Wie jedes Jahr

Deine Nacht steht wieder bevor, mein Schmetterling. Morgen ist dein dritter Todestag. Und wie jedes Jahr stehe ich vor diesem riesigen Berg Emotionen, vor meiner unendlichen Trauer um dich, vor der Angst vor der Nacht und dem Tag, und vor meiner Liebe zu dir. Meiner unerschöpflichen, ewigen Liebe. Und wie jedes Jahr sind es zu viele Gefühle, um sie in mir verschließen zu können. Sie kommen einfach heraus. Ich bin ein Gefäß mit einem Sprung, und immer wieder tritt etwas der Gefühle aus. Je näher wir dem Moment kommen, desto stärker wird es, desto mehr lassen sich die Gefühle nicht im Zaum halten. Sie übermannen mich, immer wieder. Aber das ist okay. Meine Gefühle sind das, was uns verbindet, was uns immer verbinden wird, und was mich am Ende, wenn es so weit ist, wieder zu dir führen wird. Meine Gefühle sind mein Tribut an dich. Ich lege sie dir zu Füßen, baue ein Schloss aus ihnen, in denen die Erinnerung an dich fürstlich lebt. Wie jedes Jahr erhebe ich dich auf deinen Thron aus Tränen, wo du sitzen wirst, bis der Tag geschafft ist. Einen Atemzug nach dem anderen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Augenblick nach dem anderen. Heute Nacht werde ich wieder spüren wie du mir entgleitest, wie du deinen letzten Atemzug nimmst, wie dein Herz ein letztes Mal schlägt. Wie du mir entglitten bist, ganz langsam. Wie jedes Jahr weiß ich nicht, wie ich das erneut ertragen soll. Aber wie jedes Jahr weiß ich: ich werde überleben. Ich schaffe es. Auch wenn ich gebrochen bin und geschafft nach deiner Nacht, auch wenn mir alles weh tut und ich müde bin, auch wenn ich nicht erhobenen Hauptes gehen kann, weil die Kraft fehlt: ich werde leben. Mein Herz wird weiterschlagen, doppelt so stark, denn es schlägt auch an deiner statt. Und wie jedes Jahr bringt mich auch diese Sternenschnuppennacht wieder einen Schritt näher zu dir.

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Ein kleiner Gruß

Gestern ist etwas sehr schönes passiert. Ich bin mir sehr sicher, dass du bei mir warst, mein Schmetterling. Und ich habe mich riesig darüber gefreut. Nachdem ich deine kleine Schwester weggebracht hatte und wieder nach Hause kam, um mit der Arbeit zu beginnen, flog ein Schmetterling sehr zielstrebig auf mich zu. Ein wunderschönes, leuchtend buntes und verhältnismäßig großes Tagpfauenauge war es. Sie sind rar bei uns und ich sehe nur sehr selten welche. Zitronenfalter und Kohlweißlinge gibt es in rauen Massen, aber Tagpfauenaugen, nach meinem Empfinden eine der schönsten Arten von Schmetterlingen, gibt es nur selten. Und dieser fröhlich bunte Falter flog direkt auf mich zu und setzte sich auf meine Brust. direkt über meinem Arm, den ich gehoben hatte als ich seine Absicht wahrgenommen hatte. Ich konnte seine Flügel direkt an meinem Arm spüren. Ich hab sofort gewusst, dass du es warst, der mir hier einen Gruß schenken wollte. Ich begrüßte den Schmetterling, wünschte ihm einen guten Morgen. „Wie geht es dir?“, fragte ich. Er blieb weiter sitzen und ich sah ihn an, in seiner ganzen Schönheit und ganz nah bei mir. „Ich hab dich lieb.“, sagte ich. Dann erhob er sich von meinem Arm und flog davon, in den wolkenlos klaren blauen Morgenhimmel. Ich habe mich gefreut, dass du mir so nah warst, mein Schmetterling. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Erinnerungskiste

Lange Zeit lag deine Erinnerungskiste in einem Karton. Lange Zeit haben wir sie nicht mehr in der Hand gehabt, mein Schmetterling. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass wir ja umgezogen sind und mein Zimmer noch nicht fertig war, deshalb gab es keinen Schrank in dem sie liegen konnte und sie ist mir für eine lange Zeit nicht mehr ins Auge gefallen. Und dabei ist etwas passiert. Ich habe Angst vor ihr bekommen.

Bisher fühlte es sich nie schlecht an, diese Dinge zu sehen. Sie versetzten mir einen Stich, aber ich konnte damit umgehen. Ich war daran gewöhnt. Und das bin ich nun nicht mehr. Als sie vor einiger Zeit dann hervorgeholt wurde, weil dein Schmetterlingspapa etwas suchte, konnte ich sie nicht sehen. Sie stand auf dem Tisch und ich konnte sie nicht anschauen, wollte nicht. Hineinsehen wollte ich schon gar nicht, allein die Hülle tat mir weh. Dabei kenne ich alles was darin ist, kenne jeden Inhalt wie mich selbst. Ich verstehe nicht, warum sie mir so bedrohlich vorkam. Ich habe meine Jacke auf sie gelegt, damit ich sie nicht sehen muss. Konnte sie nicht einmal selbst wegräumen. Ich war ein Feigling, brachte es nicht über mich, mich dem zu stellen. Und seither beschäftigt es mich. Dein Schmetterlingspapa räumte die Kiste dann wieder weg, als er merkte, dass sie mir wehtat, aber ich bekomme es nicht aus meinem Kopf.

Ich hatte nie Angst vor deinen Dingen. Womit ich nicht umgehen konnte war eine unkontrollierte Konfrontation, aber diese Gegenstände sind mir alle vertraut. Warum also tun sie mir plötzlich so weh? Ich bin nicht instabiler als sonst. Ich bin wie immer immer mal wieder sehr traurig, aber wie seit längerer Zeit komme ich ansonsten gut zurecht. Ich denke sehr oft an dich, viele Male jeden Tag, aber meistens mit einer bittersüßen Mischung aus Trauer und Liebe. Aus der Kiste strömte nur Trauer. Und das konnte ich nicht aushalten.

Ich glaube ich werde mir Zeit nehmen müssen, mein Schmetterling, Zeit mit deinen Dingen. Zeit für dich. Ich werde mir einen Augenblick für mich nehmen müssen, um die Kiste zu öffnen, um sie wieder vertrauter zu machen und ihr ihre Bedrohlichkeit zu nehmen. Um all deine Dinge in die Hand zu nehmen und sie in meinem Herzen neu zu bewegen, bis sie wieder ihren Platz gefunden haben. Denn sie gehören hierher, sie gehören zu dir und damit gehören sie auch zu mir. Ich muss keine Angst vor ihnen haben. Aber das muss ich offenbar erst neu wieder lernen. Die Zeit heilt keine Wunden. Zu viel Zeit schafft nur neue.