Er muss ihn nur lieben

Dein Schmetterlingspapa und ich haben eine Serie geschaut, mein Schmetterling. So, wie wir es oft abends gemacht haben, auch als du noch da warst. Ich musste viel darüber nachdenken, was ich dort gesehen habe. Ein junger Mann ist umgekommen, hatte einen Unfall, wurde sehr krank. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht da. Und kurz bevor er starb, Tage später, haben er und sein Vater über die Dinge gesprochen, über die auch wir uns so viele Gedanken gemacht haben. „Ein Vater muss seinen Sohn doch beschützen.“, hieß es da. Gedanke des Vaters. Verzweiflung des Vaters. Wie bei uns, wir wollten dich doch beschützen. Hätten es gemusst, gewollt, so sehr gewollt. Und konnten doch nicht. Und die Antwort darauf, vom Sterbenden, hat etwas in mir berührt. „Lieben. Er muss ihn nur lieben.“ Und das ist so wahr. Es gibt Situationen im Leben, da können wir unsere Kinder nicht beschützen. So sehr wir es wollen. So sehr wir es uns wünschen. Und das liegt außerhalb unserer Verantwortung. Wir müssen uns diese Situationen nicht immer und immer wieder vorwerfen. Wir möchten unsere Kinder beschützen, immer. Und doch können wir es nicht. Das ist schlimm, aber das ist auch normal. Das ist in Ordnung. Das muss in Ordnung sein. Unsere ureigenste Aufgabe ist, unseren Kindern Liebe zu schenken, sie mit unserer ganzen Liebe zu umgeben. Wenn wir sie beschützen können, tun wir das natürlich. Aber wenn wir das nicht können, bleibt als unsere Aufgabe übrig, sie in Liebe zu begleiten, sie mit unserer Liebe zu umfangen und sie dabei den Weg gehen zu lassen, der vor ihnen liegt. So einfach ist das. Und so schwer ist das.

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Wie jedes Jahr

Nun ist er wieder da, der Tag, der immer wie ein dunkler Nebel über unseren Köpfen schwebt. Dichter werdend. Dunkler werdend, je näher er kommt. Wir wissen vorher nie, wie er sein wird, wie wir uns fühlen werden. Werden wir in der Nacht, die ihm vorausgeht, schlafen können? In der Nacht, in der du dich auf den Weg gemacht hast durch die einzige Tür, durch die wir dir nicht folgen können? In der Nacht, in der du deine Flügel aufgespannt hast und für immer davon geflogen bist? Wie wird der Tag sein? Wird die Sonne scheinen und alles in helles Licht hüllen, ein Licht, das es einfacher macht den Tag zu ertragen? Ein Licht, das Hoffnung schenkt? Oder wird es regnen, wird der Himmel mit uns weinen um dich, mein Schmetterling? Wie wird es uns gehen? Werden wir leiden oder werden wir Frieden in den Gedanken an dich finden? Es ist jedes Mal anders. Und jede Version ist okay. Ein Tag voller Tränen und Trauer ebenso wie ein Tag in fast schon fröhlichem Gedenken. Du bist nun vier Jahre fort. Vier lange, viel zu lange Jahre. Im nächsten Jahr werden wir dich hoffentlich zu viert besuchen können, werden zu viert unter deinem Baum sitzen und an dich denken. Ich bin gespannt, wann deine zweite Schwester auf die Welt kommen möchte. Ich hoffe nicht heute. Ich habe diesen Brief an dich schon gestern geschrieben, weil man nie weiß, was passiert. Vielleicht möchte sie sich in der Nacht auf den Weg machen, in der du gegangen bist? Wer weiß. Vielleicht möchte sie aber auch meinem Sehnen nachkommen, das sagt: Bitte nicht an diesem Tag. An jedem anderen. Aber bitte nicht an diesem. Aber egal wie sie sich entscheidet, es wird in Ordnung sein. Es wird einen Grund haben. Sie wird schon wissen, was sie tut. Ich vertraue ihr, so wie ich dir immer vertraut habe. Und wenn sie denkt es sei das Beste, wenn sie in dem Moment auf diese Welt kommt, in dem du sie vor vier Jahren verlassen hast, dann wird auch das seinen Sinn haben. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Jeden Tag. Und nun ganz besonders. Ich denke an deine Tapferkeit, deinen Kampf, an dein Wesen, an alles, was dich ausgemacht hat. Ich denke daran, wie du nun vielleicht wärst. Wie du dich als großer Bruder machen würdest. Ich erkläre deiner Schwester, warum ich manchmal weinen muss, wenn ich deine Bilder ansehe. Ich erkläre ihr, dass es okay ist, wenn man weint, weil man jemanden vermisst. Ich erkläre ihr, dass man keine Angst haben muss vor der Trauer. Genauso werde ich es dem neunen kleinen Wesen erklären, das in Startposition ist, das auf den richtigen Moment wartet, um in unser Leben zu treten. Das du sicher schon kennst, genauso wie sich dich sicher schon kennt. Und so harren wir der Dinge, die da kommen. Wie jedes Jahr, seitdem du fort bist. Wie jedes Jahr, bis auch wir wieder bei dir sein werden. Wir lieben dich. Wir vermissen dich. Du wirst immer ein Teil unserer Familie sein.

Kleine Schritte zum Urvertrauen

Es ist furchtbar lange her, seitdem ich das letzte Mal etwas geschrieben habe, mein Schmetterling. Ich habe oft viele Gedanken im Kopf, Nachrichten an dich, aber nichts will sich zu einem Text formen, nichts will genug Gestalt gewinnen, um es aufzuschreiben. Es passiert viel, deine zweite Schwester wächst und wächst, und die Schwangerschaft bringt, wie jede davor, ihre ganz eigenen Herausforderungen mit. Aber eines ist mir aufgefallen, in den Wochen und Monaten, die vergangen sind. Erst merkte ich es kaum, aber es wird deutlicher. Das Urvertrauen kommt zurück. Es erhebt sich nicht wie ein Phönix aus der Asche, um in neuem Glanz zu erstrahlen, heller denn je, sondern es ist mehr wie eine kleine Pflanze. Es keimt. Und es keimt offenbar auch in der Dunkelheit, bahnt sich langsam aber sicher seinen Weg zum Licht, hartnäckig und unermüdlich. So lange, bis der kleine Keim endlich seine ersten zarten Blätter ans Licht strecken durfte und sich gezeigt hat. Die ständige Angst, dass deine Schwester krank sein könnte, die heimliche, flüsternde Stimme die sagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, nur eine Frage der Zeit, sie verstummt. Nach und nach. Wird leiser, immer leiser. Ihr wispern ist kaum noch zu hören. „Vertraue in den Prozess des Lebens“ habe ich mir wie ein Mantra in der Schwangerschaft mit dir immer gesagt. Und vertraut habe ich, ich fühlte mich gewiss. Nachdem du fort warst, konnte ich das nicht mehr. Das Urvertrauen war zerstört, zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Dass es sich davon erholen kann hätte ich niemals erwartet. Aber es scheint so zu sein. Es wird sicher nie wieder so stark sein wie zuvor. Aber es erholt sich. Andere Ängste kommen und gehen, die Angst, dass jemand deinen Schwestern weh tun könnte, sei es körperlich oder emotional. Die Angst vor Unfällen, die Angst vor der Grausamkeit der Welt, vor den kleinen und großen Akten der Gewalt, die Menschen einander antun. Begonnen bei Ignoranz und bösen Worten, beendet bei Grausamkeiten die ich nicht nennen möchte. Aber das ist genau der Unterschied: Sie kommen und gehen. Sie bleiben nicht lang. Und zwischendrin keimt heimlich still und leise das Urvertrauen. Ich hoffe es darf erstarken. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Ich liebe dich und ich vermisse dich. Pass gut auf deine Schwestern auf. Sie könnten keinen besseren Schutzengel haben.

Einer kommt, einer geht.

Heute Morgen hast du wieder Gesellschaft bekommen, mein Schmetterling. Deine Uroma ist gestorben, meine Oma. Für sie war es ein Segen, sie war krank und ihr Selbst ging ihr immer weiter verloren. Es ist gut, dass sie nicht weiter miterleben musste, wie das Gewebe, aus dem ihre Persönlichkeit bestand, sich mehr und mehr aufribbelte. Faden um Faden verloren ging, bis es durchscheinend und faserig und am Ende zu Nichts geworden wäre. Ich musste heute Morgen viel darüber nachdenken, dass man immer sagt, dass einer geht, wenn einer kommt. Als deine Schwester geboren wurde, ist vorher ihre Uroma Lore gestorben. Jetzt, wo dein nächstes Geschwisterchen in diese Welt kommen möchte, ist eure Uroma Christa gegangen. Der Einzige, bei dem niemand unmittelbar ging, warst du, mein Schmetterling. Der Mann deiner verbleibenden Uromi auf dieser Erde ging schon fast ein Jahr vor deiner Geburt, da warst du nicht einmal in meinem Bauch. Und wie immer bei solchen Dingen bin ich verwundert über das Muster, das sich ergibt. Einer kommt und einer geht. Bei dir ist niemand gegangen. Du bist selbst wieder gegangen. Das Leben spielt manchmal seltsame Spiele. Ich hoffe du hast deine Uroma in Emfpang genommen. Sie war stets eine „eiserne Lady“, resolut und stark. Aber dein Tod hat auch sie schwer getroffen, schwerer vielleicht als einige der anderen Verluste, die ihr Leben mitgebracht hat. Sie wusste, wie es ist, ein Kind zu verlieren, hat sie doch auch ihr Kind verloren. Sie wusste, wie es ist, das eigene Kind gegen Krebs kämpfen zu sehen. Sie war kein Typ Mensch den man im klassischen Sinne liebevoll nennen würde, dazu war ihre Schale zu fest, aber sie war absolut hin und weg von dir, ebenso wie von deiner kleinen Schwester. Ich wünschte ich hätte ihr noch erzählen können, dass sie wieder Uroma wird. Aber an dem Tag, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, war ihr Verstand wie ein zu volles Glas, in das kein einziger weiterer Tropfen passt. Sie konnte die Nachricht nicht mehr aufnehmen. Aber ich bin mir sicher, dass sie es jetzt weiß. Am Ende hat sie immer wieder die gleichen Menschen gesehen. Zwei Männer und eine Frau. Ich hoffe, dass diese drei Personen gekommen sind, um sie abzuholen, und dass sie sie geleitet haben auf ihrem Weg. Ich hoffe, sie durfte in Frieden gehen. Und ich wünsche mir, dass sie bei dir auch inneren Frieden finden wird.

Dreieinhalb

Am Freitag war dein Geburtstag, mein Schmetterling. Und wie immer, wenn es nicht gerade in Strömen gießt, waren wir bei deinem Baum. Und auch wenn es, wie jedes Jahr, kein leichter Tag war, und kein leichter Gang, so war es trotzdem schön. Du hast uns Sonne geschickt, deine kleine Schwester hat unter deinem Baum gespielt und hat sich gefreut bei dir zu sein. Sie hat hinterher gesagt: „Es war schön bei Mika.“ Und sie hat ein paar Mal gefragt, ob wir wieder zu dir fahren. Wir haben ihr vesprochen, dass wir bald bei dir ein Picknick machen, viele leckere Sachen mitnehmen und sie bei deinem Bäumchen essen werden. Aber ein Bäumchen ist es gar nicht mehr, es ist inzwischen ein echter Baum. Denn so wie du dieses Jahr vier Jahre alt geworden wärst, so ist auch der Baum inzwischen fast vier Jahre älter geworden, seitdem wir deinen Körper unter ihm zu seiner letzten Ruhe gebettet haben. Und noch etwas hat sich geändert, seitdem wir das letzte Mal bei dir waren. Wir sind nämlich nicht mehr drei. Wir sind dreieinhalb. Behütet in meinem Inneren war ein kleines Menschlein mit bei dir, eine Seele, die du sicher sorgfältig für uns ausgesucht hast. Und wenn du willst, und wenn Gott will, dann wird im August ein neues kleines Wesen unsere Familie bereichern. Die Daten liegen so, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass die kleine Seele an dem Tag das Licht der Welt erblicken wird, an dem du aus dieser Welt geschieden bist. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Möglichkeit halten soll. Aber ich denke es wird am Ende so kommen wie es soll. Wenn der kleine Mensch sich entscheidet, dass er an diesem Tag kommen möchte, dann ist es okay. Und wenn er sich einen anderen Tag aussuchen möchte, dann ist es auch okay. Ich freue mich schon darauf, ihm von dir zu erzählen.

Wir vermissen dich,  besonders an diesen Tagen, und die Lücke, die deine Form trägt, ist viel zu groß. Sie ist uns an einem solchen Tag sehr schmerzlich bewusst. Aber du bist immer da. Und du wirst immer da sein.

Das Leben lieben

Heute habe ich eine wunderbare Sache gesehen, mein Schmetterling, und ich möchte sie mit dir teilen. Jemand hat einen Wunsch geäußert, aber nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Ich weiß nicht, wer die Person war, an die er gehen sollte, und ich weiß nicht wer ihn so wundervoll formuliert hat, aber es steckte so viel Wahrheit darin, dass er mich tief in meinem Herzen berührt hat. Übersetzt lautete der Wunsch so: „Ich hoffe es gibt Tage, an denen dein Kaffee wie Magie schmeckt, an denen deine Playlist dich tanzen lässt, Fremde dich zum lächeln bringen und der Nachthimmel deine Seele berührt. Ich hoffe, dass du dich wieder in das Leben verlieben wirst.“ Und ich glaube von allen Dingen, die man jemandem wünschen kann, der sein Kind ziehen lassen musste, ist das das Wichtigste: Das man sich eines Tages wieder in das Leben verlieben kann. Nicht einfach nur lebt, nicht einen Tag nach dem anderen irgendwie schafft, sondern die Tage wieder lieben kann, die Dinge um sich herum wieder von ganzem Herzen genießen lernt. Wenn man sein Kind verliert, verliert man so viel mehr als nur den Menschen, den man so sehr liebt, dass es weh tut. Man verliert, neben unzähligen anderen Dingen, die Liebe zum Leben. Und es ist ein langer, steiniger Weg diese Liebe neu zu entdecken. Mancher findet sie nie wieder. Für manchen ist sie zu weit fort, zu tief vergraben, der Schmerz ist zu stark um auch nur nach ihr zu suchen. Derjenige wird vielleicht auch leben, aber es wird ein existieren sein, jeder Tag wird ein Kampf sein, eine Mühsal, eine Qual. Aber für den, der es schafft, diese Liebe zum Leben irgendwann wiederzufinden, für denjenigen wird das Leben irgendwann wieder schön sein. Der wird irgendwann wieder über die kleinen Dinge lächeln können, die passieren, der wird irgendwann wieder Freude in Dingen finden, die er zuvor nicht einmal mehr beachtet hat. Nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr fühlen konnte. Ich werde versuchen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal einem verlassenen Elternteil begegne. Dass es nicht nur notwendig ist, die Kraft aufzuwenden, weiterzumachen, sondern dass es genauso wichtig ist, irgendwann wieder die Freude zu entdecken, die jeder einzelne neue Tag mit sich bringen kann, jeder Sonnenstrahl, jede Knospe, jedes Musikstück und jedes freundliche Wort. Ich hoffe, dass ihr euch wieder in das Leben verlieben werdet, ihr tapferen Eltern, ihr Kämpfer, ihr Löwen. Ich wünsche es jedem einzelnen von euch. Vielleicht ist noch nicht heute der Tag, und vielleicht auch nicht morgen, aber irgendwann. Eines Tages.

Heilen tut weh

Ich habe eine Weile nichts mehr geschrieben, mein Schmetterling. Mir sind immer mal wieder Gedanken durch den Kopf geschossen, aber ich hatte das Gefühl, sie nicht in Worte fassen zu können. Und dann habe ich einen Artikel gelesen, einen guten und wichtigen Artikel. Und dann kamen die Worte zurück. In diesem Artikel ging es darum, warum sich Heilung wie Verrat anfühlt. Und genau das hat mich in der letzten Zeit ganz viel beschäftigt. Ich habe es vor einiger Zeit schon einmal versucht, Worte dazu zu finden. Warum nur fühlen sich verwaiste Eltern oft so schlecht, wenn es ihnen besser geht? Warum haben wir das Gefühl, dass wir nicht heilen dürfen? Warum haben wir das Gefühl, dass wir Traditionen des Gedenkens, die wir uns selbst auferlegt haben, nicht wieder ablegen dürfen?

Es ist ein furchtbar schwieriges Thema. Vor ein paar Wochen hat ein Vater, der seit sechs Jahren jeden Tag an seine verstorbene Tochter geschrieben hat, sich entschieden, damit aufzuhören. Die Entscheidung muss unfassbar hart gewesen sein und in seinen Worten steckte all sein Schmerz. Er trauerte dem Schreiben hinterher, aber er hatte trotzdem das Gefühl, sich davon frei machen zu müssen. Weitergehen zu müssen, so seltsam das in diesem Zusammehang klingen mag.

Manchmal trauen wir uns nicht, Dinge wieder aufzugeben, weil wir das Gefühl haben, wir verraten unsere Kinder. Wir trauen uns nicht, nicht mehr jeden Tag eine Kerze anzuzünden. Wir trauen uns nicht, nichts mehr zu schreiben. Wir trauen uns nicht, nicht mehr ein Mal die Woche zum Grab zu fahren. Und all das, obwohl es sich vielleicht gar nicht mehr richtig anfühlt. Wir trauen uns nicht, weil wir Angst haben. Einerseits Angst, das Andenken unserer Kinder zu verraten. Anderseits Angst, dass wir vielleicht verurteilt werden. Man kann uns ja nur vor den Kopf schauen, und nicht hinein, und wie sieht es schon aus wenn man sich entscheidet, bestimmte Traditionen nicht mehr fortzuführen? So als würde man vergessen. So als wäre es einem egal. Man fragt sich sogar selbst, ob es einem egal geworden ist, wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt. Aber der Schmerz, den das Ablegen eines Verhaltens mit sich bringt, zeigt, dass es nicht egal ist.

Manchmal müssen wir Dinge loslassen, weil sie nicht mehr in die Zeit passen, in der wir uns befinden. Manchmal ist es notwendig, Dinge loszulassen, um heilen zu können. Es ist kein Verrat, auch wenn es sich so anfühlt. Es ist kein Vergessen. Und heilen heißt auch nicht heilen im Sinne von: Es ist alles wieder gut. Es heißt nur: Ich kann wieder gehen, wo ich vorher nur kriechen konnte. Vielleicht nie wieder so schnell, aber ich kann wieder gehen. Und manchmal müssen wir eine Last von unseren Schultern nehmen, um uns wieder aufrichten zu können. Es werden andere Traditionen an die Stelle treten. Vielleicht ein stilles Zwiegespräch, ab und zu. Vielleicht ein Lied, was uns ab und zu über die Lippen kommt. Loslassen tut weh. Auch Traditionen loslassen tut weh. Weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Weil wir Angst haben, dass wir die Verbindung verlieren. Aber das werden wir nicht. Wir müssen weiter wachsen, wir müssen weiter leben, mit unseren Kindern im Herzen und für die Kinder in unseren Herzen. Und was auch immer uns daran hindert: Fort damit. Etwas anderes wird an seine Stelle treten. Kein Einsiedlerkrebs wird in einem zu klein gewordenen Haus bleiben, weil er darin nicht wachsen kann. Keine Schlange wird an ihrer alten Haut festhalten, wenn sie nicht mehr passt. Und so müssen wir uns manchmal häuten und dabei Dinge zurücklassen. Und das ist okay. Auch wenn es weh tut. Oder gerade weil es weh tut. Es ist okay.