Alles neu – und doch vertraut

Hier war es ein paar Tage sehr ruhig, mein Schmetterling.  Das liegt daran, dass deine Schwester auf die Welt gekommen ist. Während ich dies schreibe schläft sie an meiner Brust.  Sie ist so wunderschön. Sie ist so schön wie du.  Und alles ist so neu, und doch so vertraut. Ihr seid euch so ähnlich. Ich habe Fotos gemacht, da weiß man nicht wer von euch wer ist.  Es ist so schön, sie hier zu haben. Sie ist ein Sonntagskind geworden, genau wie du. Die Geburt stand eine Weile still, wahrscheinlich weil sie am gleichen Tag auf die Welt kommen wollt wie du.  So viele Dinge waren so gleich. Ihre Daten sind fast gleich. Sie ist genauso groß und wiegt nur 10 g mehr.  Sie liegt auf meiner Brust und ich höre ihr zartes atmen, ihre leisen Geräusche. Ich sehe ihr kleines schönes Gesicht.  Ich fühle ihre Wärme. Ich kann ihren Duft riechen. Und alles ist so neu und doch so vertraut. Ich muss oft bewusst daran denken, dass sie nicht du ist,  so gleich kommt mir alles vor. Als wäre die Zeit zurückgedreht, als wären wir wieder da, wo wir Anfang 2015 waren.  Es ist wundervoll, so viele Parallelen zu sehen. Aber es ist auch schwer. Sehr schwer. Die Angst ist da, die Sorge.  Der Schmerz ist da, die Trauer ist da. Aber es ist auch ganz viel Freude da.  Es ist unendlich viel Liebe da.  Ich habe ihr schon viel von dir erzählt. Manchmal lächelt sie im Schlaf, wenn ich von dir spreche.  Ich glaube sie weiß von dir. Eigentlich bin ich sehr sicher. Denn du weißt auch von ihr, du wusstest das sie auf dem Weg ist. Du hast es mir gesagt. Aber davon möchte ich erst beim nächsten Mal erzählen.  Momentan kann nicht immer eine Kerze für dich brennen, denn manchmal ist einfach zu viel Trubel. Deine Schwester wirbelt uns durcheinander. Aber ich weiß, dass dir das nichts ausmacht. Dass du froh bist. Ich weiß, dass du sie liebst.  Nichts in dieser Welt kann wieder gutmachen was passiert ist. Aber wir können neu anfangen. Wir können glücklicher sein als wir es waren bevor sie kam. Wir sind wieder eine Familie. Wir sind wieder zu dritt auf dieser Welt.  In unseren Herzen sind wir zu viert.  Ich liebe dich mein Schmetterling. Und ich liebe deine Schwester.  Und auch wenn die Trauer wieder stärker ist, weil vieles so gleich ist und nicht so leicht, dann ist es jede Träne wert, es ist jede Sekunde wert.

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Erwartung

Jetzt dauert es nicht mehr lange bis deine kleine Schwester auf die Welt kommen wird, mein Schmetterling. Sie ist jetzt schon so ähnlich und doch so anders. Ich erkenne dich in ihren Zügen, ein bisschen, aber ich sehe auch ein ganz anderes Kind. Ich erkenne dich darin, wie sie in meinem Bauch ist, wie lebhaft sie ist, abers sie ist doch auch ganz anders. Noch lebhafter, wilder als du. Ich bemerke, dass sie meine Hülle aufbricht, ein weiteres Mal. Und dass ich wieder nackt bin. Ich weine wieder viel um dich, so viel. Jeden Tag. Ich sehe ein Bild, ich denke einen Gedanken, und mein Widerstand ist dahin. Ich vermisse dich in jedem Atemzug. Und manchmal kommt wieder der Unglaube darüber hoch, dass du fort bist, dass uns das passiert ist, dass so ein wunderbarer Mensch wie du nicht mehr in meinen Armen sein darf. Dass du uns entrissen wurdest. Ich sehne mich nach dir, mit meinem ganzen Wesen. Wenn ich meinem Sehnen und meiner Liebe Gestalt verleihen könnte, dann würden sie die Kraft haben mich zu dir zu tragen und wir könnten gemeinsam auf deine Schwester warten. Dein kleines Gesicht fehlt mir so sehr. Aber es ist gut, dass deine Schwester mich wieder verletzlicher macht und Hüllen wieder aufbricht. Denn so kann heraus, was sich gesammelt hat. Die Trauer kann heraus, und der Schmerz, die Verzweiflung und Vermissen und das Sehnen. Sie machen Platz für die Liebe, die wächst, und die ins unermessliche wachsen wird wenn deine Schwester erst da ist. An dem großen starken Baum, den du gepflanzt hast und der weit in den Himmel ragt, werden neue Äste wachsen, neue Blüten, neue Blätter. Du hast deine Schwester etwas wundervolles hinterlassen, mein Schmetterling. Du hast ihr Herzen voller Liebe hinterlassen, Herzen die wissen, worauf es ankommt. Sie sind vielleicht nicht mehr perfekt und makellos, denn sie sind nur geklebt und man sieht ihnen ihre Narben und ihre Geschichte deutlich an. Aber sie sind stark. Sie haben gelernt im Angesicht des Unaussprechlichen weiterzuschlagen und dabei nicht hart zu werden. Sie sind stark, aber sie sind weich geblieben.

Wir werden gemeinsam auf deine Schwester warten, mein Schmetterling. Du und dein Schmetterlingspapa und ich, und noch viele andere Menschen. Und ich bin sicher wenn sie geboren wird, wirst du an meiner Seite sein, und du wirst sie als einer der ersten in dieser Welt begrüßen.

Folgewunder

Du bist gegangen, mein Schmetterling, aber unser Kinderwunsch hat sich nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil – er ist stärker als jemals zuvor. Wir wünschen uns ein Geschwisterkind für dich, wir wünschen es uns so sehr, dass es mir manchmal weh tut. Bisher wollte es noch nicht klappen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht sind wir noch zu traurig, vielleicht ist der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Aber wir versuchen es weiter. Wir haben ja gesagt zu dir und wir werden ja sagen zu der kleinen Seele, die sich vielleicht bald aufmacht zu uns. Vielleicht hast du sie schon kennengelernt, da oben wo du jetzt bist. Vielleicht kennst du deinen kleinen Bruder oder deine kleine Schwester schon. Wir werden wieder ja sagen, ja zu vielen Nächten mit viel zu wenig Schlaf, ja zum Chaos, ja zu schmutzigen Windeln und ja dazu, keine Zeit mehr zu haben für viele Dinge. Aber auch ja zur Liebe, ja dazu, jemanden beschützen und sich um ihn kümmern zu dürfen, ja zu einer neuen Zukunft und einer neuen Chance, die vielleicht geboren wird. Tausend Mal ja. Trotzdem wird eines anders sein. Die Angst wird immer dabei sein. Was, wenn irgendetwas schief geht? Was, wenn uns so etwas noch einmal geschieht? Jede Kleinigkeit, die ‚unnormal‘ und etwas verdächtig ist, wird uns Angst machen. Damit müssen wir leben und versuchen, ruhig zu bleiben im Angesicht der Angst. Aber ich habe auch noch vor etwas anderem Angst. Davon will ich erzählen, und es fühlt sich wie ein Geständnis an. Was, wenn ich das neue Kind nicht so lieben kann wie dich, eben weil du nicht da sein kannst? Ich habe Angst, einen Ersatz zu suchen, auch wenn ich weiß, dass es eigentlich nicht so ist. Ich habe Angst, immer zu vergleichen. Ich habe solche Angst, dass ich mein Herz nicht mehr so weit öffnen kann. Dass ich mich über manche Dinge, die dein Geschwisterchen lernen wird, vielleicht nicht freuen kann, weil du es nie mehr lernen und erleben kannst. Ich liebe dich so sehr mein Schmetterling, und ich habe Angst, dass ich nie wieder ein Kind so sehr lieben kann. Das wäre nicht fair. Aber ich muss es versuchen. Ich wollte Geschwister für dich und ich will sie immernoch. Ich glaube wir müssen behutsam mit uns sein, unsere Angst zulassen und rauslassen. Vielleicht wird es dann leichter. Lieber kleiner Schmetterling, mein liebster Mika, wenn du die kleine Seele da oben schon getroffen hast dann sag ihr, wir haben Sehnsucht nach ihr. Sag ihr auch, dass wir nicht perfekt sind und dass es vielleicht nicht immer einfach wird mit uns. Dass wir Angst haben. Aber sag ihr, dass sie sich immer auf uns verlassen kann und dass wir an ihrer Seite sein werden, egal was passiert. Denn das kann ich versprechen, trotz aller Angst. Ich werde da sein. Egal was passiert. Bis zu meinem letzten Herzschlag werde ich da sein und tun was immer ich kann, damit es dieser kleinen Seele gut gehen wird bei uns. All das, was ich für dich getan habe oder zu tun versucht habe, werde ich für unser Folgewunder tun, und für all die kleinen Wunder, die danach vielleicht noch kommen werden.