Hast du dich auch lieb?

Deine Schwester ist so klug, mein Schmetterling. Kinder sind manchmal unglaublich klug. Kinder haben eine Form von Weisheit inne, die den Erwachsenen oft abgeht, die irgendwann verloren gegangen ist. Eine Weisheit, der wir zuhören sollten. Gestern Abend habe ich sie für das Bett fertig gemacht, deine beiden Schwestern. Erst die große kleine, dann die kleine kleine. Und ich habe ihnen gesagt, dass ich sie lieb habe. „Ich habe dich lieb, Marlene. Und deine Schwester Nele habe ich lieb. Und deinen Bruder Mika habe ich lieb, und deinen Papa habe ich lieb.“ Und ohne von ihrem Spiel aufzublicken fragt sie mich: „Und hast du dich auch lieb?“ Und mir blieb die Spucke weg. Eine so kleine Frage, und doch so groß. Habe ich mich auch lieb? So banal und so wichtig. Tatsächlich hatte ich mich in der letzten Zeit oft nicht lieb, mein Schmetterling. Es sind viele Dinge passiert, jede Schwangerschaft verändert den eigenen Körper, die eigene Psyche. Manchmal sind die Veränderungen klein, manchmal sind sie groß, manche sind einem egal und manche nicht. Und manchmal haben wir Probleme, uns noch lieb zu haben. Das kann tausend Gründe haben, und es muss nicht immer eine Schwangerschaft sein, es kann alles sein was uns verändert. Das Altern, ein Trauma, ein Job, ein Verlust, einfach alles. Und wenn wir uns nicht lieb haben, dann gehen wir auch nicht liebevoll mit uns um. Mit jedem anderen würden wir vielleicht trotzdem wertschätzend umgehen, mit uns selbst aber nicht. Wir vergessen uns. Wir gehen im Alltag einfach unter. Merken es nicht einmal. Und deshalb sollte uns ab und an mal jemand mit so einer Frage wach rütteln. Und hast du dich auch lieb? Und wenn nicht: warum nicht? Du bist liebenswert. Du bist wundervoll. Du bist es wert, dich um dich zu kümmern. Viele von uns kümmern sich um alles, außer um uns selbst. Du verdienst es, dich lieb zu haben. Du verdienst es, dir Wertschätzung und Liebe zu zeigen. Danke, dass du mir so eine kluge große kleine Schwester geschickt hast, mein Schmetterling ❤

Hello darkness, my old friend

Da ist sie wieder, die Dunkelheit, mein Schmetterling. Mit der zunehmenden Dunkelheit in der Welt kommt die Dunkelheit in meinem Kopf, die Dunkelheit in mir. Jedes Lachen wird stets von einem Stich begleitet. Jeder Sonnenstrahl wirft einen Schatten. Jeder Gedanke birgt ein Flüstern im Hintergrund. Die Trauer wirft Wogen, aufgetürmt von einem wütenden Sturm, der aber stumm ist, den man nicht sieht und hört. Wie geträumt, gleich einer Fata Morgana. Wenn man meint seinen Finger darauf legen zu können, ist er einen Schritt weiter weg, man erreicht ihn nie ganz. Und so versteht man ihn nie ganz, kann ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht begreifen. Gedanken wirbeln, Gemurmel wie ein kalter Bach, doch nicht fröhlich, nein. Schwarzes Wasser ist es, schmutzig. Faulig. Das alte Gefühl zu ertrinken in diesem Meer, vom Sturm erfasst zu werden, herumgewirbelt, herum und herum, bis man die Richtung nicht mehr weiß. Vergisst wohin der Weg führt. Vergisst, wie das Licht aussieht. Und dann, am dunkelsten Ort, wo man sich nackt fühlt, nackt und allein, fällt plötzlich ein Seil hinab. Eine Lampe leuchtet herab, und man hört eine Stimme. Man schaut nach oben, blinzelt ins Licht und hört zu, hört was die Stimme sagt. Sie sagt Worte der Hoffnung, Worte der Unterstützung, und das Licht hört nicht auf zu leuchten. Irgendwann rappelt man sich auf, taumelt zum Seil und sieht im Licht: die Dunkelheit ist nicht so tief wie man dachte. Und all die Gespenster sind nicht echt. Sie lösen sich auf, in Schall und Rauch. Der Sturm legt sich, und alles wird leichter. Langsam, ganz langsam. Lasst liebe Menschen eure Seile und euer Licht sein, wenn ihr selbst keines findet. Ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht allein. Ihr seid. Nicht. Allein.