Behörden – die Zweite

Jetzt kann ich doch nicht umhin, noch einmal ein paar Worte bezüglich der Behörden und ihrer Irrungen und Wirrungen zu schreiben, mein Schmetterling. Ich hoffe es langweilt dich nicht. Aber ich finde es wichtig, dass man einen Einblick bekommt, mit was man sich so ‚herumschlagen‘ muss, als wenn dein viel zu frühes Gehen nicht schon genug gewesen wäre.

Das hier ist ein kleiner Schnipsel mit einigen der notwendigen Anlagen für unsere Steuererklärung.

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Wir haben die Erstellung so lange vor uns hergeschoben, haben zwei Mal um Aufschub gebeten. Es ist so schwierig, all die Dokumente wieder in die Hand zu nehmen. Deine Geburtsurkunde, die Nachweise über die Zahlungen an deine Tagesmutter, die Nachweise für die Zahlung der Hebammenrufbereitschaft, Dinge, die wir für dich angeschafft haben… jedes einzelne dieser Dinge macht uns traurig. Es ist schlimm, wie traurig einen ein einzelner kleiner Streifen Papier machen kann.

Deine Sterbeurkunde einreichen zu müssen, sie sehen zu müssen in all ihrer nüchternen Schrecklichkeit, ist mehr, als meine Selbstbeherrschung aushält. Ich habe dagesessen, auf das Stück Papier gestarrt, was so furchtbar trocken und gefühlslos die Fakten deines Flugs in den Himmel auflistet. Geburtstag und Zeitpunkt des Todes, auf eine Minute festgelegt. Ich weiß, dass du schon zwei Minuten früher gegangen warst, denn ich habe deinen letzten Herzschlag gehört. Das letzte Geräusch, was ich von dir in dieser Welt hören durfte. Aber die offizielle Feststellung des Todes hat dann noch zwei weitere Minuten in Anspruch genommen, weil deine Ärztin ganz ganz sicher gehen wollte. Den Sterbeort. Den Geburtsort. Deine Konfession. Dein Name. Alles ist dort festgehalten. Wenige Buchstaben, die aber umso mehr schmerzen. Und als wäre das nicht genug, schaue ich auf die erforderlichen Anlagen und ich lese dort nicht: Sterbeurkunde. Ich lese dort: Nachweise über die Beendigung des Kindschaftsverhältnisses. Aber die kann ich nicht einreichen. Es gibt sie nicht. Du hast nie aufgehört, unser Kind zu sein. Deine Krankheit hat unser Verhältnis nicht verändert, deine Reise zu den Sternen hat dich nicht von uns als Eltern getrennt. Du bist und bleibst immer unser Schmetterling, unser Mika, unser Herzenswunsch, unser Sonntagskind. Das kann uns niemand wegnehmen. Keine Behörde dieser Welt. Ein Kindschaftsverhältnis ist beendet, wenn jemand sein Kind adoptieren ließ. Dann geht die Elternrolle auf jemand anderen über. Und auch wenn wir dich in die Hände des Himmels geben mussten, bleiben wir deine Eltern. Immer.

Ich kann diese Urkunde nicht einreichen. Es gibt sie nicht. Es wird sie niemals geben. Und auch wenn die Formulierung vielleicht dazu gewählt wurde, um dem Sachbearbeiter Distanz zu ermöglichen, gibt es zwei Seiten an diesem Tisch. Wir sitzen auf der anderen Seite. Und die Formulierung, die es der einen Seite vielleicht einfacher macht, macht es der anderen so viel schwerer.

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Von der Wiege bis zur Bahre…

…Formulare, Formulare. So sagt man, mein Schmetterling. Und es stimmt. Normalerweise macht man sich kaum Gedanken darüber, was man ausfüllt und vor allem: was drinsteht. Die Formulare werden für den prototypischen Menschen gemacht, der in den Köpfen der Behörden existiert. Aber jemand, der nicht mehr in den ’normalen‘ Lebensablauf passt, weil ihm etwas passiert ist, was eben nicht üblich ist, der kämpft mit den Formularen.

Die wichtigste Frage, die ganz oft vorkommt: Haben Sie Kinder? Und wenn ja, wie viele? Tja. Wie viele Kinder habe ich. Es fällt mir noch recht leicht dein Sternengeschwisterchen nicht aufzuführen, denn wir hatten nie die Freude, einen Herzschlag sehen zu dürfen. Per Definition hat es nie ‚gelebt‘, auch wenn es selbstverständlich freudig erwartet wurde. Das ist allerdings nur die erste Hürde. Frühe Aborte zählen für die Behörden nicht. Aber was ist mit dir, mein Schmetterling? Du hast gelebt. Du wurdest geboren. Du warst wirklich und wahrhaftig da. Ich habe dich atmen, lachen und weinen gehört, ich habe deine Wärme gespürt und ich kenne deinen Herzschlag. Auf dem Papier ist das noch recht einfach zu lösen. Ich kreuze ja an. Und schreibe dazu, dass du nicht mehr hier bist. Dann können sie daraus machen, was sie wollen. Aber nun kommt die nächste Eskalationsstufe hinzu. Online-Formulare. Mit festgelegten Formaten, wo man nichts hinzuschreiben kann. Haben Sie Kinder? Ja oder nein. Wie viele? Hier kann man nur eine Zahl ankreuzen. Und was mache ich jetzt? Ich weiß, dass die Frage auf lebende Kinder abzielt – wahrscheinlich. Aber ich will und kann nicht Nein ankreuzen. Ja. Ich habe Kinder. Ich habe zwei. Ein drittes ist in meinem Bauch. Ich habe ein Minikind, was nie auf die Welt kommen durfte, einen Schmetterling, der viel zu früh wieder fliegen musste, und ich habe ein Regenbogenkind, was seinen Weg auf diese Welt noch nicht ganz abgeschlossen hat. Und ebenso, wie es in Formularen hoffentlich irgendwann üblich sein wird, unter Geschlecht etwas anderes als männlich und weiblich anzukreuzen, sollte es auch Felder geben, wo wir unsere verstorbenen Kinder angeben können. Für die Bürokratie mag das nicht wichtig sein, weil es nicht ‚zählt‘. Aber für uns ist es wichtig. Ich werde niemals in einem Formular angeben, dass ich keine Kinder habe. Denn ich habe Kinder. Sie sind nicht an meiner Hand. Aber sie sind trotzdem meine Kinder.

Manche Abläufe führen sich selbst ad absurdum. Ein weiteres kleines Beispiel aus der Welt der Bürokratie bezieht sich auf ein Promotionsstipendium, was ich erhalte. Bekommt man ein Kind, so wird die Dauer um ein Jahr verlängert. Eigentlich. Man ist ja ausgefallen für Mutterschutz, Geburt, für die Kinderbetreuung. Nun bist du nach nichtmal 6 Monaten wieder davongeflogen, mein Schmetterling. Vorher war ich mit dir einen Monat lang im Krankenhaus. Danach war ich eine kurze Zeit zu traurig um zu arbeiten. Und auch nach meiner Rückkehr war ich eine Weile nicht so leistungsfähig wie vorher. Das ist normal, wenn ein Kind stirbt. Entsprechend ist ein zusätzliches Jahr sehr wichtig. Mindestens genauso wichtig, wie wenn alles nicht passiert wäre. Allerdings waren die Behörden der Ansicht, dass wenn ein Kind nur 6 Monate gelebt hat man auch nur 6 Monate länger bekommt. Eine der Begründungen war unter anderem, dass ich so schnell wieder angefangen habe zu arbeiten. Ich kämpfe mich aus dem Loch, welches dein Verlust hinterlassen hat, mein Schmetterling, bin stark so gut ich kann, und das ist die Konsequenz. Meine Arbeitsstelle ist zum Glück toll und sie haben dafür gesorgt, dass ich das ganze Jahr bekomme. Aber der Schlag ins Gesicht hat gesessen. Ich habe vor Wut und Fassungslosigkeit in meinem Büro geweint, als ich die Nachricht und auch die Begründung bekam.

Ein bisschen mehr Empathie wäre schön. Ein bisschen mehr Mitgefühl. Ein bisschen mehr Flexibilität und ein bisschen mehr Nachdenken. Unser Leben bringt genug Hürden mit sich, wenn wir unsere Kinder verloren haben. Formulare sollten nicht eine davon sein.