Das Leben lieben

Heute habe ich eine wunderbare Sache gesehen, mein Schmetterling, und ich möchte sie mit dir teilen. Jemand hat einen Wunsch geäußert, aber nicht für sich selbst, sondern für jemand anderen. Ich weiß nicht, wer die Person war, an die er gehen sollte, und ich weiß nicht wer ihn so wundervoll formuliert hat, aber es steckte so viel Wahrheit darin, dass er mich tief in meinem Herzen berührt hat. Übersetzt lautete der Wunsch so: „Ich hoffe es gibt Tage, an denen dein Kaffee wie Magie schmeckt, an denen deine Playlist dich tanzen lässt, Fremde dich zum lächeln bringen und der Nachthimmel deine Seele berührt. Ich hoffe, dass du dich wieder in das Leben verlieben wirst.“ Und ich glaube von allen Dingen, die man jemandem wünschen kann, der sein Kind ziehen lassen musste, ist das das Wichtigste: Das man sich eines Tages wieder in das Leben verlieben kann. Nicht einfach nur lebt, nicht einen Tag nach dem anderen irgendwie schafft, sondern die Tage wieder lieben kann, die Dinge um sich herum wieder von ganzem Herzen genießen lernt. Wenn man sein Kind verliert, verliert man so viel mehr als nur den Menschen, den man so sehr liebt, dass es weh tut. Man verliert, neben unzähligen anderen Dingen, die Liebe zum Leben. Und es ist ein langer, steiniger Weg diese Liebe neu zu entdecken. Mancher findet sie nie wieder. Für manchen ist sie zu weit fort, zu tief vergraben, der Schmerz ist zu stark um auch nur nach ihr zu suchen. Derjenige wird vielleicht auch leben, aber es wird ein existieren sein, jeder Tag wird ein Kampf sein, eine Mühsal, eine Qual. Aber für den, der es schafft, diese Liebe zum Leben irgendwann wiederzufinden, für denjenigen wird das Leben irgendwann wieder schön sein. Der wird irgendwann wieder über die kleinen Dinge lächeln können, die passieren, der wird irgendwann wieder Freude in Dingen finden, die er zuvor nicht einmal mehr beachtet hat. Nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr fühlen konnte. Ich werde versuchen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal einem verlassenen Elternteil begegne. Dass es nicht nur notwendig ist, die Kraft aufzuwenden, weiterzumachen, sondern dass es genauso wichtig ist, irgendwann wieder die Freude zu entdecken, die jeder einzelne neue Tag mit sich bringen kann, jeder Sonnenstrahl, jede Knospe, jedes Musikstück und jedes freundliche Wort. Ich hoffe, dass ihr euch wieder in das Leben verlieben werdet, ihr tapferen Eltern, ihr Kämpfer, ihr Löwen. Ich wünsche es jedem einzelnen von euch. Vielleicht ist noch nicht heute der Tag, und vielleicht auch nicht morgen, aber irgendwann. Eines Tages.

Heilen tut weh

Ich habe eine Weile nichts mehr geschrieben, mein Schmetterling. Mir sind immer mal wieder Gedanken durch den Kopf geschossen, aber ich hatte das Gefühl, sie nicht in Worte fassen zu können. Und dann habe ich einen Artikel gelesen, einen guten und wichtigen Artikel. Und dann kamen die Worte zurück. In diesem Artikel ging es darum, warum sich Heilung wie Verrat anfühlt. Und genau das hat mich in der letzten Zeit ganz viel beschäftigt. Ich habe es vor einiger Zeit schon einmal versucht, Worte dazu zu finden. Warum nur fühlen sich verwaiste Eltern oft so schlecht, wenn es ihnen besser geht? Warum haben wir das Gefühl, dass wir nicht heilen dürfen? Warum haben wir das Gefühl, dass wir Traditionen des Gedenkens, die wir uns selbst auferlegt haben, nicht wieder ablegen dürfen?

Es ist ein furchtbar schwieriges Thema. Vor ein paar Wochen hat ein Vater, der seit sechs Jahren jeden Tag an seine verstorbene Tochter geschrieben hat, sich entschieden, damit aufzuhören. Die Entscheidung muss unfassbar hart gewesen sein und in seinen Worten steckte all sein Schmerz. Er trauerte dem Schreiben hinterher, aber er hatte trotzdem das Gefühl, sich davon frei machen zu müssen. Weitergehen zu müssen, so seltsam das in diesem Zusammehang klingen mag.

Manchmal trauen wir uns nicht, Dinge wieder aufzugeben, weil wir das Gefühl haben, wir verraten unsere Kinder. Wir trauen uns nicht, nicht mehr jeden Tag eine Kerze anzuzünden. Wir trauen uns nicht, nichts mehr zu schreiben. Wir trauen uns nicht, nicht mehr ein Mal die Woche zum Grab zu fahren. Und all das, obwohl es sich vielleicht gar nicht mehr richtig anfühlt. Wir trauen uns nicht, weil wir Angst haben. Einerseits Angst, das Andenken unserer Kinder zu verraten. Anderseits Angst, dass wir vielleicht verurteilt werden. Man kann uns ja nur vor den Kopf schauen, und nicht hinein, und wie sieht es schon aus wenn man sich entscheidet, bestimmte Traditionen nicht mehr fortzuführen? So als würde man vergessen. So als wäre es einem egal. Man fragt sich sogar selbst, ob es einem egal geworden ist, wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt. Aber der Schmerz, den das Ablegen eines Verhaltens mit sich bringt, zeigt, dass es nicht egal ist.

Manchmal müssen wir Dinge loslassen, weil sie nicht mehr in die Zeit passen, in der wir uns befinden. Manchmal ist es notwendig, Dinge loszulassen, um heilen zu können. Es ist kein Verrat, auch wenn es sich so anfühlt. Es ist kein Vergessen. Und heilen heißt auch nicht heilen im Sinne von: Es ist alles wieder gut. Es heißt nur: Ich kann wieder gehen, wo ich vorher nur kriechen konnte. Vielleicht nie wieder so schnell, aber ich kann wieder gehen. Und manchmal müssen wir eine Last von unseren Schultern nehmen, um uns wieder aufrichten zu können. Es werden andere Traditionen an die Stelle treten. Vielleicht ein stilles Zwiegespräch, ab und zu. Vielleicht ein Lied, was uns ab und zu über die Lippen kommt. Loslassen tut weh. Auch Traditionen loslassen tut weh. Weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Weil wir Angst haben, dass wir die Verbindung verlieren. Aber das werden wir nicht. Wir müssen weiter wachsen, wir müssen weiter leben, mit unseren Kindern im Herzen und für die Kinder in unseren Herzen. Und was auch immer uns daran hindert: Fort damit. Etwas anderes wird an seine Stelle treten. Kein Einsiedlerkrebs wird in einem zu klein gewordenen Haus bleiben, weil er darin nicht wachsen kann. Keine Schlange wird an ihrer alten Haut festhalten, wenn sie nicht mehr passt. Und so müssen wir uns manchmal häuten und dabei Dinge zurücklassen. Und das ist okay. Auch wenn es weh tut. Oder gerade weil es weh tut. Es ist okay.

Verzerrung

Wenn ich an dich denke, mein Schmetterling, und das tue ich oft, dann schieben sich oft die gleichen Bilder vor mein inneres Auge. Du, wie du im Krankenhaus in deinem viel zu großen Bett liegst. Du, wie du am Abend des letzen Tages in meinen Armen lagst, wie ich dich hielt und für dich sang, während deine Seele sich auf die Reise machte. Du, wie du dalagst, als das Leben aus dir gewichen war, wie nur deine Hülle übrig war. Und diese Bilder tun weh. Ich kann nicht verstehen, wieso es immer und immer diese sind. Du warst so viel mehr, du bist so viel mehr als das. Uns verbindet so viel mehr als das. Es gibt hunderte, tausende Erinnerungen, ebenso wichtig und viel schöner. Du, wie du nach deiner Geburt auf meinem Bauch lagst und deinen Kopf hobst, neugierig in die Welt schauend mit deinen wunderbar klaren, blauen Augen. Du, wie du neben der Wanne in deiner Wippe liegst während ich dusche, deine Fische bestaunst und deine leisen, weichen Geräusche von dir gibst. Du, wie du in meinem Arm schläfst, matt vom trinken, satt und zufrieden. Du, wie du geborgen im Tuch bist, ganz nah bei mir, verträumt meinem Herzschlag lauschend, wunderbar warm und geborgen. Du, wie du glucksend und spielend auf deiner Decke liegst und mit deinen kleinen Händen die Welt entdeckst. Und doch, was mein Kopf mir zeigt sind immer nur die Bilder, die schmerzen. Soll das alles sein, was von all den Momenten bleibt? Ich möchte das nicht. Alles sträubt sich dagegen. Daran muss ich wohl arbeiten, und den stechenden und schneidenden Bildern die schönen Bilder entgegensetzen. Aus den schönen Erinnerungen eine Mauer bauen und sie den entsetzlichen entgegenstellen. Meinem Kopf beibringen, dass das nicht alles ist, was zählt. Dass nicht die negativen Gefühle die wichtigen sind, sondern dass die positiven Gefühle ebenso wichtig sind, ebenso bedeutsam. Dass wir diese Momente ebenso erinnern müssen. Du bist ein wunderschönes Kind, mein Schmetterling, und es wird dir nicht gerecht, dich dahinsiechend zu erinnern, krank und sterbend. Du bist ein leuchtendes Bündel an Lebensfreude, du strahlst hell und klar. Du bist ein wundervoller, perfekter kleiner Junge, und das ist es, was mein trauriger Kopf mir zeigen sollte. Das ist es, was ich sehen möchte. Die Bilder sollen geprägt sein vom Leben. Der Tod kam früh genug.

Für dich

Ich lebe für dich. Das Leben, dass du nicht mehr leben kannst.

Ich sehe für dich all das was du nicht mehr sehen kannst. Ich zeige es dir. Blumen und Sonnenaufgänge, und Schmetterlinge.

Ich rieche für dich an all den tausend Blumen. Weil du es nicht mehr kannst.

Ich schmecke für dich die Kirschen des Sommers und die Orangen des Winters, weil du sie nie schmecken wirst.

Ich fühle für dich, die Sonne auf meiner Haut, den Wind in meinem Haar, weil du sie nie mehr spüren wirst.

Ich höre für dich all die Geräusche um mich herum. Singende Vögel, rauschende Blätter, und die Stille. Denn auch sie hat ein Geräusch. Manchmal ist sie lauter als alles andere.

Ich laufe für dich und ich renne für dich, weil du es nie tun wirst. Ich werde für dich fallen und ich werde für dich wieder aufstehen.

Ich werde für dich sprechen und schweigen, singen und tanzen.

Ich lache und ich weine für dich, weil du es nie wieder tun wirst.

Ich werde für dich Freude und Trauer empfinden. Liebe und Hass. Wärme und Kälte. Weil du es nicht mehr kannst.

Ich werde Orte besuchen, an deiner Stelle. Ich werde schöne Dinge tun für dich.

Es tut mir so leid, denn manches kann ich nicht für dich tun. Ich kann deinen Seelenpartner nicht finden, er wird allein bleiben. Er wird dich vermissen, so wie ich.

Aber ich werde Menschen lieben an deiner Stelle, umso mehr. Ich werde deine Familie und deine Geschwister lieben, deinen Papa, und ich werde versuchen mich selbst zu lieben für dich.

Ich werde leben, für dich. Jeder Tag ist für dich. Du sollst durch meine Augen sehen, was du nicht mehr sehen kannst, mit meinen Ohren hören, mit meiner Haut fühlen. Du sollst fühlen, was ich fühle. So lange mein Herz schlägt, schlägt es auch für dich. Weil deines stumm ist. Ich weiß es, ich habe sein Verstummen gehört. Und die laute Stille danach.

Mein Leben ist deines. Bis wir uns wiedersehen.

 

 

Das Ende?

Heute bin ich im Jetzt angekommen. In der Gegenwart. Es ist unausweichlich, der Zeitpunkt musste irgendwann kommen. Es ist alles erzählt, was in deinem kleinen Leben und auch nach deinem kleinen Leben geschehen ist bis zu diesem Zeitpunkt. Viel zu kurz ist die Zeit, die ich in Worte fassen konnte, und alle Worte dieser Welt können  nicht wiedergeben, was du mir bedeutest, mein Schmetterling. Und was dein Tod in mir zerstört hat. Aber ist das das Ende? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist ein Anfang. Ich werde nicht mehr jeden Tag etwas zu erzählen haben davon, was geschehen ist. Aber das heißt nicht, dass ich ganz aufhören werde, zu erzählen. Ich habe einen Teil der Geschichte abgeschlossen. Ich habe geschrieben von dem schönsten Teil meines Lebens, und ich habe vom schrecklichsten Teil meines Lebens geschrieben. Habe versucht, Worte zu finden, wofür es keine gibt. Geboren werden und sterben, Leben und Tod. Was bleibt dann noch? Was jetzt folgt, ist unser weiteres Leben mit dir in unseren Herzen. Ich werde weiter von der Mika-Challenge berichten, von dem Jahr der Dankbarkeit, was in deinem Namen vergeht. Und ich werde weiter berichten, wenn du dich zeigst oder mir ein Gedanke kommt zu dir und zu uns. Ich werde berichten, wie wir versuchen, unseren Weg ins Leben zurück zu finden. Einen kleinen Schritt haben wir schon gemacht. Viele weitere werden folgen. Manche sind leicht. Manche sind schrecklich schwer. Manche sind vielleicht zunächst unmöglich und wir müssen viel Anlauf nehmen, um sie zu schaffen. Aber wir werden sie schaffen, irgendwie. Ich hoffe wir können andere Menschen mitnehmen auf unserem Weg, und ihnen so auf ihrem eigenen Weg ein Stück zur Seite stehen. Das wünsche ich mir von ganzem Herzen. Und auch wenn ich jetzt nicht mehr jeden Tag etwas zu erzählen habe, dann werde ich doch jeden Tag an dich denken, mein Schmetterling. Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben. Die Liebe ist stärker als der Tod und sie überdauert die Ewigkeit. Und eines Tages werde ich wieder bei dir sein. Wir werden wieder vereint sein und dann haben wir unendlich viel Zeit. Die Zeit, die wir eigentlich verdient hätten, und noch viel mehr. Bis dahin warte auf mich und deinen Papa, mein Schmetterling. Mein Mika.

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