Zeit

Zeit ist etwas, was ein Luxusgut geworden ist, wenn man ein kleines Kind hat. Seitdem deine Schwester da ist, habe ich wenig Zeit, mein Schmetterling. Wobei das falsch ausgedrückt ist. Ich habe viel Zeit mit ihr. Ich habe aber wenig Zeit für mich. Wenn sie schläft, dann gibt es immer etwas zu tun. Die Wäsche. Den Abwasch. Es gibt immer etwas aufzuräumen, etwas zu putzen, etwas zu arbeiten. Es sind E-Mails zu beantworten. Es gibt 1000 Dinge, die in dieser Zeit getan werden müssen. Eigentlich ist diese Zeit also immer schon verplant. Aber manchmal müssen all diese Dinge liegen bleiben. So wie heute. Manchmal brauche ich nämlich Zeit für etwas anderes. Manchmal brauche ich Zeit für dich. Ich brauche Zeit für deine Bilder und deine Videos. Ich brauche Zeit für deine Erinnerung. Ich brauche Zeit, einfach dazusitzen und an dich zu denken. Ich brauche Zeit, die nur dir gehört. Ich brauche Zeit um dich ganz zu vermissen. Und ich brauche Zeit, um um dich zu weinen. Diese Zeit gehört nur uns beiden allein. So wie deine Schwester auch Zeit hat, die nur ihr und mir allein gehört. Du verdienst diese Zeit. Denn auch wenn hier Geschirr liegt, Wäsche gefaltet werden muss, Staub geputzt werden muss, Dinge weggeräumt werden müssen, so ist das manchmal einfach egal. Denn du bist wichtiger als die Wäsche und der Haushalt und das Aufräumen. Ich schenke dir diese Zeit, mein Schmetterling. Und deine Schwester schläft ganz ruhig, sie schenkt dir diese Zeit auch. Ich vermisse dich. Ich liebe dich. Und ich stelle mir gerne vor, dass du bei mir bist während deiner Zeit. Dass du mir über die Schulter schaust und mit mir zusammen deine Fotos ansiehst. Dass du ganz nah bei mir bist in dieser Zeit. Und irgendwann schaue ich die Bilder mit deiner Schwester gemeinsam an und ich werde ihr erzählen, warum manche Zeit deine Zeit ist.

Werbeanzeigen

Zwei Mal ohne dich

Gestern war mein zweiter Geburtstag ohne dich, mein Schmetterling. Ich bin leider nie in den Genuss gekommen, dich an meinem Geburtstag bei mir zu haben. Dieses Jahr wärst du sicher noch zu klein gewesen, aber vielleicht hätte dein Papa im nächsten Jahr irgendwas mit dir zusammen gemalt. Ganz sicher hättest du aber schon ein paar Worte sagen können, und vielleicht hättest du Mama gesagt und mich mal fest in den Arm genommen. Ich wünschte, du wärst da gewesen. Ich wünschte, du wärst auch jetzt da.

Dieses Jahr war nicht so schlimm wie das letzte, im letzten Jahr waren die Wunden noch ganz frisch, unsere Herzen waren gerade erst zerbrochen. Dein Name auf meinem Arm war gerade verheilt. Zu dieser Zeit musste ich noch jeden Tag schlimm weinen. Es haben sich Dinge verändert. Ich bin immernoch unendlich traurig, dass du nicht mehr bei mir bist, und es gibt Tage, da ist der Schmerz noch immer so roh und unbändig wie am ersten Tag. Aber es gibt auch Tage, da bin ich glücklich und das Stechen im Hinterkopf ist auszuhalten, manchmal kann ich es wegschieben und nur im Moment leben. Deine Schwester ist bei mir und auch das tröstet mich sehr. Sie ist eine besondere Schwester, weißt du das? Sie versteht mich – schon jetzt. Wann immer ich Kontakt zu ihr aufnehme, in mich reinfühle und versuche sie zu fragen wie es ihr geht, antwortet sie mir. Sie bewegt sich dann. Manchmal ganz zart, manchmal als würde sie in mir Purzelbäume schlagen, aber sie sagt mir Bescheid. Mir geht es gut, sagt sie. Alles ist okay. Ich freue mich sehr auf sie. Ich wünschte nur sie könnte dich treffen, von ganzem Herzen wünsche ich es mir, und es tut weh dass es nie passieren wird, zumindest nicht hier.

Meine und deine Geburtstage führen mir vor Augen wie die Zeit vergeht, wie das Leben weitergeht ohne dich, wie sich die Welt irritierenderweise weiterdreht. Wie Zeit ins Land geht und du noch immer weg bist. Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Das ist natürlich Unsinn. Zeit heilt gar nichts. Zeit ermöglicht es nur, zu lernen, mit den Wunden zu leben. Wie vorher wird es nie mehr. Ich werde an jedem meiner Geburtstage traurig sein, weil ich nicht mit dir feiern kann. Ich werde immer darüber nachdenken, wie alt du wärst, was du machen würdest, ob du vielleicht etwas gebastelt hättest im Kindergarten, in der Schule. Wie du vielleicht aussehen würdest. Es war das zweite Mal ohne dich. Aber jedes Mal ohne dich führt mich näher an die Zeit, in der ich wieder mit dir sein kann. Irgendwann, wenn es soweit ist. Wenn deine Schwester selbst schon alt ist, wenn deine andere Geschwister die vielleicht noch kommen schon alt sind. Irgendwann.