Letzte Versuche

Ich mag eigentlich nicht mehr weiter erzählen, was dann geschah. Ich möchte euch etwas ganz anderes aufschreiben. Ich möchte schreiben, dass er operiert wurde und jetzt alles gut ist. Dass die Chemo dann alles weggemacht hat, was noch übrig war. Aber das wäre gelogen. Es ist das Schlimmste passiert. Das, was jetzt kommt, ist nicht schön, nichts daran. Es ist schrecklich und grausam und ich kann verstehen, wenn ihr hier aufhören wollt zu lesen, und euch lieber selbst ein Ende ausdenken wollt. Ich hätte mir auch lieber ein anderes Ende ausgedacht. Aber das Leben ist nicht fair. Das hat mir auch nie jemand versprochen. Aber dass es so zum Kotzen unfair sein kann, das habe ich nie erwartet.

Du bekamst ein krampflösendes Medikament, kleiner Schmetterling. Luminol glaube ich hieß es. Und du bekamst nochmal eine volle Dröhnung Dexamethason, weil man sich erhoffte, dass es noch irgendetwas abschwellendes leisten konnte. Wir mussten warten, bis die Ärzte sich deine Bilder angeschaut hatten. Wir waren völlig verzweifelt. Der Chefarzt der Neurochirurgie kam extra von zu Haus wieder, um zu sehen, ob es irgendetwas zu tun gab, was in seiner Macht lag. Nach der Konsultation kamen die Ärzte zu uns und erklärten uns die Lage. Du hast kurz geschlafen, kleiner Schmetterling, und das war gut. Du warst erschöpft und müde. Mit ernsten Gesichtern, betroffen, erzählten sie was passierte. Der Tumor hatte eingeblutet. Das, was sie um jeden Preis verhindern wollten, das, weshalb die Dosis der Chemo auf ein absolutes Minimum reduziert worden war, war eingetreten. Durch das ganze Blut schwoll der Tumor an und drückte deinen Hirnstamm gegen die Wirbelsäule und zerquetschte ihn so langsam. Du hattest Hirndruck, nur nicht oben in den Ventrikeln, sondern unten. Noch jetzt ist das Gespräch wie ein Albtraum vor meinen Augen. Ich habe die klassichen, klischeehaften Fragen gestellt: „Können wir denn gar nichts mehr tun? Haben wir jetzt verloren?“ Und in bester Ärztemanier ließen sie sich nicht festnageln. Der Neurochirurg sagte uns, dass von chirurgischer Seite keine Möglichkeit bestand, etwas zu tun, was dich gesund gemacht hätte, kleiner Schmetterling. Eine OP war rein technisch möglich, aber die einzigen beiden möglichen Ergebnisse waren Verbluten oder allerschwerste Behinderungen, wobei der Krebs dann natürlich immernoch nicht besiegt war. Und ich rede hier nicht von nicht mehr laufen können, geistig zurück sein. Ich rede von vegetativem Zustand. Wachkoma. Keine eigenständige Atmung, kein Schlucken, kein Bewusstsein. Kein Mika. Kein Leben. Der Chirurg sagte einen Satz, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. „Wir sind nicht solche Affen, die Dinge nur tun, weil sie sie können.“ Eine kleine Möglichkeit der Verbesserung der Situation gab es noch. Sie wollten versuchen, durch die alte OP-Wunde in den Liquorraum im Nacken zu punktieren und so etwas Entlastung dort zu schaffen, wo gerade richtig Druck war. Von uns durfte niemand mitkommen. Sie nahmen dich mit, kleiner Schmetterling, und ich hatte keine Kraft mich noch dagegen zu wehren. Es sollte auch nur ganz kurz dauern. Als sie wieder in das Zimmer kamen sah man schon an den Gesichtern, dass es nicht geglückt war. Der Liquor war durch die Hirn-OPs im Nacken zu einem Gelée geronnen. Eigentlich ist das gut, denn dann beginnt der Körper mit dem Abbau. Ein ganz gesunder Vorgang also. Aber für uns war es das schlechtestmögliche Szenario.

Dèja vue

Als wir vom Spaziergang zurück kamen durftest du noch ein kleines bisschen ohne deine Infusionen bleiben, damit wir dich mal wieder so richtig schick machen können. Wegen all der Schläche, Elektroden und Kabel war es kaum möglich, dich richtig zu waschen und deine Probleme mit Lagerungswechseln taten ihr Übriges dazu, dass du schon länger nur Katzenwäschen bekommen hattest. Also bekamen wir vom Krankenhaus eine große Schüssel und lecker riechenden Badezusatz und Creme und wir machten ein Wellnessprogramm für dich. Es war sehr warm, sodass es auch nackig schön gemütlich war, haben warmes Wasser geholt und dich ein bisschen gepflegt. Ich habe dir immer schon erzählt, was ich mache, wenn wir dich gewaschen haben, sodass ein kleines bisschen Normalität wieder in den Alltag eingekehrt ist. Gesicht waschen waschen, Schildkrötenhals waschen waschen (wegen der ganzen Falten), Händchen waschen waschen, Fussis waschen waschen. Bäuchlein waschen waschen… so habe ich es dir immer erzählt, während wir dich wuschen. Ich bin ein bisschen traurig, dass wir dich nicht baden durften, aber mit dem Katheter, der noch so frisch war, war das einfach nicht möglich, weil du so gern geplanscht und gespritzt hast und man dich am Ende so viel stützen musste, weil dein Köpfchen so schwer war. Nach dem Waschen habe ich dich eigecremt, ein bisschen massiert. Das mochtest du gern. Leider konnte ich dich nicht auf den Bauch legen, weil du deinen Kopf nicht mehr gut halten konntest, aber trotzdem hast du dich wohl gefühlt. Ich wünschte nur es wäre nicht das letzte Mal gewesen. Du konntest den ganzen Tag schon nicht Trinken und wir besprachen mit den Ärzten, ein letztes, stärkstes Mittel gegen Erbrechen einzusetzen. Du hattest schon Vomex bekommen, Zofran und als letzten Versuch wollten wir Dexamethason probieren, weil alles nichts half und du immer so schlimm erbrechen musstest. Leider half auch das nicht. Es war als hättest du Wasser bekommen. Irgendwann am frühen Abend wurdest du komisch. Warst müde und ein bisschen abwesend. Ich hatte das Gefühl irgendwas war mit deinen Augen nicht in Ordnung. Es wurde immer schlimmer und irgendwann riefen wir die Ärzte. Du zeigstes wieder Symptome wie vor deiner Not-OP. Deine Augen wollten nicht mehr fixieren. Rollten immer zur Seite weg. Ich bekam panische Angst. Die Ultraschalluntersuchung hatte doch keinen Hirndruck gezeigt?? Die Ärzte sahen sehr ernst aus. Du musstest runter zum CT. Wir eilten mit dir durch die Gänge, wieder piepten alle Monitore und es war ein grauenhaftes Dèja vue. Ich wollte mit rein, aber man riet mir ab wegen der Strahlenbelastung. Auch dein Schmetterlingspapa wurde diesmal rausgeschickt, er war schon zu oft dabei gewesen. Ich musste mich setzen, mir wurde schrecklich schwindelig. Ich hatte das Gefühl der Boden unter meinen Füßen raste wie ein Fahrstuhl nach unten. Das Bild dauerte nur ein paar Sekunden, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Dann gingen endlich die Türen wieder auf und wir durften wieder zu dir. Als wir dich rausschoben konnte ich einen schnellen Blick auf das CT-Bild erhaschen und da wusste ich es eigentlich schon, auch wenn ich es natürlich nicht wahrhaben wollte. Der Tumor hatte begonnen, deinen Hirnstamm zu zerdrücken.

Sonnentag

In deinen letzten Tagen sind viele Menschen gekommen, um dich zu besuchen, kleiner Schmetterling. Ich bin froh um jede einzelne Person, die du noch getroffen hast und die dich sehen durfte. Jeder Moment, den wir noch mit dir haben durften, war ein Geschenk. Du hast immer schlimmer erbrochen, aber du hattest dich irgendwie schon dran gewöhnt. Zum Teil warst du dadurch sehr erschöpft, aber meist haben wir dich auf die Seite gedreht und gestreichelt, und sobald du mit Würgen und Krampfen fertig warst, hast du schon nach dem nächsten erreichbaren Spielzeug gegriffen. Ich hätte nie erwartet, dass du so kurz vor deinem Tod noch so aktiv sein würdest. Du hast wieder Physiotherapie gemacht, und die Therapeutin war sehr zufrieden mit dir. Wir mussten sie vorher manches Mal wegschicken, weil du so müde warst oder es dir einfach nicht gut ging. Aber plötzlich ging es wieder. Du hast wieder aus eigenem Antrieb deine Füßchen gepackt, hast mit beiden Händen gespielt, hattest wieder richtig Kraft. Ich kann nicht verstehen, wie du so stark sein konntest, todkrank und erschöpft wie du warst. Sogar dein Blutdruck war wieder einigermaßen in Ordnung seit dem Eingriff. Er stieg langsam wieder, aber wir waren daran gewöhnt und weil es keine Anzeichen für steigenden Hirndruck gab, wurde das unter ‚das war schon immer so‘ abgelegt. Dann brach der morgen des Tages an, den ich nie vergessen werde, weil das Sterben dort begann. Du hattest morgens wieder einen Ultraschalltermin, und das Ergebnis war großartig. Die Ventrikel waren klein, zu klein fast, und die Ärzte waren sehr zufrieden. Keine Punktion, der Hirndruck war Geschichte. Wir waren unglaublich erleichtert. Endlich konnten wir Pläne für die weitere Chemo machen. Nachdem du so gut zurecht warst und das Wetter so schön, entschieden die Ärzte, dass wir dich von allen Infusionen abnehmen und draußen mit dir spazieren gehen durften. Und richtig waschen durften wir dich auch. Wir bekamen wieder einen Kinderwagen ausgeliehen und gingen nach draußen. Du hast noch einmal die Sonne gesehen. Ein letztes Mal. Vorher konnten wir wochenlang nicht raus mit dir. Ich bin dankbar, so unendlich dankbar für diesen letzten Tag. Wir banden dir deine Mika-Stillkette an den Kinderwagen, damit du damit spielen konntest. Du hast sie geliebt, diese Kette. Du hast viel geschlafen im Kinderwagen, aber du warst ganz ruhig und entspannt. Sogar die Augenlider deiner gelähmten Seite machtest du richtig zu zum Schlafen. Wir hatten Hoffnung. Wir waren sogar ein bisschen glücklich. Es war wunderschön. Selbst jetzt, wo ich hier sitze und meine Trauer meine Augen überlaufen lässt, fühle ich ganz viel Liebe und Dankbarkeit, wenn ich an unseren letzten Spaziergang denke. Du hast Vögel gehört, Blumen gerochen und frisch gemähtes Gras. Du hast Bienen summen gehört und den Wind gespürt. Wasser plätschern gehört und die Wärme der Sonne auf deiner Haut gefühlt. Es war perfekt, für einen letzten Tag. Ich wünschte du hättest bleiben können. Aber wenn du schon gehen musstest, so hast du dir den schönsten Tag und die schönste Nacht als die letzten auf dieser Erde ausgesucht.

Neue Wege

Nach der OP ging es dir den Umständen entsprechend gut. Du hattest keinerlei von außen erkennbare Hirndrucksymptome. Es wurde nicht direkt nach der OP geschallt, weil du dich erstmal erholen solltest. Nur dein Erbrechen wurde immer Mika mit Spieluhrstärker. Du hattest schon seit Tagen nichtmal mehr 10ml Milch bei dir behalten können. Immer, wenn ich dir etwas gab, kam es nach kurzer Zeit alles wieder hoch. Es tat mir so schrecklich leid, dich so zu sehen. Dein armer kleiner Magen war so gereizt, dass du immer blutigen Schleim spucken musstest. Es tat meinem Mamaherz so weh, dass ich dir nicht helfen konnte. Dazu kam noch, dass du Ampho-Moronal bekommen musstest, um Pilzinfektionen im Mund vorzubeugen – dein Immunsystem wurde ja von der Chemo in Mitleidenschaft gezogen und eine Infektion konnten wir nicht brauchen. Schon im gesunden Zustand müssen viele Kinder davon spucken, es war also ein Ding der Unmöglichkeit. Ebenso die Antibiotika, die du prophylaktisch bekommen solltest. Die Lösung war dann, die Antibiose über den Tropf zu geben, und mit dem Ampho pinselten wir nur ein bisschen deinen Schuller ein. Manchmal muss man eben einen Kompromiss finden. Wir wollten dich nicht weiter damit quälen. Dann stand die erste Ultraschalluntersuchung an. Und das Ergebnis war niederschmetternd. Die Ventrikel waren immernoch geweitet. Und wieder zerschlugen sich meine Hoffnungen. OP erfolgreich, Effekt = 0. Alle neuen Schmerzen, alte Wunden wieder aufgerissen, ein neues Loch in deinem schlauen kleinen Gehirn – alles umsonst. Die Meiningiose war doch der Grund für den Hirndruck, nicht der Tumor. Aber die Ärzte sagten uns wir sollen den Mut noch nicht aufgeben. Es war noch zu früh, um die Flinte ins Korn zu werfen. Es dauert manchmal einfach ein bisschen. Schwellungen müssen zurückgehen, Blut, das sich durch die OP zusätzlich auf die Hirnhäute legt und den Metastasenzuckerguss noch verstärkt, muss resorbiert werden. Der Druck muss sich erst abbauen. Das geht vielleicht nicht so schnell. Also haben wir weiter in deinen Kämpfergeist vertraut. An dich geglaubt und abgewartet. Aber gleichzeitig haben wir etwas getan, was wir bis dahin nur müde belächelt hätten. Wir haben eine Heilerin zu uns bestellt. Die Mutter einer Freundin deines Schmetterlingspapas. Nachdem sie erfuhr, wie es dir ging, bot sie ihre Hilfe an. Sie wohnte recht weit entfernt, wollte aber dennoch zu dir um zu sehen, was sie für dich tun konnte, kleiner Schmetterling. Wollte nichtmal Geld für die Fahrt. Wir waren uns nicht sicher, ob es etwas helfen kann, aber was schadet es schon? Wenn die Schulmedizin versagt, welche Optionen hat man dann noch? Und so haben wir nach jedem Strohhalm gegriffen. Jeden noch so wackligen Boden ausgetestet. Wir sind viele neue Wege gegangen in der Krankenhauszeit. In der schlimmen Eis- und Feuerzeit, in der wir alle gefroren und gebrannt haben. Wir wollten, dass dir geholfen wird, dass dein Leid gelindert wird. Und so haben wir sie gebeten, zu dir kommen.

Die letzte OP

Du hattest schon einen Tag Chemo hinter dir, kleiner Schmetterling, da kamen die Neurochirurgen zurück, um mit uns über die Möglichkeit zu sprechen, deinen Hirndruck zu verringern und dadurch zu ermöglichen, Gift direkt in den Liquor geben zu können, um den Metastasenzuckerguss zu bekämpfen und dem Monster auch von außen auf den Pelz zu rücken. Denn die Idee deiner Schmetterlingsmama war gar nicht so dumm. Man konnte zwar kein Rohr einsetzen, um den Ablauf des Hirnwassers offen zu halten, aber man konnte etwas anderes machen. Einen neuen Ablauf schaffen. Normalerweise läuft das Hirnwasser hinter dem Hirnstamm in den Spinalkanal, der Durchlauf dort ist sehr schmal, aber ausreichend. Wenn man keinen Tumor hat, der ihn zudrückt. Es gibt aber die Möglichkeit, vor dem Hirnstamm einen neuen Durchlauf zu stechen. Dazu wird mit einem Edoskop immer weiter nach unten durch das Hirn durchgedrungen, bis man ganz unten ein kleines Häutchen durchsticht und den neuen Ablauf frei macht. Der wird dann ein bisschen vergrößert und wächst üblicherweise nicht mehr zu. Die OP ist allerdings heikel. Sehr nah an dieser Stelle laufen Blutgefäße und sticht man diese an, können die Chirurgen nichts mehr sehen, die OP muss erfolglos abgebrochen werden. Wir entschieden uns, dem Ganzen eine Chance zu geben. Der Eingriff war vergleichsweise klein, ein Loch im Schädel hattest du an dieser Stelle ohnehin schon von der Drainage und man musste nur die Haut noch einmal öffnen, durch den Kanal der Drainage und dann noch etwas weiter nach unten. Eine Nacht Intensivstation. Aber wieder Narkose, wieder dich abgeben, in fremde Hände, so du doch bei uns sein solltest. Wieder warten, hoffen und bangen. Angst, dass der Eingriff missglückt und alles umsonst war. Mein armer Schmetterling, wir mussten dein Schicksal so oft in andere Hände legen, hatten so schrecklich wenig Kontrolle über das, was mit dir passierte. All die Unterschriften nur eine Illusion von Kontrolle. Es gab nichts, womit wir selbst dir helfen konnten in deinem Kampf. Wir konnten nur da sein. Dich halten. Dir gut zureden wenn du erbrechen musstest. Dich umarmen und küssen, für dich singen und dich wiegen. Es fühlte sich so schrecklich wenig an, wo das Monster in deinem Kopf doch so übermächtig war. Aber wieder hatten wir Glück. Nach anderthalb Tagen Chemo kamst du erneut in den OP, und auch wenn es tatsächlich begann zu bluten, waren dem Neurochirurgen eine sichere Hand und ein kühler Kopf gegeben und er beendete die OP erfolgreich. Du kamst wieder auf die Intensivstation und wir warteten darauf, dass du die Nachwirkungen der Narkose abschütteln konntest und hofften darauf, dass die OP die erwünschte Wirkung zeigte.

1/2 Chemo

Der große Tag war da. Heute sollte es losgehen. Endlich. Die Ärzte kamen morgens, weil ein Kinderarzt dein Köpfchen nochmal schallen wollte. Du hattest zwar keinerlei Symptome, die auf Hirndruck schließen ließen, aber sicher ist sicher. Gut, dass er so ein Bauchgefühl hatte, und gut, dass er dem Gefühl Glauben geschenkt hat. Denn der Blick auf den Monitor war wie ein Schlag in den Magen. Deine Ventrikel waren wieder geweitet. Der Hirndruck war zurück. Keiner wusste, warum du so symptomfrei warst, aber der Befund war selbst für den Laien gut zu erkennen. Ich war am Boden zerstört. Hirndruck heißt: keine Chemo in den Kopf. Zu gefährlich, wenn das Gift nicht abtransportiert wird und zu lang im Hirn bleibt. Nichts, um die Metastasen im Liquorraum zu bekämpfen. Dein Monster war so schlau, mein Schmetterling. So schrecklich, ekelerregend intelligent. Das einzige, was ihm wirklich dramatisch hätte schaden können, hatte er ausgeschaltet. Und da war sie wieder zersplittert, die Hoffnung, und mein gerade erst notdürftig geflicktes Herz gleich mit. Dein Schmetterlingspapa war ganz blass. Er hat viel weniger geweint als ich, war so viel stärker darin, seine Gefühle unter einer Decke zu lassen, aber man konnte ihm sein Entsetzen deutlich ansehen. Der Tumor hatte das kleine bisschen Boden, was wir durch die Not-OP gewonnen hatten, binnen einer Woche wieder wettgemacht. Saß uns wieder im Nacken. Ich war verzweifelt. Wie sollten wir jemals Zeit gewinnen, wenn er so grausam schnell war? Wieder eine OP, dann wieder eine Woche Intensivstation, nur um dann kurz nach der Erholungsphase, wenn es losgehen kann, wieder da zu sein wo wir vorher waren? Ein Teufelskreis, aus dem ich keinen Ausgang sehen konnte. Dann habe ich eine ‚dumme‘ Frage gestellt. Können wir nicht einfach ein Röhrchen einsetzen? Das den Durchlauf offen hält? Wenn der Tumor doch den Ventrikel zudrückt, erschien mir das wie eine gute Idee. Und die Oberärztin hat mich angeschaut und gesagt: „Ich spreche mit den Neurochirurgen darüber.“ Sie hat mich nicht ausgelacht. Sie hat mich ernst genommen, und das war unglaublich erleichternd. Der Neurochirurg kam zu uns und sagte uns, dass er sich die Bilder nochmal genau ansehen müsse. Es sei nicht klar, woher der Hirndruck kam. Denn einerseits war der Zulauf ein Problem, andererseits legten sich aber auch die ganzen Krebszellen auf die Hirnhaut, die den Liquor aufnehmen kann. Wie ein Zuckerguss klebten sie die Durchläufe zu. Meningiosis, nannten sie das. Dann hätte eine OP keinen Sinn. Wieder ein Hoffnungsschimmer, aber wieder stand alles auf sehr wackligen Füßen. Aber zumindest der venöse Teil der Chemo, der der ins Blut muss, konnte starten. Zwei Spritzen, 2 x 24h. Wir umwickelten alles mit Alufolie, die Spritzen und die gefühlten 100m Schlauch, da die Chemo durch UV-Licht zerfällt, durch die langsame Laufgeschwindigkeit. Dann wurde das Gift angeschlossen und in dich hineingepumt. Das Gefühl lässt sich schlecht beschreiben. Angst, aber auch Hoffnung. Eine Prise Triumph. Und du hast es gut weggesteckt, mein starker, tapferer Schmetterling. Du warst so ein Kämpfer, da hast du dich von ein bisschen Chemo nicht weiter stören lassen.

Eskalation

Nach deiner OP war irgendwas komisch mit dir. Du wurdest irgendwie nicht richtig wach. Warst groggy. Den ganzen Tag über warst du immer nur mal für sehr kurze Zeit wach und schliefst immer wieder ein. Wir haben uns da erst gar keine Gedanken drüber gemacht, kannten wir das doch schon von der Biopsie. Aber mit der Zeit wurden die Ärzte nervös. War es doch nur ein kleiner Eingriff gewesen. Mit großer Besorgnis habe ich auch deinen  Herzschlagmonitor betrachtet. Erst war der Herzschlag immer um die 120/110. Dann war das höchste plötzlich 90. Dann 80. Schleichend ging es immer weiter nach unten. Dann war dein Herzschlag plötzlich das erste Mal unter 70. Dein Monitor fing an Alarm zu machen, alle waren furchtbar nervös. Die Nacht war der Horror. Auch am nächsten morgen wolltest du nicht richtig wach sein. Und dann passierte das Schlimmste, was wir bisher erleben mussten: du konntest nicht mehr richtig sehen. Ich stand vor dir und deine Augen konnten mich nicht erfassen. Rollten einfach zur Seite. Du warst wach und bei Bewusstsein, und konntest mich doch nicht sehen. Ein unbeschreibliches Grauen hat das bei mir ausgelöst. Wir waren so verzweifelt. Wir versuchten für dich da zu sein und dich zu trösten und du konntest uns nichtmal mehr sehen. Ich wünsche so etwas niemandem auf der Welt, so grausam war es dich so zu sehen. Die Ärzte schallten dein Köpfchen. Akuter Hirndruck, Vigilanzminderung, Verlust der Kontrolle über die Augenmotorik. Deine Pupillen reagierten, dein Sehnerv war also nicht geschädigt, immerhin. Helfen konnte die Erkenntnis nicht. Sie versuchten über das Ommaya-Reservoir Liquor,  also Hirnwasser, abzulassen. Klappte auch, reichte aber nicht. Es änderte sich nichts. Konsequenz: Not-OP. Auf einmal standen alle Ärzte um uns herum und erklärten uns, dass wir dich sofort operieren lassen mussten. „Wie lange sollen wir das denn noch mitmachen, was soll das denn alles bringen?“ habe ich weinend gefragt. Hatte ich doch das Gefühl, ich schaue dir seit Wochen trotz aller Bemühungen nur langsam beim Sterben zu. Wieder Aufklärungen, hastig, hastig, schnell Unterschriften geben, schnell im OP anrufen. Hastig mit dir zum Aufwachraum rennen, während der Monitor piepte und arlarmierte. Gelber Alarm, roter Alarm. Ich habe nur noch ein Mal mehr Angst gehabt in meinem Leben, und das war an dem Abend deines Todes. Wieder haben sie dich weggenommen. Diesmal hast du nicht geweint, und das war fast noch schlimmer. Du konntest nicht, warst schlapp und konntest nichts sehen. Passiv und schlaff hingst du in den Armen des Anästhesisten, der uns mit seinen braunen Hundeaugen traurig ansah. Ich hatte nur noch Bruchstücke der Gespräche im Kopf: Tumor entfernen so weit es geht, ja leider auch Hirngewebe entfernen. Drainage setzen. Die Vorstellung wie du wieder im OP lagst und sie deinen kleinen Kopf wieder aufschnitten, dich noch mehr verletzten, war unerträglich. Aber die Alternative wäre dein sicherer Tod gewesen, noch viel unerträglicher. Manchmal hat man nur die Wahl zwischen Leid und noch mehr Leid. Es ist so schwer, diese Entscheidungen zu treffen. Konnten wir dich doch nicht fragen. Aber ich bin froh, dass wir so entschieden haben. Die OP hat uns zwei weitere Wochen mit dir geschenkt. Zwei wertvolle Wochen, um unsere gegenseitige Anwensenheit zu genießen, um zu weinen, um zu lachen und zu singen, um zu kuscheln, um mit dem Akzeptieren zu beginnen und um Abschied zu nehmen, wir von dir und du von uns.