Hoffnungsschmetterling

Lange hast du dich nicht mehr wirklich deutlich gezeigt, mein Schmetterling. Und nun mehrmals kurz hintereinander. Angefangen hat alles damit, dass eine gute Freundin, die dich sehr ins Herz geschlossen hat, eine sehr schlechte Zeit hatte. Eine Sache nach der anderen ging schief. Ihre Arbeit lief nicht so, wie sie es sich gewünscht hatte. Ein Fressfeind drang auf unbekannte Art und Weise bei ihr ein und dezimierte ihre Haustieranzahl brutal und dramatisch. Sie steckte viel Geld und viel Zeit in den Schutz ihrer Tiere, und in das Schaffen einer schönen Umgebung für sich, nur um den nächsten Tiefschlag zu bekommen: Eine Kündigung ihrer Wohnung entgegen aller vorherigen Ideen und Abmachungen, aus nichtigsten Gründen. Und zum krönenden Abschluss dieser Strähne trauriger Ereignisse folgte das Traurigste von allen: ihr geliebter Hund, langjähriger Begleiter, Tröster in der Not und Seelenverwandter, musste eingeschläfert werden. Krebs hatte sich bei ihm eingenistet und eine Symptomatik, deiner so schrecklich ähnlich, zeigte an, dass das Ende nah war und der Kampf beendet. Kurz darauf stand ein wichtiges und schweres Gespräch bei ihr an. Sie wusste nicht, wie sie die Kraft für dieses Gespräch finden sollte, geschweige denn wie sie es zu einem positiven Abschluss hätte bringen sollen, zumal ihre Seele so schwer war von den Dingen, die aus den letzten Tagen und Wochen noch auf ihr lasteten. Und als sie da saß und sich fürchtete vor diesem Gespräch und traurig war, weil sie nicht wusste, wie sie das schaffen sollte, kamst du. Wie du es so gern tust, kamst du als Schmetterling. Als Admiral flogst du an ihrer Tür vorbei, verweiltest kurz und flogst dann weiter. Sie sah dich, erzählte mir davon und ich war sicher, dass du gekommen bist um nach ihr zu sehen. Sie war der gleichen Meinung. Du kamst auch, um ihr Hoffnung zu schenken, denn du wusstest schon, wie das Gespräch ausgehen sollte. Denn es lief viel besser, als sie es sich hätte vorstellen können. Sie konnte entgegen aller Zweifel ihre Ziele erreichen, was ihr zukünftige Türen öffnen wird, und hoffentlich markiert dieses gute Gespräch den Beginn einer neuen, besseren Zeit. Und als das Gespräch beendet war und alles gut, da kamst du noch einmal, In den zweiten Stock ins Fenster, zu hoch für einen Schmetterling eigentlich, und zeigtest dich ihr ein weiteres Mal. Wie um zu sagen: ich habe dir doch gesagt, dass alles gut wird. Danke, mein Schmetterling, dass du ihr Hoffnung geschenkt hast, als alles so schwer war für sie ❤ Ich bin stolz auf dich.

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Schockstarre?

Momentan ist eine schwierige Zeit, mein Schmetterling. Ich bin in eine Art Schockstarre verfallen. Ich warte ab. Ich lausche in meine Umgebung, ich lausche in mich selbst. Ich beobachte. Und die Zeit fliegt nur so vorbei. Ich schaue ihr dabei zu. Deine Schwester ist jetzt bald ein halbes Jahr alt. Und es ist noch nichts passiert. Der schlimme Tag, der magische Tag, der alles verändernde Tag in unserem Leben käme jetzt bald. Der Tag zwei Tage bevor sie sechs Monate alt werden würde. Die Nacht vom ersten auf den 2. Juni. Es ist die Nacht, in der ich dich im August vor fast zwei Jahren gehalten habe, während du deinen letzten Weg angetreten bist, während du langsamer und langsamer geratmet hast. Die Nacht, in der wir darauf gewartet haben, zu erfahren wie es weitergeht. Die Nacht, in der du dich entschieden hast, dass du jetzt Flügel brauchst. Die Nacht, in der wir dich verloren haben. Und in der Erwartung dieser Nacht bin ich auf eine Art und Weise unfähig geworden zu handeln, ich kann nur noch warten und beobachten. Ich bin passiv. Ich lebe mein Leben ganz normal, selbstverständlich, aber in mir drin ist der Stillstand. Und ich warte. Warte ab was passiert. Und in mir keimt die vorsichtige Hoffnung, dass diesmal alles gut wird. Dass wir diese Nacht überstehen werden. Dass wir am nächsten Morgen wach werden, und alles ist wie am Tag zuvor. Alles ist normal. Nichts ist passiert. Das Leben geht weiter und die Welt hat nicht angehalten für uns. Ich wünsche es mir so sehr mein Schmetterling. Es dauert nicht mehr lang. Die Zeit des Wartens ist bald vorüber. Und vielleicht kann ich dann wieder glauben. Vielleicht kann ich dann wieder vertrauen. Vielleicht kommt dann irgendwann der ganz ursprüngliche Glaube daran zurück, dass alles gut werden kann. Das manchmal einfach alles gut werden kann.

Angst und Mut

Mein kleiner Schmetterling, ich habe vor ein paar Tagen einen Artikel von einem anderen Papa gelesen, der sein Kind verloren hat. Er hat mich sehr berührt und in Worte gefasst, was ich selbst schon lange denke. http://www.nytimes.com/2016/10/23/opinion/sunday/children-dont-always-live.html?smprod=nytcore-iphone&smid=nytcore-iphone-share&_r=2

Sein Kind ist, anders als du, bei einem Unfall gestorben. Auch er hat wieder ein Kind bekommen. Und er schreibt darüber, wie es ist, wieder ein Kind zu bekommen. Über die Angst, dass es noch einmal passieren könnte. Darüber, ob es mutig oder dumm ist, es noch einmal zu versuchen.

Für dich, uns und auch deine Schwester ist es noch einmal ein bisschen anders, ein bisschen schwieriger sogar. Denn niemand kann uns sagen, warum du Krebs bekommen hast. So weit wir wissen, habe ich nichts falsch gemacht in deiner Schwangerschaft. Ich habe so sehr aufgepasst. Du warst immer gut entwickelt, du warst kräftig und groß und gesund, als du auf die Welt kamst. Du warst gesund, bis zu jenem Tag an dem wir erfahren haben, dass du eben nicht gesund bist. Dass ein Monster in deinem Kopf wohnt. Es gibt Risikofaktoren, die das Auftreten von deinem Krebs begünstigten. Es gibt Genmutationen, die erblich sind. Aber sie haben nachgeschaut und du hast diese Mutationen nicht in dir getragen. Dein Erbgut war gesund. Trotzdem ist es passiert. Und die Frage bleibt: warum? „Ein Kind mit Krebs zu haben ist Pech.“ Das hat ein Arzt gesagt. Nicht zu uns, sondern zu jemand anderem. Das klingt unempathisch, fies und kalt, aber so ist es nicht gemeint. Es bedeutet: es gibt Dinge im Leben die haben keinen Grund, den man beheben kann, den man vermeiden kann. Es gibt Dinge, die passieren einfach. Und trotz aller „Gewissheit“, die sich oft trotzdem zweifelhaft anfühlt, dass wir es nicht vererben können, dass deine Schwester das gleiche Risiko für deinen Krebs hat wie jedes andere neue Kind auf dieser Welt, bleibt ein Gefühl: Angst. Unsicherheit und Zweifel kommen mit dazu. Was ist, wenn…?

Wir verlassen uns in unserem Leben auf Erfahrungen. Wir gehen davon aus, dass die Sonne an jedem neuen Morgen aufgeht und an jedem Abend untergeht, weil das schon immer so war. An 100% der Tage, die wir erleben, ist es passiert. Wir gehen davon aus, dass Wasser uns nass macht, weil wir es erlebt haben. Weil wir in 100% der Fälle, wo wir ins Wasser gesprungen sind, nass geworden sind. In einem Fall wie dem unseren macht es die Dinge schwierig. Wie der Papa aus dem Artikel schreibt, sind auch bei uns 100% aller unserer lebenden Kinder an Krebs gestorben. 100% wurden mit 4 Monaten mit einem Hirntumor diagnostiziert. 100% sind mit 5 Monaten gestorben. Und wir sind so darauf geprägt, unseren Erfahrungen zu vertrauen, dass ein Teil von mir bis ich den Gegenbeweis bekomme immer in meinem Hinterkopf glauben wird, dass deine Schwester mit 4 Monaten krank werden wird. Ein Teil von mir wird wird darauf warten. Ein Teil von mir wird immer unruhiger werden, bis es so weit ist. Bis deine Schwester einen Tag länger gesund sein wird als du. Bis deine Schwester einen Tag länger leben wird als du, mein wunderbarer kleiner Schmetterling. Und dann einen Monat länger. Und ein Jahr länger. Und irgendwann wird dieser Teil in meinem Kopf, diese wispernde Stimme, hoffentlich Ruhe geben. Und die Angst wird kleiner werden, die Angst um deine Schwester, aber auch die Angst um deine Geschwister die irgendwann noch kommen werden. Denn dann sind es ’nur noch‘ 50% unserer lebend auf die Welt gekommenen Kinder, die Krebs bekommen haben und wieder gestorben sind. Und vielleicht irgendwann nur noch 33%. Die Stimme wird leiser werden.

Es erfordert Mut, wieder ein Kind zu bekommen, wenn man weiß, dass alle Kinder, die man je geboren hat, an Krebs gestorben sind. Und vielleicht ist es dumm. Schaut man sich die Zahlen an ist es dumm. Aber Zahlen sind eine Sache. Menschen sind in der Lage, etwas wundervolles zu empfinden. Hoffnung. Und so bin ich ‚guter Hoffnung‘, wie man früher auch sagte, wenn eine Frau ein Kind erwartete. Wir sind guter Hoffnung. Anders könnten wir nicht leben. Wir müssen es abwarten. Abwarten und hoffen. Und den Atem anhalten, bis deine Schwester 5 Monate und 28 Tage alt wird. Und bis wir wissen, dass 100% nicht heißt, dass es immer wieder passieren wird.