Ein Kind ist tot – was soll ich nur tun?

Heute möchte ich eine neue Kategorie im Blog anfangen. Es soll dabei um den ganz praktischen Umgang mit der Trauer gehen und ich möchte berichten, was ich bzw. wir hilfreich fanden und was vielleicht auch gar nicht hilfreich ist. Anfangen möchte ich mit der ersten Zeit nach dem Tod. Und auch wenn es zu dem Thema schon Ratgeber gibt, schadet es nie, mehr zu wissen.

Ein Kind ist gestorben. Eine grauenvolle Situation, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Die Familie ist in einer absoluten Ausnahmesituation. Was also sind die Dinge, die jetzt wichtig sind, die man machen sollte und die man auf jeden Fall vermeiden sollte?

Was sollte ich tun?

1. Konkrete Hilfen anbieten

Je nachdem wie weit die Familie weg ist und wie eng ihr mit ihr befreundet und/ oder verwandt seid gibt es unterschiedliche Hilfen, die man anbieten kann. Oft ist die Familie in den ersten Tagen völlig paralysiert. Und selbst wenn nicht wird die Trauer oft übermächtig sein.Wenn ihr nahe dran seid bringt Essen vorbei, wenn die Familie das möchte. Achtet darauf, dass die Eltern und Geschwister essen und trinken, oft sind diese Bedürfnisse in den ersten Tagen nach dem Tod des Kindes völlig verschwunden. Bietet Hilfe bei den Behördengängen an, beim Gang zum Bestatter, bei der Auswahl des Sarges etc. Manchmal hilft es schon, wenn ihr nur dabei steht. Schmeißt den Haushalt, wascht die Wäsche, wenn die Familie es erstmal nicht schafft. Wenn es der Familie ein Anliegen ist helft ihr, die Besitztümer des Kindes wegzuräumen. Einige Eltern ertragen es nicht, die Dinge unberührt zu belassen, anderen ist es sehr wichtig. Wenn es Gewschwisterkinder gibt bietet an, mit ihnen etwas schönes zu unternehmen, fahrt in den Zoo etc. Die Eltern versuchen oft, für ihre verbliebenen Kinder besonders stark zu sein und haben keine Zeit für ihre Trauer. So können sie einfach für sich weinen. Seid da, wenn sie reden möchten. Bitte nicht einfach sagen: „Wenn ich was tun kann meldet euch.“ Das wird die Familie sehr warhscheinlich nicht tun. Ganz konkret fragen: „Ich koche gleich was, möchtet ihr was davon haben?“. Und bitte immer fragen. Manche Menschen möchten für sich sein oder ihnen ist es wichtig, alles allein zu machen. Damit kommen wir auch schon zu Nummer 2.

2. Verständnis für individuelle Trauer haben

Familien reagieren auf den Tod ihres Kindes ganz unterschiedlich. Ich war wie gelähmt. Ich habe nicht gegessen, nicht getrunken, wollte nicht aufstehen – konnte auch nicht. So Mancher stürzt sich aber in Aktivität. Manche Menschen wollen viel reden, andere wenig. Manche wollen Bilder ansehen und zeigen, andere möchten das alles erstmal von sich schieben. Wenn ihr anbietet, vorbeizukommen und zu reden, dann seid nicht böse, wenn die Familie das nicht möchte. Wichtig ist, das nicht persönlich zu nehmen und zu denken „Gut, dann helfe ich eben nicht mehr“. Vielleicht möchte die Familie an einem anderen Tag sprechen. Versucht so gut es geht abzuklopfen, was die Familie möchte und was nicht und orientiert euch daran. Und nehmt Ablehnungen nicht persönlich. Es ist eine Ausnahmesituation.

3. Selbsthilfe etc.

Sucht Informationen für konkrete Selbsthilfen zusammen. Das kann eine Selbsthilfegruppe sein, eine Therapeutin oder ein Therapeut, der auf Trauer und Trauma spezialisiert ist, ein Hospizkreis, ein Buch (zum Thema Selbsthilfegruppen und gute Bücher werde ich in einem anderen Artikel noch kommen) oder Kontaktdaten einer Trauerbegleiterin oder eines Trauerbegleiters. Auch ein Seelsorger kann hier gut helfen. Sucht die Adressen und Telefonnummern heraus und gebt sie der Familie bzw. werft sie in den Briefkasten mit dem Hinweis, dass sie dort anrufen können, wenn sie den Wunsch haben, zu sprechen. Wenn ihr gute Bücher kennt bringt sie vorbei. Oft haben die Familien gerade am Anfang keine Kapazitäten frei, sich zu informieren. Wenn dann irgendwann mehr Ruhe eingekehrt ist können sie einen Blick darauf werfen.

4. Erinnerungen „machen“

Es gibt sehr sehr viele Möglichkeiten, dauerhafte Erinnerungen zu schaffen. Darüber werde ich in einem anderen Artikel noch ausführlicher berichten. So gibt es beispielsweise Erinnerungsschmuck mit Fingerabdrücken, die Möglichkeit eine Haarlocke verewigen zu lassen, Asche bei sich zu tragen oder in einen Kristall einarbeiten zu lassen. Es gibt Tattoos, Hand- und Fußabdrücke. Es gibt die Möglichkeit, die Hand im Ganzen aus Gips nachgießen zu lassen und so weiter und so weiter – der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Leider sind viele dieser Möglichkeiten sehr zeitkritisch und können nur umgesetzt werden, bevor die Beisetzung stattfindet. Informiert euch für die Familie und schlagt entsprechende Dinge vor. Oft sind das die Wichtigsten Erinnerungsstücke neben Fotos, Videos und lieb gewonnenen Spielzeugen. Auch im Hinblick auf die Beisetzung gibt es vieles, was man tun kann, worüber aber oft  nicht nachgedacht wird. So kann man zum Beispiel Nachrichten an das Kind mit in den Sarg geben lassen oder gemeinsam verbrennen, Seifenblasen machen, Luftballons steigen lassen… auch hier ist eine Liste für die Familie mit schönen Ideen bestimmt gut, wenn sie selbst in ihrere Trauer überfordert ist. Die kann sie sich dann in Ruhe durchlesen und entscheiden, ob sie etwas davon umsetzen möchte oder nicht.

5. Finanzen

Beerdigungen sind teuer. Und je nachdem, wie die Familie finanziell gestellt ist, kann es sein, dass sie damit in Not gerät. Mit dem Tod eines Kindes rechnet niemand, daher ist eigentlich nie vorgesorgt. Wenn die Familie finanziell nicht so gut gestellt ist fragt vielleicht im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Sportverein, wo auch immer es passend sein könnte, und sammelt ein bisschen Geld. Geld ist besser als Blumenschmuck für das Grab, der nach kurzer Zeit verwelkt und der der Familie vielleicht gar nicht gefällt. Ihr könnt auch soziale Netzwerke nutzen. Oft sind die Menschen sehr berührt, wenn ein Kind stirbt, und möchten gern helfen. Mikas Beisetzung und auch der Schmuck sind zu 100% von Spenden finanziert worden, und das hat uns sehr viel abgenommen. Denn es macht viel aus, frei entscheiden zu können, wie das eigene Kind beigesetzt werden soll, ohne Dinge nicht tun zu können, weil man dafür kein Geld hat.

Was sollte ich auf gar keinen Fall tun?

1. Leere Phrasen benutzen

Jeder kennt diese Sätze. Aber sie helfen der Familie nicht in ihrer Trauer. Ich weiß, dass derjenige, der so einen Satz sagt, nur helfen möchte. Aber es hilft nicht, der Familie auf dem Höhepunkt ihrer Trauer zu sagen, dass ihr Kind „an einem besseren Ort“ ist. Es gibt keinen besseren Ort für ein Kind als die Arme seiner Eltern. Und wenn es so ist, dass die Familie irgendwann zu dem Schluss kommt, dass es für das Kind besser war zu sterben als weiter zu leiden, so muss die Erkenntnis aus ihnen selbst kommen. Brüskiert die Familien nicht mit solchen Sätzen. Oder damit ihnen zu sagen, dass es für etwas „gut war“. Wenn diese Erkenntnis irgendwann kommen sollte, muss sie aus der Familie selbst kommen. Im besten Fall wird die Familie nur trauriger sein, wenn man ihr so etwas sagt, im schlimmsten Fall wird sie wütend sein.

2. Ignorieren

Noch schlimmer als leere Phrasen ist es, das, was geschehen ist zu ignorieren. Ja, es ist schwierig, mit dem Tod eines Kindes umzugehen. Und es ist schwierig, auf den Menschen zuzugehen. Aber bitte ignoriert die Familie nicht. Damit signalisiert ihr, dass es euch egal ist, was geschehen ist. Wenn ihr nicht wisst, was zu sagen ist, dann sagt dass ihr es nicht wisst. Es gibt oft nichts Richtiges zu sagen, weil die Situation an sich so falsch ist. Aber gar nichts zu sagen ist das Schlimmste, was man tun kann. Und irgendwann ist der richtige Zeitpunkt verpasst.

3. Zu viel erwarten/ nicht mehr da sein

Nach dem Tod eines Kindes kommt oft irgendwann ( das kann nach ein paar Wochen oder auch Monaten der Fall sein) die Erwartung auf, die Familie müsse „weitermachen“ oder „drüber hinwegkommen“. „Nach vorne schaun“. Bitte erwartet so etwas nicht. Das Kind ist tot und wird für immer tot sein. Die Familie wird niemals darüber hinwegkommen. Sie wird weiterleben, aber sie wird FÜR IMMER um das Kind trauern. Diese Bürde trägt die Familie ihr ganzes Leben lang. Es ist wichtig, das zu verstehen. Es wird immer wieder schwierige Zeiten geben, am Anfang öfter, später seltener, aber sie werden nie aufhören. Seid dann immernoch da. Seid auch nach Monaten und Jahren noch da. Denkt an die Jahrestage und an die wichtigen Daten. Sagt der Familie, wenn ihr an ihr Kind gedacht habt. Für die meisten Familien ist es unglaublich wichtig zu hören, dass ihre Kinder geliebt und unvergessen sind, und das auch bei anderen Menschen.

Wenn euch noch andere Dinge einfallen, die ihr sehr hilfreich fandet oder die euch gar nicht geholfen haben hinterlasst mir gern einen Kommentar, dann werde ich einen ergänzenden Artikel nachreichen.

Flieg, mein Schmetterling

Vor diesem Eintrag habe ich die ganze Zeit am meisten Angst gehabt. Aber heute ist der Tag, an dem er kommen muss. Danke, dass ihr mit mir bis hierhin durchgehalten habt. Und danke, wenn ihr weiter durchhaltet, denn es ist die Beschreibung dessen, wovor jede Mutter am meisten Angst hat. Ich möchte eine Triggerwarnung vorausschicken. Bitte lest nichts davon, wenn ihr nicht vertraut, dass ihr es ertragen könnt.

Nach deinem Lächeln hast du den letzten Krampfanfall bekommen und wir wussten es war vorbei. Trotz aller krampflösenden Medikamente, trotz aller Bemühungen und trotz unserer verzweifelten Hoffnung, dass es doch noch gut ausgehen möge, ist es passiert. Er war nicht schlimm im eigentlichen Sinne, nicht dramatisch. Du hast ganz fest an deinem Nuckel gesaugt und ich dachte du hast Hunger. Ich habe ihn dir weggenommen, um dich eventuell füttern zu können, und da sah ich deine Lippen zucken und zittern. Und du hast mich so erschöpft angesehen. Wir riefen die Ärztin. Ich gab dir meinen Finger, um das Zittern wieder in ein Saugen zu koordinieren. Leider konntest du nicht mehr schlucken und du wärst fast an deinem Speichel erstickt. Die Schwester war langsam, schrecklich langsam, und sie bekam deinen Hals nicht wieder freigesaugt. Du verdrehtest schon die Augen und wurdest ganz blau. Diese Bilder haben sich fest eingebrannt und sie sind immernoch schrecklich und präsent und sie bringen mich zur Verzweiflung. Die Oberärztin hat ihr dann ärgerlich alles weggenommen und nahm deinen Kopf in den Nacken, mein Schmetterling, und da konntest du wieder atmen. Sie räumte dann alles frei. Sie hatten dir Dormicum gegeben, als sie reinkamen, und dann begannen sie, dir Morphium zu geben. Wir hatten mit den Ärzten schon Tage zuvor besprochen, dass wir dich bei akuter Hirnstammsymptomatik gehen lassen und wir keine lebenserhaltenden Maschinen wollten, auch wenn zu diesem Zeitpunkt niemand davon ausging, dass es so kommen würde – zumindest nicht so bald. Du solltest nicht noch länger leiden müssen. Du schliefst ganz schnell ein. Du solltest nichts mehr davon mitbekommen, was kam. Ich wünschte, es wäre nicht passiert. Du wärst einfach wieder wach geworden. Ich habe das schrecklichste Telefonat meines Lebens geführt, und dein Schmetterlingspapa auch. Wir haben deine Großeltern angerufen, um ihnen zu sagen, dass du stirbst. Und dass sie kommen sollen, wenn sie dich sehen möchten. Wenn sie Abschied nehmen möchten. Die Ärztin hat mich gefragt, ob ich dich halten will. Wir machten alle Kabel von dir ab, bis auf die Infusion, denn was nützt ein Monitor, wenn man nichts mehr retten kann. Und dann habe ich dich gehalten und gewiegt, mein geliebter kleiner Junge. Ich habe für dich gesungen. Und dich gestreichelt und geküsst. Habe ruhig mit dir gesprochen. Dir tausend Mal gesagt, wie sehr wir dich lieben. Dass es okay ist, dass du gehst, dass du gehen darfst. Dass es bald vorbei ist und dass du keine Angst haben musst. Alle Worte haben so schrecklich bitter geschmeckt in meinem Mund. Deine Atmung wurde immer langsamer, irgendwann setzte sie zum ersten Mal aus. Ich dachte es wäre vorbei, doch das war es nicht. Noch lange nicht. Denn du hattest ein gesundes Herz, mein Schmetterlingskind, ausgelegt für ein ganzes Leben. Und dein Herzchen wollte nicht aufgeben, noch nicht. Immer wieder schnapptest du nach Luft, nach den Pausen. Ich ließ mir das Stethoskop geben, um deinen Herzschlag in den Atempausen zu hören und um zu wissen, wann es vorbei war. Nach und nach versagten deine Organe. Sauerstoffmangel vertragen die meisten nur sehr kurz. Dein Großhirn gab sicher zuerst auf und das ist ein Trost, denn so wissen wir, dass du nichts wahrgenommen hast von deinem Sterben. Als der Darm aufhörte zu arbeiten, lief bei jedem wieder Hochbäumen Blut aus deiner Nase, denn dein Mageninhalt war blutig und der kam einfach hoch. Dein Körper wusste nicht mehr, in welche Richtung alles musste. Wir wischten es immer ab, sorgten dafür, dass du sauber und schön warst. Dein Herz wurde in den Atempausen immer langsamer und langsamer. Irgendwann wusste ich es dauert nicht mehr lang, und das sagte ich auch deinen Großeltern und deinem Schmetterlingspapa. Die Oberärztin stand bei uns, die ganzen 6 Stunden lang, und erklärte uns alles, versuchte uns die Angst zu nehmen. Im Sterben passieren seltsame Dinge. Körperbewegungen, Geräusche. Die Augen gehen auf. Aber das heißt nicht, dass man bei Bewusstsein ist und es merkt. Und das hat sie uns immer wieder gesagt. Schließlich kam die letzte Atempause. Ich hörte dein kleines Herz langsamer und langsamer werden, ganz leise war es zuletzt. Bumm bumm, bumm bumm…. bumm bumm………….. bumm…..bummm…………………bumm………………………………………. und dann nichts mehr. Ich nahm das Stethoskop aus dem Ohr. Du hattest es geschafft. Du hattest deinen Kokon aufgebrochen, deine Flügel ausgebreitet und bist einfach losgeflogen, kleiner Schmetterling Mika. Die Ärztin bestätigte deinen Tod. Und dann ließ ich mich fallen. Ich hatte währenddessen kaum geweint, aber jetzt machte ich alle Schleusen auf, schrie meine Verzweiflung und meinen Schmerz in die grausame Welt, die jetzt nur noch die Meine war und nicht mehr die Deine.