Verzerrung

Wenn ich an dich denke, mein Schmetterling, und das tue ich oft, dann schieben sich oft die gleichen Bilder vor mein inneres Auge. Du, wie du im Krankenhaus in deinem viel zu großen Bett liegst. Du, wie du am Abend des letzen Tages in meinen Armen lagst, wie ich dich hielt und für dich sang, während deine Seele sich auf die Reise machte. Du, wie du dalagst, als das Leben aus dir gewichen war, wie nur deine Hülle übrig war. Und diese Bilder tun weh. Ich kann nicht verstehen, wieso es immer und immer diese sind. Du warst so viel mehr, du bist so viel mehr als das. Uns verbindet so viel mehr als das. Es gibt hunderte, tausende Erinnerungen, ebenso wichtig und viel schöner. Du, wie du nach deiner Geburt auf meinem Bauch lagst und deinen Kopf hobst, neugierig in die Welt schauend mit deinen wunderbar klaren, blauen Augen. Du, wie du neben der Wanne in deiner Wippe liegst während ich dusche, deine Fische bestaunst und deine leisen, weichen Geräusche von dir gibst. Du, wie du in meinem Arm schläfst, matt vom trinken, satt und zufrieden. Du, wie du geborgen im Tuch bist, ganz nah bei mir, verträumt meinem Herzschlag lauschend, wunderbar warm und geborgen. Du, wie du glucksend und spielend auf deiner Decke liegst und mit deinen kleinen Händen die Welt entdeckst. Und doch, was mein Kopf mir zeigt sind immer nur die Bilder, die schmerzen. Soll das alles sein, was von all den Momenten bleibt? Ich möchte das nicht. Alles sträubt sich dagegen. Daran muss ich wohl arbeiten, und den stechenden und schneidenden Bildern die schönen Bilder entgegensetzen. Aus den schönen Erinnerungen eine Mauer bauen und sie den entsetzlichen entgegenstellen. Meinem Kopf beibringen, dass das nicht alles ist, was zählt. Dass nicht die negativen Gefühle die wichtigen sind, sondern dass die positiven Gefühle ebenso wichtig sind, ebenso bedeutsam. Dass wir diese Momente ebenso erinnern müssen. Du bist ein wunderschönes Kind, mein Schmetterling, und es wird dir nicht gerecht, dich dahinsiechend zu erinnern, krank und sterbend. Du bist ein leuchtendes Bündel an Lebensfreude, du strahlst hell und klar. Du bist ein wundervoller, perfekter kleiner Junge, und das ist es, was mein trauriger Kopf mir zeigen sollte. Das ist es, was ich sehen möchte. Die Bilder sollen geprägt sein vom Leben. Der Tod kam früh genug.

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Don’ts in der Trauer und ihre Hintergründe

Heute schreibe ich einen Artikel über ein sehr wichtiges Thema, nämlich darüber, was man zu trauernden Eltern und den Verwandten auf keinen Fall sagen sollte. Ich werde auch schreiben, was dahinter steckt, und was man stattdessen sagen könnte, denn ich habe einen Artikel über die Hintergründe auf Englisch gelesen und fand es sehr hilfreich für mich zu hinterfragen, warum bestimmte Dinge gesagt werden.

„Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder bekommen.“

Nein. Nein, das hilft leider überhaupt nicht. Denn: kein Kind kann ein anderes ersetzen. Was wir daraus verstehen ist, grob und überspitzt gesagt: Ach, ihr macht einfach ein neues Kind und dann ist es wieder gut. Nein, es wird nicht wieder gut. Und wenn wir noch hundert Kinder bekommen, werden wir das eine, was fehlt, nicht weniger schmerzlich vermissen. Was häufig hinter dem Spruch steckt ist der Wunsch, irgendeinen Trost zu spenden, und da fällt einem eben oft als erstes ein: man kann ja noch mehr Kinder bekommen. Statt dessen ist es besser, die Trauer ernstzunehmen, und den Gefühlen Raum zu geben. Sagt doch vielleicht: „Es tut mir sehr leid, dass du so traurig bist, und ich leide mit dir. Es ist schrecklich, sein Kind zu verlieren, und es wird immer fehlen.“ Oder sag: „Ich vermisse dein Kind auch.“ Gib der Existenz des Kindes Raum. Erkenne an, dass es nicht ersetzbar ist. Werte es nicht ab, indem du es zu etwas Ersetzbarem machst.

„Wer weiß, wozu es gut war.“

Zu diesem Spruch habe ich schon einmal etwas geschrieben, aber ich will trotzdem nochmal im Detail darauf eingehen. Wenn die Eltern irgendwann von sich aus auf den Gedanken kommen, hinter ihrem Verlust einen tieferen Sinn zu erkennen, dann ist das gut, denn es ist heilsam, Sinnhaftigkeit zu schaffen. Wenn die Eltern es aber immer als sinnlos und grausam empfinden, dann ist das in Ordnung und sie haben jedes Recht dazu. Die Aussage es gäbe einen Sinn dahinter sagt uns, dass es etwas gibt, das wichtiger war, als das Leben unseres Kindes. Dass es „gut“ war, weil es einem Zweck dient. Und diese Entscheidung, diese Bewertung, die darf niemand fällen als die Eltern selbst. Bitte verweist nie, niemals auf etwas Gutes dahinter, es sei denn die Eltern sprechen selbst davon. Hinter diesem Spruch steckt der Wunsch, durch das Finden eines Sinnes dahinter Akzeptanz zu schaffen und den Eltern zu  helfen, zu verarbeiten. Dieser Wunsch ist gut, aber er muss anders ausgedrückt werden. Vielleicht sagt ihr einfach: „Es tut mir weh zu sehen, wie ihr leidet. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um euch zu trösten.“ Damit drückt ihr eure Gefühle und eure Wünsche aus, ohne den Tod des Kindes zu verharmlosen. Denn das ist sehr verletzend.

„Du bist doch nur XYZ, nicht die Eltern. Es steht dir nicht zu, so viel zu trauern.“

Trauer ist individuell. Trauer hat nichts mit Blutbanden zu tun, Trauer hat nichts mit Verwandschaftsgrad zu tun. Das Einzige, wovon die Trauer abhängt, ist die Vertrautheit und die emotionale Nähe. Wie sehr wir lieben, ist unabhängig davon, ob wir Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, oder vielleicht nur Nachbarn des verstorbenen Kindes sind. Und das zu verstehen ist wichtig. Hinter diesem Spruch steckt das Unverständnis über die Intensität der Trauer und gleichzeitig auch die Idee, dass die Verarbeitung anders ablaufen müsste. Aber das muss sie nicht. Trauer ist so individuell wie jeder einzelne von uns. Wer sehr liebt, trauert vielleicht sehr intensiv. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Und wenn man weniger trauert, oder vielleicht weniger ‚offen‘, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass man weniger geliebt hat. Das heißt nur, dass man anders verarbeitet. Es ist wichtig, die Reaktion anzuerkennen und anzunehmen, der Trauer den Raum zu geben, den sie benötigt. Denn nur wer durch die Trauer hindurch geht, der kann heilen. Reden wir die Trauer klein, dann heilen wir nicht. Auch steckt hinter diesem Spruch wohl der Wunsch, dass die andere Person  nicht mehr so sehr trauert, und der rührt daher, dass der Sprecher die Trauer der anderen Person nicht gut aushalten kann. Statt das zu sagen könnte man seine Gefühle in Worte fassen: „Ich kann es nicht gut sehen, dass es dir so schlecht geht. Und ich verstehe es auch nicht so gut, denn meine Trauer fühlt sich anders an.“ Aber man kann und darf dem Ganzen keinen normativen Rahmen geben. Ein Falsch und ein Nicht Zustehen gibt es hier nicht. In der Trauer gibt es keine Regeln, die allgemeingültig sind. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten.

„Jetzt ist auch mal gut, es war doch noch kein richtiges Kind.“

Dieser Spruch hat gleich zwei Komponenten und ist insbesondere relevant für Eltern, die ihre Kinder früher in der Schwangerschaft verloren haben. Der erste Teil bezieht sich wieder auf ein Richtig oder Falsch in der Trauer, entsprechend gilt, was ich im vorherigen Abschnitt schrieb. Der zweite Teil bezieht sich darauf, dass das Kind noch nicht geboren war, noch nicht ‚fertig‘. Hinter diesem Spruch steckt wieder der Wunsch, dass die Eltern nicht mehr so traurig sein sollen, eine Idee davon, dass man sie vielleicht vom ‚unfertig sein‘ des Kindes überzeugen kann, damit ihre Trauer gemildert wird. Aber das tut sehr, sehr weh. Unsere Kinder sind unsere Kinder, und wir trauern um sie egal wie klein sie waren. Auch hier ist es eine individuelle Sache wie sehr beispielsweise eine frühe Fehlgeburt jemanden belastet.  Die eine Mutter kommt vielleicht gut damit zurecht, die andere wirft es in ein sehr tiefes emotionales Loch. Wir trauern verschieden. Unsere Bindung in der Schwangerschaft entwickelt sich verschieden. Und auch dort ist alles erlaubt. Ein Kind in der 6. Woche kann von seinen Eltern ebenso intensiv geliebt werden, wie ein Kind am Ende der Schwangerschaft. Man erkennt mit diesem Spruch dem Kind die Existenz ab. Das ist für die Eltern sehr verletzend. Wie bei den vorherigen Sprüchen auch sollte man anders anfangen, seinen Gefühlen Raum geben und den Wunsch zu Trösten explizit aussprechen: „Es tut mir so leid, dich so zu sehen. Ich wünschte, es würde dir besser gehen. Und ich wünschte, ich könnte etwas sagen, um dir zu helfen.“

Falsch zählen

Das hier ist kein wirklicher Spruch, aber es ist für viele Eltern ein großes Problem, wenn man die Kinder falsch zählt. Mika war mein erstes Kind. Jedes Kind danach muss eine andere Zahl bekommen. Auf Formularen muss ich oft eintragen, wie viele Kinder ich habe, und wenn ich aus irgendwelchen Gründen 1 eintragen muss, weil es anders nicht geht, dann tut mir das sehr weh. Ich habe das Gefühl, ich habe Mika betrogen. Und wenn jemand anderes ein möglicherweise zweites, oder drittes Kind, als das erste oder zweite bezeichnet, dann tut das auch weh. Wir verstehen es, wenn es jemand nicht wissen kann. Wenn man es aber weiß, dann sollte man der Existenz des Kindes Respekt zollen, indem man es mitzählt. Damit gebt ihr uns das Gefühl, dass es auch für euch eine Rolle spielt, dass ihr es nicht vergessen habt. Und das tröstet uns.

Ich finde man merkt eines ganz deutlich. Ganz vielen der Sprüche liegt der Wunsch zugrunde, zu trösten. In ihnen steckt die Tatsache, dass man die Trauer des Gegenüber schlecht aushalten kann, das man sich wünscht, es würde ihnen besser gehen. Und die Lösung ist wie man sieht sehr einfach: sagt das. Fasst eure Gefühle und eure Wünsche in Worte. Erkennt an, dass ihr vielleicht hilflos seid. Und dass euch das frustriert. Sprecht über das, was euch bewegt. Seid euch darüber im Klaren, dass ihr es nicht in Ordnung bringen könnt. Denn das Anerkennen der Untöstlichkeit der Eltern (oder auch der Freunde und Verwandten) ist die schwerste, aber auch die wichtigste Aufgabe, vor der ihr steht.

Die Liste ist aus den Anregungen anderer Personen entstanden. Wenn ihr selbst Sprüche gehört habt, die ihr hier gern wieder finden würdet, dann hinterlasst mir einen Kommentar. Ich ergänze den Artikel dann gern um eure eigenen Erfahrungen.

Ein Geschenk

Ich habe uns etwas geschenkt, mein Schmetterling, dir und mir. Ich habe schon vor einiger Zeit eine Künstlerin gefunden, die selbst ihren Sohn verlor. Sie findet ihre Heilung an einem Strand. Nach ihrem Sohn benannte sie ihn Christian’s beach. Und sie macht die wunder-wundervollsten Bilder dort. Oft malt sie Dinge in den Sand und fotografiert sie im Sonnenuntergang, beim Sonnenaufgang, in der Dämmerung, in all diesen magischen Momenten wo das Licht seine Bilder malt und man fühlen kann, wie sich ein Schleier der Ruhe heilend auf das schmerzende Herz legt. Ich habe uns ein Bild von ihr geschenkt, das sie mit deinem Namen versehen hat. Es mag keine große Sache sein, aber ich finde es wunderschön. Und sie hat uns überrascht und uns noch ein zweites Bild für dich geschenkt. Ich werde diese Bilder auf Leinwand drucken lassen und sie unten in mein Zimmer hängen, wenn es fertig ist. Und immer, wenn ich traurig bin, werde ich sie ansehen und werde das Leuchten des Sonnenuntergangs auf meiner Haut spüren.

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