Verkapselung

Bald hast du wieder Geburtstag, mein Schmetterling. Das zweite Mal, seitdem du nicht mehr da bist. Letzte Nacht habe ich darüber nachgedacht, dass du jetzt bald zwei Jahre alt werden würdest. Ich habe darüber nachgedacht, was sich verändert hat. Wie sich meine Trauer verändert hat. Ich habe schonmal gesagt, dass „die Zeit heilt alle Wunden“ Quatsch ist, weil manche Wunden einfach nie heilen. Wie soll die Tatsache heilen, dass du weg bist? Du wirst immer fort sein. Du wirst immer fehlen. Manches heilt nicht. Es wird nur anders. Was ist mit meiner Trauer passiert, seitdem du fort gegangen bist? Ist sie weniger geworden? Ist sie gar verschwunden? Natürlich nicht. Aber sie ist anders.

Zuerst, als du deine Flügel bekommen hast und davon geflogen bist, als ich dich loslassen und gehen lassen musste, da war sie nicht zu bändigen. Der Schmerz war überwältigend, er erfüllte mein ganzes Sein. Keine Kontrolle möglich. Wie ein loderndes Feuer füllte er mich ganz und gar aus, ich war nur Trauer und Schmerz. Nichts anderes fand mehr Raum in mir. Das war eine lange, lange Zeit so. Jeder Atemzug war eine Qual in dieser Zeit. Aber mein Körper hat irgendwann begonnen, zu arbeiten. Einen Weg zu suchen, die Trauer unter Kontrolle zu bringen. Er hat versucht, Schichten um die Trauer zu legen, damit sie mich nicht mehr so sehr verbrennen kann. Am Anfang waren die Schichten sehr, sehr dünn. Sie waren leicht zu zerreißen. Sie legten sich um die glühende Trauer, manchmal hielten sie nur ein paar Sekunden, manchmal ein paar Minuten, doch dann wurden sie erneut verzehrt. Aber mein Körper war unermüdlich. Schicht um Schicht legte er um die lodernde Trauer. Die Schichten wurden dicker, widerstandsfähiger. Und so schaffte er es manchmal, die Trauer für ein paar Stunden etwas kleiner zu machen, bis sie wieder durchbrach. Doch die Arbeit ging weiter, mehr Zeit verging. Die Schichten wurden stärker. Und nach unendlicher Arbeit, Tag um Tag, haben wir nun einen Zustand erreicht, der sich als eine Art Verkapselung beschreiben lässt. Die Trauer glüht so hell wie zuvor. Denn ihr glühender Kern vergeht nicht. Aber die Schichten um sie herum halten sie in Schach. Sie lodert nicht mehr unkontrolliert hervor. Der Kern tut weh und er verbrennt mich, wenn ich ihn berühre, aber ich kann inzwischen oft meist selbst entscheiden, ob ich ihn berühren möchte oder nicht. Wenn etwas unvorhergesehenes passiert, dann bricht die Hülle manchmal auf und die Kontrolle vergeht, aber oft kann ich selbst entscheiden, ob ich die Hülle öffnen und einen Blick auf ihr glühendes Inneres werfen möchte. Die Trauer ist noch da und sie tut ebenso weh wie zuvor, wenn ich sie berühre. Aber sie pulsiert nicht mehr unkontrolliert in meinem Körper, fließt durch meine Adern und vergiftet mich. Sie lodert nicht mehr hoch und brüllend und füllt mich ganz und gar aus. Sie ist eine Kapsel in mir. Sie ist rund und sie glüht, gelb, fast weiß. Wie geschmolzenes Metall sieht sie aus. Um sie herum sind Schichten. Sie sind grau und muten an wie Beton. Wenn sie Risse bekommen, leuchtet der Kern durch sie hindurch. Ich kann die Schichten öffnen und die Trauer betrachten, wie sie glühend dort liegt. Und wenn ich sie schnell genug wieder verschließe, dann bleibt sie wie sie ist und beginnt nicht, wieder zu lodern.

Sie ist nicht fort. Sie wird nie fort sein. Aber wie eine Muschel aus einem Sandkorn eine Perle formt, damit es sie nicht verletzen kann, so hat mein Körper aus der Trauer einen grauen Stein geformt, mit glühend hellem Inhalt. Ich denke so wird er bleiben. Vielleicht werden die Schichten mit der Zeit dicker sein. Aber ich bin sicher, dass der glühende Kern immer dort sein wird. Ich bringe ihn mit, wenn ich dich wiedersehe. Ich werde ihn dir zu Füßen legen. Vielleicht wirst du ihn hübsch finden, wie eine Perle. Vielleicht werden wir ihn gemeinsam ins Meer werfen. Mal sehen.

 

Werbeanzeigen

Dunkeltage

Es gibt diese Dunkeltage. Die schlimmen. Wo jeder Atemzug, jeder Herzschlag und jeder Schritt deinen Namen mit sich trägt und wie ein Messer ist. Heute ist so ein Tag. Wo alle Gedanken dich in sich tragen und schmerzhaft, unglaublich schmerzhaft sind. Ich sehe deine Bilder und es tut weh. Ich schaue deine Videos an und es tut weh. Ich sehe nach draußen, sehe dass es schön ist und sonnig, aber alles tut nur weh. Weil ichs nicht mit dir erleben kann. Weil ich dich nicht bei mir haben kann. Weil du einfach weg bist und in meinem Herz ein Loch ist, das deine Form hat und das nie mehr heilen wird. Der Schmerz ist mein düsterer Begleiter. Ich begrüße ihn morgens wie einen alten Bekannten. Ich verabschiede mich abends von ihm für die Nacht. Denn im Schlaf bin ich verschont, die Nacht ist gnädig. Im Schlaf ist alles in Ordnung. Da kann ich bei dir sein, und du bei mir. Ich habe gelesen, der Schmerz ist der Preis der Liebe. Und er ist teuer. Es sollte mich nicht wundern, denn je mehr man jemanden liebt, desto mehr schmerzt es, wenn er nicht bei einem ist. Dennoch bin ich manchmal erstaunt, wie viel Schmerz wir aushalten können, ohne einfach zu sterben. Und immer die große Frage: Warum? Warum durftest du nicht leben? Warum musstest du schon so früh gehen? Warum? Ich wollte doch so viel mit dir machen. Wir wollten dich doch für immer bei uns haben. Für immer lieben. Warum? Womit hast du, haben wir, das verdient? Und alle Warums bleiben offen stehen, weil es auf sie keine Antwort gibt. Das Leben ist nicht fair. Das steht nicht im Vertrag. Das Leben ist  manchmal beschissen willkürlich und unfair. Mit solchen Tagen wie heut müssen wir zu leben lernen, dein Schmetterlingspapa und ich. Wir müssen den Schmerz begrüßen als den alten Bekannten, der er ist. Ihn zulassen. Weinen, schreien. Warum fragen. Mit dem Schicksal hadern. Vermissen. Alles hassen manchmal. Und dann weitermachen. Für uns und für dich. Den Tag irgendwie rumkriegen. Denn morgen ist ein neuer Tag. Wir sind auf dem Weg zu dir. Unaufhaltsam. Jeder Tag bringt uns dir wieder ein Stück näher. Es ist unsere Verantwortung wie wir unseren Weg zu dir gestalten. Wir können lethargisch werden und warten, bis es so weit ist. Oder wir können unseren Rücken strecken, unseren Kopf aufrichten, und wieder aufstehen. Unser düsterer Begleiter wird uns immer mal wieder niederstrecken, erwartet oder unerwartet. Aber wir können aufstehen, uns den Staub von den Klamotten klopfen und sagen: „Hallo, ich sehe du bist noch da. Das ist okay.“ Ich habe so sehr geliebt, und bin bereit diesen Preis zu zahlen. Ich werde mein ganzes Leben lang um dich trauern, mein Schmetterling, mal mehr und mal weniger intensiv. Das wird nie mehr aufhören. Aber das ist in Ordnung. Ich werde meinen düsteren Begleiter in die Arme schließen, denn wenn er das ist, was neben den Erinnerungen und der Liebe von dir bleibt, dann ist er nicht nur ein Bekannter, sondern er ist ein Freund.