Erkennen

Wenn wir Menschen treffen, so bilden wir häufig schnell einen Eindruck. Wir ordnen ein ob wir sie sympathisch finden oder nicht, ob wir ihre Art zu sprechen mögen, wie kompetent wir sie finden, wie attraktiv vielleicht. Eine Verbindung muss dabei nicht entstehen, und ganz häufig entsteht sie auch nicht, wenn wir nur ein paar Worte wechseln. Wir dringen nicht durch die Fassade. Wir lernen nichts darüber, was für ein Mensch uns gegenübersteht. Aber ich habe festgestellt, dass das manchmal anders ist, mein Schmetterling. Ganz anders. Ich habe vor einiger Zeit mit jemandem gesprochen, und im Gespräch stellte sich heraus, dass sie auch ein Kind im Herzen trägt statt an der Hand. Und plötzlich war alles anders. Mit einem Satz. In einer solchen Situation ist es so, als ob unser Schmerz über uns hinaus agiert. Sich gegenseitig erkennt, sich die Hände schüttelt, sich still umarmt. Und spricht, stumm mit tausend Worten spricht, innerhalb von Sekunden. Mein Schmerz und ihr Schmerz tauschten sich aus, lernten sich kennen, oder kannten sich vielleicht schon immer. Sie sind uralt, diese Gefühle, und so kennen sie sich sofort, erkennen sich sofort, seit anbeginn der Zeit kannten sie sich, auch wenn es erst eine Sekunde her ist, dass sie sich trafen. Und plötzlich erkenne ich mein Gegenüber, mit all den Facetten die dazugehören. Es ist mehr als eine oberflächliche Beurteilung. Eine Verbindung ist entstanden, ohne dass auch nur ein weiteres Wort gefallen ist. Ohne dass auch nur ein weiteres Wort fallen muss. Wir sehen uns in die Augen und wir kennen uns, wir erkennen uns, mein Schmerz spiegelt sich in den Augen des Gegenübers wider. Und wir wissen. Beide. Es ist als spräche mein Geist mit ihrem oder seinem Geist, als würden sie innerhalb dieser einen Sekunde jedes Wort gesprochen haben, dass jemals gesprochen wurde. Und so nicken wir uns zu, wissend, erkennend. Und wir wissen, wer wir sind. Mehr Worte braucht es nicht. Schmerz als Verbindung. Und auch wenn ich dich unendlich lieber an meiner Seite wüsste, so muss ich auch diese Möglichkeit der Verbindung über alle Grenzen hinweg als Geschenk von dir an mich sehen, mein Schmetterling. Und so sehe ich sie, und ich denke an dich und schicke dir all meine Liebe wann immer ich dieses Erkennen erlebe.

Verkleidung

Manche Tage sind einfacher. Manche Tage sind schwerer. Das ist normal, und besonders ist es normal, wenn man jemanden vermisst, der nicht mehr hier sein kann. Jahrestage, Geburtstage, Festtage, solche Tage können eine besondere Herausforderung sein. Aber auch hier sind manche einfacher und manche schwerer. Manche werfen einen Schatten voraus. Dieser Schatten kann lang sein, oder kurz. Manche klingen nach, und auch das Echo hallt lange, oder kurz. Trauer kennt keine Regeln. Trauer kennt kein richtig oder falsch. Sie ist einfach da. Schmerz folgt keiner Logik. Heute ist dein sechster Geburtstag, mein Schmetterling. Und er hat in diesem Jahr einen langen, langen Schatten vorausgeworfen. Er war so lang, dass ich nicht erkennen konnte, warum es plötzlich so dunkel wurde. Warum das Atmen so schwer fiel. Warum alles plötzlich weh tat, warum ich wütend war, so unglaublich wütend. Jeden Morgen, noch vor dem ersten klaren Gedanken waren sie da: Die Wut und der Schmerz und die Verzweiflung. Eigentlich kenne ich sie, die Trauer. Wir kennen uns gut. Wir sind Weggefährten und es fühlt sich an als gingen wir seit einer Ewigkeit Seite an Seite miteinander unseren Weg. Aber diesmal habe ich sie nicht erkannt, denn sie kam so früh, stand so unerwartet vor der Tür. Wenn ich sie jetzt betrachte, kommt es mir vor als habe sie sich verkleidet. Getarnt hinter der Wut. Trauer tut das manchmal. Und wir müssen erst erkennen, dass sie eine Maske trägt, bevor wir sie ihr herrunterziehen können und ihr wahres Gesicht enthüllen. Sie sehen als was sie ist. Nur dann können wir wieder gemeinsam mit ihr gehen, nur dann wird aus einem Kampf wieder eine gegenseitige Akzeptanz. Und so habe ich Zeit damit verbracht wütend zu sein, rasend. Bis ich sie erkannt habe, die Maske. Bis ich sie herrunterreißen konnte. Und da steht sie, mitten im Raum, meine alte Freundin. Ihre ewige Gesellschaft ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir lieben. Und wir sehr lieben wir dich, mein Schmetterling. Und wir sehr fehlst du uns. Jeden Tag, aber besonders heute. Ich hätte mir so sehr gewünscht zu sehen, wie du in die Schule kommst. Alles was bleibt sind Fragen nach dem, was gewesen wäre. Was hätte sein können, hätte sein sollen. Heute sind diese Fragen mehr als ich ertragen kann und ich muss mich bemühen sie fortzuschieben, bevor sie mich überrollen. Heute kann ich die Trauer nicht einfach zulassen und sie walten lassen wie sie will, ich kann sie nicht in ihrer vollen Härte aushalten. Ich muss sie auf Abstand halten. Heute kann ich sie nicht umarmen. Sie ist zu groß und meine Arme sind nicht lang genung. Aber vielleicht ist es genug, aus der Entfernung ein Zwiegespräch zu halten. Bis sie wieder etwas kleiner geworden ist, bis ich sie wieder umfassen kann.

Alles Gute zum Geburtstag, mein Schmetterling. Wir lieben dich so sehr. Du bist ein wundervoller großer Bruder, und auch wenn du heute nicht hier sein kannst um mit uns Kuchen zu essen, dann essen wir Kuchen für dich und werden an dich denken. Ganz fest.

Ziehen

Vor einigen Tagen habe ich im Auto gesessen und an dich gedacht, mein Schmetterling. Und da fühlte ich sie wieder, die Trauer. Die alte Bekannte. Die gute Freundin. Begleiterin. Teil meines Lebens. Aber noch etwas habe ich gefühlt, etwas das ich immer fühle, aber über dessen Bedeutung ich mir vorher weniger Gedanken gemacht habe. Das altbekannte Ziehen in meinem Herzen. Es fühlt sich an, als wolle es heraus aus meiner Brust. Als hätte jemand einen Faden in der Hand und würde mit aller Kraft versuchen, es aus meiner Brust zu zerren. Und da hatte ich einen Gedanken, den ich wunderschön fand. Was ist, wenn das Ziehen unser Band ist, das ich spüre? Und so stelle ich mir wieder vor, wie wir verbunden sind, fest verbunden mit unserem silbernen Band aus Liebe. Ein Band, dass selbst der Tod nicht trennen kann. Ein Band so stark, dass es ewig reicht, über die letzte Grenze hinaus. Zeit und Raum überwindend, immer da. Es leuchtet, dieses Band, leuchtet in der Dunkelheit. Wir sind weit voneinander getrennt, zu weit um uns erreichen zu können. Aber das Band verbleibt. Und immer, wenn ich an dich denke, dann ziehe ich an meinem Band, und du ziehst von der anderen Seite an deinem. Wir senden Signale aneinander, versichern uns, dass wir noch da sind. Unsere Herzen sehnen sich so sehr nach Nähe. Versuchen mit so viel Kraft, sich einander anzunähern, dass sich das Band zusammenzieht. Fester und fester. Es versucht den Abstand zwischen uns zu verringern, mit aller Macht die ihm zur Verfügung steht. Und so spüre ich das Ziehen in meinem Herzen, spüre es ganz deutlich. Und es ist ein gutes Gefühl. Wenn ich es so sehen kann, dann tut es nicht weh. Dann ist es schön. Denn es ist eine Verbindung zu dir. Eine Verbindung die niemals endet. Und wenn ich das nächste Mal das Ziehen in meinem Herzen spüre, dann werde ich es wahrnehmen und froh sein. Froh darüber, dass wir so fest verbunden sind, dass ich den Zug in meinem Herzen noch immer spüren kann. Dass ich mein kleines Signal an dich senden kann und dass du antwortest. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Und ich bin dankbar, dass ich diese Liebe immer wieder spüren kann.

Weihnachten 2020

Auch dieses Jahr wieder wird es Weihnachten, auch wenn der eine oder andere sich vielleicht überhaupt nicht danach fühlt. Auch wenn der Welt vielleicht gar nicht nach Feiern zumute ist. Aber die Begeisterung deiner beiden kleinen Schwestern macht einen Mangel an eigener Weihnachtsstimmung wett. Die kindliche Aufregung, die Euphorie, das Funkeln in den Augen schon Tage zuvor. Die Begeisterung beim Schmücken des Baumess und bei den Vorbereitungen. Es wäre wirklich schön, wenn auch du mit deiner eigenen Begeisterung dabei wärst. Aber ich bin sicher, du bist auch da begeistert, wo du nun gerade bist. Dieses Jahr hängt endlich ein Bild von dir im Baum, so seid ihr alle drei zusammen vertreten. Das hat mich die letzten Jahre gestört, auch wenn ich nie richtig den Finger drauf legen konnte. Aber jetzt wo da Bild da ist, fühlt es sich besser an. Es ist schön zu spüren, dass Weihnachten weniger schwer wird. Weniger traurig. Dass der Zauber zurück kommt. Langsam. Ganz langsam. Zumindest für uns.

In diesem Jahr werden mehr Familien als sonst zum ersten Mal ein Fest erleben, in dem jemand fehlt. Die Pandemie hat viele Leben gekostet. Alte und junge. Ich hoffe, das erste Weihnachten ohne einen wichtigen Menschen wird irgendwie zu ertragen sein. Und ich hoffe in all diesen Familien wird der Weihnachtszauber wiederkommen. Wahrscheinlich nicht im nächsten Jahr, und wahrscheinlich auch nicht im Jahr darauf. Aber vielleicht im Jahr danach. Oder im darauffolgenden. Langsam. Ganz langsam. Ich wünsche es ihnen von Herzen.

Trügerischer Alltag

Der Alltag ist ein trügerisches Ding, mein Schmetterling. Er gaukelt uns Normalität vor, er wiegt uns in trügerischer Sicherheit. Alles geht seinen Gang, alles ist vorhersagbar, planbar, einschätzbar. Er hält uns beschäftigt, unseren Körper und unseren Geist. Er ist die Tretmühle, das Hamsterrad in dem wir laufen. Manchmal schauen wir weder nach rechts noch nach links, sind doch immer nur mit dem nächsten Schritt beschäftigt, und dann dem nächsten, und dann dem nächsten. Das kann sehr heilsam sein. Der Alltag hat uns gefehlt, nachdem du weg warst, mein Schmetterling. Alles lag in Scherben, alles war anders, nichts war mehr planbar. Nichts war mehr normal. Ein Normal war nichtmal denkbar, lag es doch in unendlich weiter Ferne, war doch jeder Atemzug unnormal, jeder Schritt eine unfassbare Last. Nach und nach ist er wieder eingekehrt, der Alltag. Und er wurde beschäftigter, lief schneller. Deine große kleine Schwester wurde geboren, dann deine kleine kleine Schwester. Manchmal ist so viel Alltag, dass die Luft zum atmen fehlt, die Zeit zum Denken. Auch das kann gut sein. Und so sitze ich ab und zu da, wenn ich doch einmal verschnaufen kann, und denke mir: Eigentlich geht es mir ganz gut. Eigentlich habe ich alles ganz gut verpackt. Eigentlich. Und dann kommt er. Der Augenblick. Wie ein Blitz. Ein Zufall. Nicht planbar, nicht vorhersehbar, will ich ein Bild einfügen, in ein Dokument bei der Arbeit. Und da springt mich dein Blick an. Durch den Bildschirm und mitten ins Herz. Und plötzlich prasselt all das auf mich ein, was der Alltag sonst von mir fern hält. All die Gedanken, all das Sehnen, all die Fassungslosigkeit darüber, dass du nicht da bist, dass dein Blick mich nur durch den Bildschirm treffen kann. Und ich vermisse dich, mein Schmetterling, ich sehne mich nach dir wie am ersten Tag. Und dann lasse ich sie fließen, all die Tränen, die der Alltag sonst in Schach hält. Ich zoll sie dir, wie einen Tribut, denn du verdienst ihn. Und dann schaue ich auf die Uhr, und der Alltag möchte mich zurück, muss mich zurück haben. Er zieht und zerrt und reißt an mir, und ich gebe nach, muss nachgeben. Ich schicke einen letzten Gruß in deine Richtung und trete wieder ein in mein Hamsterrad, das mich trägt, mir kleines Ziel nach dem anderen setzt, eins nach dem anderen, einen Schritt nach dem anderen. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Du bist nicht vergessen, und du wirst es niemals sein. Und der Schmerz, der kommt, wenn ich aus dem Hamsterrad treten darf, treten muss, ist gut. Er zeigt mir, dass die Liebe zu dir immer noch stark ist, so stark wie am ersten Tag, und so wird sie uns weiter verbinden. In jedem Atemzug. Bis ich dich wiedersehe.

Heimweh nach Worten

Lange ist es her, dass die Muse mich geküsst hat, mein Schmetterling. Immer wieder sind Dinge passiert, über die ich dir hätte erzählen können, die ich dir hätte schreiben können, doch die Worte wollten nicht zu mir kommen. Formten sich hölzern in meinem Kopf, unter meinen Fingern, wollten nicht fließen. Trocken und staubig fühlten sie sich an. Viele schöne Dinge sind passiert, deine Schwester pflückt dir Blumen, malt dir Bilder, bastelt für dich. Singt dir Geburtstagslieder, auch wenn ich ihr immer wieder sage, dass es noch ein paar Tage dauert bis du Geburtstag hast. Sie erzählt mir, dass du in ihrem Herzen wohnst. Fragt mich, ob du wohl bald schlüpfen wirst, wann sie dich kennenlernen kann. Der Gedanke fühlt sich warm an, warm und schön. Die Idee, dass du in unseren Herzen wohnst und dort wächst, geborgen wie in einem Ei, wartend auf den Tag, an dem du schlüpfen wirst.

Und wie kam es, dass die Muse zurück kam, heute, ausgerechnet heute? Nach all der Zeit? Wieder war es der Tod, mein Schmetterling, der sie zu mir geschickt hat. Ich weiß nicht warum, doch immer wieder ist es der Tod, der sie zu mir schickt. Eine Künstlerin ist gestorben, ich erfuhr erst dadurch von ihr, und verlor mich in ihren Bildern. Unfassbar schöne Bilder, zart und voller Phantasie. Untermalt von einer Melancholie, die im Einklang mit meiner sang. Erst ganz leise, dann immer lauter. Und das Sehnen kam zurück. Wie ein Rufen in der Ferne. Wie Heimweh. Heimweh nach den Worten. Heimweh nach Schönheit. Heimweh danach, etwas zu Schaffen, etwas wachsen zu lassen. Ich kann nicht gut malen, bin keine begnadete Zeichnerin, auch wenn ich es gern wäre. Ich würde gern mit Bildern ausdrücken können, was ich fühle, doch ich kann es nicht. Aber ich kann es in Worten sagen. Und so lasse ich die Worte aus meinen Fingern fließen, lasse sie sprießen und wachsen. Wie die zarten Samen einer Löwenzahnblume fallen sie herab, treffen auf fruchtbaren Boden, und wachsen. Hinauf und hinauf, bis sie den Himmel erreichen. Bis sie dich erreichen. Ich hülle mich in meinen Kokon aus Worten, gesponnen aus Liebe und Schmerz, Sehnsucht, Heimweh, Dunkelheit und Sternen. Wie eine Decke legen sie sich um meine Schultern, und ich  fühle mich zu Hause. Endlich wieder zu Hause.

Du hast mir dieses Heimweh geschenkt, mein Schmetterling. Es war in mir, schon lange. Doch erst als die Dunkelheit durch dich immer dunkler wurde, erst als alles Licht verloschen war, konnte ich den Funken sehen, der in mir darauf wartete, geboren zu werden. Eines der vielen Geschenke, die du mir gemacht hast. Eines der vielen Dinge, die du mir gezeigt hast. Und so fühle ich die wohlige Wärme, die die Decke aus Worten mir gibt, sehe wie Wort um Wort, Silbe um Silbe, sich ein Haus um mich herum aufbaut. Ein Heim, um das Heimweh zu lindern. Und langsam vergeht es.

Ich liebe dich, mein Schmetterling. Bald wärst du fünf Jahre alt, und es ist schwer zu ertragen, so schwer, dass du fort bist. Du wärst so ein großer Junge. Ein Schulkind fast. Auch diesen Geburtstag werden wir feiern. Auch diesen Geburtstag werden wir überstehen. Und wenn es zu schwer wird, zu kalt, zu hart, dann denke ich an die Heimat aus Worten, die du mir geschenkt hast. Die Heimat, in der ich einen Moment wohnen kann, bis die Kälte vergeht. Bis der Sturm sich legt. Bis der Morgen graut. Bis die Sonne wieder scheint.