Vermischen

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Erinnerungen vermische seitdem deine Schwester da ist. Manchmal weiß ich nicht mehr, welche Bilder in meinem Kopf deine und welche ihre sind. Ich habe viel darüber nachgedacht und es hat mich traurig gemacht, mein Schmetterling. Aber heute habe ich mir die Zeit genommen, deine Bilder anzusehen. Und ich weiß warum ich das Gefühl habe, dass sich die Erinnerungen vermischen. Ihr seid euch unglaublich ähnlich. Lange sah deine Schwester ganz anders aus als du, aber sie wird dir wieder immer ähnlicher. Eure Gesichtsausdrücke, euer Lächeln, der Blick in euren Augen. Es ist unglaublich wie ähnlich ihr euch seid. Die verschmitzte Art wie ihr schaut, sie Begeisterung, dieser Entdeckergeist. Ich sehe all das in ihr wieder und ich bin so unendlich verliebt. Ich habe das so vermisst und deine Schwester gibt es mir zurück, sie schenkt es mir. Die Erinnerungen vermischen sich nicht, sie leben wieder auf. Es ist so, als könnte ich dich in ihren Augen sehen. Deine Schwester ist anders als du, sie ist energischer und wilder und willensstärker. Aber sie ist genau so neugierig und bewundert die Welt. Sie ist genau so lebensfroh. Und diesen Funken, den ich so vermisst habe, den bringt sie in unser Leben zurück. Gott wie ich sie liebe. Ich könnte sie den ganzen Tag bewundern, so wie ich dich bewundert habe. Und noch immer bekomme ich Nachrichten von Menschen, deren Leben sich durch deine Geschichte verändert hat, die andere Wege gegangen sind. Die immer noch jeden Tag an dich denken, auch nach all dieser Zeit. Ich bin so stolz auf dich, mein Schmetterling, unendlich stolz. Du warst, du bist ein wundervolles Kind und ich liebe dich. 

Schockstarre?

Momentan ist eine schwierige Zeit, mein Schmetterling. Ich bin in eine Art Schockstarre verfallen. Ich warte ab. Ich lausche in meine Umgebung, ich lausche in mich selbst. Ich beobachte. Und die Zeit fliegt nur so vorbei. Ich schaue ihr dabei zu. Deine Schwester ist jetzt bald ein halbes Jahr alt. Und es ist noch nichts passiert. Der schlimme Tag, der magische Tag, der alles verändernde Tag in unserem Leben käme jetzt bald. Der Tag zwei Tage bevor sie sechs Monate alt werden würde. Die Nacht vom ersten auf den 2. Juni. Es ist die Nacht, in der ich dich im August vor fast zwei Jahren gehalten habe, während du deinen letzten Weg angetreten bist, während du langsamer und langsamer geratmet hast. Die Nacht, in der wir darauf gewartet haben, zu erfahren wie es weitergeht. Die Nacht, in der du dich entschieden hast, dass du jetzt Flügel brauchst. Die Nacht, in der wir dich verloren haben. Und in der Erwartung dieser Nacht bin ich auf eine Art und Weise unfähig geworden zu handeln, ich kann nur noch warten und beobachten. Ich bin passiv. Ich lebe mein Leben ganz normal, selbstverständlich, aber in mir drin ist der Stillstand. Und ich warte. Warte ab was passiert. Und in mir keimt die vorsichtige Hoffnung, dass diesmal alles gut wird. Dass wir diese Nacht überstehen werden. Dass wir am nächsten Morgen wach werden, und alles ist wie am Tag zuvor. Alles ist normal. Nichts ist passiert. Das Leben geht weiter und die Welt hat nicht angehalten für uns. Ich wünsche es mir so sehr mein Schmetterling. Es dauert nicht mehr lang. Die Zeit des Wartens ist bald vorüber. Und vielleicht kann ich dann wieder glauben. Vielleicht kann ich dann wieder vertrauen. Vielleicht kommt dann irgendwann der ganz ursprüngliche Glaube daran zurück, dass alles gut werden kann. Das manchmal einfach alles gut werden kann.

Mücken

Gestern war es so weit, mein Schmetterling. Deine Schwester war so alt wie du, als du ins Krankenhaus gekommen bist. Mir geht es komisch. Nicht besonders gut. Ich habe sehr viele Sorgen in meinem  Kopf, sie schwirren um mich herum wie ein Schwarm Mücken. Sie stechen. Deine Schwester hat einen ungewöhnlich geformten Hinterkopf. Und das lässt mir keine Ruhe. Ich habe Angst. Und auch wenn beim letzten Termin im Krankenhaus alles o. k. war, wenn man mir sagt, dass das normal sein kann. Auch wenn ich am Donnerstag einen Arzttermin habe, wo sicher gesagt wird, dass das alles normal ist… Ich habe Angst. Und ich weiß nicht, ob die weggehen wird. Ich weiß nicht, ob ich irgendjemandem glauben werde. Glauben können werde. Auch bei dir war alles o. k., bis auf einmal nichts mehr o. k. war. Die Angst liegt schwer in meinem Magen, sie zieht mich herunter. Was ist wenn…? Ich kann das nicht nochmal aushalten. Ich weiß, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist. Aber was ist, wenn…? Ich kann den Mückenschwarm nicht verscheuchen. Egal wie sehr ich mit den Armen wedle, egal wie schnell ich laufe, er ist da und er stört und er sticht. Und ich möchte, dass er aufhört. Ich möchte, dass deine Schwester normal aufwachsen kann. Ich möchte nicht, dass die eine Mama hat, die alle zwei Wochen mit ihr zum Arzt fährt. Ich möchte, dass sie ein normales Kind sein kann. Hilf mir dabei, mein Schmetterling. Hilf mir, meine Angst zu besiegen. Hilf mir, zu vertrauen.