Frage ohne Antwort

Ich habe in der letzten Zeit auf unterschiedlichen Wegen immer und immer wieder eine Frage gelesen. Die schwerste Frage. Die Frage, auf die ich mit all der Erfahrung, die ich sammeln konnte, und mit all meiner Trauerarbeit noch immer keine Antwort weiß. Die, bei der mir die Worte fehlen. „Ich weiß, dass mein Kind sterben wird, ich weiß nur noch nicht wann. Wie kann ich mich darauf vorbereiten?“ Die Frage wird häufig von Eltern gestellt, deren Kinder schwer an Krebs erkrankt sind, und die von den Ärzten die Hiobsbotschaft erhalten haben, dass sie nichts mehr für das Kind tun können. Ich habe glaube ich schon einmal kurz darüber gesprochen, aber es beschäftigt mich so sehr, lässt mir keine Ruhe. Denn diese Frage trifft mich jedes Mal wie ein 40-Tonner mit Vollgas, sie wirft mich um und lässt mich zerschmettert am Boden liegen. Ich weiß keine Antwort auf sie, und sie reißt alle Wunden weit, weit auf. Was soll ich Eltern sagen, die diese Frage stellen? Wie soll man sich auf das Unvorstellbare vorbereiten, das Unmögliche, das, was verboten sein müsste? Wie soll man sich darauf vorbereiten, jemanden zu verlieren, der wichtiger ist als man selbst? Jemanden, bei dem jede einzelne Zelle des eigenen Körpers brennt mit dem Verlangen, diesen Jemand zu beschützen, koste es was es wolle? Jemanden, den man bis zur Selbstaufgabe liebt? Jemanden, ohne den man nicht leben kann und auch nicht will? Und all meine Worte verlassen mich in diesen Momenten, sie verflüchtigen sich wie Rauch im Wind, von einem Moment auf den anderen sind sie fort. Ich öffne meinen Mund und ihm entströmt ohrenbetäubende Stille. Ich möchte so viel sagen, es wirbelt in mir, aber alles passt nicht zur Frage. Sätze wollen sich bilden: Es tut mir so leid, so unendlich leid. Ich wünschte es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte dir diesen Schmerz abnehmen. Ich will nicht, dass du diesen Weg gehen musst. Ich will nicht, dass dein Kind stirbt. Ich will dich beschützen vor dem, was kommt. Ich kenne dich nicht, aber ich will nicht, dass du so leiden musst. Ich sehe dein Kind und will nicht, dass es fort ist. Ich will, dass dieser Mensch lebt, dass er aufwachsen darf. Ich sehe das Lächeln deines Kindes und es treibt mir glühend heiße Tränen in die Augen. Ich kenne es nicht, aber ich liebe es, allein von diesem Bild, und ich will nicht, dass es geht. Ich will nicht, es geht nicht, es darf nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

Aber aus meinem Mund kommt nichts. Will ich die Worte fassen, sind sie fort, mein Kopf ist leer. Denn, ihr lieben, ihr tapferen, ihr starken und wunderbaren Eltern: ihr könnt euch nicht vorbereiten. Egal was ich euch sage, egal was ihr tut, egal wie viel ihr vorher kuschelt, unternehmt, wie viele Erinnerungen ihr schafft: Am Ende ist es nicht leichter. Es ist IMMER grauenvoll. Es reißt uns um, zertrümmert uns und lässt uns zerstört liegen. Irgendwann rappeln wir uns auf, setzen uns wieder zusammen, oft mit der Hilfe anderer Menschen. Aber nichts, absolut gar nichts in dieser Welt kann euch vorbereiten auf den Tod eures Kindes. Nichts kann euch helfen gegen den Schmerz, der da kommt. Deshalb ist alles, was ich sagen will, nur Schall und Rauch. Und alles was bleibt ist diese brüllend laute Stille. Und in meinem Kopf die Worte. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

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Schockstarre?

Momentan ist eine schwierige Zeit, mein Schmetterling. Ich bin in eine Art Schockstarre verfallen. Ich warte ab. Ich lausche in meine Umgebung, ich lausche in mich selbst. Ich beobachte. Und die Zeit fliegt nur so vorbei. Ich schaue ihr dabei zu. Deine Schwester ist jetzt bald ein halbes Jahr alt. Und es ist noch nichts passiert. Der schlimme Tag, der magische Tag, der alles verändernde Tag in unserem Leben käme jetzt bald. Der Tag zwei Tage bevor sie sechs Monate alt werden würde. Die Nacht vom ersten auf den 2. Juni. Es ist die Nacht, in der ich dich im August vor fast zwei Jahren gehalten habe, während du deinen letzten Weg angetreten bist, während du langsamer und langsamer geratmet hast. Die Nacht, in der wir darauf gewartet haben, zu erfahren wie es weitergeht. Die Nacht, in der du dich entschieden hast, dass du jetzt Flügel brauchst. Die Nacht, in der wir dich verloren haben. Und in der Erwartung dieser Nacht bin ich auf eine Art und Weise unfähig geworden zu handeln, ich kann nur noch warten und beobachten. Ich bin passiv. Ich lebe mein Leben ganz normal, selbstverständlich, aber in mir drin ist der Stillstand. Und ich warte. Warte ab was passiert. Und in mir keimt die vorsichtige Hoffnung, dass diesmal alles gut wird. Dass wir diese Nacht überstehen werden. Dass wir am nächsten Morgen wach werden, und alles ist wie am Tag zuvor. Alles ist normal. Nichts ist passiert. Das Leben geht weiter und die Welt hat nicht angehalten für uns. Ich wünsche es mir so sehr mein Schmetterling. Es dauert nicht mehr lang. Die Zeit des Wartens ist bald vorüber. Und vielleicht kann ich dann wieder glauben. Vielleicht kann ich dann wieder vertrauen. Vielleicht kommt dann irgendwann der ganz ursprüngliche Glaube daran zurück, dass alles gut werden kann. Das manchmal einfach alles gut werden kann.