Besondere Momente

Deine Schwester entwickelt sich in der letzten Zeit rasant, mein Schmetterling. Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, das erleben zu dürfen. Vor ein paar Tagen ist sie ihre ersten Schritte gelaufen. Und ich muss ehrlich gestehen, ich habe ein paar Tränchen verdrückt, obwohl ich mich was das angeht gar nicht für so sentimental gehalten habe. Aber immer wenn so ein Meilenstein erreicht ist, denke ich auch an dich, und all das, was wir mit dir nicht erleben durften. An all das, was auch du selbst verpasst hast. Das macht mich einerseits sehr traurig, andererseits schätze ich dadurch jeden dieser Momente umso mehr und sehe das Wunder, dass ihnen innewohnt, klar und deutlich. Deine Schwester hat ihren ganz eigenen Kopf, sie probiert sich aus und es ist absolut bewundernswert, wie sie sich die Welt um sich herum zu eigen macht und erschließt. Heute ist etwas passiert, über das ich mich ganz besonders freue. Sprechen tut sie schon lange und sie spricht viel und gut. Man versteht fast alles, was sie sagt. Aber ein Wort hat sie bis jetzt noch nicht gesagt, obwohl es ein Leichtes ist und in ihrem Lautrepertoire schon vorkommen müsste. Deinen Namen. Heute war das erste Mal. Sie hat sich dein Bild angeschaut, hat auf dich gezeigt und gesagt: „Mika“. Ich habe lange darauf gewartet und habe mich bemüht, sie nicht in diese Richtung zu drängen, ihr nicht aufzuladen, wie wichtig mir das war. Aber jetzt hat sie es geschafft, und ich hab mich sehr gefreut. Sie hat mir deinen Namen geschenkt, und ich werde diesen Moment mit all den anderen besonderen Momenten, die mir durch sie geschenkt werden, ganz fest in meinem Herzen behalten.

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Kintsugi

Ich habe vor einige Zeit Kintsugi kennengelernt, mein Schmetterling. Kintsugi ist eine wundervolle japanische Kunstform, in der man zerbrochenes repariert und dabei die dadurch entstandenen Makel als besondere Schönheit hervorhebt.

Bild1 Dieses Foto ist lizenziert gemäß CC BY-NC-ND; http://www.art-vibes.com/inspiration/kintsugi/

Ich finde das wundervoll. Und es erinnert mich so sehr an uns. Dein Sterben hat uns zerbrochen, hat etwas in uns zerstört, was unwiederbringlich ist. Aber das heißt nicht, dass wir zerbrochen sein müssen. Es heißt nicht, dass wir für immer so bleiben müssen. Wir werden nie wieder wie vorher, wir werden nie wieder makellos sein. Aber das heißt nicht, dass wir nicht schön sein können. Wenn ich in mich hineinhöre, und ich habe dir schon einmal davon erzählt, mein Schmetterling, dann weiß ich: Ich bin besser durch dich. Ich bin ein besserer Mensch. In vielen Bereichen bin ich ganz anders als vorher, und auch wenn der Preis viel zu hoch ist, bin ich nicht unglücklich mit meinem neuen Ich. Die Makel, die ich davongetragen habe, sind unübersehbar. Aber sie können schön sein, wenn man sie aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet. Ich bin stärker und schwächer, beides zugleich. Verständnisvoller, achtsamer, unendlich geduldiger als vorher. Und das ist schön. Und wie bei einer zerbrochenen und mit Kintsugi reparierten Schale kann man meine Narben sehen, doch sie sind golden und ich trage sie mit Stolz. Kintsugi ist da, damit man die Geschichte eines Gegenstandes sehen kann. Unsere Geschichten machen uns zu dem, was wir sind. Unsere Narben machen uns zu dem, was wir sind. Wir sollten sie nicht verstecken, sondern erhobenen Kopfes tragen, denn wir haben sie überlebt und wir sind immernoch da. Tragt eure Narben mit Stolz. Zeigt eurer Welt die goldenen Scherben. Schaut in den Spiegel und erkennt: ihr seid schön.

Stolz

Heute mein Schmetterling, möchte ich dir sagen wie stolz ich auf dich bin. Und dabei denke ich nicht an die Dinge, die mich sowieso schon unendlich stolz auf dich machen: Deinen tapferen Kampf, deine Gelassenheit in Anbetracht dessen, was um dich herum an schlimmen Dingen geschah, dein liebenswertes Lächeln bis zum Schluss als du deinen letzten Weg antreten musstest. Ich denke auch nicht an deine schnelle Entwicklung, die mich stolz gemacht hat wie jede Mutter, an all das was du in so kurzer Zeit gelernt hast obwohl du schon so krank warst, oder an deine fast schon unheimliche emotionale Intelligenz. Das sind alles Dinge, die du schon weißt. Heute denke ich an das, was du im Moment, ja jetzt, bewegst. Du veränderst Herzen, das weißt du. Es ist Teil deiner Aufgabe gewesen, ganz bestimmt. Du veränderst Sichtweisen. Aber es passiert noch mehr.

Du bringst die Menschen dazu, zu handeln. Und das macht mich so stolz auf dich, dass ich gar nicht weiß, wie ich es dir sagen soll. Ein kleine Mensch mit einem kurzen Leben, ein Wimpernschlag im Vergleich zu der Zeit, die du verdient hättest. Ich möchte dir erzählen, was gerade passiert. Auch wenn du es vielleicht sowieso weißt. Du hast mitbekommen, wie wir den Verein in deinem Namen gegründet haben, welche Startschwierigkeiten wir hatten und wie schwierig es ist, eine gute Sache voranzutreiben. Aber das haben wir inzwischen fast komplett hinter uns gelassen. Es ist Wochenende, die Menschen haben Zeit. Und wenn du genau hinhörst, kannst du das Rattern von Nähmaschinen hören. Denn es wird gearbeitet. Für dich. Und für andere Kinder wie dich, die einen schweren Kampf kämpfen müssen. Wegen dir sitzen heute liebe Menschen vor ihren Maschinen und nähen kleine Tröster für Kinder mit Leukämie. Wegen dir haben sich andere Menschen hingesetzt und uns Stoffe geschickt. Wegen dir haben Menschen Geld in die Hand genommen und an uns weitergegeben. Damit wir helfen können, wo Hilfe gebraucht wird.

Du bist nicht mehr hier. Du bist einen Schritt durch die Tür gegangen und Gott weiß, wie sehr ich dich vermisse, wie oft ich um dich weine, wie traurig ich oft bin. Aber du machst mich auch jetzt noch so stolz. Du bist ein großartiger kleiner Mensch und ich liebe dich.Danke, dass du bei mir warst. Danke, dass du Dinge bewegst. Danke, dass du hilfst, die Welt besser zu machen. Und danke an alle Menschen, die deine Geschichte in ihr Herz gelassen haben und deshalb mit an Bord sind.