Das Leben lieben

Heute habe ich eine wunderbare Sache gesehen, mein Schmetterling, und ich möchte sie mit dir teilen. Jemand hat einen Wunsch geäußert, aber nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Ich weiß nicht, wer die Person war, an die er gehen sollte, und ich weiß nicht wer ihn so wundervoll formuliert hat, aber es steckte so viel Wahrheit darin, dass er mich tief in meinem Herzen berührt hat. Übersetzt lautete der Wunsch so: „Ich hoffe es gibt Tage, an denen dein Kaffee wie Magie schmeckt, an denen deine Playlist dich tanzen lässt, Fremde dich zum lächeln bringen und der Nachthimmel deine Seele berührt. Ich hoffe, dass du dich wieder in das Leben verlieben wirst.“ Und ich glaube von allen Dingen, die man jemandem wünschen kann, der sein Kind ziehen lassen musste, ist das das Wichtigste: Das man sich eines Tages wieder in das Leben verlieben kann. Nicht einfach nur lebt, nicht einen Tag nach dem anderen irgendwie schafft, sondern die Tage wieder lieben kann, die Dinge um sich herum wieder von ganzem Herzen genießen lernt. Wenn man sein Kind verliert, verliert man so viel mehr als nur den Menschen, den man so sehr liebt, dass es weh tut. Man verliert, neben unzähligen anderen Dingen, die Liebe zum Leben. Und es ist ein langer, steiniger Weg diese Liebe neu zu entdecken. Mancher findet sie nie wieder. Für manchen ist sie zu weit fort, zu tief vergraben, der Schmerz ist zu stark um auch nur nach ihr zu suchen. Derjenige wird vielleicht auch leben, aber es wird ein existieren sein, jeder Tag wird ein Kampf sein, eine Mühsal, eine Qual. Aber für den, der es schafft, diese Liebe zum Leben irgendwann wiederzufinden, für denjenigen wird das Leben irgendwann wieder schön sein. Der wird irgendwann wieder über die kleinen Dinge lächeln können, die passieren, der wird irgendwann wieder Freude in Dingen finden, die er zuvor nicht einmal mehr beachtet hat. Nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr fühlen konnte. Ich werde versuchen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal einem verlassenen Elternteil begegne. Dass es nicht nur notwendig ist, die Kraft aufzuwenden, weiterzumachen, sondern dass es genauso wichtig ist, irgendwann wieder die Freude zu entdecken, die jeder einzelne neue Tag mit sich bringen kann, jeder Sonnenstrahl, jede Knospe, jedes Musikstück und jedes freundliche Wort. Ich hoffe, dass ihr euch wieder in das Leben verlieben werdet, ihr tapferen Eltern, ihr Kämpfer, ihr Löwen. Ich wünsche es jedem einzelnen von euch. Vielleicht ist noch nicht heute der Tag, und vielleicht auch nicht morgen, aber irgendwann. Eines Tages.

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Herzschmerz

Mein Herz schmerzt heute, mein Schmetterling. Ich weiß es geht vorbei, ich weiß es wird besser, aber es schmerzt und sticht und es weint, weint um dich und um noch so viel mehr. Ich habe ein Video gesehen in dem ein kleines Kind tanzt, größer als du und größer als deine Schwester, aber trotzdem noch klein, vielleicht vier Jahre alt. Es tanzt mit kahlem Kopf und dünnen Beinen. Es tanzt angeschlossen an Infusionen, umgeben von Pflegern und Schwestern, aber auch umgeben von Luftballons und einem Weihnachtsmann. Es tanzt mit einem Mundschutz, weil es so krank ist, dass es sich mit ncihts anstecken darf. Es tanzt obwohl es sterbenskrank ist, es tanzt gegen die Krankheit und gegen die Angst und gegen all das Schlimme an. Und in diesem Moment ist es in seinem Kopf nicht mehr krank, es ist einfach froh und es tanzt seine Freude heraus. Und es bricht mir das Herz, denn ich weiß, dass es einige Minuten später vielleicht wieder im Bett liegen wird, weil es schlapp ist. Dass es vielleicht Schmerzen haben wird oder brechen muss. Dass es vielleicht in ein paar Tagen wieder operiert werden muss oder eine Chemo kriegt. Dass es vielleicht nicht überstehen wird was auch immer an ihm zehrt. So viel Lebensfreude, übersprudelnd, leuchtend. Und dann so viel Schmerz und Leid und Trauer. Das dürfte es nicht geben. Kinder dürften nicht so krank sein, dass sie im Krankenhaus tanzen müssen, umgeben von Infusionen und Schläuchen. Sie sollten auf Wiesen tanzen und in ihren Betten zu Hause hüpfen und wild und frei und gesund sein.  Und deshalb muss mein Herz heute weinen, um dich und um dieses Kind und um all die anderen Kinder, die nicht frei sind, nicht auf Bäume klettern und im Schnee toben dürfen. Ich vermisse dich, mein Schmetterling, und ich hätte dir so ein wunderbares wildes und freies Leben gewünscht. Aber manchmal läuft es einfach alles anders als man es sich wünscht und alle Macht der Welt kann es nicht in Ordnung bringen.

Wie jedes Jahr

Deine Nacht steht wieder bevor, mein Schmetterling. Morgen ist dein dritter Todestag. Und wie jedes Jahr stehe ich vor diesem riesigen Berg Emotionen, vor meiner unendlichen Trauer um dich, vor der Angst vor der Nacht und dem Tag, und vor meiner Liebe zu dir. Meiner unerschöpflichen, ewigen Liebe. Und wie jedes Jahr sind es zu viele Gefühle, um sie in mir verschließen zu können. Sie kommen einfach heraus. Ich bin ein Gefäß mit einem Sprung, und immer wieder tritt etwas der Gefühle aus. Je näher wir dem Moment kommen, desto stärker wird es, desto mehr lassen sich die Gefühle nicht im Zaum halten. Sie übermannen mich, immer wieder. Aber das ist okay. Meine Gefühle sind das, was uns verbindet, was uns immer verbinden wird, und was mich am Ende, wenn es so weit ist, wieder zu dir führen wird. Meine Gefühle sind mein Tribut an dich. Ich lege sie dir zu Füßen, baue ein Schloss aus ihnen, in denen die Erinnerung an dich fürstlich lebt. Wie jedes Jahr erhebe ich dich auf deinen Thron aus Tränen, wo du sitzen wirst, bis der Tag geschafft ist. Einen Atemzug nach dem anderen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Augenblick nach dem anderen. Heute Nacht werde ich wieder spüren wie du mir entgleitest, wie du deinen letzten Atemzug nimmst, wie dein Herz ein letztes Mal schlägt. Wie du mir entglitten bist, ganz langsam. Wie jedes Jahr weiß ich nicht, wie ich das erneut ertragen soll. Aber wie jedes Jahr weiß ich: ich werde überleben. Ich schaffe es. Auch wenn ich gebrochen bin und geschafft nach deiner Nacht, auch wenn mir alles weh tut und ich müde bin, auch wenn ich nicht erhobenen Hauptes gehen kann, weil die Kraft fehlt: ich werde leben. Mein Herz wird weiterschlagen, doppelt so stark, denn es schlägt auch an deiner statt. Und wie jedes Jahr bringt mich auch diese Sternenschnuppennacht wieder einen Schritt näher zu dir.

Frage ohne Antwort

Ich habe in der letzten Zeit auf unterschiedlichen Wegen immer und immer wieder eine Frage gelesen. Die schwerste Frage. Die Frage, auf die ich mit all der Erfahrung, die ich sammeln konnte, und mit all meiner Trauerarbeit noch immer keine Antwort weiß. Die, bei der mir die Worte fehlen. „Ich weiß, dass mein Kind sterben wird, ich weiß nur noch nicht wann. Wie kann ich mich darauf vorbereiten?“ Die Frage wird häufig von Eltern gestellt, deren Kinder schwer an Krebs erkrankt sind, und die von den Ärzten die Hiobsbotschaft erhalten haben, dass sie nichts mehr für das Kind tun können. Ich habe glaube ich schon einmal kurz darüber gesprochen, aber es beschäftigt mich so sehr, lässt mir keine Ruhe. Denn diese Frage trifft mich jedes Mal wie ein 40-Tonner mit Vollgas, sie wirft mich um und lässt mich zerschmettert am Boden liegen. Ich weiß keine Antwort auf sie, und sie reißt alle Wunden weit, weit auf. Was soll ich Eltern sagen, die diese Frage stellen? Wie soll man sich auf das Unvorstellbare vorbereiten, das Unmögliche, das, was verboten sein müsste? Wie soll man sich darauf vorbereiten, jemanden zu verlieren, der wichtiger ist als man selbst? Jemanden, bei dem jede einzelne Zelle des eigenen Körpers brennt mit dem Verlangen, diesen Jemand zu beschützen, koste es was es wolle? Jemanden, den man bis zur Selbstaufgabe liebt? Jemanden, ohne den man nicht leben kann und auch nicht will? Und all meine Worte verlassen mich in diesen Momenten, sie verflüchtigen sich wie Rauch im Wind, von einem Moment auf den anderen sind sie fort. Ich öffne meinen Mund und ihm entströmt ohrenbetäubende Stille. Ich möchte so viel sagen, es wirbelt in mir, aber alles passt nicht zur Frage. Sätze wollen sich bilden: Es tut mir so leid, so unendlich leid. Ich wünschte es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte dir diesen Schmerz abnehmen. Ich will nicht, dass du diesen Weg gehen musst. Ich will nicht, dass dein Kind stirbt. Ich will dich beschützen vor dem, was kommt. Ich kenne dich nicht, aber ich will nicht, dass du so leiden musst. Ich sehe dein Kind und will nicht, dass es fort ist. Ich will, dass dieser Mensch lebt, dass er aufwachsen darf. Ich sehe das Lächeln deines Kindes und es treibt mir glühend heiße Tränen in die Augen. Ich kenne es nicht, aber ich liebe es, allein von diesem Bild, und ich will nicht, dass es geht. Ich will nicht, es geht nicht, es darf nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

Aber aus meinem Mund kommt nichts. Will ich die Worte fassen, sind sie fort, mein Kopf ist leer. Denn, ihr lieben, ihr tapferen, ihr starken und wunderbaren Eltern: ihr könnt euch nicht vorbereiten. Egal was ich euch sage, egal was ihr tut, egal wie viel ihr vorher kuschelt, unternehmt, wie viele Erinnerungen ihr schafft: Am Ende ist es nicht leichter. Es ist IMMER grauenvoll. Es reißt uns um, zertrümmert uns und lässt uns zerstört liegen. Irgendwann rappeln wir uns auf, setzen uns wieder zusammen, oft mit der Hilfe anderer Menschen. Aber nichts, absolut gar nichts in dieser Welt kann euch vorbereiten auf den Tod eures Kindes. Nichts kann euch helfen gegen den Schmerz, der da kommt. Deshalb ist alles, was ich sagen will, nur Schall und Rauch. Und alles was bleibt ist diese brüllend laute Stille. Und in meinem Kopf die Worte. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

Trauer auf Urlaub

Ich bin gerade krank, mein Schmetterling. So krank war ich glaube ich noch nie vorher in meinem Leben. Ich nehme an ich hab die Grippe oder sowas, ist auch egal. Wichtig ist, dass ich heute Zeit habe. Zeit für mich, das kommt selten vor. Es hat in der letzten Zeit Tage geben, an denen ich nicht traurig war. Tage an denen ich mich wirklich gut gefühlt habe, an denen ich glücklich war. Und immer wieder kommt an diesen Tagen das schlechte Gewissen. Eine Stimme, die mir sagt: wie kannst du nur? Wie kannst du nur glücklich sein? Und manchmal an diesen Tagen habe ich Angst, Angst dass die Trauer nicht zurückkommt. So seltsam das klingt. Ich habe Angst, dass es eines Tages o. k. sein könnte. Denn es kann und darf nicht o. k. sein. Doch dann kommen andere Tage. Tage wie heute. Und ich begrüße die Trauer, wie einen alten Freund, ich umarme sie und lade sie wieder zu mir ein. Ich habe dich vermisst, sage ich leise zu der Trauer. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich dachte du bist fort. Und sie nimmt mich sanft in den Arm, sie umgibt mich und sie ist warm. Und dann weiß ich, dass die Trauer nicht wirklich fort war. Ich war nur zu beschäftigt für sie. Mein Leben ist ein Wirbelwind, und ich habe zwischendurch keine Zeit für sie. Aber das heißt nicht, dass sie fort ist. Sie nimmt ein bisschen Abstand, sie setzt sich irgendwo an den Wegesrand und sie wartet. Geduldig wartet sie, bis ich wieder bei ihr vorbeikomme. Bis ich wieder Zeit für sie habe, und sie zu mir einlade. Also sitze ich hier und bin froh über meine Trauer, bin froh über jede Träne, die ich dir schenken darf mein Schmetterling. Mein geliebtes Kind.

Don’ts in der Trauer und ihre Hintergründe

Heute schreibe ich einen Artikel über ein sehr wichtiges Thema, nämlich darüber, was man zu trauernden Eltern und den Verwandten auf keinen Fall sagen sollte. Ich werde auch schreiben, was dahinter steckt, und was man stattdessen sagen könnte, denn ich habe einen Artikel über die Hintergründe auf Englisch gelesen und fand es sehr hilfreich für mich zu hinterfragen, warum bestimmte Dinge gesagt werden.

„Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder bekommen.“

Nein. Nein, das hilft leider überhaupt nicht. Denn: kein Kind kann ein anderes ersetzen. Was wir daraus verstehen ist, grob und überspitzt gesagt: Ach, ihr macht einfach ein neues Kind und dann ist es wieder gut. Nein, es wird nicht wieder gut. Und wenn wir noch hundert Kinder bekommen, werden wir das eine, was fehlt, nicht weniger schmerzlich vermissen. Was häufig hinter dem Spruch steckt ist der Wunsch, irgendeinen Trost zu spenden, und da fällt einem eben oft als erstes ein: man kann ja noch mehr Kinder bekommen. Statt dessen ist es besser, die Trauer ernstzunehmen, und den Gefühlen Raum zu geben. Sagt doch vielleicht: „Es tut mir sehr leid, dass du so traurig bist, und ich leide mit dir. Es ist schrecklich, sein Kind zu verlieren, und es wird immer fehlen.“ Oder sag: „Ich vermisse dein Kind auch.“ Gib der Existenz des Kindes Raum. Erkenne an, dass es nicht ersetzbar ist. Werte es nicht ab, indem du es zu etwas Ersetzbarem machst.

„Wer weiß, wozu es gut war.“

Zu diesem Spruch habe ich schon einmal etwas geschrieben, aber ich will trotzdem nochmal im Detail darauf eingehen. Wenn die Eltern irgendwann von sich aus auf den Gedanken kommen, hinter ihrem Verlust einen tieferen Sinn zu erkennen, dann ist das gut, denn es ist heilsam, Sinnhaftigkeit zu schaffen. Wenn die Eltern es aber immer als sinnlos und grausam empfinden, dann ist das in Ordnung und sie haben jedes Recht dazu. Die Aussage es gäbe einen Sinn dahinter sagt uns, dass es etwas gibt, das wichtiger war, als das Leben unseres Kindes. Dass es „gut“ war, weil es einem Zweck dient. Und diese Entscheidung, diese Bewertung, die darf niemand fällen als die Eltern selbst. Bitte verweist nie, niemals auf etwas Gutes dahinter, es sei denn die Eltern sprechen selbst davon. Hinter diesem Spruch steckt der Wunsch, durch das Finden eines Sinnes dahinter Akzeptanz zu schaffen und den Eltern zu  helfen, zu verarbeiten. Dieser Wunsch ist gut, aber er muss anders ausgedrückt werden. Vielleicht sagt ihr einfach: „Es tut mir weh zu sehen, wie ihr leidet. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um euch zu trösten.“ Damit drückt ihr eure Gefühle und eure Wünsche aus, ohne den Tod des Kindes zu verharmlosen. Denn das ist sehr verletzend.

„Du bist doch nur XYZ, nicht die Eltern. Es steht dir nicht zu, so viel zu trauern.“

Trauer ist individuell. Trauer hat nichts mit Blutbanden zu tun, Trauer hat nichts mit Verwandschaftsgrad zu tun. Das Einzige, wovon die Trauer abhängt, ist die Vertrautheit und die emotionale Nähe. Wie sehr wir lieben, ist unabhängig davon, ob wir Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, oder vielleicht nur Nachbarn des verstorbenen Kindes sind. Und das zu verstehen ist wichtig. Hinter diesem Spruch steckt das Unverständnis über die Intensität der Trauer und gleichzeitig auch die Idee, dass die Verarbeitung anders ablaufen müsste. Aber das muss sie nicht. Trauer ist so individuell wie jeder einzelne von uns. Wer sehr liebt, trauert vielleicht sehr intensiv. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Und wenn man weniger trauert, oder vielleicht weniger ‚offen‘, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass man weniger geliebt hat. Das heißt nur, dass man anders verarbeitet. Es ist wichtig, die Reaktion anzuerkennen und anzunehmen, der Trauer den Raum zu geben, den sie benötigt. Denn nur wer durch die Trauer hindurch geht, der kann heilen. Reden wir die Trauer klein, dann heilen wir nicht. Auch steckt hinter diesem Spruch wohl der Wunsch, dass die andere Person  nicht mehr so sehr trauert, und der rührt daher, dass der Sprecher die Trauer der anderen Person nicht gut aushalten kann. Statt das zu sagen könnte man seine Gefühle in Worte fassen: „Ich kann es nicht gut sehen, dass es dir so schlecht geht. Und ich verstehe es auch nicht so gut, denn meine Trauer fühlt sich anders an.“ Aber man kann und darf dem Ganzen keinen normativen Rahmen geben. Ein Falsch und ein Nicht Zustehen gibt es hier nicht. In der Trauer gibt es keine Regeln, die allgemeingültig sind. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten.

„Jetzt ist auch mal gut, es war doch noch kein richtiges Kind.“

Dieser Spruch hat gleich zwei Komponenten und ist insbesondere relevant für Eltern, die ihre Kinder früher in der Schwangerschaft verloren haben. Der erste Teil bezieht sich wieder auf ein Richtig oder Falsch in der Trauer, entsprechend gilt, was ich im vorherigen Abschnitt schrieb. Der zweite Teil bezieht sich darauf, dass das Kind noch nicht geboren war, noch nicht ‚fertig‘. Hinter diesem Spruch steckt wieder der Wunsch, dass die Eltern nicht mehr so traurig sein sollen, eine Idee davon, dass man sie vielleicht vom ‚unfertig sein‘ des Kindes überzeugen kann, damit ihre Trauer gemildert wird. Aber das tut sehr, sehr weh. Unsere Kinder sind unsere Kinder, und wir trauern um sie egal wie klein sie waren. Auch hier ist es eine individuelle Sache wie sehr beispielsweise eine frühe Fehlgeburt jemanden belastet.  Die eine Mutter kommt vielleicht gut damit zurecht, die andere wirft es in ein sehr tiefes emotionales Loch. Wir trauern verschieden. Unsere Bindung in der Schwangerschaft entwickelt sich verschieden. Und auch dort ist alles erlaubt. Ein Kind in der 6. Woche kann von seinen Eltern ebenso intensiv geliebt werden, wie ein Kind am Ende der Schwangerschaft. Man erkennt mit diesem Spruch dem Kind die Existenz ab. Das ist für die Eltern sehr verletzend. Wie bei den vorherigen Sprüchen auch sollte man anders anfangen, seinen Gefühlen Raum geben und den Wunsch zu Trösten explizit aussprechen: „Es tut mir so leid, dich so zu sehen. Ich wünschte, es würde dir besser gehen. Und ich wünschte, ich könnte etwas sagen, um dir zu helfen.“

Falsch zählen

Das hier ist kein wirklicher Spruch, aber es ist für viele Eltern ein großes Problem, wenn man die Kinder falsch zählt. Mika war mein erstes Kind. Jedes Kind danach muss eine andere Zahl bekommen. Auf Formularen muss ich oft eintragen, wie viele Kinder ich habe, und wenn ich aus irgendwelchen Gründen 1 eintragen muss, weil es anders nicht geht, dann tut mir das sehr weh. Ich habe das Gefühl, ich habe Mika betrogen. Und wenn jemand anderes ein möglicherweise zweites, oder drittes Kind, als das erste oder zweite bezeichnet, dann tut das auch weh. Wir verstehen es, wenn es jemand nicht wissen kann. Wenn man es aber weiß, dann sollte man der Existenz des Kindes Respekt zollen, indem man es mitzählt. Damit gebt ihr uns das Gefühl, dass es auch für euch eine Rolle spielt, dass ihr es nicht vergessen habt. Und das tröstet uns.

Ich finde man merkt eines ganz deutlich. Ganz vielen der Sprüche liegt der Wunsch zugrunde, zu trösten. In ihnen steckt die Tatsache, dass man die Trauer des Gegenüber schlecht aushalten kann, das man sich wünscht, es würde ihnen besser gehen. Und die Lösung ist wie man sieht sehr einfach: sagt das. Fasst eure Gefühle und eure Wünsche in Worte. Erkennt an, dass ihr vielleicht hilflos seid. Und dass euch das frustriert. Sprecht über das, was euch bewegt. Seid euch darüber im Klaren, dass ihr es nicht in Ordnung bringen könnt. Denn das Anerkennen der Untöstlichkeit der Eltern (oder auch der Freunde und Verwandten) ist die schwerste, aber auch die wichtigste Aufgabe, vor der ihr steht.

Die Liste ist aus den Anregungen anderer Personen entstanden. Wenn ihr selbst Sprüche gehört habt, die ihr hier gern wieder finden würdet, dann hinterlasst mir einen Kommentar. Ich ergänze den Artikel dann gern um eure eigenen Erfahrungen.

Verwundet

Eine andere AT/RT-Engelsmutter hat einen Beitrag geschrieben darüber, wie es ihr an Weihnachten geht. Über Dinge, vor denen sie Angst hat. Über Dinge, die andere Menschen an ihrem Verhalten und an ihren Gefühlen nicht verstehen können. Und beim Lesen ist mir etwas klar geworden, mein Schmetterling. Etwas, das bestimmt vorher schon vielen Menschen aufgefallen ist, nur nicht mir. Wir sind wie Soldaten, die seelisch verwundet aus dem Krieg gekommen sind. Wir leiden oft an den gleichen psychischen Problemen. Viele Soldaten und Soldatinnen kommen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurück. Sie sind nicht mehr wie früher. Sie haben Dinge gesehen, Entscheidungen getroffen, die sie nicht ertragen können. Oft für die „gute Sache“, für ein übergeordnetes Ziel. Ebenso ist es bei uns.

Wir haben Dinge gesehen, die man nicht ertragen kann. Wir haben gesehen und aushalten müssen, wie unseren Kindern schreckliche Dinge angetan wurden. Sie waren für eine gute Sache, ganz bestimmt. Nichtsdestotrotz waren sie schrecklich. Wir haben Entscheidungen getroffen, treffen müssen, die niemand treffen müssen sollte. WIR haben unser Einverständnis gegeben, dass unseren Kindern furchtbare Schmerzen zugefügt werden. Wir haben zugestimmt, dass sie aufgeschnitten werden. Verletzt. Vergiftet. Wir haben zugestimmt, dass wir das Risiko auf uns nehmen, dass sie bei diesen Eingriffen sterben könnten. Wir tragen die Verantwortung. Und sie ist schwer, so unendlich schwer. Viele von uns konnten es unseren Kindern nichtmal erklären. Unsere Kinder waren zu klein, um zu verstehen. Wir können uns nicht entschuldigen. Unsere Kinder sind nicht mehr da. Ich bin sicher, dass das, was wir getan und wofür wir uns entschieden haben richtig war. Trotzdem muss ich damit leben, dass ICH ja gesagt habe, ich habe meine Unterschrift dafür geleistet, dass man dir weh tut, furchtbar weh tut. Und dass es am Ende nichts geholfen hat. Anders als ein Soldat oder eine Soldatin, habe ich niemanden töten müssen. Aber ich habe trotzdem furchtbare Dinge getan, habe mein Einverständnis zu grauenhaften Dingen gegeben. Im Namen der guten Sache. Im Namen eines hehren Ziels.

Ich bin aus dem Krieg gekommen. Und so fühle ich mich. Viele von uns haben Flashbacks. Haben Angst vor bestimmten Daten, vor bestimmten Orten, vor bestimmten Geräuschen. Ich ertrage den Geruch von Krankenhäusern sehr schlecht. Ich ertrage den Anblick von Magensonden bei Kindern nicht mehr. Ich ertrage den Anblick von Beatmungshilfen sehr schlecht. Die Engelsmama von der ich sprach hat Angst vor dem Vergehen der Zeit. Niemand kann das nachvollziehen. Sie bekommt einen emotionalen Zusammenbruch, weil das Wasser in ihrer Dusche nicht warm wird. Jemand sagt: Mach dir nichts draus, du kannst morgen duschen. Aber nein, das erträgt sie nicht. Denn sie hat das Gefühl, dass das warme Wasser das einzige ist, was ihr an diesem Tag Freude bereiten kann. Und so weint sie, weil ihr Wasser nicht warm wird. In Wahrheit weint sie auch um ihr Kind, und sie weint um sich. Sie weint um die Zukunft, die sie nicht haben wird. Sie weint um die Vergangenheit, die sie nicht ändern kann. Sie weint den Schmerz heraus, der in ihr wohnt. Aber das kann niemand sehen. Man sieht nur, dass sie weint, weil das Wasser kalt ist, und das findet ihre Umwelt unverständlich.

Wir sind  verwundet. Wir mussten in einen Krieg ziehen, den wir nie wollten, den wir nicht begonnen haben und den wir nicht beenden konnten. Wir haben uns nicht dafür entschieden, und wir konnten nicht aussteigen. Wir haben unsere Verletzungen davon getragen und viele von uns sind nicht mehr wie früher. Aber das ist okay. Und wenn wir weinen müssen, weil das Wasser kalt ist, weil eine Tasse zerbrochen ist, weil der Wind weht oder weil unser Joghurt schlecht geworden ist, dann ist das okay. Denn wir weinen in Wahrheit um so viel mehr. Und wenn wir bestimmte Orte, oder Daten, oder Dinge nicht mehr ertragen können, dann ist das okay. Niemand zwingt einen Soldaten, der verwundet nach Hause kam, in ein zerbombtes Kriegsgebiet zurück.

Ich liebe dich, mein Schmetterling. Ich werde dich immer lieben. Und wenn ich weine, vielleicht ohne Grund, dann weißt du ich weine um dich. Und wenn ich traurig bin, vielleicht weil der Regen nass ist, dann weißt du: ich trauere um dich. Und wenn ich lache, weil ich einen Schmetterling sehe, dann weißt du: ich lache für dich.