Er muss ihn nur lieben

Dein Schmetterlingspapa und ich haben eine Serie geschaut, mein Schmetterling. So, wie wir es oft abends gemacht haben, auch als du noch da warst. Ich musste viel darüber nachdenken, was ich dort gesehen habe. Ein junger Mann ist umgekommen, hatte einen Unfall, wurde sehr krank. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht da. Und kurz bevor er starb, Tage später, haben er und sein Vater über die Dinge gesprochen, über die auch wir uns so viele Gedanken gemacht haben. „Ein Vater muss seinen Sohn doch beschützen.“, hieß es da. Gedanke des Vaters. Verzweiflung des Vaters. Wie bei uns, wir wollten dich doch beschützen. Hätten es gemusst, gewollt, so sehr gewollt. Und konnten doch nicht. Und die Antwort darauf, vom Sterbenden, hat etwas in mir berührt. „Lieben. Er muss ihn nur lieben.“ Und das ist so wahr. Es gibt Situationen im Leben, da können wir unsere Kinder nicht beschützen. So sehr wir es wollen. So sehr wir es uns wünschen. Und das liegt außerhalb unserer Verantwortung. Wir müssen uns diese Situationen nicht immer und immer wieder vorwerfen. Wir möchten unsere Kinder beschützen, immer. Und doch können wir es nicht. Das ist schlimm, aber das ist auch normal. Das ist in Ordnung. Das muss in Ordnung sein. Unsere ureigenste Aufgabe ist, unseren Kindern Liebe zu schenken, sie mit unserer ganzen Liebe zu umgeben. Wenn wir sie beschützen können, tun wir das natürlich. Aber wenn wir das nicht können, bleibt als unsere Aufgabe übrig, sie in Liebe zu begleiten, sie mit unserer Liebe zu umfangen und sie dabei den Weg gehen zu lassen, der vor ihnen liegt. So einfach ist das. Und so schwer ist das.

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Das Leben lieben

Heute habe ich eine wunderbare Sache gesehen, mein Schmetterling, und ich möchte sie mit dir teilen. Jemand hat einen Wunsch geäußert, aber nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Ich weiß nicht, wer die Person war, an die er gehen sollte, und ich weiß nicht wer ihn so wundervoll formuliert hat, aber es steckte so viel Wahrheit darin, dass er mich tief in meinem Herzen berührt hat. Übersetzt lautete der Wunsch so: „Ich hoffe es gibt Tage, an denen dein Kaffee wie Magie schmeckt, an denen deine Playlist dich tanzen lässt, Fremde dich zum lächeln bringen und der Nachthimmel deine Seele berührt. Ich hoffe, dass du dich wieder in das Leben verlieben wirst.“ Und ich glaube von allen Dingen, die man jemandem wünschen kann, der sein Kind ziehen lassen musste, ist das das Wichtigste: Das man sich eines Tages wieder in das Leben verlieben kann. Nicht einfach nur lebt, nicht einen Tag nach dem anderen irgendwie schafft, sondern die Tage wieder lieben kann, die Dinge um sich herum wieder von ganzem Herzen genießen lernt. Wenn man sein Kind verliert, verliert man so viel mehr als nur den Menschen, den man so sehr liebt, dass es weh tut. Man verliert, neben unzähligen anderen Dingen, die Liebe zum Leben. Und es ist ein langer, steiniger Weg diese Liebe neu zu entdecken. Mancher findet sie nie wieder. Für manchen ist sie zu weit fort, zu tief vergraben, der Schmerz ist zu stark um auch nur nach ihr zu suchen. Derjenige wird vielleicht auch leben, aber es wird ein existieren sein, jeder Tag wird ein Kampf sein, eine Mühsal, eine Qual. Aber für den, der es schafft, diese Liebe zum Leben irgendwann wiederzufinden, für denjenigen wird das Leben irgendwann wieder schön sein. Der wird irgendwann wieder über die kleinen Dinge lächeln können, die passieren, der wird irgendwann wieder Freude in Dingen finden, die er zuvor nicht einmal mehr beachtet hat. Nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr fühlen konnte. Ich werde versuchen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal einem verlassenen Elternteil begegne. Dass es nicht nur notwendig ist, die Kraft aufzuwenden, weiterzumachen, sondern dass es genauso wichtig ist, irgendwann wieder die Freude zu entdecken, die jeder einzelne neue Tag mit sich bringen kann, jeder Sonnenstrahl, jede Knospe, jedes Musikstück und jedes freundliche Wort. Ich hoffe, dass ihr euch wieder in das Leben verlieben werdet, ihr tapferen Eltern, ihr Kämpfer, ihr Löwen. Ich wünsche es jedem einzelnen von euch. Vielleicht ist noch nicht heute der Tag, und vielleicht auch nicht morgen, aber irgendwann. Eines Tages.

Die Liebe ist ein seltsames Gefühl

Es ist ein seltsames Ding mit der Liebe, mein Schmetterling. Woran liegt es, dass man ein Wesen, das man nur so kurz kennt, so sehr in sein Herz schließt? Wenn man sich den Verlauf der Zeit anschaut, dann kann ich sagen: eigentlich habe ich dich kaum gekannt. Dennoch waren wir uns so nah, waren uns so sehr vertraut. Sind uns immernoch so nah, wenn auch nur in Gefühlen und Gedanken. Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich nichtmal 6 Monate wirklich kennenlernen durfte (wenn man die Schwangerschaft nicht hinzu zählt), so sehr liebe? Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich so kurz kannte, so sehr, so unendlich vermisse? Die Liebe ist ein seltsames Gefühl, denn sie kennt keine Zeit. Ich kann jemanden lieben, den ich zum ersten Mal sehe. Die Geburt ist so ein Moment. Ich sehe jemanden, ich sehe dich, zum ersten Mal. Und ab der ersten Sekunde liebe ich dich, liebe dich so sehr. Bewundere jede Einzelheit an dir. Und jede dieser Einzelheiten vermisse ich dann. Für immer. Ich vermisse dich in jedem einzelnen Atemzug. Woran liegt es, dass ich auch nach all der Zeit, die schon vergangen ist, nach all den Tagen, den unendlichen Stunden, Minuten und Sekunden, immer und immer an dich denke? Es gibt nicht einen einzigen Tag an dem du nicht in meinen Gedanken bist. Es vergehen selten mehrere Stunden, bis ich wieder an dich denke. Du bist mir immer präsent. Du bist ein so fester Teil von mir, du gehörst zu mir wie mein Kopf und mein Herz. Du bist nicht wegzudenken, wir sind eins. Ich weiß nicht ob noch immer Zellen von dir in mir leben, ich weiß nicht wie lange sie geblieben sind oder noch bleiben werden. Ich weiß, dass es das gibt, aber wie lange es hält, weiß ich nicht. Ich stelle mir gern vor, dass immernoch ein körperlicher Teil von dir in mir lebt. Aber auch wenn sie inzwischen verschwunden sein sollten, bist du immernoch ein Teil von mir. Woran liegt es, dass die Liebe ein Gefühl ist, dass uns zum Lachen und zum Weinen bringen kann, beides vor Freude sogar? Sie kann uns so glücklich machen, und so traurig, und manchmal beides zur gleichen Zeit. Die Liebe ist seltsam. Nicht ohne Grund beschäftigt sie die Menschheit schon immer. Schon in der Bibel, einem der ältesten Bücher, wird darüber geschrieben. Auch wenn ich die Bibel nicht so sehe, wie sie von der Kirche verstanden wird, sondern eher als ein kluges Regelwerk, wenn man es richtig zu interpretieren vermag und nicht zu wörtlich nimmt, finde ich den Spruch sehr schön.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, aber hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. […]

Ohne die Liebe sind wir nichts. Das ist etwas, das du und dein Dasein mir ganz deutlich vor Augen geführt haben. Wen wir lieben, was wir lieben, das ist ganz egal. Aber wenn wir nicht lieben, irgendetwas, irgendjemanden, dann fehlt etwas, dann sind wir unglücklich.

Die Liebe ist ein seltsames Ding, mein Schmetterling. Obwohl wir nur so wenig gemeinsame Zeit hatten, sie verbindet uns für immer. Das Band, das die Liebe zwischen uns gewoben hat, vermag niemand zu trennen. Kein Mensch, keine Naturgewalt, nicht einmal der Tod.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Die Macht der Sonne

Ich  habe mir in den letzten Tagen und Wochen viele Gedanken um die Macht der Sonne gemacht, mein Schmetterling. Der Winter ist die dunkle Jahreszeit, vielen Menschen geht es nicht gut, man ist traurig und alles geht ein wenig langsamer als sonst. Selbst wenn man keinen Verlust erlitten hat, ist der Winter oft eine Jahreszeit, in der man mehr nachdenkt, stärker in sich gekehrt ist. Fehlt jemand so schmerzhaft wie du, ist der Winter umso schwieriger. Ich frage mich, woran das liegt, dass wir so sehr abhängig sind vom Licht der Sonne. Ihr Strahlen zaubert uns oft ein Lächeln in das Gesicht. Sind wir traurig, so fühlt es sich im Sommer oft falsch an, wenn alles um einen herum blüht und strahlt. Manchmal habe ich in der Sonne eine Freude empfunden, die aus mir herausgesprudelt ist, und der Schmerz war ein bittersüßer Nachgeschmack, nur im Hintergrund. Ganz zart. Nie vergessen, aber klein und überlagert, überstrahlt von der Helligkeit der Sonne. Auch im Winter gibt es helle Tage, die meisten Menschen lieben diese hellen, klaren Wintertage. Der Himmel ist blau, wenige weiße Schäfchenwolken treiben auf ihm dahin. Auch diese Tage sind leicht, denn die Sonne schickt ihre hellen, heilenden Strahlen – wenn auch nicht so warm wie im Sommer. Aber viele Tage des Winters sind grau. Es wird nicht richtig hell, der Himmel ist verhangen und auch über unseren Köpfen hängen graue Wolken. Es ist keine Sonne da, um sie zu vertreiben. An diesen Tagen fällt es manchmal schwer zu lächeln. An diesen Tagen ist der Schmerz stark, und rau, und brennend. Er ist größer, er nimmt mehr Platz ein. Ich brauche einen Ersatz für die Sonne, eine eigene Sonne, die mich im Winter wärmt und die die grauen Wolken vertreiben kann. Ich brauche eine Sonne in meinem Kopf. Besser noch, mehr als eine. Ich möchte ein Sternenbild aus Sonnen, das in mir strahlt, das aus mir heraus strahlt. Eine dieser Sonnen ist deine kleine Schwester, mein Schmetterling. Wenn sie sich in meine Arme wirft und ihren kleinen Kopf an meine Brust legt, dann scheint sie glühend hell. Ihre kleine Stimme sagt Mama zu mir, und ich bin so glücklich, so unendlich glücklich dass es mir geschenkt ist dieses Wort aus ihrem Mund hören zu dürfen. Auf eine seltsame Art und Weise bist auch du eine meiner Sonnen, auch wenn dein Verlust es im Winter so schwer macht. Aber so hell wie deine Sonne strahlt, so dunkel sind auch die Wolken, die durch die Trauer um dich entstehen. Hell und dunkel, mein geliebter kleiner Schmetterling, mein Mika. Schwarz und weiß.

Wenn ich es genau überlege, wenn ich tief in mich reinhorche, dann fühle ich: ich brauche mehr als nur Sonnen. Ich brauche etwas, das nicht so hell ist, aber das kontinuierlich und immer brennt. Ich brauche ein ewiges Feuer für den Winter. Eines, das nicht durch Tag und Nacht beeinflusst wird. Eines, das nicht von außen kommt. Eines, das in mir selbst ist. Ich brauche ein Feuer in mir aus Zufriedenheit, aus Güte, aus Liebe. Ein Feuer, das nie ausgeht. Ein Feuer, das auch wenn es dunkel ist, wenn alle meine Sonnen einmal nicht scheinen können, für mich brennt. Nicht hell und lodernd, vielleicht nur wie eine Glut. Sodass ich sehen kann, sodass ich nicht erfrieren muss. Ein solches Feuer kann von dunklen Wolken nicht verdeckt werden, es muss sie nicht verjagen. Es kämpft nicht, es ist einfach da, und wärmt mich mit seiner Glut.

Wir sind abhängig von der Sonne, aber vielleicht nicht ganz. Vielleicht kann uns allen ein solches Feuer helfen, wenn die Tage dunkel sind. Wenn unsere Sonnen mal nicht scheinen. Eines, das uns durch die Nacht hilft, bis am Morgen die Sonne wieder scheint.

Fragen über Fragen

Deine Schwester wird immer größer, mein Schmetterling. Es ist so seltsam, sie Dinge tun zu sehen, die du nie getan hast. Noch ist sie nicht älter als du, aber sie hat einen anderen Weg der Entwicklung gewählt als du. Sie tut andere Sachen zuerst. Zum Teil Dinge, die  ich bei dir nie gesehen habe. Es ist wunderschön, sie diese Dinge tun zu sehen. Ihre täglichen Fortschritte zu bewundern und sich mit ihr zu freuen, wie sie die Welt immer mehr entdeckt. Gleichzeitig stimmt es mich aber auch traurig, weil es mir immer wieder vor Augen führt, dass ich diese Dinge bei dir nie sehen werde. Ich werde nie hören wie du brabbelst.  Ich werde nie sehen, wie du dich vom Bauch zurück auf den Rücken drehst. Ich erinnere mich noch so gut, wie du dich auf den Bauch gedreht hattest und dort fest gesteckt hast. Nach kurzer Zeit bist du dann ärgerlich geworden, weil du den Weg zurück einfach nicht gefunden hast. Deine Schwester hat bereits entdeckt, dass sie einen großen schweren Kopf hat, der ihr helfen kann. Ich frage mich, ob du ihre Entwicklung mitverfolgst, ob du dabei bist, wenn sie all diese kleinen und großen Meilensteine erreicht. Ich wüsste gerne wer du jetzt wärst. Ich wüsste so gern, wie du jetzt aussehen würdest. Was du mir erzählen würdest. Welche Wünsche du hättest, welche Ideen. Welche Gefühle. Ich wüsste gern was du magst und was du nicht magst. Welche Dinge dir Spaß machen und welche Dinge du blöd findest. Ich wüsste gern, ob du mit deiner Schwester spielen würdest.  Ich hätte so gern gesehen, wie du sie kennenlernst. Wie du dich vielleicht über sie gefreut hättest.  Ich wüsste gerne welche Kleidung du schön findest und welche nicht. Welche Tiere du magst und vor welchen du vielleicht Angst hättest. Wenn ein Kind stirbt bleiben so unendlich viele unbeantwortete Fragen zurück, mein Schmetterling. Nicht nur die Frage nach dem warum, sondern all diese hunderte, tausende Fragen  danach, was für ein Mensch dieses Kind wäre. Deine Schwester lächelt während ich mit dir spreche.  Während ich dir diesen Text erzähle, weil sie in meinem Arm liegt und ich nicht schreiben kann. Ich glaube sie weiß, wie du jetzt bist.  Sie kennt dich in deiner jetzigen Form sicherlich besser als ich. Vielleicht erzählt sie es mir irgendwann. Du sollst wissen, dass ich immer noch jeden Tag an dich denke. Ich bin nicht mehr jeden Tag so traurig, deine kleine Schwester spendet uns sehr viel Freude. Aber du bist immer und immer fest verankert in meinen Gedanken, fest verankert in meinem Herzen. Der Tod trägt dich nur durch eine Tür, die Kraft uns endgültig zu trennen hat er nicht.  Nichts kann das.

Heilung

Ich beobachte momentan einen Prozess bei mir selbst, und ich beobachte ihn mit gemischten Gefühlen. Mein Schmetterling, ich habe das Glück, Heilung erfahren zu dürfen. Die Heilung einiger Wunden, von denen ich dachte, dass sie sich niemals schließen werden und sie niemals vernarben. Von denen ich dachte, dass sie für immer so sehr schmerzen werden, dass man es kaum ertragen kann. Aber ich darf den Segen von Heilung dieser Wunden spüren.

Der erste große Heilungsprozess bezieht sich auf unsere Stillbeziehung. Ich habe so sehr darum gekämpft, als du klein warst und auch als du im Krankenhaus warst. Das abrupte Ende war ein Trauma extremen Ausmaßes. Ich habe lange, sehr lange darunter gelitten. Deine Schwester heilt diese Wunde. Es mag seltsam klingen, aber weil das Stillen so viel mehr ist als nur die Aufnahme von Nahrung, sowohl für dich als auch für mich, war es mir unerträglich, als es so plötzlich alles vom Krebs zerstört wurde. Ich darf wieder ein Kind stillen. Und ich spüre, dass mein Herz heilt. Ich bin immernoch sehr traurig, dass uns das passiert ist, aber ich kann spüren, dass es mehr eine Narbe wird und weniger eine offene Wunde, die pocht vor Schmerz.

Der zweite Heilungsprozess bezieht sich auf das körperliche Vermissen. Das Vermissen deiner kleinen Berührungen, davon dich zu hören, zu riechen, deine Hände zu halten. Die Berührungen deiner Schwester ermöglichen mir das. Wenn das Vermissen zu arg wird, ich zu traurig werde, dann kann ich sie in den Arm nehmen, ihre kleinen Geräusche hören, sehen wie sie lächelt und ihre Hände halten. Und dann tut es etwas weniger weh. Ich vermisse dich dann noch immer und weine um dich, aber die unerträgliche Körperlichkeit dieses Gefühls vergeht. Und das ist gut.

Zwiegespalten bin ich, weil ich mich immer frage, ob ich heilen DARF. Aber ich habe viel darüber nachgedacht und mein Kopf sagt mir, dass ich es darf. Dass du es willst, dass du deine kleine Schwester zu uns geschickt hast, weil du dir genau das wünschst. Mein Herz zweifelt manchmal. Aber ich rede ihm gut zu. Sage ihm, dass es nicht heißt, dass ich dich vergessen will. Dass es nicht heißt, dass ich nicht mehr um dich trauere. Dass es nicht heißt, dass ich nicht mehr an dich denke. Du bist ein selbstverständlicher Teil dieser Familie und dein Platz wird immer leer bleiben. Du wirst IMMER fehlen. Aber ich denke immer öfter mit mehr Liebe als Trauer an dich. Die Liebe zu dir wird stärker als die Trauer. Sie wächst weiter, obwohl du schon so lang fort bist, viel zu lange. Ich empfinde die Heilung, die ich spüren darf, als ein unendlich großes Geschenk. Als ein Geschenk von dir und deiner Schwester. Und ich bin dankbar dafür. Ich wünsche mir, dass alle Menschen, die dich so schmerzlich Vermissen, spüren dürfen, wie ihre Liebe wächst und stärker wird als die Trauer. Und ich glaube, das wünschst du dir auch.

Gefühle „einfangen“

Mein Schmetterling, ich habe viele Bilder von dir angeschaut in den letzten Tagen, ich vermisse dich sehr und ich habe das Bedürfnis, dich so viel es geht zu sehen. Dabei bin ich auf eine Sache gestoßen, die ich teilen möchte. Ich habe viele Bilder von dir gezeigt, aus dem Vorher und aus dem Nachher. Und eine wichtige Sache ist mir aufgefallen. Man kann in einigen der Bilder viel besser als mit Worten einfangen, was es heißt, zu wissen, dass das eigene Kind Krebs hat. Wie Krebs müde macht. Wie Krebs Angst macht. Wie viel Trauer und Unglaube darin steckt. Die Bilder sind schwierig anzusehen. Sie sind nicht schön. Sie sind nicht fröhlich. Aber sie sind wichtig. Krebs sind nicht nur die Behandlungen, Krebs sind auch die Gefühle, die damit einhergehen. Diese Bilder sind nicht beschönigt. Es sind keine Filter darauf. Ich habe sie nicht hübsch gemacht. Weil sie nicht hübsch sein müssen. Sie sind so, wie sie sind. Ich habe bisher keine Bilder von deinem Papa und mir gezeigt, mit einer einzigen Ausnahme. Vielleicht ist es weniger eindrucksvoll, wenn man die Bilder aus dem vorher nicht kennt. Trotzdem möchte ich die Bilder zeigen, die die Gefühle festhalten. Die auch festhalten wie es ist, trotz seiner Angst und Verzweiflung weiter da zu sein, so gut man kann. Sie machen mich sehr, sehr traurig diese Bilder. Weil ich weiß, wie glücklich wir vorher waren. Und weil ich sehen kann, wie uns der Krebs müde und traurig und angsterfüllt macht. Das ist auch eine Seite von Krebs.