Heimweh nach Worten

Lange ist es her, dass die Muse mich geküsst hat, mein Schmetterling. Immer wieder sind Dinge passiert, über die ich dir hätte erzählen können, die ich dir hätte schreiben können, doch die Worte wollten nicht zu mir kommen. Formten sich hölzern in meinem Kopf, unter meinen Fingern, wollten nicht fließen. Trocken und staubig fühlten sie sich an. Viele schöne Dinge sind passiert, deine Schwester pflückt dir Blumen, malt dir Bilder, bastelt für dich. Singt dir Geburtstagslieder, auch wenn ich ihr immer wieder sage, dass es noch ein paar Tage dauert bis du Geburtstag hast. Sie erzählt mir, dass du in ihrem Herzen wohnst. Fragt mich, ob du wohl bald schlüpfen wirst, wann sie dich kennenlernen kann. Der Gedanke fühlt sich warm an, warm und schön. Die Idee, dass du in unseren Herzen wohnst und dort wächst, geborgen wie in einem Ei, wartend auf den Tag, an dem du schlüpfen wirst.

Und wie kam es, dass die Muse zurück kam, heute, ausgerechnet heute? Nach all der Zeit? Wieder war es der Tod, mein Schmetterling, der sie zu mir geschickt hat. Ich weiß nicht warum, doch immer wieder ist es der Tod, der sie zu mir schickt. Eine Künstlerin ist gestorben, ich erfuhr erst dadurch von ihr, und verlor mich in ihren Bildern. Unfassbar schöne Bilder, zart und voller Phantasie. Untermalt von einer Melancholie, die im Einklang mit meiner sang. Erst ganz leise, dann immer lauter. Und das Sehnen kam zurück. Wie ein Rufen in der Ferne. Wie Heimweh. Heimweh nach den Worten. Heimweh nach Schönheit. Heimweh danach, etwas zu Schaffen, etwas wachsen zu lassen. Ich kann nicht gut malen, bin keine begnadete Zeichnerin, auch wenn ich es gern wäre. Ich würde gern mit Bildern ausdrücken können, was ich fühle, doch ich kann es nicht. Aber ich kann es in Worten sagen. Und so lasse ich die Worte aus meinen Fingern fließen, lasse sie sprießen und wachsen. Wie die zarten Samen einer Löwenzahnblume fallen sie herab, treffen auf fruchtbaren Boden, und wachsen. Hinauf und hinauf, bis sie den Himmel erreichen. Bis sie dich erreichen. Ich hülle mich in meinen Kokon aus Worten, gesponnen aus Liebe und Schmerz, Sehnsucht, Heimweh, Dunkelheit und Sternen. Wie eine Decke legen sie sich um meine Schultern, und ich  fühle mich zu Hause. Endlich wieder zu Hause.

Du hast mir dieses Heimweh geschenkt, mein Schmetterling. Es war in mir, schon lange. Doch erst als die Dunkelheit durch dich immer dunkler wurde, erst als alles Licht verloschen war, konnte ich den Funken sehen, der in mir darauf wartete, geboren zu werden. Eines der vielen Geschenke, die du mir gemacht hast. Eines der vielen Dinge, die du mir gezeigt hast. Und so fühle ich die wohlige Wärme, die die Decke aus Worten mir gibt, sehe wie Wort um Wort, Silbe um Silbe, sich ein Haus um mich herum aufbaut. Ein Heim, um das Heimweh zu lindern. Und langsam vergeht es.

Ich liebe dich, mein Schmetterling. Bald wärst du fünf Jahre alt, und es ist schwer zu ertragen, so schwer, dass du fort bist. Du wärst so ein großer Junge. Ein Schulkind fast. Auch diesen Geburtstag werden wir feiern. Auch diesen Geburtstag werden wir überstehen. Und wenn es zu schwer wird, zu kalt, zu hart, dann denke ich an die Heimat aus Worten, die du mir geschenkt hast. Die Heimat, in der ich einen Moment wohnen kann, bis die Kälte vergeht. Bis der Sturm sich legt. Bis der Morgen graut. Bis die Sonne wieder scheint.

Hast du dich auch lieb?

Deine Schwester ist so klug, mein Schmetterling. Kinder sind manchmal unglaublich klug. Kinder haben eine Form von Weisheit inne, die den Erwachsenen oft abgeht, die irgendwann verloren gegangen ist. Eine Weisheit, der wir zuhören sollten. Gestern Abend habe ich sie für das Bett fertig gemacht, deine beiden Schwestern. Erst die große kleine, dann die kleine kleine. Und ich habe ihnen gesagt, dass ich sie lieb habe. „Ich habe dich lieb, Marlene. Und deine Schwester Nele habe ich lieb. Und deinen Bruder Mika habe ich lieb, und deinen Papa habe ich lieb.“ Und ohne von ihrem Spiel aufzublicken fragt sie mich: „Und hast du dich auch lieb?“ Und mir blieb die Spucke weg. Eine so kleine Frage, und doch so groß. Habe ich mich auch lieb? So banal und so wichtig. Tatsächlich hatte ich mich in der letzten Zeit oft nicht lieb, mein Schmetterling. Es sind viele Dinge passiert, jede Schwangerschaft verändert den eigenen Körper, die eigene Psyche. Manchmal sind die Veränderungen klein, manchmal sind sie groß, manche sind einem egal und manche nicht. Und manchmal haben wir Probleme, uns noch lieb zu haben. Das kann tausend Gründe haben, und es muss nicht immer eine Schwangerschaft sein, es kann alles sein was uns verändert. Das Altern, ein Trauma, ein Job, ein Verlust, einfach alles. Und wenn wir uns nicht lieb haben, dann gehen wir auch nicht liebevoll mit uns um. Mit jedem anderen würden wir vielleicht trotzdem wertschätzend umgehen, mit uns selbst aber nicht. Wir vergessen uns. Wir gehen im Alltag einfach unter. Merken es nicht einmal. Und deshalb sollte uns ab und an mal jemand mit so einer Frage wach rütteln. Und hast du dich auch lieb? Und wenn nicht: warum nicht? Du bist liebenswert. Du bist wundervoll. Du bist es wert, dich um dich zu kümmern. Viele von uns kümmern sich um alles, außer um uns selbst. Du verdienst es, dich lieb zu haben. Du verdienst es, dir Wertschätzung und Liebe zu zeigen. Danke, dass du mir so eine kluge große kleine Schwester geschickt hast, mein Schmetterling ❤

Hello darkness, my old friend

Da ist sie wieder, die Dunkelheit, mein Schmetterling. Mit der zunehmenden Dunkelheit in der Welt kommt die Dunkelheit in meinem Kopf, die Dunkelheit in mir. Jedes Lachen wird stets von einem Stich begleitet. Jeder Sonnenstrahl wirft einen Schatten. Jeder Gedanke birgt ein Flüstern im Hintergrund. Die Trauer wirft Wogen, aufgetürmt von einem wütenden Sturm, der aber stumm ist, den man nicht sieht und hört. Wie geträumt, gleich einer Fata Morgana. Wenn man meint seinen Finger darauf legen zu können, ist er einen Schritt weiter weg, man erreicht ihn nie ganz. Und so versteht man ihn nie ganz, kann ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht begreifen. Gedanken wirbeln, Gemurmel wie ein kalter Bach, doch nicht fröhlich, nein. Schwarzes Wasser ist es, schmutzig. Faulig. Das alte Gefühl zu ertrinken in diesem Meer, vom Sturm erfasst zu werden, herumgewirbelt, herum und herum, bis man die Richtung nicht mehr weiß. Vergisst wohin der Weg führt. Vergisst, wie das Licht aussieht. Und dann, am dunkelsten Ort, wo man sich nackt fühlt, nackt und allein, fällt plötzlich ein Seil hinab. Eine Lampe leuchtet herab, und man hört eine Stimme. Man schaut nach oben, blinzelt ins Licht und hört zu, hört was die Stimme sagt. Sie sagt Worte der Hoffnung, Worte der Unterstützung, und das Licht hört nicht auf zu leuchten. Irgendwann rappelt man sich auf, taumelt zum Seil und sieht im Licht: die Dunkelheit ist nicht so tief wie man dachte. Und all die Gespenster sind nicht echt. Sie lösen sich auf, in Schall und Rauch. Der Sturm legt sich, und alles wird leichter. Langsam, ganz langsam. Lasst liebe Menschen eure Seile und euer Licht sein, wenn ihr selbst keines findet. Ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht allein. Ihr seid. Nicht. Allein.

Bald

Wieder ein Morgen mit einer Hiobsbotschaft, wieder ein Kind eingeschlafen. Verzehrt von der unersättlichen Bösartigkeit der Krankheit, die auch dich aus unseren Armen gerissen hat. Ich ertrage es kaum ihr Foto anzusehen, ertrage es kaum die Worte der Verzweiflung ihrer Mutter zu lesen. Diesmal ist es besonders schlimm, denn eine kleine Zwillingsschwester ist da, versteht nicht was passiert ist, kann nicht begreifen warum ihre Schwester fort ist, wo sie doch immer, immer verbunden waren, schon vor ihrer Geburt. Unverständlich. Unerträglich. Für mich ist es das Härteste in die Augen der kleinen Menschen zu sehen, ihr Wesen zu sehen, und zu wissen, dass diese Augen nie wieder aufgehen werden. Dass das, was ich auf den Bildern von ihnen erahnen kann, fort ist. Einfach fort. Für immer. Dass sie nie wieder lachen werden, nie wieder weinen, dass sie nie wieder toben werden, oder sprechen. Dass ihre Familien nun jeden Aspekt von ihnen vermissen werden. So sehr vermissen, dass es weh tut, bei jedem Atemzug. Ich fühle meinen eigenen Schmerz, mein eigenes Vermissen, das Sehnen, das nie aufhört. Und all die Fragen konzentrieren sich, verschmelzen und werden zu der einen, die nie jemand beantworten kann: Warum? So sitze ich hier, wieder einmal, und weine mit einer Familie um ihr Kind, das ich nicht einmal kannte, aber doch meine zu kennen. So wie ich glaube, dass all diese Familien dich kennen, mein Schmetterling, wenn sie nur ein Bild von dir sehen. Und ich frage mich wann das aufhört. Wann das Sterben aufhört. Wann das Leiden aufhört. Wann wir ein Mittel gegen dieses Monster haben werden, das unserer Kinder frisst. Bald, hoffentlich sehr bald. Damit keine Familie mehr so leiden muss. Damit ich keine Augen mehr sehen muss, die nie wieder aufgehen. Damit keine einzige Schwester und kein Bruder mehr versuchen muss zu verstehen, dass ihr Geschwisterkind fort ist.

Geschwister im Doppelpack

Deine minikleine Schwester ist nun auf der Welt, mein Schmetterling. Aber das weißt du ja schon. Du hast einen ganz zauberhaften kleinen Menschen für uns ausgesucht. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet, dein Gespür war immer perfekt. Aber über eines denke ich nach seitdem deine Schwester auf der Welt ist. Denn unsere Hebamme, die auch deine war, und die deiner großen kleinen Schwester, hat nach der Geburt eine Besonderheit festgestellt. Ich hatte nicht nur eine Plazenta. Es waren zwei. Eine große, für deine Minischwester. Und eine kleine. Eine Nebenplazenta, nicht ausgereift, relativ klein aber doch deutlich erkennbar. 5-7cm im Durchmesser vielleicht. Unsere Hebamme sagte, dass da vielleicht ursprünglich ein Zwilling entstehen wollte, der sich dann aber nicht weiter entwickelt hat. Im Ultraschall haben wir nie ein zweites Kind gesehen, und doch ist es nicht ausgeschlossen. Ich finde den Gedanken schön, dass du zwei Geschwisterchen bekommen hast. Eines hier auf der Erde, um mit deiner großen kleinen Schwester zu spielen, und eines für dich im Himmel, um Dir und dem kleinen Sternchen, das bei dir wohnt, Gesellschaft zu leisten. Ich hoffe es geht euch gut da oben auf eurer Wolke. Wir denken mit ganz viel Liebe an euch, jeden Tag. Und ich freue mich jetzt schon auf den Moment, an dem ich deiner Minischwester von dir erzählen darf.

Er muss ihn nur lieben

Dein Schmetterlingspapa und ich haben eine Serie geschaut, mein Schmetterling. So, wie wir es oft abends gemacht haben, auch als du noch da warst. Ich musste viel darüber nachdenken, was ich dort gesehen habe. Ein junger Mann ist umgekommen, hatte einen Unfall, wurde sehr krank. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht da. Und kurz bevor er starb, Tage später, haben er und sein Vater über die Dinge gesprochen, über die auch wir uns so viele Gedanken gemacht haben. „Ein Vater muss seinen Sohn doch beschützen.“, hieß es da. Gedanke des Vaters. Verzweiflung des Vaters. Wie bei uns, wir wollten dich doch beschützen. Hätten es gemusst, gewollt, so sehr gewollt. Und konnten doch nicht. Und die Antwort darauf, vom Sterbenden, hat etwas in mir berührt. „Lieben. Er muss ihn nur lieben.“ Und das ist so wahr. Es gibt Situationen im Leben, da können wir unsere Kinder nicht beschützen. So sehr wir es wollen. So sehr wir es uns wünschen. Und das liegt außerhalb unserer Verantwortung. Wir müssen uns diese Situationen nicht immer und immer wieder vorwerfen. Wir möchten unsere Kinder beschützen, immer. Und doch können wir es nicht. Das ist schlimm, aber das ist auch normal. Das ist in Ordnung. Das muss in Ordnung sein. Unsere ureigenste Aufgabe ist, unseren Kindern Liebe zu schenken, sie mit unserer ganzen Liebe zu umgeben. Wenn wir sie beschützen können, tun wir das natürlich. Aber wenn wir das nicht können, bleibt als unsere Aufgabe übrig, sie in Liebe zu begleiten, sie mit unserer Liebe zu umfangen und sie dabei den Weg gehen zu lassen, der vor ihnen liegt. So einfach ist das. Und so schwer ist das.

Wie jedes Jahr

Nun ist er wieder da, der Tag, der immer wie ein dunkler Nebel über unseren Köpfen schwebt. Dichter werdend. Dunkler werdend, je näher er kommt. Wir wissen vorher nie, wie er sein wird, wie wir uns fühlen werden. Werden wir in der Nacht, die ihm vorausgeht, schlafen können? In der Nacht, in der du dich auf den Weg gemacht hast durch die einzige Tür, durch die wir dir nicht folgen können? In der Nacht, in der du deine Flügel aufgespannt hast und für immer davon geflogen bist? Wie wird der Tag sein? Wird die Sonne scheinen und alles in helles Licht hüllen, ein Licht, das es einfacher macht den Tag zu ertragen? Ein Licht, das Hoffnung schenkt? Oder wird es regnen, wird der Himmel mit uns weinen um dich, mein Schmetterling? Wie wird es uns gehen? Werden wir leiden oder werden wir Frieden in den Gedanken an dich finden? Es ist jedes Mal anders. Und jede Version ist okay. Ein Tag voller Tränen und Trauer ebenso wie ein Tag in fast schon fröhlichem Gedenken. Du bist nun vier Jahre fort. Vier lange, viel zu lange Jahre. Im nächsten Jahr werden wir dich hoffentlich zu viert besuchen können, werden zu viert unter deinem Baum sitzen und an dich denken. Ich bin gespannt, wann deine zweite Schwester auf die Welt kommen möchte. Ich hoffe nicht heute. Ich habe diesen Brief an dich schon gestern geschrieben, weil man nie weiß, was passiert. Vielleicht möchte sie sich in der Nacht auf den Weg machen, in der du gegangen bist? Wer weiß. Vielleicht möchte sie aber auch meinem Sehnen nachkommen, das sagt: Bitte nicht an diesem Tag. An jedem anderen. Aber bitte nicht an diesem. Aber egal wie sie sich entscheidet, es wird in Ordnung sein. Es wird einen Grund haben. Sie wird schon wissen, was sie tut. Ich vertraue ihr, so wie ich dir immer vertraut habe. Und wenn sie denkt es sei das Beste, wenn sie in dem Moment auf diese Welt kommt, in dem du sie vor vier Jahren verlassen hast, dann wird auch das seinen Sinn haben. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Jeden Tag. Und nun ganz besonders. Ich denke an deine Tapferkeit, deinen Kampf, an dein Wesen, an alles, was dich ausgemacht hat. Ich denke daran, wie du nun vielleicht wärst. Wie du dich als großer Bruder machen würdest. Ich erkläre deiner Schwester, warum ich manchmal weinen muss, wenn ich deine Bilder ansehe. Ich erkläre ihr, dass es okay ist, wenn man weint, weil man jemanden vermisst. Ich erkläre ihr, dass man keine Angst haben muss vor der Trauer. Genauso werde ich es dem neunen kleinen Wesen erklären, das in Startposition ist, das auf den richtigen Moment wartet, um in unser Leben zu treten. Das du sicher schon kennst, genauso wie sich dich sicher schon kennt. Und so harren wir der Dinge, die da kommen. Wie jedes Jahr, seitdem du fort bist. Wie jedes Jahr, bis auch wir wieder bei dir sein werden. Wir lieben dich. Wir vermissen dich. Du wirst immer ein Teil unserer Familie sein.