Heimweh nach Worten

Lange ist es her, dass die Muse mich geküsst hat, mein Schmetterling. Immer wieder sind Dinge passiert, über die ich dir hätte erzählen können, die ich dir hätte schreiben können, doch die Worte wollten nicht zu mir kommen. Formten sich hölzern in meinem Kopf, unter meinen Fingern, wollten nicht fließen. Trocken und staubig fühlten sie sich an. Viele schöne Dinge sind passiert, deine Schwester pflückt dir Blumen, malt dir Bilder, bastelt für dich. Singt dir Geburtstagslieder, auch wenn ich ihr immer wieder sage, dass es noch ein paar Tage dauert bis du Geburtstag hast. Sie erzählt mir, dass du in ihrem Herzen wohnst. Fragt mich, ob du wohl bald schlüpfen wirst, wann sie dich kennenlernen kann. Der Gedanke fühlt sich warm an, warm und schön. Die Idee, dass du in unseren Herzen wohnst und dort wächst, geborgen wie in einem Ei, wartend auf den Tag, an dem du schlüpfen wirst.

Und wie kam es, dass die Muse zurück kam, heute, ausgerechnet heute? Nach all der Zeit? Wieder war es der Tod, mein Schmetterling, der sie zu mir geschickt hat. Ich weiß nicht warum, doch immer wieder ist es der Tod, der sie zu mir schickt. Eine Künstlerin ist gestorben, ich erfuhr erst dadurch von ihr, und verlor mich in ihren Bildern. Unfassbar schöne Bilder, zart und voller Phantasie. Untermalt von einer Melancholie, die im Einklang mit meiner sang. Erst ganz leise, dann immer lauter. Und das Sehnen kam zurück. Wie ein Rufen in der Ferne. Wie Heimweh. Heimweh nach den Worten. Heimweh nach Schönheit. Heimweh danach, etwas zu Schaffen, etwas wachsen zu lassen. Ich kann nicht gut malen, bin keine begnadete Zeichnerin, auch wenn ich es gern wäre. Ich würde gern mit Bildern ausdrücken können, was ich fühle, doch ich kann es nicht. Aber ich kann es in Worten sagen. Und so lasse ich die Worte aus meinen Fingern fließen, lasse sie sprießen und wachsen. Wie die zarten Samen einer Löwenzahnblume fallen sie herab, treffen auf fruchtbaren Boden, und wachsen. Hinauf und hinauf, bis sie den Himmel erreichen. Bis sie dich erreichen. Ich hülle mich in meinen Kokon aus Worten, gesponnen aus Liebe und Schmerz, Sehnsucht, Heimweh, Dunkelheit und Sternen. Wie eine Decke legen sie sich um meine Schultern, und ich  fühle mich zu Hause. Endlich wieder zu Hause.

Du hast mir dieses Heimweh geschenkt, mein Schmetterling. Es war in mir, schon lange. Doch erst als die Dunkelheit durch dich immer dunkler wurde, erst als alles Licht verloschen war, konnte ich den Funken sehen, der in mir darauf wartete, geboren zu werden. Eines der vielen Geschenke, die du mir gemacht hast. Eines der vielen Dinge, die du mir gezeigt hast. Und so fühle ich die wohlige Wärme, die die Decke aus Worten mir gibt, sehe wie Wort um Wort, Silbe um Silbe, sich ein Haus um mich herum aufbaut. Ein Heim, um das Heimweh zu lindern. Und langsam vergeht es.

Ich liebe dich, mein Schmetterling. Bald wärst du fünf Jahre alt, und es ist schwer zu ertragen, so schwer, dass du fort bist. Du wärst so ein großer Junge. Ein Schulkind fast. Auch diesen Geburtstag werden wir feiern. Auch diesen Geburtstag werden wir überstehen. Und wenn es zu schwer wird, zu kalt, zu hart, dann denke ich an die Heimat aus Worten, die du mir geschenkt hast. Die Heimat, in der ich einen Moment wohnen kann, bis die Kälte vergeht. Bis der Sturm sich legt. Bis der Morgen graut. Bis die Sonne wieder scheint.

Hast du dich auch lieb?

Deine Schwester ist so klug, mein Schmetterling. Kinder sind manchmal unglaublich klug. Kinder haben eine Form von Weisheit inne, die den Erwachsenen oft abgeht, die irgendwann verloren gegangen ist. Eine Weisheit, der wir zuhören sollten. Gestern Abend habe ich sie für das Bett fertig gemacht, deine beiden Schwestern. Erst die große kleine, dann die kleine kleine. Und ich habe ihnen gesagt, dass ich sie lieb habe. „Ich habe dich lieb, Marlene. Und deine Schwester Nele habe ich lieb. Und deinen Bruder Mika habe ich lieb, und deinen Papa habe ich lieb.“ Und ohne von ihrem Spiel aufzublicken fragt sie mich: „Und hast du dich auch lieb?“ Und mir blieb die Spucke weg. Eine so kleine Frage, und doch so groß. Habe ich mich auch lieb? So banal und so wichtig. Tatsächlich hatte ich mich in der letzten Zeit oft nicht lieb, mein Schmetterling. Es sind viele Dinge passiert, jede Schwangerschaft verändert den eigenen Körper, die eigene Psyche. Manchmal sind die Veränderungen klein, manchmal sind sie groß, manche sind einem egal und manche nicht. Und manchmal haben wir Probleme, uns noch lieb zu haben. Das kann tausend Gründe haben, und es muss nicht immer eine Schwangerschaft sein, es kann alles sein was uns verändert. Das Altern, ein Trauma, ein Job, ein Verlust, einfach alles. Und wenn wir uns nicht lieb haben, dann gehen wir auch nicht liebevoll mit uns um. Mit jedem anderen würden wir vielleicht trotzdem wertschätzend umgehen, mit uns selbst aber nicht. Wir vergessen uns. Wir gehen im Alltag einfach unter. Merken es nicht einmal. Und deshalb sollte uns ab und an mal jemand mit so einer Frage wach rütteln. Und hast du dich auch lieb? Und wenn nicht: warum nicht? Du bist liebenswert. Du bist wundervoll. Du bist es wert, dich um dich zu kümmern. Viele von uns kümmern sich um alles, außer um uns selbst. Du verdienst es, dich lieb zu haben. Du verdienst es, dir Wertschätzung und Liebe zu zeigen. Danke, dass du mir so eine kluge große kleine Schwester geschickt hast, mein Schmetterling ❤

Hello darkness, my old friend

Da ist sie wieder, die Dunkelheit, mein Schmetterling. Mit der zunehmenden Dunkelheit in der Welt kommt die Dunkelheit in meinem Kopf, die Dunkelheit in mir. Jedes Lachen wird stets von einem Stich begleitet. Jeder Sonnenstrahl wirft einen Schatten. Jeder Gedanke birgt ein Flüstern im Hintergrund. Die Trauer wirft Wogen, aufgetürmt von einem wütenden Sturm, der aber stumm ist, den man nicht sieht und hört. Wie geträumt, gleich einer Fata Morgana. Wenn man meint seinen Finger darauf legen zu können, ist er einen Schritt weiter weg, man erreicht ihn nie ganz. Und so versteht man ihn nie ganz, kann ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht begreifen. Gedanken wirbeln, Gemurmel wie ein kalter Bach, doch nicht fröhlich, nein. Schwarzes Wasser ist es, schmutzig. Faulig. Das alte Gefühl zu ertrinken in diesem Meer, vom Sturm erfasst zu werden, herumgewirbelt, herum und herum, bis man die Richtung nicht mehr weiß. Vergisst wohin der Weg führt. Vergisst, wie das Licht aussieht. Und dann, am dunkelsten Ort, wo man sich nackt fühlt, nackt und allein, fällt plötzlich ein Seil hinab. Eine Lampe leuchtet herab, und man hört eine Stimme. Man schaut nach oben, blinzelt ins Licht und hört zu, hört was die Stimme sagt. Sie sagt Worte der Hoffnung, Worte der Unterstützung, und das Licht hört nicht auf zu leuchten. Irgendwann rappelt man sich auf, taumelt zum Seil und sieht im Licht: die Dunkelheit ist nicht so tief wie man dachte. Und all die Gespenster sind nicht echt. Sie lösen sich auf, in Schall und Rauch. Der Sturm legt sich, und alles wird leichter. Langsam, ganz langsam. Lasst liebe Menschen eure Seile und euer Licht sein, wenn ihr selbst keines findet. Ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht allein. Ihr seid. Nicht. Allein.

Bald

Wieder ein Morgen mit einer Hiobsbotschaft, wieder ein Kind eingeschlafen. Verzehrt von der unersättlichen Bösartigkeit der Krankheit, die auch dich aus unseren Armen gerissen hat. Ich ertrage es kaum ihr Foto anzusehen, ertrage es kaum die Worte der Verzweiflung ihrer Mutter zu lesen. Diesmal ist es besonders schlimm, denn eine kleine Zwillingsschwester ist da, versteht nicht was passiert ist, kann nicht begreifen warum ihre Schwester fort ist, wo sie doch immer, immer verbunden waren, schon vor ihrer Geburt. Unverständlich. Unerträglich. Für mich ist es das Härteste in die Augen der kleinen Menschen zu sehen, ihr Wesen zu sehen, und zu wissen, dass diese Augen nie wieder aufgehen werden. Dass das, was ich auf den Bildern von ihnen erahnen kann, fort ist. Einfach fort. Für immer. Dass sie nie wieder lachen werden, nie wieder weinen, dass sie nie wieder toben werden, oder sprechen. Dass ihre Familien nun jeden Aspekt von ihnen vermissen werden. So sehr vermissen, dass es weh tut, bei jedem Atemzug. Ich fühle meinen eigenen Schmerz, mein eigenes Vermissen, das Sehnen, das nie aufhört. Und all die Fragen konzentrieren sich, verschmelzen und werden zu der einen, die nie jemand beantworten kann: Warum? So sitze ich hier, wieder einmal, und weine mit einer Familie um ihr Kind, das ich nicht einmal kannte, aber doch meine zu kennen. So wie ich glaube, dass all diese Familien dich kennen, mein Schmetterling, wenn sie nur ein Bild von dir sehen. Und ich frage mich wann das aufhört. Wann das Sterben aufhört. Wann das Leiden aufhört. Wann wir ein Mittel gegen dieses Monster haben werden, das unserer Kinder frisst. Bald, hoffentlich sehr bald. Damit keine Familie mehr so leiden muss. Damit ich keine Augen mehr sehen muss, die nie wieder aufgehen. Damit keine einzige Schwester und kein Bruder mehr versuchen muss zu verstehen, dass ihr Geschwisterkind fort ist.

Geschwister im Doppelpack

Deine minikleine Schwester ist nun auf der Welt, mein Schmetterling. Aber das weißt du ja schon. Du hast einen ganz zauberhaften kleinen Menschen für uns ausgesucht. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet, dein Gespür war immer perfekt. Aber über eines denke ich nach seitdem deine Schwester auf der Welt ist. Denn unsere Hebamme, die auch deine war, und die deiner großen kleinen Schwester, hat nach der Geburt eine Besonderheit festgestellt. Ich hatte nicht nur eine Plazenta. Es waren zwei. Eine große, für deine Minischwester. Und eine kleine. Eine Nebenplazenta, nicht ausgereift, relativ klein aber doch deutlich erkennbar. 5-7cm im Durchmesser vielleicht. Unsere Hebamme sagte, dass da vielleicht ursprünglich ein Zwilling entstehen wollte, der sich dann aber nicht weiter entwickelt hat. Im Ultraschall haben wir nie ein zweites Kind gesehen, und doch ist es nicht ausgeschlossen. Ich finde den Gedanken schön, dass du zwei Geschwisterchen bekommen hast. Eines hier auf der Erde, um mit deiner großen kleinen Schwester zu spielen, und eines für dich im Himmel, um Dir und dem kleinen Sternchen, das bei dir wohnt, Gesellschaft zu leisten. Ich hoffe es geht euch gut da oben auf eurer Wolke. Wir denken mit ganz viel Liebe an euch, jeden Tag. Und ich freue mich jetzt schon auf den Moment, an dem ich deiner Minischwester von dir erzählen darf.

Er muss ihn nur lieben

Dein Schmetterlingspapa und ich haben eine Serie geschaut, mein Schmetterling. So, wie wir es oft abends gemacht haben, auch als du noch da warst. Ich musste viel darüber nachdenken, was ich dort gesehen habe. Ein junger Mann ist umgekommen, hatte einen Unfall, wurde sehr krank. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht da. Und kurz bevor er starb, Tage später, haben er und sein Vater über die Dinge gesprochen, über die auch wir uns so viele Gedanken gemacht haben. „Ein Vater muss seinen Sohn doch beschützen.“, hieß es da. Gedanke des Vaters. Verzweiflung des Vaters. Wie bei uns, wir wollten dich doch beschützen. Hätten es gemusst, gewollt, so sehr gewollt. Und konnten doch nicht. Und die Antwort darauf, vom Sterbenden, hat etwas in mir berührt. „Lieben. Er muss ihn nur lieben.“ Und das ist so wahr. Es gibt Situationen im Leben, da können wir unsere Kinder nicht beschützen. So sehr wir es wollen. So sehr wir es uns wünschen. Und das liegt außerhalb unserer Verantwortung. Wir müssen uns diese Situationen nicht immer und immer wieder vorwerfen. Wir möchten unsere Kinder beschützen, immer. Und doch können wir es nicht. Das ist schlimm, aber das ist auch normal. Das ist in Ordnung. Das muss in Ordnung sein. Unsere ureigenste Aufgabe ist, unseren Kindern Liebe zu schenken, sie mit unserer ganzen Liebe zu umgeben. Wenn wir sie beschützen können, tun wir das natürlich. Aber wenn wir das nicht können, bleibt als unsere Aufgabe übrig, sie in Liebe zu begleiten, sie mit unserer Liebe zu umfangen und sie dabei den Weg gehen zu lassen, der vor ihnen liegt. So einfach ist das. Und so schwer ist das.

Wie jedes Jahr

Nun ist er wieder da, der Tag, der immer wie ein dunkler Nebel über unseren Köpfen schwebt. Dichter werdend. Dunkler werdend, je näher er kommt. Wir wissen vorher nie, wie er sein wird, wie wir uns fühlen werden. Werden wir in der Nacht, die ihm vorausgeht, schlafen können? In der Nacht, in der du dich auf den Weg gemacht hast durch die einzige Tür, durch die wir dir nicht folgen können? In der Nacht, in der du deine Flügel aufgespannt hast und für immer davon geflogen bist? Wie wird der Tag sein? Wird die Sonne scheinen und alles in helles Licht hüllen, ein Licht, das es einfacher macht den Tag zu ertragen? Ein Licht, das Hoffnung schenkt? Oder wird es regnen, wird der Himmel mit uns weinen um dich, mein Schmetterling? Wie wird es uns gehen? Werden wir leiden oder werden wir Frieden in den Gedanken an dich finden? Es ist jedes Mal anders. Und jede Version ist okay. Ein Tag voller Tränen und Trauer ebenso wie ein Tag in fast schon fröhlichem Gedenken. Du bist nun vier Jahre fort. Vier lange, viel zu lange Jahre. Im nächsten Jahr werden wir dich hoffentlich zu viert besuchen können, werden zu viert unter deinem Baum sitzen und an dich denken. Ich bin gespannt, wann deine zweite Schwester auf die Welt kommen möchte. Ich hoffe nicht heute. Ich habe diesen Brief an dich schon gestern geschrieben, weil man nie weiß, was passiert. Vielleicht möchte sie sich in der Nacht auf den Weg machen, in der du gegangen bist? Wer weiß. Vielleicht möchte sie aber auch meinem Sehnen nachkommen, das sagt: Bitte nicht an diesem Tag. An jedem anderen. Aber bitte nicht an diesem. Aber egal wie sie sich entscheidet, es wird in Ordnung sein. Es wird einen Grund haben. Sie wird schon wissen, was sie tut. Ich vertraue ihr, so wie ich dir immer vertraut habe. Und wenn sie denkt es sei das Beste, wenn sie in dem Moment auf diese Welt kommt, in dem du sie vor vier Jahren verlassen hast, dann wird auch das seinen Sinn haben. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Jeden Tag. Und nun ganz besonders. Ich denke an deine Tapferkeit, deinen Kampf, an dein Wesen, an alles, was dich ausgemacht hat. Ich denke daran, wie du nun vielleicht wärst. Wie du dich als großer Bruder machen würdest. Ich erkläre deiner Schwester, warum ich manchmal weinen muss, wenn ich deine Bilder ansehe. Ich erkläre ihr, dass es okay ist, wenn man weint, weil man jemanden vermisst. Ich erkläre ihr, dass man keine Angst haben muss vor der Trauer. Genauso werde ich es dem neunen kleinen Wesen erklären, das in Startposition ist, das auf den richtigen Moment wartet, um in unser Leben zu treten. Das du sicher schon kennst, genauso wie sich dich sicher schon kennt. Und so harren wir der Dinge, die da kommen. Wie jedes Jahr, seitdem du fort bist. Wie jedes Jahr, bis auch wir wieder bei dir sein werden. Wir lieben dich. Wir vermissen dich. Du wirst immer ein Teil unserer Familie sein.

Kleine Schritte zum Urvertrauen

Es ist furchtbar lange her, seitdem ich das letzte Mal etwas geschrieben habe, mein Schmetterling. Ich habe oft viele Gedanken im Kopf, Nachrichten an dich, aber nichts will sich zu einem Text formen, nichts will genug Gestalt gewinnen, um es aufzuschreiben. Es passiert viel, deine zweite Schwester wächst und wächst, und die Schwangerschaft bringt, wie jede davor, ihre ganz eigenen Herausforderungen mit. Aber eines ist mir aufgefallen, in den Wochen und Monaten, die vergangen sind. Erst merkte ich es kaum, aber es wird deutlicher. Das Urvertrauen kommt zurück. Es erhebt sich nicht wie ein Phönix aus der Asche, um in neuem Glanz zu erstrahlen, heller denn je, sondern es ist mehr wie eine kleine Pflanze. Es keimt. Und es keimt offenbar auch in der Dunkelheit, bahnt sich langsam aber sicher seinen Weg zum Licht, hartnäckig und unermüdlich. So lange, bis der kleine Keim endlich seine ersten zarten Blätter ans Licht strecken durfte und sich gezeigt hat. Die ständige Angst, dass deine Schwester krank sein könnte, die heimliche, flüsternde Stimme die sagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, nur eine Frage der Zeit, sie verstummt. Nach und nach. Wird leiser, immer leiser. Ihr wispern ist kaum noch zu hören. „Vertraue in den Prozess des Lebens“ habe ich mir wie ein Mantra in der Schwangerschaft mit dir immer gesagt. Und vertraut habe ich, ich fühlte mich gewiss. Nachdem du fort warst, konnte ich das nicht mehr. Das Urvertrauen war zerstört, zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Dass es sich davon erholen kann hätte ich niemals erwartet. Aber es scheint so zu sein. Es wird sicher nie wieder so stark sein wie zuvor. Aber es erholt sich. Andere Ängste kommen und gehen, die Angst, dass jemand deinen Schwestern weh tun könnte, sei es körperlich oder emotional. Die Angst vor Unfällen, die Angst vor der Grausamkeit der Welt, vor den kleinen und großen Akten der Gewalt, die Menschen einander antun. Begonnen bei Ignoranz und bösen Worten, beendet bei Grausamkeiten die ich nicht nennen möchte. Aber das ist genau der Unterschied: Sie kommen und gehen. Sie bleiben nicht lang. Und zwischendrin keimt heimlich still und leise das Urvertrauen. Ich hoffe es darf erstarken. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Ich liebe dich und ich vermisse dich. Pass gut auf deine Schwestern auf. Sie könnten keinen besseren Schutzengel haben.

Einer kommt, einer geht.

Heute Morgen hast du wieder Gesellschaft bekommen, mein Schmetterling. Deine Uroma ist gestorben, meine Oma. Für sie war es ein Segen, sie war krank und ihr Selbst ging ihr immer weiter verloren. Es ist gut, dass sie nicht weiter miterleben musste, wie das Gewebe, aus dem ihre Persönlichkeit bestand, sich mehr und mehr aufribbelte. Faden um Faden verloren ging, bis es durchscheinend und faserig und am Ende zu Nichts geworden wäre. Ich musste heute Morgen viel darüber nachdenken, dass man immer sagt, dass einer geht, wenn einer kommt. Als deine Schwester geboren wurde, ist vorher ihre Uroma Lore gestorben. Jetzt, wo dein nächstes Geschwisterchen in diese Welt kommen möchte, ist eure Uroma Christa gegangen. Der Einzige, bei dem niemand unmittelbar ging, warst du, mein Schmetterling. Der Mann deiner verbleibenden Uromi auf dieser Erde ging schon fast ein Jahr vor deiner Geburt, da warst du nicht einmal in meinem Bauch. Und wie immer bei solchen Dingen bin ich verwundert über das Muster, das sich ergibt. Einer kommt und einer geht. Bei dir ist niemand gegangen. Du bist selbst wieder gegangen. Das Leben spielt manchmal seltsame Spiele. Ich hoffe du hast deine Uroma in Emfpang genommen. Sie war stets eine „eiserne Lady“, resolut und stark. Aber dein Tod hat auch sie schwer getroffen, schwerer vielleicht als einige der anderen Verluste, die ihr Leben mitgebracht hat. Sie wusste, wie es ist, ein Kind zu verlieren, hat sie doch auch ihr Kind verloren. Sie wusste, wie es ist, das eigene Kind gegen Krebs kämpfen zu sehen. Sie war kein Typ Mensch den man im klassischen Sinne liebevoll nennen würde, dazu war ihre Schale zu fest, aber sie war absolut hin und weg von dir, ebenso wie von deiner kleinen Schwester. Ich wünschte ich hätte ihr noch erzählen können, dass sie wieder Uroma wird. Aber an dem Tag, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, war ihr Verstand wie ein zu volles Glas, in das kein einziger weiterer Tropfen passt. Sie konnte die Nachricht nicht mehr aufnehmen. Aber ich bin mir sicher, dass sie es jetzt weiß. Am Ende hat sie immer wieder die gleichen Menschen gesehen. Zwei Männer und eine Frau. Ich hoffe, dass diese drei Personen gekommen sind, um sie abzuholen, und dass sie sie geleitet haben auf ihrem Weg. Ich hoffe, sie durfte in Frieden gehen. Und ich wünsche mir, dass sie bei dir auch inneren Frieden finden wird.

Dreieinhalb

Am Freitag war dein Geburtstag, mein Schmetterling. Und wie immer, wenn es nicht gerade in Strömen gießt, waren wir bei deinem Baum. Und auch wenn es, wie jedes Jahr, kein leichter Tag war, und kein leichter Gang, so war es trotzdem schön. Du hast uns Sonne geschickt, deine kleine Schwester hat unter deinem Baum gespielt und hat sich gefreut bei dir zu sein. Sie hat hinterher gesagt: „Es war schön bei Mika.“ Und sie hat ein paar Mal gefragt, ob wir wieder zu dir fahren. Wir haben ihr vesprochen, dass wir bald bei dir ein Picknick machen, viele leckere Sachen mitnehmen und sie bei deinem Bäumchen essen werden. Aber ein Bäumchen ist es gar nicht mehr, es ist inzwischen ein echter Baum. Denn so wie du dieses Jahr vier Jahre alt geworden wärst, so ist auch der Baum inzwischen fast vier Jahre älter geworden, seitdem wir deinen Körper unter ihm zu seiner letzten Ruhe gebettet haben. Und noch etwas hat sich geändert, seitdem wir das letzte Mal bei dir waren. Wir sind nämlich nicht mehr drei. Wir sind dreieinhalb. Behütet in meinem Inneren war ein kleines Menschlein mit bei dir, eine Seele, die du sicher sorgfältig für uns ausgesucht hast. Und wenn du willst, und wenn Gott will, dann wird im August ein neues kleines Wesen unsere Familie bereichern. Die Daten liegen so, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass die kleine Seele an dem Tag das Licht der Welt erblicken wird, an dem du aus dieser Welt geschieden bist. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Möglichkeit halten soll. Aber ich denke es wird am Ende so kommen wie es soll. Wenn der kleine Mensch sich entscheidet, dass er an diesem Tag kommen möchte, dann ist es okay. Und wenn er sich einen anderen Tag aussuchen möchte, dann ist es auch okay. Ich freue mich schon darauf, ihm von dir zu erzählen.

Wir vermissen dich,  besonders an diesen Tagen, und die Lücke, die deine Form trägt, ist viel zu groß. Sie ist uns an einem solchen Tag sehr schmerzlich bewusst. Aber du bist immer da. Und du wirst immer da sein.