdrücken, und doch ist es immer wieder gleich. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Ich kann nicht glauben, dass du weg bist. Es tut weh. Ich wünscht, es wäre nicht passiert, ich wünschte, ich könnte einfach wach werden und alles wäre wie vorher. Wir antworten auf Fragen immer wieder gleich, sind immer wieder an den gleichen Tagen traurig. Wir sind verurteilt, immer wieder die gleichen Sätze zu sagen. Ich habe heute einen schlechten Tag. Ich vermisse mein Baby. Ich fühle mich allein. Ich fühle mich verloren. Wir sagen sie, immer und immer wieder, bis sie niemand mehr hören will. Bis alle hoffen und sich wünschen, dass es irgendwann „vorbei“ ist, dass wir weitermachen können. Weil man irgendwann einfach nicht mehr weiß, was zu sagen ist, wenn es jemandem immer und immer wieder schlecht geht, vor allem wenn es keine Lösung gibt. Und so werden die Antworten irgendwann weniger. Vielleicht verstummen sie ganz. Denn es gibt keinen Trost zu spenden. Und so fühlt man sich immer mehr allein, mit seiner Trauer, seinem Vermissen, seinem gebrochenen Herz.

Aber wir wollen gar keine Lösungen haben. Wir wissen selbst, dass es keine gibt. Wir wollen auch keine tröstenden Worte. Wir wissen, dass man keine finden kann in Anbetracht des Schlimmsten. Wir verwaisten Eltern wollen oft nur ein Ohr. Und eine Stimme die sagt: Tut mir leid, dass du einen schlechten Tag hast. Die sagt: Ich drücke dich mal. Die sagt: Ich verstehe dich. Wir wünschen uns Menschen die sagen: Ich denke an euch. Ich denke an euer Kind. Ich habe euch nicht vergessen.

Wir verstehen, dass die Wiederholungen müde machen und hilflos. Denn wenn sie jemand anderen schon müde und hilflos machen, dann ist das Gefühl bei uns umso stärker. Ich würde gern sagen: Es geht mir gut. Ich bin heute froh. Ich vermisse mein Kind heute nicht so schlimm wie sonst. Aber oft wäre das gelogen. Meistens sogar. Schenkt uns euer Ohr und haltet einfach unsere Hand. Wir sind auch müde. Findet alles gemeinsam mit uns scheiße, flucht mit uns darüber wie unfair das Leben ist. Ertragt unsere Tränen und unsere Hilflosigkeit. Ihr müsst nichts sagen, keinen Ausweg aufzeigen. Meistens reicht es uns schon wenn jemand unsere Hand nimmt und sagt: Ich höre dir zu.