Bald

Wieder ein Morgen mit einer Hiobsbotschaft, wieder ein Kind eingeschlafen. Verzehrt von der unersättlichen Bösartigkeit der Krankheit, die auch dich aus unseren Armen gerissen hat. Ich ertrage es kaum ihr Foto anzusehen, ertrage es kaum die Worte der Verzweiflung ihrer Mutter zu lesen. Diesmal ist es besonders schlimm, denn eine kleine Zwillingsschwester ist da, versteht nicht was passiert ist, kann nicht begreifen warum ihre Schwester fort ist, wo sie doch immer, immer verbunden waren, schon vor ihrer Geburt. Unverständlich. Unerträglich. Für mich ist es das Härteste in die Augen der kleinen Menschen zu sehen, ihr Wesen zu sehen, und zu wissen, dass diese Augen nie wieder aufgehen werden. Dass das, was ich auf den Bildern von ihnen erahnen kann, fort ist. Einfach fort. Für immer. Dass sie nie wieder lachen werden, nie wieder weinen, dass sie nie wieder toben werden, oder sprechen. Dass ihre Familien nun jeden Aspekt von ihnen vermissen werden. So sehr vermissen, dass es weh tut, bei jedem Atemzug. Ich fühle meinen eigenen Schmerz, mein eigenes Vermissen, das Sehnen, das nie aufhört. Und all die Fragen konzentrieren sich, verschmelzen und werden zu der einen, die nie jemand beantworten kann: Warum? So sitze ich hier, wieder einmal, und weine mit einer Familie um ihr Kind, das ich nicht einmal kannte, aber doch meine zu kennen. So wie ich glaube, dass all diese Familien dich kennen, mein Schmetterling, wenn sie nur ein Bild von dir sehen. Und ich frage mich wann das aufhört. Wann das Sterben aufhört. Wann das Leiden aufhört. Wann wir ein Mittel gegen dieses Monster haben werden, das unserer Kinder frisst. Bald, hoffentlich sehr bald. Damit keine Familie mehr so leiden muss. Damit ich keine Augen mehr sehen muss, die nie wieder aufgehen. Damit keine einzige Schwester und kein Bruder mehr versuchen muss zu verstehen, dass ihr Geschwisterkind fort ist.

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Geschwister im Doppelpack

Deine minikleine Schwester ist nun auf der Welt, mein Schmetterling. Aber das weißt du ja schon. Du hast einen ganz zauberhaften kleinen Menschen für uns ausgesucht. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet, dein Gespür war immer perfekt. Aber über eines denke ich nach seitdem deine Schwester auf der Welt ist. Denn unsere Hebamme, die auch deine war, und die deiner großen kleinen Schwester, hat nach der Geburt eine Besonderheit festgestellt. Ich hatte nicht nur eine Plazenta. Es waren zwei. Eine große, für deine Minischwester. Und eine kleine. Eine Nebenplazenta, nicht ausgereift, relativ klein aber doch deutlich erkennbar. 5-7cm im Durchmesser vielleicht. Unsere Hebamme sagte, dass da vielleicht ursprünglich ein Zwilling entstehen wollte, der sich dann aber nicht weiter entwickelt hat. Im Ultraschall haben wir nie ein zweites Kind gesehen, und doch ist es nicht ausgeschlossen. Ich finde den Gedanken schön, dass du zwei Geschwisterchen bekommen hast. Eines hier auf der Erde, um mit deiner großen kleinen Schwester zu spielen, und eines für dich im Himmel, um Dir und dem kleinen Sternchen, das bei dir wohnt, Gesellschaft zu leisten. Ich hoffe es geht euch gut da oben auf eurer Wolke. Wir denken mit ganz viel Liebe an euch, jeden Tag. Und ich freue mich jetzt schon auf den Moment, an dem ich deiner Minischwester von dir erzählen darf.