Die Liebe ist ein seltsames Gefühl

Es ist ein seltsames Ding mit der Liebe, mein Schmetterling. Woran liegt es, dass man ein Wesen, das man nur so kurz kennt, so sehr in sein Herz schließt? Wenn man sich den Verlauf der Zeit anschaut, dann kann ich sagen: eigentlich habe ich dich kaum gekannt. Dennoch waren wir uns so nah, waren uns so sehr vertraut. Sind uns immernoch so nah, wenn auch nur in Gefühlen und Gedanken. Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich nichtmal 6 Monate wirklich kennenlernen durfte (wenn man die Schwangerschaft nicht hinzu zählt), so sehr liebe? Woran liegt es, dass ich jemanden, den ich so kurz kannte, so sehr, so unendlich vermisse? Die Liebe ist ein seltsames Gefühl, denn sie kennt keine Zeit. Ich kann jemanden lieben, den ich zum ersten Mal sehe. Die Geburt ist so ein Moment. Ich sehe jemanden, ich sehe dich, zum ersten Mal. Und ab der ersten Sekunde liebe ich dich, liebe dich so sehr. Bewundere jede Einzelheit an dir. Und jede dieser Einzelheiten vermisse ich dann. Für immer. Ich vermisse dich in jedem einzelnen Atemzug. Woran liegt es, dass ich auch nach all der Zeit, die schon vergangen ist, nach all den Tagen, den unendlichen Stunden, Minuten und Sekunden, immer und immer an dich denke? Es gibt nicht einen einzigen Tag an dem du nicht in meinen Gedanken bist. Es vergehen selten mehrere Stunden, bis ich wieder an dich denke. Du bist mir immer präsent. Du bist ein so fester Teil von mir, du gehörst zu mir wie mein Kopf und mein Herz. Du bist nicht wegzudenken, wir sind eins. Ich weiß nicht ob noch immer Zellen von dir in mir leben, ich weiß nicht wie lange sie geblieben sind oder noch bleiben werden. Ich weiß, dass es das gibt, aber wie lange es hält, weiß ich nicht. Ich stelle mir gern vor, dass immernoch ein körperlicher Teil von dir in mir lebt. Aber auch wenn sie inzwischen verschwunden sein sollten, bist du immernoch ein Teil von mir. Woran liegt es, dass die Liebe ein Gefühl ist, dass uns zum Lachen und zum Weinen bringen kann, beides vor Freude sogar? Sie kann uns so glücklich machen, und so traurig, und manchmal beides zur gleichen Zeit. Die Liebe ist seltsam. Nicht ohne Grund beschäftigt sie die Menschheit schon immer. Schon in der Bibel, einem der ältesten Bücher, wird darüber geschrieben. Auch wenn ich die Bibel nicht so sehe, wie sie von der Kirche verstanden wird, sondern eher als ein kluges Regelwerk, wenn man es richtig zu interpretieren vermag und nicht zu wörtlich nimmt, finde ich den Spruch sehr schön.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, aber hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. […]

Ohne die Liebe sind wir nichts. Das ist etwas, das du und dein Dasein mir ganz deutlich vor Augen geführt haben. Wen wir lieben, was wir lieben, das ist ganz egal. Aber wenn wir nicht lieben, irgendetwas, irgendjemanden, dann fehlt etwas, dann sind wir unglücklich.

Die Liebe ist ein seltsames Ding, mein Schmetterling. Obwohl wir nur so wenig gemeinsame Zeit hatten, sie verbindet uns für immer. Das Band, das die Liebe zwischen uns gewoben hat, vermag niemand zu trennen. Kein Mensch, keine Naturgewalt, nicht einmal der Tod.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

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Herzensverbindung

Zwischen deiner Schwester und dir besteht eine Herzensverbindung, mein Schmetterling. Da bin ich ganz sicher. Wir haben in der Küche zwei Vitrinen, auf denen Fotos von dir stehen, deine Spielzeuge und andere Erinnerungsstücke. Und deine kleine Schwester wollte schon sehr früh, quasi seitdem sie kommunizieren kann was sie sehen möchte, immer zu deinen Bildern. Und sie verhält sich ganz anders als mit vielen anderen Dingen. Sie ist normalerweise das typische kleine Kind. Alles muss in den Mund genommen werden, man muss die Dinge herunterwerfen, gegeneinander schlagen und testen, wie sie funktionieren. Mit deinen Sachen ist das nicht so. Sie weiß instinktiv, dass sie wichtig sind. Sie befühlt sie ganz zart mit einem Finger, viele nimmt sie nichtmal hoch. Streicht federzart über ihre Oberfläche, betastet und staunt. Als wüsste sie, dass es deine sind. Sie winkt dir zu, mein Schmetterling. Winkt deinen Fotos. Sagt aufgeregt: „Da! Da!“, und zeigt auf dich. Sie kennt dich. Schon sehr früh konnte sie sich so verständlich machen, zeigen was sie meint und möchte. Und eines Abends, glaube ich, hat sie dich gesehen. Wir haben über dich gesprochen, sie und ich. Ich habe ihr von dir erzählt, als wir gemeinsam auf dem Sofa saßen. Und plötzlich sagt sie ihr aufgeregtes: „Da! Da!“ Und zeigt hinter mich. Und als ich sie frage: „Ist da dein Bruder? Kommt Mika uns besuchen?“, winkt sie. Winkt hinter mich. Winkt dir zu? Ich frage sie: „Wo ist Mika?“ Und sie zeigt auf die gleiche Stelle. „Da, da.“, sagt sie. Winkt, lacht. Und ich lache auch. Und ich weine ein bisschen. Sie sieht dich, ich kann es leider nicht selbst. Aber das macht nichts. Du hast sie besucht, deine Schwester. Und mich auch. Da bin ich sicher.