Mika geht um die Welt – Oktoberfest München

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Herzensverbindung

Zwischen deiner Schwester und dir besteht eine Herzensverbindung, mein Schmetterling. Da bin ich ganz sicher. Wir haben in der Küche zwei Vitrinen, auf denen Fotos von dir stehen, deine Spielzeuge und andere Erinnerungsstücke. Und deine kleine Schwester wollte schon sehr früh, quasi seitdem sie kommunizieren kann was sie sehen möchte, immer zu deinen Bildern. Und sie verhält sich ganz anders als mit vielen anderen Dingen. Sie ist normalerweise das typische kleine Kind. Alles muss in den Mund genommen werden, man muss die Dinge herunterwerfen, gegeneinander schlagen und testen, wie sie funktionieren. Mit deinen Sachen ist das nicht so. Sie weiß instinktiv, dass sie wichtig sind. Sie befühlt sie ganz zart mit einem Finger, viele nimmt sie nichtmal hoch. Streicht federzart über ihre Oberfläche, betastet und staunt. Als wüsste sie, dass es deine sind. Sie winkt dir zu, mein Schmetterling. Winkt deinen Fotos. Sagt aufgeregt: „Da! Da!“, und zeigt auf dich. Sie kennt dich. Schon sehr früh konnte sie sich so verständlich machen, zeigen was sie meint und möchte. Und eines Abends, glaube ich, hat sie dich gesehen. Wir haben über dich gesprochen, sie und ich. Ich habe ihr von dir erzählt, als wir gemeinsam auf dem Sofa saßen. Und plötzlich sagt sie ihr aufgeregtes: „Da! Da!“ Und zeigt hinter mich. Und als ich sie frage: „Ist da dein Bruder? Kommt Mika uns besuchen?“, winkt sie. Winkt hinter mich. Winkt dir zu? Ich frage sie: „Wo ist Mika?“ Und sie zeigt auf die gleiche Stelle. „Da, da.“, sagt sie. Winkt, lacht. Und ich lache auch. Und ich weine ein bisschen. Sie sieht dich, ich kann es leider nicht selbst. Aber das macht nichts. Du hast sie besucht, deine Schwester. Und mich auch. Da bin ich sicher.

Vergänglichkeit

Mir ist etwas aufgefallen, mein Schmetterling. An mir selbst. Eigentlich etwas albernes, aber seitdem du weg bist ist es sehr stark geworden. Ich habe verlernt, damit umzugehen, wenn Dinge enden. Wenn etwas vorbeigeht. Dazu gehört der Tod, natürlich, aber dazu gehört noch viel mehr. Ein ’nie wieder‘ in jeglicher Hinsicht. Lass es mich erklären. Ich war schon immer jemand, der traurig war, wenn ein liebgewonnenes Buch zu Ende ging, oder ein guter Film vorbei war. Ich mochte es nicht, aus dem Urlaub nach Haus zu fahren (wer mag das schon), aber dieses Nicht-Mögen hat eine neue Intensität erreicht, seitdem du weg bist. In der letzten Zeit sind viele Dinge zu Ende gegangen oder verloren worden, die mir lieb und teuer waren. Es wird nie wieder ein neues Buch von Terry Pratchett geben, denn er ist dem Alzheimer erlegen. Es wird nie wieder ein neues Lied von Chester Bennington geben, denn er hat sich entschieden, seinem Leben ein Ende zu setzen. Leonard Nimoy ist tot. Die Harry-Potter Serie ist vorbei. Die X-Men Ära ist vorbei, deren Filme mich lange, lange Zeit begleitet haben. Ich weiß es ist albern, einer Franchise-Linie hinterherzutrauern. Ich weiß es ist albern traurig zu sein, weil eine liebgewonnene Buchreihe vorbei ist. Aber ich kann es nicht ändern. Es beschäftigt mich tagelang, wochenlang. Ich glaube es ist eine Art verschobene Trauer um dich. Ich kann nicht mehr damit umgehen, wenn Dinge enden. Ich möchte, dass gute Dinge, Dinge die mir Freude machen, für immer sind. Ich möchte sie festhalten, ich möchte sie konservieren und ich möchte, dass es einfach immer so weitergeht. Jemand hat einmal gesungen: „Why do all good things come to an end?“. Und das frage ich mich momentan oft. Alles geht einmal zu Ende. Das ist der Lauf der Welt. Warum, warum nur fällt es mir so schwer das zu akzeptieren? Warum trauere ich Pop-Culture-Elementen hinterher? Warum trauere ich um Menschen, die ich gar nicht kenne? Ich glaube es hat etwas damit zu tun, dass mir mit jedem dieser Elemente, die verschwinden, ein Teil eines schönen Gefühls verloren geht. Etwas Schönes ist vorbei. Und womit ich nicht mehr umgehen kann ist ein ’nie wieder‘. Ich bin seltsam empfindlich geworden. Albern, wie gesagt, denn ein Buch ist ein Buch, ein Lied ist ein Lied und ein Film ist ein Film. Es ist alles Schall und Rauch. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Und so sitze ich da und  meine Seele ist traurig, weil wieder etwas vorbei ist, was ich liebgewonnen habe. Ich möchte keine Dinge mehr verlieren, und es scheint egal wie nichtig sie sind. Aber ich denke du verstehst mich, mein Schmetterling, denn du hast mich als deine Mama ausgesucht, mit all meinen seltsamen Macken und Empfindlichkeiten, mit all meinen Fehlern, Marotten und Spinnereien. Und deshalb wirst du die Frage verstehen, die sich mir immer und immer wieder stellt: warum müssen alle guten Dinge irgendwann enden? Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte alle Dinge festhalten, die mir etwas bedeuten. Aber ich bin nur ein Mensch und ich kann es nicht. Alles ist vergänglich. Und ich muss wieder lernen, das zu akzeptieren.