Dreieinhalb

Am Freitag war dein Geburtstag, mein Schmetterling. Und wie immer, wenn es nicht gerade in Strömen gießt, waren wir bei deinem Baum. Und auch wenn es, wie jedes Jahr, kein leichter Tag war, und kein leichter Gang, so war es trotzdem schön. Du hast uns Sonne geschickt, deine kleine Schwester hat unter deinem Baum gespielt und hat sich gefreut bei dir zu sein. Sie hat hinterher gesagt: „Es war schön bei Mika.“ Und sie hat ein paar Mal gefragt, ob wir wieder zu dir fahren. Wir haben ihr vesprochen, dass wir bald bei dir ein Picknick machen, viele leckere Sachen mitnehmen und sie bei deinem Bäumchen essen werden. Aber ein Bäumchen ist es gar nicht mehr, es ist inzwischen ein echter Baum. Denn so wie du dieses Jahr vier Jahre alt geworden wärst, so ist auch der Baum inzwischen fast vier Jahre älter geworden, seitdem wir deinen Körper unter ihm zu seiner letzten Ruhe gebettet haben. Und noch etwas hat sich geändert, seitdem wir das letzte Mal bei dir waren. Wir sind nämlich nicht mehr drei. Wir sind dreieinhalb. Behütet in meinem Inneren war ein kleines Menschlein mit bei dir, eine Seele, die du sicher sorgfältig für uns ausgesucht hast. Und wenn du willst, und wenn Gott will, dann wird im August ein neues kleines Wesen unsere Familie bereichern. Die Daten liegen so, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass die kleine Seele an dem Tag das Licht der Welt erblicken wird, an dem du aus dieser Welt geschieden bist. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Möglichkeit halten soll. Aber ich denke es wird am Ende so kommen wie es soll. Wenn der kleine Mensch sich entscheidet, dass er an diesem Tag kommen möchte, dann ist es okay. Und wenn er sich einen anderen Tag aussuchen möchte, dann ist es auch okay. Ich freue mich schon darauf, ihm von dir zu erzählen.

Wir vermissen dich,  besonders an diesen Tagen, und die Lücke, die deine Form trägt, ist viel zu groß. Sie ist uns an einem solchen Tag sehr schmerzlich bewusst. Aber du bist immer da. Und du wirst immer da sein.

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Freie Plätze

Heute sehne ich mich wieder so sehr nach dir, mein Schmetterling. Ich spüre, wie es mein Herz hin zu deinem zieht, wie es aus meiner Brust will um zu dir zu fliegen. Das Band zwischen uns ist schön und tröstlich, aber manchmal spüre ich, wie es uns zusammenführen will, fast wie ein Gummiband, und weil es das nicht kann spüre ich das Ziehen ganz fest. In diesen Momenten ist die Leere in meinem Arm und auf meinem Schoß schwer zu ertragen, denn dort sind zwei Plätze. Ich habe zwei Arme und zwei Beine, aber nur ein Platz ist besetzt. Der andere sollte besetzt sein, und doch ist er leer. In meinem Kopf wächst du mit, zusammen mit deiner Schwester. Manchmal, wenn ich die Bilder von dir sehe, dann wundere ich mich, wie klein du bist. In meinem Kopf bist du älter, du bist größer, „erwachsener“. Das liegt wohl auch daran, dass du im Krankenhaus alles Kindliche abgelegt hast und dein Blick so alt wurde, und dein Gesicht so erwachsen wurde, obwohl du noch so klein warst. Würde ich dich heute in den Arm nehmen würde ich mich wundern wie leicht du bist, wie klein du warst. Deine Schwester fragt immer mal wieder nach dir, möchte deine Bilder sehen und deine Sachen berühren. Ihr Interesse an dir ebbt nicht ab, im Gegenteil. Es wird mehr. Ach ich wünschte ich dürfte es einmal sehen, wie ihr euch umarmt. Nur ein einziges Mal. Wie ihr gemeinsam spielt, oder euch um ein letztes Stück Schokolade streitet, bis ich es teilen muss. Ich male mir diese Bilder aus und sie fehlen mir, ihre Abwesenheit ist mir sehr schmerzlich bewusst. Wenn ich auf meinem Handy die Bilder ansehe, dann sehe ich nur ein Kind. Ein wundervolles, aufgewecktes, liebenswertes Kind, aber es ist nur eines, wo zwei sein sollten. Und egal wie viele Kinder ich bekommen werde, ich werde immer wissen, dass es eines zu wenig ist an meiner Hand. Ich werde immer wissen, dass es um eine Kinderstimme zu ruhig ist, dass das Stapfen von einem Paar Füßen auf unserem Boden fehlt. Dass ein Raum mehr besetzt sein sollte, ein Gedeck mehr auf dem Tisch stehen müsste. Eine Quelle der Freude mehr, eine Quelle der Sorgen mehr. Einer fehlt. Bei deinem Sternengeschwisterchen ist es mir nicht so sehr bewusst, ich denke häufig an sie (inzwischen glaube ich sie wäre ein Mädchen gewesen), aber ihre Präsenz ist nicht so stark wie deine, weil ich sie nie kennenlernen durfte. Aber egal wie stark oder schwach ich euch wahrnehmen kann, eure Plätze werden immer leer bleiben. Sichtbar leer. Traurig leer.

Folgewunder

Du bist gegangen, mein Schmetterling, aber unser Kinderwunsch hat sich nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil – er ist stärker als jemals zuvor. Wir wünschen uns ein Geschwisterkind für dich, wir wünschen es uns so sehr, dass es mir manchmal weh tut. Bisher wollte es noch nicht klappen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht sind wir noch zu traurig, vielleicht ist der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Aber wir versuchen es weiter. Wir haben ja gesagt zu dir und wir werden ja sagen zu der kleinen Seele, die sich vielleicht bald aufmacht zu uns. Vielleicht hast du sie schon kennengelernt, da oben wo du jetzt bist. Vielleicht kennst du deinen kleinen Bruder oder deine kleine Schwester schon. Wir werden wieder ja sagen, ja zu vielen Nächten mit viel zu wenig Schlaf, ja zum Chaos, ja zu schmutzigen Windeln und ja dazu, keine Zeit mehr zu haben für viele Dinge. Aber auch ja zur Liebe, ja dazu, jemanden beschützen und sich um ihn kümmern zu dürfen, ja zu einer neuen Zukunft und einer neuen Chance, die vielleicht geboren wird. Tausend Mal ja. Trotzdem wird eines anders sein. Die Angst wird immer dabei sein. Was, wenn irgendetwas schief geht? Was, wenn uns so etwas noch einmal geschieht? Jede Kleinigkeit, die ‚unnormal‘ und etwas verdächtig ist, wird uns Angst machen. Damit müssen wir leben und versuchen, ruhig zu bleiben im Angesicht der Angst. Aber ich habe auch noch vor etwas anderem Angst. Davon will ich erzählen, und es fühlt sich wie ein Geständnis an. Was, wenn ich das neue Kind nicht so lieben kann wie dich, eben weil du nicht da sein kannst? Ich habe Angst, einen Ersatz zu suchen, auch wenn ich weiß, dass es eigentlich nicht so ist. Ich habe Angst, immer zu vergleichen. Ich habe solche Angst, dass ich mein Herz nicht mehr so weit öffnen kann. Dass ich mich über manche Dinge, die dein Geschwisterchen lernen wird, vielleicht nicht freuen kann, weil du es nie mehr lernen und erleben kannst. Ich liebe dich so sehr mein Schmetterling, und ich habe Angst, dass ich nie wieder ein Kind so sehr lieben kann. Das wäre nicht fair. Aber ich muss es versuchen. Ich wollte Geschwister für dich und ich will sie immernoch. Ich glaube wir müssen behutsam mit uns sein, unsere Angst zulassen und rauslassen. Vielleicht wird es dann leichter. Lieber kleiner Schmetterling, mein liebster Mika, wenn du die kleine Seele da oben schon getroffen hast dann sag ihr, wir haben Sehnsucht nach ihr. Sag ihr auch, dass wir nicht perfekt sind und dass es vielleicht nicht immer einfach wird mit uns. Dass wir Angst haben. Aber sag ihr, dass sie sich immer auf uns verlassen kann und dass wir an ihrer Seite sein werden, egal was passiert. Denn das kann ich versprechen, trotz aller Angst. Ich werde da sein. Egal was passiert. Bis zu meinem letzten Herzschlag werde ich da sein und tun was immer ich kann, damit es dieser kleinen Seele gut gehen wird bei uns. All das, was ich für dich getan habe oder zu tun versucht habe, werde ich für unser Folgewunder tun, und für all die kleinen Wunder, die danach vielleicht noch kommen werden.