Kleine Schritte zum Urvertrauen

Es ist furchtbar lange her, seitdem ich das letzte Mal etwas geschrieben habe, mein Schmetterling. Ich habe oft viele Gedanken im Kopf, Nachrichten an dich, aber nichts will sich zu einem Text formen, nichts will genug Gestalt gewinnen, um es aufzuschreiben. Es passiert viel, deine zweite Schwester wächst und wächst, und die Schwangerschaft bringt, wie jede davor, ihre ganz eigenen Herausforderungen mit. Aber eines ist mir aufgefallen, in den Wochen und Monaten, die vergangen sind. Erst merkte ich es kaum, aber es wird deutlicher. Das Urvertrauen kommt zurück. Es erhebt sich nicht wie ein Phönix aus der Asche, um in neuem Glanz zu erstrahlen, heller denn je, sondern es ist mehr wie eine kleine Pflanze. Es keimt. Und es keimt offenbar auch in der Dunkelheit, bahnt sich langsam aber sicher seinen Weg zum Licht, hartnäckig und unermüdlich. So lange, bis der kleine Keim endlich seine ersten zarten Blätter ans Licht strecken durfte und sich gezeigt hat. Die ständige Angst, dass deine Schwester krank sein könnte, die heimliche, flüsternde Stimme die sagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, nur eine Frage der Zeit, sie verstummt. Nach und nach. Wird leiser, immer leiser. Ihr wispern ist kaum noch zu hören. „Vertraue in den Prozess des Lebens“ habe ich mir wie ein Mantra in der Schwangerschaft mit dir immer gesagt. Und vertraut habe ich, ich fühlte mich gewiss. Nachdem du fort warst, konnte ich das nicht mehr. Das Urvertrauen war zerstört, zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Dass es sich davon erholen kann hätte ich niemals erwartet. Aber es scheint so zu sein. Es wird sicher nie wieder so stark sein wie zuvor. Aber es erholt sich. Andere Ängste kommen und gehen, die Angst, dass jemand deinen Schwestern weh tun könnte, sei es körperlich oder emotional. Die Angst vor Unfällen, die Angst vor der Grausamkeit der Welt, vor den kleinen und großen Akten der Gewalt, die Menschen einander antun. Begonnen bei Ignoranz und bösen Worten, beendet bei Grausamkeiten die ich nicht nennen möchte. Aber das ist genau der Unterschied: Sie kommen und gehen. Sie bleiben nicht lang. Und zwischendrin keimt heimlich still und leise das Urvertrauen. Ich hoffe es darf erstarken. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Ich liebe dich und ich vermisse dich. Pass gut auf deine Schwestern auf. Sie könnten keinen besseren Schutzengel haben.

Einer kommt, einer geht.

Heute Morgen hast du wieder Gesellschaft bekommen, mein Schmetterling. Deine Uroma ist gestorben, meine Oma. Für sie war es ein Segen, sie war krank und ihr Selbst ging ihr immer weiter verloren. Es ist gut, dass sie nicht weiter miterleben musste, wie das Gewebe, aus dem ihre Persönlichkeit bestand, sich mehr und mehr aufribbelte. Faden um Faden verloren ging, bis es durchscheinend und faserig und am Ende zu Nichts geworden wäre. Ich musste heute Morgen viel darüber nachdenken, dass man immer sagt, dass einer geht, wenn einer kommt. Als deine Schwester geboren wurde, ist vorher ihre Uroma Lore gestorben. Jetzt, wo dein nächstes Geschwisterchen in diese Welt kommen möchte, ist eure Uroma Christa gegangen. Der Einzige, bei dem niemand unmittelbar ging, warst du, mein Schmetterling. Der Mann deiner verbleibenden Uromi auf dieser Erde ging schon fast ein Jahr vor deiner Geburt, da warst du nicht einmal in meinem Bauch. Und wie immer bei solchen Dingen bin ich verwundert über das Muster, das sich ergibt. Einer kommt und einer geht. Bei dir ist niemand gegangen. Du bist selbst wieder gegangen. Das Leben spielt manchmal seltsame Spiele. Ich hoffe du hast deine Uroma in Emfpang genommen. Sie war stets eine „eiserne Lady“, resolut und stark. Aber dein Tod hat auch sie schwer getroffen, schwerer vielleicht als einige der anderen Verluste, die ihr Leben mitgebracht hat. Sie wusste, wie es ist, ein Kind zu verlieren, hat sie doch auch ihr Kind verloren. Sie wusste, wie es ist, das eigene Kind gegen Krebs kämpfen zu sehen. Sie war kein Typ Mensch den man im klassischen Sinne liebevoll nennen würde, dazu war ihre Schale zu fest, aber sie war absolut hin und weg von dir, ebenso wie von deiner kleinen Schwester. Ich wünschte ich hätte ihr noch erzählen können, dass sie wieder Uroma wird. Aber an dem Tag, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, war ihr Verstand wie ein zu volles Glas, in das kein einziger weiterer Tropfen passt. Sie konnte die Nachricht nicht mehr aufnehmen. Aber ich bin mir sicher, dass sie es jetzt weiß. Am Ende hat sie immer wieder die gleichen Menschen gesehen. Zwei Männer und eine Frau. Ich hoffe, dass diese drei Personen gekommen sind, um sie abzuholen, und dass sie sie geleitet haben auf ihrem Weg. Ich hoffe, sie durfte in Frieden gehen. Und ich wünsche mir, dass sie bei dir auch inneren Frieden finden wird.

Dreieinhalb

Am Freitag war dein Geburtstag, mein Schmetterling. Und wie immer, wenn es nicht gerade in Strömen gießt, waren wir bei deinem Baum. Und auch wenn es, wie jedes Jahr, kein leichter Tag war, und kein leichter Gang, so war es trotzdem schön. Du hast uns Sonne geschickt, deine kleine Schwester hat unter deinem Baum gespielt und hat sich gefreut bei dir zu sein. Sie hat hinterher gesagt: „Es war schön bei Mika.“ Und sie hat ein paar Mal gefragt, ob wir wieder zu dir fahren. Wir haben ihr vesprochen, dass wir bald bei dir ein Picknick machen, viele leckere Sachen mitnehmen und sie bei deinem Bäumchen essen werden. Aber ein Bäumchen ist es gar nicht mehr, es ist inzwischen ein echter Baum. Denn so wie du dieses Jahr vier Jahre alt geworden wärst, so ist auch der Baum inzwischen fast vier Jahre älter geworden, seitdem wir deinen Körper unter ihm zu seiner letzten Ruhe gebettet haben. Und noch etwas hat sich geändert, seitdem wir das letzte Mal bei dir waren. Wir sind nämlich nicht mehr drei. Wir sind dreieinhalb. Behütet in meinem Inneren war ein kleines Menschlein mit bei dir, eine Seele, die du sicher sorgfältig für uns ausgesucht hast. Und wenn du willst, und wenn Gott will, dann wird im August ein neues kleines Wesen unsere Familie bereichern. Die Daten liegen so, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass die kleine Seele an dem Tag das Licht der Welt erblicken wird, an dem du aus dieser Welt geschieden bist. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Möglichkeit halten soll. Aber ich denke es wird am Ende so kommen wie es soll. Wenn der kleine Mensch sich entscheidet, dass er an diesem Tag kommen möchte, dann ist es okay. Und wenn er sich einen anderen Tag aussuchen möchte, dann ist es auch okay. Ich freue mich schon darauf, ihm von dir zu erzählen.

Wir vermissen dich,  besonders an diesen Tagen, und die Lücke, die deine Form trägt, ist viel zu groß. Sie ist uns an einem solchen Tag sehr schmerzlich bewusst. Aber du bist immer da. Und du wirst immer da sein.

Das Leben lieben

Heute habe ich eine wunderbare Sache gesehen, mein Schmetterling, und ich möchte sie mit dir teilen. Jemand hat einen Wunsch geäußert, aber nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Ich weiß nicht, wer die Person war, an die er gehen sollte, und ich weiß nicht wer ihn so wundervoll formuliert hat, aber es steckte so viel Wahrheit darin, dass er mich tief in meinem Herzen berührt hat. Übersetzt lautete der Wunsch so: „Ich hoffe es gibt Tage, an denen dein Kaffee wie Magie schmeckt, an denen deine Playlist dich tanzen lässt, Fremde dich zum lächeln bringen und der Nachthimmel deine Seele berührt. Ich hoffe, dass du dich wieder in das Leben verlieben wirst.“ Und ich glaube von allen Dingen, die man jemandem wünschen kann, der sein Kind ziehen lassen musste, ist das das Wichtigste: Das man sich eines Tages wieder in das Leben verlieben kann. Nicht einfach nur lebt, nicht einen Tag nach dem anderen irgendwie schafft, sondern die Tage wieder lieben kann, die Dinge um sich herum wieder von ganzem Herzen genießen lernt. Wenn man sein Kind verliert, verliert man so viel mehr als nur den Menschen, den man so sehr liebt, dass es weh tut. Man verliert, neben unzähligen anderen Dingen, die Liebe zum Leben. Und es ist ein langer, steiniger Weg diese Liebe neu zu entdecken. Mancher findet sie nie wieder. Für manchen ist sie zu weit fort, zu tief vergraben, der Schmerz ist zu stark um auch nur nach ihr zu suchen. Derjenige wird vielleicht auch leben, aber es wird ein existieren sein, jeder Tag wird ein Kampf sein, eine Mühsal, eine Qual. Aber für den, der es schafft, diese Liebe zum Leben irgendwann wiederzufinden, für denjenigen wird das Leben irgendwann wieder schön sein. Der wird irgendwann wieder über die kleinen Dinge lächeln können, die passieren, der wird irgendwann wieder Freude in Dingen finden, die er zuvor nicht einmal mehr beachtet hat. Nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr fühlen konnte. Ich werde versuchen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal einem verlassenen Elternteil begegne. Dass es nicht nur notwendig ist, die Kraft aufzuwenden, weiterzumachen, sondern dass es genauso wichtig ist, irgendwann wieder die Freude zu entdecken, die jeder einzelne neue Tag mit sich bringen kann, jeder Sonnenstrahl, jede Knospe, jedes Musikstück und jedes freundliche Wort. Ich hoffe, dass ihr euch wieder in das Leben verlieben werdet, ihr tapferen Eltern, ihr Kämpfer, ihr Löwen. Ich wünsche es jedem einzelnen von euch. Vielleicht ist noch nicht heute der Tag, und vielleicht auch nicht morgen, aber irgendwann. Eines Tages.