Trügerischer Alltag

Der Alltag ist ein trügerisches Ding, mein Schmetterling. Er gaukelt uns Normalität vor, er wiegt uns in trügerischer Sicherheit. Alles geht seinen Gang, alles ist vorhersagbar, planbar, einschätzbar. Er hält uns beschäftigt, unseren Körper und unseren Geist. Er ist die Tretmühle, das Hamsterrad in dem wir laufen. Manchmal schauen wir weder nach rechts noch nach links, sind doch immer nur mit dem nächsten Schritt beschäftigt, und dann dem nächsten, und dann dem nächsten. Das kann sehr heilsam sein. Der Alltag hat uns gefehlt, nachdem du weg warst, mein Schmetterling. Alles lag in Scherben, alles war anders, nichts war mehr planbar. Nichts war mehr normal. Ein Normal war nichtmal denkbar, lag es doch in unendlich weiter Ferne, war doch jeder Atemzug unnormal, jeder Schritt eine unfassbare Last. Nach und nach ist er wieder eingekehrt, der Alltag. Und er wurde beschäftigter, lief schneller. Deine große kleine Schwester wurde geboren, dann deine kleine kleine Schwester. Manchmal ist so viel Alltag, dass die Luft zum atmen fehlt, die Zeit zum Denken. Auch das kann gut sein. Und so sitze ich ab und zu da, wenn ich doch einmal verschnaufen kann, und denke mir: Eigentlich geht es mir ganz gut. Eigentlich habe ich alles ganz gut verpackt. Eigentlich. Und dann kommt er. Der Augenblick. Wie ein Blitz. Ein Zufall. Nicht planbar, nicht vorhersehbar, will ich ein Bild einfügen, in ein Dokument bei der Arbeit. Und da springt mich dein Blick an. Durch den Bildschirm und mitten ins Herz. Und plötzlich prasselt all das auf mich ein, was der Alltag sonst von mir fern hält. All die Gedanken, all das Sehnen, all die Fassungslosigkeit darüber, dass du nicht da bist, dass dein Blick mich nur durch den Bildschirm treffen kann. Und ich vermisse dich, mein Schmetterling, ich sehne mich nach dir wie am ersten Tag. Und dann lasse ich sie fließen, all die Tränen, die der Alltag sonst in Schach hält. Ich zoll sie dir, wie einen Tribut, denn du verdienst ihn. Und dann schaue ich auf die Uhr, und der Alltag möchte mich zurück, muss mich zurück haben. Er zieht und zerrt und reißt an mir, und ich gebe nach, muss nachgeben. Ich schicke einen letzten Gruß in deine Richtung und trete wieder ein in mein Hamsterrad, das mich trägt, mir kleines Ziel nach dem anderen setzt, eins nach dem anderen, einen Schritt nach dem anderen. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Du bist nicht vergessen, und du wirst es niemals sein. Und der Schmerz, der kommt, wenn ich aus dem Hamsterrad treten darf, treten muss, ist gut. Er zeigt mir, dass die Liebe zu dir immer noch stark ist, so stark wie am ersten Tag, und so wird sie uns weiter verbinden. In jedem Atemzug. Bis ich dich wiedersehe.

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