Elena Löwenkind

Heute mache ich etwas anders, mein Schmetterling. Ich richte heute meine Worte an jemand anderen. An Elena. Du kennst sie schon, da bin ich sicher. Sie ist nun dort, wo du bist. Sie hat gegen das gleiche Monster kämpfen müssen wie du.

Elena, du Löwenkind, du tapfere, starke Kämpferin. Als ich dein Bild zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass du etwas besonderes bist. Du hattest diese strahlend hellen, leuchtend blauen Augen, diesen klaren wachen Blick, den ich so gut kannte. Deine Mama hat davon erzählt, dass du krank bist, sehr krank. Dass ein Monster in dir wohnt. Ich habe deinen Blick gesehen und habe geahnt, welcher Weg dir bevorsteht. Aber du hast so tapfer gekämpft, stark wie eine Löwin, und du hast deinen Gegner zurückgedrängt – für eine Zeit. Ich war mir sicher ich habe mich geirrt. Ich war mir sicher bei dir wird alles anders, alles wird gut. Aber der Gegner war tückisch und versteckte sich nur, im Dunkeln, sammelte neue Kraft. Trotzdem hat dein unermüdlicher Kampf, deine Kraft und deine Tapferkeit dir und deinen starken Löweneltern Zeit geschenkt. Unendlich wertvolle Zeit gemeinsam. Doch dann schlug das Monster zurück, mit aller Macht, und stärker als zuvor. Und es war unmöglich weiter dagegen zu bestehen. Deine Eltern nahmen dich mit nach Haus und umhüllten dich mit all ihrer Liebe, wie sie es dein ganzes viel zu kurzes Leben hindurch getan haben. Sie wichen dir nicht von der Seite und umfingen dich, als deine Kraft weniger und weniger wurde, als dein Atem langsamer wurde und dein Körper begann, dich im Stich zu lassen. Sie haben alles ausgehalten, gemeinsam mit dir, waren unglaublich tapfer und stark, auch wenn sie es selber kaum wissen. Und dann bist du davongeflogen, du Löwenkind, Tapferste der Tapferen, Stärkste der Starken. Wir werden dich nie vergessen. Dein strahlendes Lächeln, den intensiven Blick deiner wunderschönen Augen, deine fröhliche klare Stimme, deine Lebensfreude. Dir wurde viel zu wenig Zeit geschenkt, du hättest eine Ewigkeit verdient. Wir werden dir eine Ewigkeit in unseren Gedanken schenken. Und irgendwann, du Löwenkind, du Zaubermaus, Vereinerin von Menschen, irgendwann sehen wir uns wieder. Wenn es so weit ist. Bis dahin grüß mir meinen Schmetterling. Du wirst für immer geliebt. Du wirst für immer vermisst. Aber am Ende des Regenbogens, hinter dem Horizont, da treffen wir uns, irgendwann.

Schmetterlings-Kinderbuch

Ich bin sooo stolz, mein Schmetterling, das glaubst du nicht. Oder vielleicht doch, denn du hast den Weg dahin ja mitbekommen. Ich habe lange überlegt, wie ich deiner Schwester am besten erklären kann, was mit dir geschehen ist, warum du nicht da bist und warum ihr nicht zusammen spielen und durch den Garten toben könnt. Und am besten geht das, so finde ich, immer mit einem Buch. Ich habe lange geschaut und keines gefunden, was mir so recht gefallen wollte. Vor allem keines, was auch für sehr kleine Kinder schon passend erklären kann, warum ihr Geschwisterchen im Himmel ist. Also musste ein neues her. So wurde eine Idee geboren. Aber der Weg zu so einem Buch ist nicht einfach. Welcher Verlag möchte so ein Thema schon in sein Repertoire aufnehmen? Vor allem ohne wirklich zu wissen, wie es ausschauen wird – und dann noch von einem Niemand der sich noch keinen Namen in der Branche gemacht hat? Also habe ich es anders versucht. Ich habe eine sehr nette Illustratorin gefunden, die mir gern helfen möchte, das Buch für deine Schwester zu machen. Deshalb hat sie mir ein sehr, sehr gutes Angebot gemacht für mich die Bilder zu zeichnen. Das war aber trotzdem für mich noch sehr viel Geld. Aber wie ein kluges Lied schon sagt: Gonna try with a little help from my friends. Und das habe ich dann gemacht. Ich habe viele, viele Menschen um Hilfe gebeten. Erst habe ich nach Infos gefragt. Wie macht man sowas eigentlich? Wie funktioniert das, für so ein Projekt Geld zu sammeln? Und als ich das wusste, hab ich von meiner Idee erzählt. Von dem Buch für dich, und für deine Schwester. Und weißt du was? Die Menschen fanden es toll! Ich habe so viele Leute gefunden, die dabei helfen wollten, dass das Buch Wirklichkeit wird, dass ich sogar mehr zusammenbekommen habe, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich freu mich riesig und es bestärkt mich darin, dass die Idee eine gute war. Und nun wird es Wirklichkeit, dein Buch, das Buch deiner Schwester. Unser Buch. Ich bin schon so gespannt, wie es wird. Es ist ein echtes Abenteuer, der Weg dahin. Aber ich freue mich wie ein Kind über jeden neuen Schritt und ich glaube fest daran, dass du dich auch freust, da oben auf deiner Wolke. Und wenn es fertig ist werde ich mich mit deiner Schwester hinsetzen und ich werde ihr erzählen, was geschehen ist. Wo du bist. Warum du nicht mehr hier bei uns bist. Und warum sie trotzdem für immer und ewig ganz fest mit dir verbunden sein wird, wie auch wir ganz fest mit dir verbunden sind. Bis wir uns wiedersehen.

Heilung

Ich beobachte momentan einen Prozess bei mir selbst, und ich beobachte ihn mit gemischten Gefühlen. Mein Schmetterling, ich habe das Glück, Heilung erfahren zu dürfen. Die Heilung einiger Wunden, von denen ich dachte, dass sie sich niemals schließen werden und sie niemals vernarben. Von denen ich dachte, dass sie für immer so sehr schmerzen werden, dass man es kaum ertragen kann. Aber ich darf den Segen von Heilung dieser Wunden spüren.

Der erste große Heilungsprozess bezieht sich auf unsere Stillbeziehung. Ich habe so sehr darum gekämpft, als du klein warst und auch als du im Krankenhaus warst. Das abrupte Ende war ein Trauma extremen Ausmaßes. Ich habe lange, sehr lange darunter gelitten. Deine Schwester heilt diese Wunde. Es mag seltsam klingen, aber weil das Stillen so viel mehr ist als nur die Aufnahme von Nahrung, sowohl für dich als auch für mich, war es mir unerträglich, als es so plötzlich alles vom Krebs zerstört wurde. Ich darf wieder ein Kind stillen. Und ich spüre, dass mein Herz heilt. Ich bin immernoch sehr traurig, dass uns das passiert ist, aber ich kann spüren, dass es mehr eine Narbe wird und weniger eine offene Wunde, die pocht vor Schmerz.

Der zweite Heilungsprozess bezieht sich auf das körperliche Vermissen. Das Vermissen deiner kleinen Berührungen, davon dich zu hören, zu riechen, deine Hände zu halten. Die Berührungen deiner Schwester ermöglichen mir das. Wenn das Vermissen zu arg wird, ich zu traurig werde, dann kann ich sie in den Arm nehmen, ihre kleinen Geräusche hören, sehen wie sie lächelt und ihre Hände halten. Und dann tut es etwas weniger weh. Ich vermisse dich dann noch immer und weine um dich, aber die unerträgliche Körperlichkeit dieses Gefühls vergeht. Und das ist gut.

Zwiegespalten bin ich, weil ich mich immer frage, ob ich heilen DARF. Aber ich habe viel darüber nachgedacht und mein Kopf sagt mir, dass ich es darf. Dass du es willst, dass du deine kleine Schwester zu uns geschickt hast, weil du dir genau das wünschst. Mein Herz zweifelt manchmal. Aber ich rede ihm gut zu. Sage ihm, dass es nicht heißt, dass ich dich vergessen will. Dass es nicht heißt, dass ich nicht mehr um dich trauere. Dass es nicht heißt, dass ich nicht mehr an dich denke. Du bist ein selbstverständlicher Teil dieser Familie und dein Platz wird immer leer bleiben. Du wirst IMMER fehlen. Aber ich denke immer öfter mit mehr Liebe als Trauer an dich. Die Liebe zu dir wird stärker als die Trauer. Sie wächst weiter, obwohl du schon so lang fort bist, viel zu lange. Ich empfinde die Heilung, die ich spüren darf, als ein unendlich großes Geschenk. Als ein Geschenk von dir und deiner Schwester. Und ich bin dankbar dafür. Ich wünsche mir, dass alle Menschen, die dich so schmerzlich Vermissen, spüren dürfen, wie ihre Liebe wächst und stärker wird als die Trauer. Und ich glaube, das wünschst du dir auch.

Viel Spaß

Heute möchte ich von Mikas neuestem Zeichen erzählen.  Die Zeichen sind in der letzten Zeit weniger geworden. Ich habe davon schon oft gehört und nehme an, dass es normal ist. Trotzdem macht man sich seine Gedanken, fragt sich warum das so ist, ob es dafür einen Grund gibt, ob das Kind noch da ist.  Zweifel kommen auf. Auch wenn das natürlich Unsinn ist.  Ich habe mir vorher viele Gedanken darüber gemacht, ob Mika wohl bei der Geburt seiner Schwester anwesend sein wird, ob er an unserer Seite sein wird um sie in dieser Welt zu begrüßen.  Ich habe es mir sehr gewünscht, aber ich wollte auch nicht zu sehr darauf hoffen. Denn wenn man zu sehr hofft, wird man leicht enttäuscht.  Aber Mika war da, das hat er mir ganz deutlich gezeigt. Von Mikas besondere Freundin habe ich ja schon erzählt.  Die kleine Maya, die einen Draht zu ihm hat.  Die mit ihm spricht, auf ihre Art und Weise. Und die er sich ausgesucht hat, um mit mir zu sprechen.  Maya war baden an dem Abend, als Mikas kleine Schwester sich langsam auf den Weg gemacht hat.  Und nach dem Baden ist sie zu ihrer Mama gekommen  und hat ihrer Mama gesagt, sie soll mir viel Spaß wünschen.  Das hat die Mama auch gemacht.  Ein bisschen irritiert, aber sie hat es ausgerichtet. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht gewusst hat, war das die Wehen kurz davor eingesetzt hatten.  Zu diesem Zeitpunkt waren sie alle 6 Minuten und die Geburt  kam langsam in den Fluss.  Und auch wenn ich erst nicht verstanden habe, wieso es ausgerechnet viel Spaß ist, was mir gewünscht wird, so wusste ich doch sicher, von wem diese Nachricht kommt.  Ich habe mich so sehr darüber gefreut. Mein Schmetterling ist nicht fort. Mein Schmetterling ist da. Und er war da, als seine Schwester zur Welt kam. Vielleicht hat er seine Uroma mitgebracht.  Vielleicht haben sie gemeinsam gewartet, bis das neue kleine Leben das Licht der Welt erblickt hatte.  Ich habe danach viel über die Wortwahl nachgedacht, da gebären für mich von Spaß ziemlich weit entfernt ist. Habe mich gefragt, ob das wohl der Humor des Schmetterlingspapas ist, der da durchkommt.  Aber vielleicht war es auch einfach ganz ernst gemeint. Dass es darum geht, Freude zu empfinden, wenn ein neues Leben auf die Welt kommt. Dass es darum ging, die Geburt an sich zu vergessen und auf das Ziel zu schauen.  Ich werde sicher irgendwann die Gelegenheit bekommen, dich das zu fragen mein Schmetterling. Bis dahin warte ich und bin froh und dankbar, dass du mir so deutlich gezeigt hast, dass du an meiner Seite warst. Du kennst meine Zweifel, ganz bestimmt. Und wieder hast du alles in Bewegung gesetzt, um mir zu zeigen: ich bin da.