Schockstarre?

Momentan ist eine schwierige Zeit, mein Schmetterling. Ich bin in eine Art Schockstarre verfallen. Ich warte ab. Ich lausche in meine Umgebung, ich lausche in mich selbst. Ich beobachte. Und die Zeit fliegt nur so vorbei. Ich schaue ihr dabei zu. Deine Schwester ist jetzt bald ein halbes Jahr alt. Und es ist noch nichts passiert. Der schlimme Tag, der magische Tag, der alles verändernde Tag in unserem Leben käme jetzt bald. Der Tag zwei Tage bevor sie sechs Monate alt werden würde. Die Nacht vom ersten auf den 2. Juni. Es ist die Nacht, in der ich dich im August vor fast zwei Jahren gehalten habe, während du deinen letzten Weg angetreten bist, während du langsamer und langsamer geratmet hast. Die Nacht, in der wir darauf gewartet haben, zu erfahren wie es weitergeht. Die Nacht, in der du dich entschieden hast, dass du jetzt Flügel brauchst. Die Nacht, in der wir dich verloren haben. Und in der Erwartung dieser Nacht bin ich auf eine Art und Weise unfähig geworden zu handeln, ich kann nur noch warten und beobachten. Ich bin passiv. Ich lebe mein Leben ganz normal, selbstverständlich, aber in mir drin ist der Stillstand. Und ich warte. Warte ab was passiert. Und in mir keimt die vorsichtige Hoffnung, dass diesmal alles gut wird. Dass wir diese Nacht überstehen werden. Dass wir am nächsten Morgen wach werden, und alles ist wie am Tag zuvor. Alles ist normal. Nichts ist passiert. Das Leben geht weiter und die Welt hat nicht angehalten für uns. Ich wünsche es mir so sehr mein Schmetterling. Es dauert nicht mehr lang. Die Zeit des Wartens ist bald vorüber. Und vielleicht kann ich dann wieder glauben. Vielleicht kann ich dann wieder vertrauen. Vielleicht kommt dann irgendwann der ganz ursprüngliche Glaube daran zurück, dass alles gut werden kann. Das manchmal einfach alles gut werden kann.

Mücken

Gestern war es so weit, mein Schmetterling. Deine Schwester war so alt wie du, als du ins Krankenhaus gekommen bist. Mir geht es komisch. Nicht besonders gut. Ich habe sehr viele Sorgen in meinem  Kopf, sie schwirren um mich herum wie ein Schwarm Mücken. Sie stechen. Deine Schwester hat einen ungewöhnlich geformten Hinterkopf. Und das lässt mir keine Ruhe. Ich habe Angst. Und auch wenn beim letzten Termin im Krankenhaus alles o. k. war, wenn man mir sagt, dass das normal sein kann. Auch wenn ich am Donnerstag einen Arzttermin habe, wo sicher gesagt wird, dass das alles normal ist… Ich habe Angst. Und ich weiß nicht, ob die weggehen wird. Ich weiß nicht, ob ich irgendjemandem glauben werde. Glauben können werde. Auch bei dir war alles o. k., bis auf einmal nichts mehr o. k. war. Die Angst liegt schwer in meinem Magen, sie zieht mich herunter. Was ist wenn…? Ich kann das nicht nochmal aushalten. Ich weiß, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist. Aber was ist, wenn…? Ich kann den Mückenschwarm nicht verscheuchen. Egal wie sehr ich mit den Armen wedle, egal wie schnell ich laufe, er ist da und er stört und er sticht. Und ich möchte, dass er aufhört. Ich möchte, dass deine Schwester normal aufwachsen kann. Ich möchte nicht, dass die eine Mama hat, die alle zwei Wochen mit ihr zum Arzt fährt. Ich möchte, dass sie ein normales Kind sein kann. Hilf mir dabei, mein Schmetterling. Hilf mir, meine Angst zu besiegen. Hilf mir, zu vertrauen.

Zeit

Zeit ist etwas, was ein Luxusgut geworden ist, wenn man ein kleines Kind hat. Seitdem deine Schwester da ist, habe ich wenig Zeit, mein Schmetterling. Wobei das falsch ausgedrückt ist. Ich habe viel Zeit mit ihr. Ich habe aber wenig Zeit für mich. Wenn sie schläft, dann gibt es immer etwas zu tun. Die Wäsche. Den Abwasch. Es gibt immer etwas aufzuräumen, etwas zu putzen, etwas zu arbeiten. Es sind E-Mails zu beantworten. Es gibt 1000 Dinge, die in dieser Zeit getan werden müssen. Eigentlich ist diese Zeit also immer schon verplant. Aber manchmal müssen all diese Dinge liegen bleiben. So wie heute. Manchmal brauche ich nämlich Zeit für etwas anderes. Manchmal brauche ich Zeit für dich. Ich brauche Zeit für deine Bilder und deine Videos. Ich brauche Zeit für deine Erinnerung. Ich brauche Zeit, einfach dazusitzen und an dich zu denken. Ich brauche Zeit, die nur dir gehört. Ich brauche Zeit um dich ganz zu vermissen. Und ich brauche Zeit, um um dich zu weinen. Diese Zeit gehört nur uns beiden allein. So wie deine Schwester auch Zeit hat, die nur ihr und mir allein gehört. Du verdienst diese Zeit. Denn auch wenn hier Geschirr liegt, Wäsche gefaltet werden muss, Staub geputzt werden muss, Dinge weggeräumt werden müssen, so ist das manchmal einfach egal. Denn du bist wichtiger als die Wäsche und der Haushalt und das Aufräumen. Ich schenke dir diese Zeit, mein Schmetterling. Und deine Schwester schläft ganz ruhig, sie schenkt dir diese Zeit auch. Ich vermisse dich. Ich liebe dich. Und ich stelle mir gerne vor, dass du bei mir bist während deiner Zeit. Dass du mir über die Schulter schaust und mit mir zusammen deine Fotos ansiehst. Dass du ganz nah bei mir bist in dieser Zeit. Und irgendwann schaue ich die Bilder mit deiner Schwester gemeinsam an und ich werde ihr erzählen, warum manche Zeit deine Zeit ist.

Fragen über Fragen

Deine Schwester wird immer größer, mein Schmetterling. Es ist so seltsam, sie Dinge tun zu sehen, die du nie getan hast. Noch ist sie nicht älter als du, aber sie hat einen anderen Weg der Entwicklung gewählt als du. Sie tut andere Sachen zuerst. Zum Teil Dinge, die  ich bei dir nie gesehen habe. Es ist wunderschön, sie diese Dinge tun zu sehen. Ihre täglichen Fortschritte zu bewundern und sich mit ihr zu freuen, wie sie die Welt immer mehr entdeckt. Gleichzeitig stimmt es mich aber auch traurig, weil es mir immer wieder vor Augen führt, dass ich diese Dinge bei dir nie sehen werde. Ich werde nie hören wie du brabbelst.  Ich werde nie sehen, wie du dich vom Bauch zurück auf den Rücken drehst. Ich erinnere mich noch so gut, wie du dich auf den Bauch gedreht hattest und dort fest gesteckt hast. Nach kurzer Zeit bist du dann ärgerlich geworden, weil du den Weg zurück einfach nicht gefunden hast. Deine Schwester hat bereits entdeckt, dass sie einen großen schweren Kopf hat, der ihr helfen kann. Ich frage mich, ob du ihre Entwicklung mitverfolgst, ob du dabei bist, wenn sie all diese kleinen und großen Meilensteine erreicht. Ich wüsste gerne wer du jetzt wärst. Ich wüsste so gern, wie du jetzt aussehen würdest. Was du mir erzählen würdest. Welche Wünsche du hättest, welche Ideen. Welche Gefühle. Ich wüsste gern was du magst und was du nicht magst. Welche Dinge dir Spaß machen und welche Dinge du blöd findest. Ich wüsste gern, ob du mit deiner Schwester spielen würdest.  Ich hätte so gern gesehen, wie du sie kennenlernst. Wie du dich vielleicht über sie gefreut hättest.  Ich wüsste gerne welche Kleidung du schön findest und welche nicht. Welche Tiere du magst und vor welchen du vielleicht Angst hättest. Wenn ein Kind stirbt bleiben so unendlich viele unbeantwortete Fragen zurück, mein Schmetterling. Nicht nur die Frage nach dem warum, sondern all diese hunderte, tausende Fragen  danach, was für ein Mensch dieses Kind wäre. Deine Schwester lächelt während ich mit dir spreche.  Während ich dir diesen Text erzähle, weil sie in meinem Arm liegt und ich nicht schreiben kann. Ich glaube sie weiß, wie du jetzt bist.  Sie kennt dich in deiner jetzigen Form sicherlich besser als ich. Vielleicht erzählt sie es mir irgendwann. Du sollst wissen, dass ich immer noch jeden Tag an dich denke. Ich bin nicht mehr jeden Tag so traurig, deine kleine Schwester spendet uns sehr viel Freude. Aber du bist immer und immer fest verankert in meinen Gedanken, fest verankert in meinem Herzen. Der Tod trägt dich nur durch eine Tür, die Kraft uns endgültig zu trennen hat er nicht.  Nichts kann das.