Verkleidung

Manche Tage sind einfacher. Manche Tage sind schwerer. Das ist normal, und besonders ist es normal, wenn man jemanden vermisst, der nicht mehr hier sein kann. Jahrestage, Geburtstage, Festtage, solche Tage können eine besondere Herausforderung sein. Aber auch hier sind manche einfacher und manche schwerer. Manche werfen einen Schatten voraus. Dieser Schatten kann lang sein, oder kurz. Manche klingen nach, und auch das Echo hallt lange, oder kurz. Trauer kennt keine Regeln. Trauer kennt kein richtig oder falsch. Sie ist einfach da. Schmerz folgt keiner Logik. Heute ist dein sechster Geburtstag, mein Schmetterling. Und er hat in diesem Jahr einen langen, langen Schatten vorausgeworfen. Er war so lang, dass ich nicht erkennen konnte, warum es plötzlich so dunkel wurde. Warum das Atmen so schwer fiel. Warum alles plötzlich weh tat, warum ich wütend war, so unglaublich wütend. Jeden Morgen, noch vor dem ersten klaren Gedanken waren sie da: Die Wut und der Schmerz und die Verzweiflung. Eigentlich kenne ich sie, die Trauer. Wir kennen uns gut. Wir sind Weggefährten und es fühlt sich an als gingen wir seit einer Ewigkeit Seite an Seite miteinander unseren Weg. Aber diesmal habe ich sie nicht erkannt, denn sie kam so früh, stand so unerwartet vor der Tür. Wenn ich sie jetzt betrachte, kommt es mir vor als habe sie sich verkleidet. Getarnt hinter der Wut. Trauer tut das manchmal. Und wir müssen erst erkennen, dass sie eine Maske trägt, bevor wir sie ihr herrunterziehen können und ihr wahres Gesicht enthüllen. Sie sehen als was sie ist. Nur dann können wir wieder gemeinsam mit ihr gehen, nur dann wird aus einem Kampf wieder eine gegenseitige Akzeptanz. Und so habe ich Zeit damit verbracht wütend zu sein, rasend. Bis ich sie erkannt habe, die Maske. Bis ich sie herrunterreißen konnte. Und da steht sie, mitten im Raum, meine alte Freundin. Ihre ewige Gesellschaft ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir lieben. Und wir sehr lieben wir dich, mein Schmetterling. Und wir sehr fehlst du uns. Jeden Tag, aber besonders heute. Ich hätte mir so sehr gewünscht zu sehen, wie du in die Schule kommst. Alles was bleibt sind Fragen nach dem, was gewesen wäre. Was hätte sein können, hätte sein sollen. Heute sind diese Fragen mehr als ich ertragen kann und ich muss mich bemühen sie fortzuschieben, bevor sie mich überrollen. Heute kann ich die Trauer nicht einfach zulassen und sie walten lassen wie sie will, ich kann sie nicht in ihrer vollen Härte aushalten. Ich muss sie auf Abstand halten. Heute kann ich sie nicht umarmen. Sie ist zu groß und meine Arme sind nicht lang genung. Aber vielleicht ist es genug, aus der Entfernung ein Zwiegespräch zu halten. Bis sie wieder etwas kleiner geworden ist, bis ich sie wieder umfassen kann.

Alles Gute zum Geburtstag, mein Schmetterling. Wir lieben dich so sehr. Du bist ein wundervoller großer Bruder, und auch wenn du heute nicht hier sein kannst um mit uns Kuchen zu essen, dann essen wir Kuchen für dich und werden an dich denken. Ganz fest.

Ziehen

Vor einigen Tagen habe ich im Auto gesessen und an dich gedacht, mein Schmetterling. Und da fühlte ich sie wieder, die Trauer. Die alte Bekannte. Die gute Freundin. Begleiterin. Teil meines Lebens. Aber noch etwas habe ich gefühlt, etwas das ich immer fühle, aber über dessen Bedeutung ich mir vorher weniger Gedanken gemacht habe. Das altbekannte Ziehen in meinem Herzen. Es fühlt sich an, als wolle es heraus aus meiner Brust. Als hätte jemand einen Faden in der Hand und würde mit aller Kraft versuchen, es aus meiner Brust zu zerren. Und da hatte ich einen Gedanken, den ich wunderschön fand. Was ist, wenn das Ziehen unser Band ist, das ich spüre? Und so stelle ich mir wieder vor, wie wir verbunden sind, fest verbunden mit unserem silbernen Band aus Liebe. Ein Band, dass selbst der Tod nicht trennen kann. Ein Band so stark, dass es ewig reicht, über die letzte Grenze hinaus. Zeit und Raum überwindend, immer da. Es leuchtet, dieses Band, leuchtet in der Dunkelheit. Wir sind weit voneinander getrennt, zu weit um uns erreichen zu können. Aber das Band verbleibt. Und immer, wenn ich an dich denke, dann ziehe ich an meinem Band, und du ziehst von der anderen Seite an deinem. Wir senden Signale aneinander, versichern uns, dass wir noch da sind. Unsere Herzen sehnen sich so sehr nach Nähe. Versuchen mit so viel Kraft, sich einander anzunähern, dass sich das Band zusammenzieht. Fester und fester. Es versucht den Abstand zwischen uns zu verringern, mit aller Macht die ihm zur Verfügung steht. Und so spüre ich das Ziehen in meinem Herzen, spüre es ganz deutlich. Und es ist ein gutes Gefühl. Wenn ich es so sehen kann, dann tut es nicht weh. Dann ist es schön. Denn es ist eine Verbindung zu dir. Eine Verbindung die niemals endet. Und wenn ich das nächste Mal das Ziehen in meinem Herzen spüre, dann werde ich es wahrnehmen und froh sein. Froh darüber, dass wir so fest verbunden sind, dass ich den Zug in meinem Herzen noch immer spüren kann. Dass ich mein kleines Signal an dich senden kann und dass du antwortest. Ich liebe dich, mein Schmetterling. Und ich bin dankbar, dass ich diese Liebe immer wieder spüren kann.