Mika geht um die Welt – Ägypten

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Flashbacks

Heute möchte ich von Flashbacks erzählen, mein Schmetterling. Flashbacks und Erinnerungen sind nämlich zwei verschiedene Dinge. Erinnerungen sind gebunden an die Vergangenheit. Flashbacks sind ein Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart. Eine Erinnerung kann man bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, ein Flashback liegt außerhalb jeder Kontrolle. Eine Erinnerung hat häufig einen erkennbaren Auslöser, wenn sie präsent wird. Ein Flashback kann gefühlt völlig ohne Vorwarnung auftreten. Erinnerung können schon sehr intensiv sein, Sie können viele Sinneseindrücke beinhalten. Aber gegen ein Flashback ist eine Erinnerung ein vergilbtes Foto in einem blind gewordenen Rahmen. Ein Flashback trifft dich wie ein Güterzug aus dem Nichts. Ich möchte darüber sprechen, weil ich vor ein paar Nächten plötzlich das große Missvergnügen hatte, wieder nach langer Zeit eines erleben zu müssen. Flashbacks sind die Hölle. Sie sind bildgewordener Schmerz. Ich habe nur versucht einzuschlafen, ich habe an nichts bestimmtes gedacht. Und plötzlich, völlig ohne Vorwarnung, völlig ohne vorherigen negativen Gedanken, ohne eine negative Emotion, kamen die Bilder. Kamen die Gefühle. Kamen alle Sinneseindrücke. Alles auf einmal. Alles. Jedes Detail scharf, jede Einzelheit grell wie eine Neonreklame. Alle Geräusche, alle Gerüche, jede kleine Einzelheit. Man kann sich das kaum vorstellen. Die Intensität ist nicht auszuhalten. Man erinnert nicht. Man ist. Man befindet sich in genau der Situation, zu genau dem Zeitpunkt. Alle Kontrollmechanismen sind dahin. Der emotionaler Schmerz eines solchen Flashbacks hat eine Stärke, die extreme körperliche Reaktionen auslöst. Das Herz beginnt zu rasen, Hitze entsteht, der Atem geht angestrengt und laut. Der Schmerz ist so intensiv dass man schreien möchte, aber da liegt ein Kind, ein kleines Kind welches schlafen möchte, deshalb öffnet man nur seinen Mund. Der Schrei bleibt stumm, aber in seiner Stille ist er trotzdem unglaublich laut, unglaublich rau, er tut weh, der Mund bleibt weit offen, weil man ihn vor lauter Schmerz nicht schließen kann. Und dann entsteht doch ein Geräusch, ein leises, ein stöhnen in dem alle Last der Welt steckt, jämmerlich, unmenschlich. Die Hände krallen sich in die Laken, um einen Rest an Kontrolle zu behalten. Die Augen brennen, sie sind heiß und laufen über. Es tut weh, alles tut weh, alles. Alles. Die Welt brennt. Das Herz zerbricht wieder und wieder in 1000 Stücke, wie ein Film in dem jemand zurückspult um die selbe Szene immer und immer wieder anzusehen. Ich sehe dich wie du stirbst, ich sehe alles. Ich fühle alles, ich rieche und schmecke alles. Es ist grell und laut und furchtbar. Es ist keine Erinnerung, es ist die Gegenwart. Es ist jetzt. Es passiert jetzt. In diesem Moment. Und im nächsten. Und im nächsten. Und ich erlebe es wieder und wieder, ich sterbe mit dir wieder und wieder. Bis es plötzlich ein Ende hat, ebenso plötzlich wie es kam. Und ich liege im Bett, nass vor lauter Schweiß, mein Herz schlägt schnell und mein Atem geht schwer und hart. Langsam, ganz langsam finde ich meine Ruhe wieder. Ich fühle in meine Erschöpfung hinein und finde die Ruhe in ihr. Und dann schlafe ich endlich ein, der gnädige Schlaf erspart mir weitere Gedanken. Und im Schlaf gehe ich zu dir und nichts tut weh. Alles ist gut bei dir. Und am nächsten Morgen ist das Flashback nur ein Schatten aus der Vergangenheit.

Auch das ist eine Seite der Trauer, mein Schmetterling, und es ist eine der schlimmsten. Ich wünsche mir, dass das für lange Zeit das letzte Mal gewesen ist und dass die Vergangenheit zumindest was das angeht in der Vergangenheit bleibt.