Wie jedes Jahr

Nun ist er wieder da, der Tag, der immer wie ein dunkler Nebel über unseren Köpfen schwebt. Dichter werdend. Dunkler werdend, je näher er kommt. Wir wissen vorher nie, wie er sein wird, wie wir uns fühlen werden. Werden wir in der Nacht, die ihm vorausgeht, schlafen können? In der Nacht, in der du dich auf den Weg gemacht hast durch die einzige Tür, durch die wir dir nicht folgen können? In der Nacht, in der du deine Flügel aufgespannt hast und für immer davon geflogen bist? Wie wird der Tag sein? Wird die Sonne scheinen und alles in helles Licht hüllen, ein Licht, das es einfacher macht den Tag zu ertragen? Ein Licht, das Hoffnung schenkt? Oder wird es regnen, wird der Himmel mit uns weinen um dich, mein Schmetterling? Wie wird es uns gehen? Werden wir leiden oder werden wir Frieden in den Gedanken an dich finden? Es ist jedes Mal anders. Und jede Version ist okay. Ein Tag voller Tränen und Trauer ebenso wie ein Tag in fast schon fröhlichem Gedenken. Du bist nun vier Jahre fort. Vier lange, viel zu lange Jahre. Im nächsten Jahr werden wir dich hoffentlich zu viert besuchen können, werden zu viert unter deinem Baum sitzen und an dich denken. Ich bin gespannt, wann deine zweite Schwester auf die Welt kommen möchte. Ich hoffe nicht heute. Ich habe diesen Brief an dich schon gestern geschrieben, weil man nie weiß, was passiert. Vielleicht möchte sie sich in der Nacht auf den Weg machen, in der du gegangen bist? Wer weiß. Vielleicht möchte sie aber auch meinem Sehnen nachkommen, das sagt: Bitte nicht an diesem Tag. An jedem anderen. Aber bitte nicht an diesem. Aber egal wie sie sich entscheidet, es wird in Ordnung sein. Es wird einen Grund haben. Sie wird schon wissen, was sie tut. Ich vertraue ihr, so wie ich dir immer vertraut habe. Und wenn sie denkt es sei das Beste, wenn sie in dem Moment auf diese Welt kommt, in dem du sie vor vier Jahren verlassen hast, dann wird auch das seinen Sinn haben. Ich denke an dich, mein Schmetterling. Jeden Tag. Und nun ganz besonders. Ich denke an deine Tapferkeit, deinen Kampf, an dein Wesen, an alles, was dich ausgemacht hat. Ich denke daran, wie du nun vielleicht wärst. Wie du dich als großer Bruder machen würdest. Ich erkläre deiner Schwester, warum ich manchmal weinen muss, wenn ich deine Bilder ansehe. Ich erkläre ihr, dass es okay ist, wenn man weint, weil man jemanden vermisst. Ich erkläre ihr, dass man keine Angst haben muss vor der Trauer. Genauso werde ich es dem neunen kleinen Wesen erklären, das in Startposition ist, das auf den richtigen Moment wartet, um in unser Leben zu treten. Das du sicher schon kennst, genauso wie sich dich sicher schon kennt. Und so harren wir der Dinge, die da kommen. Wie jedes Jahr, seitdem du fort bist. Wie jedes Jahr, bis auch wir wieder bei dir sein werden. Wir lieben dich. Wir vermissen dich. Du wirst immer ein Teil unserer Familie sein.

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Wie jedes Jahr

Deine Nacht steht wieder bevor, mein Schmetterling. Morgen ist dein dritter Todestag. Und wie jedes Jahr stehe ich vor diesem riesigen Berg Emotionen, vor meiner unendlichen Trauer um dich, vor der Angst vor der Nacht und dem Tag, und vor meiner Liebe zu dir. Meiner unerschöpflichen, ewigen Liebe. Und wie jedes Jahr sind es zu viele Gefühle, um sie in mir verschließen zu können. Sie kommen einfach heraus. Ich bin ein Gefäß mit einem Sprung, und immer wieder tritt etwas der Gefühle aus. Je näher wir dem Moment kommen, desto stärker wird es, desto mehr lassen sich die Gefühle nicht im Zaum halten. Sie übermannen mich, immer wieder. Aber das ist okay. Meine Gefühle sind das, was uns verbindet, was uns immer verbinden wird, und was mich am Ende, wenn es so weit ist, wieder zu dir führen wird. Meine Gefühle sind mein Tribut an dich. Ich lege sie dir zu Füßen, baue ein Schloss aus ihnen, in denen die Erinnerung an dich fürstlich lebt. Wie jedes Jahr erhebe ich dich auf deinen Thron aus Tränen, wo du sitzen wirst, bis der Tag geschafft ist. Einen Atemzug nach dem anderen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Augenblick nach dem anderen. Heute Nacht werde ich wieder spüren wie du mir entgleitest, wie du deinen letzten Atemzug nimmst, wie dein Herz ein letztes Mal schlägt. Wie du mir entglitten bist, ganz langsam. Wie jedes Jahr weiß ich nicht, wie ich das erneut ertragen soll. Aber wie jedes Jahr weiß ich: ich werde überleben. Ich schaffe es. Auch wenn ich gebrochen bin und geschafft nach deiner Nacht, auch wenn mir alles weh tut und ich müde bin, auch wenn ich nicht erhobenen Hauptes gehen kann, weil die Kraft fehlt: ich werde leben. Mein Herz wird weiterschlagen, doppelt so stark, denn es schlägt auch an deiner statt. Und wie jedes Jahr bringt mich auch diese Sternenschnuppennacht wieder einen Schritt näher zu dir.

Heute fing es an…

…das Sterben. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich weiß nicht, wie ich atmen soll und einfach einen normalen Tag haben, wo es doch so viele Dinge gibt, an die ich denke. Aber eines weiß ich noch ganz genau, mein Schmetterling. Unser letzter Tag war schön. Er war sonnig und warm und dir ging es gut, so gut wie es jemandem eben gehen kann, der so krank ist.

Das sind die letzten Bilder, die wir von dir haben. Sie sind vom Nachmittag. Wir waren spazieren, dir ging es gut genug, dass wir dich ohne alle Geräte und Schläuche mitnehmen durften. Und wir durften dich waschen und eincremen. Dein Papa wäscht dich gerade. Es war so warm, deshalb durftest du nackig da liegen. Ich sehe deinen Blick, deine aufmerksamen wachen Augen, und ich kann es nicht glauben. Zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch ungefähr 5 Stunden, bis das Schlimmste begann. Bis der Anfang vom Ende kam. Ich hätte es niemals für möglich gehalten und es tut so weh. Aber auch wenn es mich furchtbar und unendlich traurig macht, dass das die letzten Bilder von dir sind, so tröstet mich eines sehr: Du siehst nicht leidend aus. Du siehst nicht aus wie jemand, der ein paar Stunden später sterben wird. Du siehst aus wie ein etwas müdes kleines Baby. Denkt man sich die Schläuche weg, die Pflaster und die Wunden, könnte es ein ganz normales Bild sein. Ja, du musstest etwas mehr brechen an diesem Tag. Aber solche Tage gab es zwischendurch immer mal wieder. Du hattest immernoch Kraft in dir, du warst nicht gebrochen. Dein Geist war wach und klar. Ich habe dich sogar lächeln sehen dürfen. Dein Schmetterlingspapa hat es leider nicht mehr gesehen, denn er saß gerade am Tisch, aber du hast gelächelt.

Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Es schmerzt unglaublich, dass du nicht mehr da bist. Das Atmen tut weh. Das Leben tut weh. Aber wir sind noch da. Und du hast so oft gezeigt, dass du willst, dass wir glücklich sind. So lade ich meinen Schmerz in meine Worte und lasse sie heraus, schicke sie in die Welt, und lasse ihn ein bisschen los. Ich lade sie auf und schicke sie fort. Und es ist nur ein Tag. Einen Tag nach dem anderen, hat jemand zu mir gesagt. Einen Atemzug nach dem anderen. Es ist nur ein Tag. Ich habe Angst vor der Nacht, denn du bist in der Nacht gegangen. Immer ein Stückchen mehr, bis du deinen Weg am nächsten Morgen geschafft hattest. Ich hoffe die Nacht wird mir Träume schenken, die gnädig sind. Träume von dir. Ich hoffe ich werde schlafen, denn im Schlaf kann ich bei dir sein. Wir werden nie aufhören an dich zu denken, dein Schmetterlingspapa und ich. Und wir werden nie aufhören, traurig um dich zu sein. Aber wir gehen einen Schritt nach dem anderen, atmen einen Atemzug nach dem anderen und so werden wir einen Tag nach dem anderen überstehen, bis wir wieder zusammen sind.