Getragen für immer

Die erste Hürde hatten wir genommen, dein Sarg war ausgesucht. Die zweite folgte, denn mit einem Sarg war es ja nicht getan. Wenn jemand eingeäschert wird, dann muss es auch eine Urne geben. Und wenn man sich für einen Friedwald entscheidet, dann gibt es nur sehr wenig Auswahl. Es gibt sehr schöne Urnen für Kinder. Unser Bestatter zeigte uns sogar eiförmige kleine Urnen für frühgeborene Kinder, die direkt wieder gehen müssen. Aber all das war nicht erlaubt. Für eine Stelle im Friedwald müssen es besondere, extra für den Friedwald zertifizierte Urnen sein. Die Standard-Friedwaldurne ist eine weiße Urne mit einem Ginkoblatt darauf. Sie gefiel uns für dich gar nicht. Kinderurnen müssen bunt sein. Fröhlich. Irgendwie besonders eben. Sie müssen das Wesen der Kinder widerspiegeln. Wir entschieden uns für eine helle Urne aus gewachstem, massivem Holz. Ahorn war es glaube ich. Denn: sie bot eine gute Leinwand. Wir entschieden uns, deine Urne zu bemalen – mit Fingerfarben, denn etwas anderes ist nicht erlaubt, aber auch damit kann man einen Gegenstand sehr persönlich gestalten. Natürlich kann man damit keine Meisterwerke zu Wege bringen, aber man kann ausdrücken, was man sagen will. Wir haben unsere Liebe zu dir ausgedrückt. Und so wie du dein ganzes Leben und bis zur Sekunde deines Todes von uns getragen warst, so wirst du auf ewig von unseren Händen getragen sein. Es war schwer und traurig, aber nicht nur. Wir haben währen des Malens sogar gelacht. Ich glaube, das hätte dir gut gefallen, kleiner Schmetterling.

Mikas Urne Mikas Urne Mikas Urne Mikas Urne

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Schmetterlingswachen

Wenn ein Kind beerdigt werden muss, dann gibt es kein Schema F. Alles ist irgendwie anders. Man kann kein Schema F haben, weil es nicht sein sollte. Kein Kind sollte sterben. Es ist einfach nicht richtig. Und ebenso gab es für uns kein Schema, an das wir uns halten konnten, als Entscheidungen getroffen und die organisatorischen Dinge erledigt werden mussten. Weil du im Friedwald liegen solltest war zumindest eines klar, du musstest eingeäschert werden, mein Schmetterling. Für uns war die Entscheidung jedoch schon vorher sonnenklar gewesen. Die Meinungen was dies angeht, gehen weit auseinander, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du zu meinen Füßen weiter verfallen solltest und dass ich immer wenn ich dich besuchte daran denken müsste, dass du weiter vergehen musst. Ich habe zu viel Verfall gesehen, vorher. Eine Einäscherung geht erfreulich schnell. Egal wie groß, nach spätestens 90 Minuten ist alles vorbei. Bei so einem kleinen Kind wie dir, mein Schmetterling, muss es sehr viel schneller gegangen sein. Und es ist auch nicht so, wie man es sich vorstellt. Es wird erstmal gar nichts angezündet. Es gibt wird erstmal eine ganze Weile nur sehr, sehr heiße Luft, zugeführt. Erst ganz am Ende kommen wirklich von Außen Flammen ins Spiel. Das Wissen um den Ablauf und das Wissen um die Dauer haben mir geholfen, es besser zu ertragen. Dann wäre es vorbei. Und der Tumor, diese schreckliche, unnatürliche und widerwärtige Monstrosität, davon wäre nichts mehr übrig. Aber man braucht einen Sarg. Welcher Sarg ist passend für ein Kind? Worin liegt er geborgen für seinen letzten Weg? Und wir haben den schönsten Sarg bekommen, den man sich vorstellen kann. Ich hätte nie gedacht, dass man davon sprechen kann, dass ein Sarg schön ist. Aber er war es. Und er hatte auf dich gewartet, mein Schmetterling, jahrelang. In einer Scheune, nachdem ein Bestattungsinsitut aufgegeben worden war. Ich weiß nicht warum er da stand, warum ihn niemand weggeworfen oder verkauft hat. Aber ich glaube vielleicht sollte es so sein. Manchmal ist das Schicksal schon lange, lange festgelegt. Wir bekamen ihn geschenkt, und es fühlte sich richtig an, dass du darin liegen solltest. Er war wie eine Wiege, und bewacht wurde er von vier verschiedenen Schmetterlingen. Ganz helles Holz, unbehandelt und fast weiß.

Schmetterling1 Schmetterling2Kindersarg Wiege

Ein bisschen gewaschen musste er werden, weil er so lang stand. Wir säuberten ihn, nahmen das Innenleben heraus und legten ein Stück unserer Lieblingsseife und ein Tuch mit deinem Badezusatz hinein. Es sollte so riechen, wie du es kanntest. Zu Beginn deines Lebens hattest du oft in einer Kiepe gelegen, einer Trage aus Holz, die man wiegen konnte. Und so solltest du auch in einer hölzernen Wiege liegen, ganz am Ende von Allem. Wir brachten den Sarg zum Bestatter und du wurdest in ihn gebettet, eingewickelt mit deiner weichen Kuscheldecke, die dein Onkel und seine Freundin zu dir ins Krankenhaus brachten, bevor alles geschah. Und umgeben von deinen liebsten Spielsachen und deinen Schutzengeln. Ich hoffe sie konnten dich auf deinem Weg nach oben beschützen, wenn sie dir schon auf Erden leider nicht mehr helfen konnten.

Ruhestätte

Wenn jemand stirbt gibt es immer schrecklich viel zu organisieren. Und das, obwohl man kaum Kraft hat, morgens überhaupt aus dem Bett aufzustehen. Deine Oma war jeden Tag bei uns am Anfang, kleiner Schmetterling, um zu helfen wo sie konnte. Ob bei den kleinen oder den großen Dingen, ganz egal. Wir fuhren zum Bestatter, um die ersten Dinge zu besprechen. Deine Überführung aus dem Krankenhaus, die Abläufe, deine letzte Ruhestätte. All diese Dinge galt es zu besprechen. Zeitlich verschwimmen die Reihenfolgen in meinem Kopf, die Beschreibungen sind möglicherweise nicht mehr präzise. Es ist interessant, was die Trauer mit dem Gedächtnis macht. Vor allem, weil ich deine Geschichte erzählte – wieder und wieder und wieder. Deinen Abschied. Wie tapfer du warst. Von deinem letzten Lächeln. Ich erzählte es so oft, dass es mir vorkam, wie ein Märchen, schon lange weitergegeben von Generation zu Generation. Eines war klar: du solltest nicht auf dem Friedhof liegen. In unserer Umgebung gibt es zwei Wälder: einen Friedwald und einen Ruheforst. Dein Schmetterlingspapa fuhr in den Ruheforst und schaute sich dort um, aber er war ihm zu dunkel. Du solltest im Licht liegen, hell und freundlich solltes es sein. Gemeinsam fuhren wir in den Friedwald. Es war ein schöner und sonniger Tag. Wir wollten uns den Sternenkinderbaum ansehen. Und da hatten wir eine interessante Begegnung. Ausgerechnet dort, von allen möglichen Stellen im Wald, nur ein paar Bäume entfernt, kniete eine weiß gekleidete Frau am Boden und weinte. Trauerte um ihr Kind. Wir sprachen mit ihr. Auch sie hatte ihren erstgeborenen Sohn verloren. Auch er hatte eine Hirnstammverletzung und auch sie musste die Entscheidung treffen, ihn gehen zu lassen. Es war ein Unfall, aber die Geschichte war so ähnlich, so nah, dass ich glaube es war kein Zufall, dass sie genau an diesem Moment an genau dieser Stelle trauerte. Sie umarmte mich und wir weinten gemeinsam um unsere Kinder. Der Sternenkinderbaum war ein großer Baum, weit ab vom Weg, krumm und an einer dunklen Stelle. Er sprach nicht zu uns. Deshalb suchten wir weiter, irrten eine Weile herum. Und dann sah ich ihn. Deinen Baum. Er schrie mich förmlich an. Ein kleiner, heller Baum, inmitten einer Lichtung, angestrahlt von heller Sonne.

Mikas Baum im FriedwaldDas war dein Baum. Es war sofort klar. Hier konntest du in der Sonne liegen, hell und freundlich war es. Ich sprach mit deinem Schmetterlingspapa und die Entscheidung war schnell gefallen. Ein kleiner Feldahorn, sagte uns der Förster. Baum des Jahres 2015, wie wir erfuhren. Welch seltsame Fügung. Ein Familienbaum ist es, mein Schmetterling. Wenn wir diese Welt verlassen und in deine wechseln, dann werden unsere Hüllen Seite an Seite von deiner liegen. Dein Schmetterlingspapa wird zu deiner linken liegen und ich zu deiner rechten. Es ist tröstlich zu wissen, dass wir im Tod wieder vereint sein werden, sowohl körperlich als auch im Geiste. Und ich weiß, so lange wirst du geduldig auf uns warten.

Aussegnung

Am nächsten Tag – zumindest glaube ich, dass es der nächste war, aber die Tage verschwimmen in meinem Kopf zu einer undeutlichen Masse aus Tränen und Hilflosigkeit – gab es eine Aussegnung für dich, mein Schmetterlingsjunge. Es war so schwer für mich, Abschied von deinem kleinen Körper zu nehmen nach deinem Tod. Ich hatte doch alles an dir geliebt, jeden Zentimeter, und du warst so wunderschön. Aber die Aussegnung sollte mir dabei helfen. Sie wurde von der Pfarrerin durchgeführt, die dich auch getauft hatte. Sie war schockiert als sie hörte, dass du gestorben warst, und sie war mit uns gemeinsam sehr traurig. Sie organisierte alles. In deinem Krankenhaus gab es einen speziellen Raum für diese Aufgabe. Du lagst noch nicht in einem Sarg und deshalb war es nicht so einfach, aber die Pathologen fanden eine Lösung für dich. Du wurdest, in die Decke gewickelt wie du warst, in ein Bettchen gelegt. Sie drapierten einen blauen Samtstoff mit goldenen Sternen über die Gitter, damit man sie nicht so sehr sah. Sie hatten die Stillkette mit deinem Namen auf deinen Bauch gelegt und all deine Spielsachen um dich herum. Deinen Teddy behieltest du im Arm. Rote Rosenblätter waren auf dem Bett und deiner Decke verteilt. Ich hatte viel Angst davor, vor dem was mich erwartete. Ich hatte Angst, dass du schlimm aussehen würdest, fremd und tot. Dass deine Haut verfärbt wäre. Oder dass du riechen würdest. All diese Vorstellungen waren in meinem Kopf. Aber nichts war anders zu vorher. Du warst mein wunderschöner kleiner Schmetterlingsjunge. Mein über alles geliebtes Kind. Immernoch. Nur kalt warst du, ganz kalt. Ich wischte das Kondenswasser von deinem Gesicht. Es glitzerte. Ich streichelte und küsste dich und du warst kühl und weich. Du wohntest nicht mehr in diesem Körper. Du hattest ihn verlassen. Das wurde mir ganz klar, als ich dich so daliegen sah. Du warst jetzt woanders, er war nicht mehr dein Heim. Er war defekt und du brauchtest ihn nicht mehr. Zwei deiner Omas waren da, ein Opa und dein Onkel. Die anderen Großeltern, Tanten und Onkel schafften es nicht, denn es war sehr kurzfristig. Wir alle sagten dir noch Abschiedsworte. Wie sehr wir dich liebten. Versprachen dir, dich nie zu vergessen. Und wieder kam dein Taufspruch, und er machte mir Gänsehaut: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Du warst wieder Sein, wir hatten dich zurückgeben müssen. Man sagt der Tod eines geliebten Menschen ist die Rückgabe einer Kostbarkeit, die Gott uns nur geliehen hat. Und dein Opa versprach dir etwas ganz wichtiges, und wir alle wiederholten sein Versprechen: Wenn du uns brauchst, dann kannst du uns holen kommen. Jeder einzelne von uns steht hinter diesem Versprechen. Ich mache ohne dich weiter so gut ich kann, mein Schmetterling, an jedem noch so schweren Tag. Ich werde stark sein für dich. Aber solltest du mich eines Tages brauchen, dann werde ich kommen. Ich stehe jederzeit an deiner Seite. Lass es mich nur wissen, und ich werde da sein.

Mika – Challenge: Teil 14

MIKA – Challenge: Tag 71

Heute habe ich endgültig die Bestätigung in Form von Flugtickets bekommen: wir fliegen nach Abu Dhabi. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch meine Arbeit diese Möglichkeit bekomme. Natürlich wäre ich lieber mit Mika zu Hause als ohne Mika dort, aber es ist trotzdem eine gute Sache, ein paar Tage in die Sonne zu kommen, wo es hier so dunkel wird. Und im Herzen nehme ich ihn mit.

MIKA – Challenge: Tag 72

Heute bin ich dankbar, dass sich eine Befürchtung bisher nicht bestätigt hat. Es ist für manche Paare nach der Trauer nicht einfach, beieinander zu sein und gemeinsam zu trauern. Manchmal entsteht dadurch Wut, Unverständnis, Streit und Frust. Wir sind davor gewarnt worden, haben Tipps und Bücher zu diesem Thema bekommen. Ich bin dankbar, dass sich das bisher als einfacher erwiesen hat als gedacht. Ja, wir trauern verschieden, weil wir verschiedene Menschen sind. Aber wie ein Buch was ich las es so schön beschrieb schaffen wir es, uns von unseren Inseln gegenseitig immer mal eine Flaschenpost zukommen zu lassen und so einen Einblick zu geben, wie es in uns aussieht.

MIKA – Challenge: Tag 73

Heute bin ich dankbar, dass ich den ersten Tag seitdem Mika gegangen ist nicht geweint habe. Fast ein Vierteljahr ist es jetzt her und so lange hat es gedauert. Feuchte Augen ja, aber kein Weinen. Und auch wenn die Trauer immer präsent sein wird, so wird es auch Tage ohne Tränen geben. Und dafür bin ich dankbar.

MIKA – Challenge: Tag 74

Der heutige Tag ist schwierig für die Challenge, denn ich liege mit ner Blasenentzündung schon im Bett und tue mir selber leid. Aber ich kann morgen zu m Arzt gehen und weiß, dass es innerhalb von ein paar Tagen wieder okay sein wird. Ich bin dankbar, dass ich Zugang zu guter medizinischer Versorgung habe. Sie ist eine Selbstverständlichkeit für uns, aber viele Leute haben diesen Luxus nicht. Ohne diese Versorgung wäre Mika nach wenigen Tagen schon tot gewesen. Ich bin dankbar, dass wir auf einen solchen Luxus zurückgreifen können, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen, wer uns bei medizinischen Problemen helfen kann.

MIKA – Challenge: Tag 75

Heute waren wir an Mikas Baum. Vor 16 Tagen war ich das letzte Mal da und habe eine Rose mitgebracht. Auch meine Schwiegereltern waren da und haben eine Rose abgelegt. Als ich heute kam habe ich erwartet alles verwelkt vorzufinden. Aber die Rosen waren immer noch frisch. Sie sahen kein bisschen verbraucht aus. Ich weiß nicht warum sie die ganze Zeit überstanden haben. Aber es hat mich irgendwie froh gemacht zu sehen, dass es die ganze Zeit über immer noch hübsch aussah und Mika so die ganze Zeit frische Blumen hatte. Und so absurd es klingt, dafür bin ich dankbar.

Zu Hause?

Dann fuhren wir nach Hause. Irgendwie war das Krankenhaus innerhalb des Monats mein zu Hause geworden, ich habe es nie verlassen, und es war das schrecklichste Gefühl, zu fahren und dich nicht dabei zu haben. Nach Hause? Nichts ist ein zuhause ohne dich. Wir haben keine Sachen gepackt, das hat zum Glück unsere Familie für uns übernommen, wir sind einfach gefahren. Als wir ankamen war es wie ein schlechter Film. So viele Klischees haben sich in der Zeit im echten Leben gezeigt. Unsere Vermieter wohnen im gleichen Haus und sie kannten Mika gut und haben uns so viel geholfen in der Zeit – unsere Tiere versorgt, Dinge gebracht, mein Auto abgeholt, dafür gesorgt, dass wir im Krankenhaus Internet hatten… unersetzbare Dinge in so einer Zeit. Sie sind selbst Eltern. Und als wir aus dem Auto ausstiegen, stand die Frau auf der Terasse vor dem Haus und sah, dass wir allein waren. Und ihr wurde klar, was passiert war. Sie schaute mich an und sagte nur: „Nee ne? Nee ne? Scheiße!“ Und dann hat sie mich in den Arm genommen und wir haben gemeinsam geweint. Dann mussten wir hoch, in unsere schrecklich leere Wohnung, wo jeder Raum deine Spuren trug und deinen Namen schrie, ohrenbetäubend laut. Ich habe mich ins Bett gelegt. Ich wollte nichts mehr hören und sehen. Ich weiß nicht mehr, ob deine leere Wiege noch dort stand, oder ob sie schon abgebaut war, schnell bevor wir kamen, aber der Platz schaute mich vorwurfsvoll an. Dein Schmetterlingspapa räumte deine Sachen weg, in jedem Raum, zusammen mit deinen Großeltern. Er konnte diese schwere Aufgabe meistern. Dafür hatte ich die Kraft nicht. Ich lag nur da und innerlich fühlte ich mich tot. Die Gedanken sind unbeschreiblich. Jeden Tag soll es jetzt so sein? Jeden Tag muss ich in diese leeren Zimmer schaun, sehen wo du sein solltest und wo jetzt nichts ist? Jeden Tag muss ich diese Trauer und dieses herzzerfetzende Vermissen aushalten? Das kann ich nicht. Niemals. Ich kanns nicht und ich will es nicht. Ich wollte einfach nur zu dir. Wozu weitermachen? Ohne Aufgabe? Ohne jemanden, der mich braucht? Ich hatte keinen Hunger, ich hatte keinen Durst, noch tagelang nicht. Ich war einfach nur müde, so schrecklich, unendlich müde und erschöpft. Jede Aufgabe wird so schwer, die kleinste Alltagsverrichtung wird fast unmöglich. Aufstehen. Sachen aussuchen, die man tragen will. Duschen. Essen machen. Aufräumen. Man ist wie gelähmt und das Gewicht des Verlusts drückt einen zu Boden. Schwer wie Blei. Dein Schmetterlingspapa hat etwas tolles gemacht, denn er hat im Wohnzimmer eine kleine Stelle mit deinen Sachen stehen lassen. Da liegen Spielsachen, ein Nuckel. Deine Fotos stehen dort, eine Socke liegt da. Dein Fußabdruck. Eine Kerze, die kleine Wassermannkette, die du nie getragen hast. Dein Halstuch. Und jeden Abend, wenn es dunkel wird, brennt dort ein Licht für dich. Von dem Tag an bis heute, und es wird eines brennen so lange wir leben.

Fort

Nachdem wir den ersten Zusammenbruch hinter uns hatten, mussten Dinge getan werden. Dein Schmetterlingspapa suchte dir die hübschesten Anziehsachen heraus und dann begannen wir, dich herauszuputzen. Den vollgespuckten Body ab. Dein Schmetterlingspapa konnte nicht weitermachen, es war zu schwer, zu schlimm wie schlaff du warst und wie leblos. Ich habe ihm gesagt, dass es okay ist. Man muss nichts tun, was die eigene Kraft übersteigt. Er hat deine Sachen ausgesucht und ich habe dann weitergemacht, jeder macht das, was er aushält. Zusammen mit der Schwester, die sich zu uns setzte und mit uns um dich geweint hat, habe ich dich fertig gemacht. Sie hatten dich alle so lieb gewonnen, mein kleiner Junge, und es wurden viele viele Tränen um dich vergossen. Wir machten deine Windel ab und ich putzte dich ein letztes Mal sauber. Albern eigentlich, es war ja nur Pipi drin und das sieht man nicht und dir war es vielleicht sowieso egal, aber ich konnte es nicht ertragen mir vorzustellen, dass du nicht sauber warst. Dann haben wir dir einen schicken Jeansanzug mit Streifen angezogen, warme Socken, deine coole graue College-Kapuzenjacke die wir so an dir geliebt haben. Und du hast das schickste Flatcap der Welt aufgesetzt bekommen, aus petrolfarbenem Cord. Eine Freundin hatte es dir geschickt, denn sie weiß wie es ist, wenn man eine Chemo bekommen muss. Ich hätte dich so gern damit herumlaufen sehen. Du sahst richtig schick aus. Dann haben wir dir deine liebsten Spielzeuge mitgegeben: Monsieur Hasehase, deine Mikakette, deinen Teddybär, all die Dinge, mit denen du so gern gespielt hast. All deine Schutzengel, die du im Krankenhaus bekommen hast. Wir haben dich zusammen mit ihnen in deine Kuscheldecke gewickelt, und dann habe ich dir deinen Schnuller zurück gegeben. Während des Sterbens hast du ihn nicht gebraucht, aber weil er im Krankenhaus so wichtig für dich wurde, wollte ich, dass du ihn zum Trost bei dir behalten kannst. Seltsam welche Gedanken einem kommen. Wie wenig man verstehen kann, dass solche Dinge dann keine Rolle mehr spielen. Dann haben wir Bilder von dir gemacht. Das mag seltsam anmuten, aber wir wollten jeden Moment von dir in Erinnerung behalten, also auch den letzten. Die Ärztin kam und sagte uns wir dürften dich nicht mit dem Brovi begraben. In meinem Kopf gingen sofort Horroszenarien los: herausschneiden. Das Reservoir aus dem Kopf auch. Schändung deines müden kleinen Körpers. Aber wir mussten ihn nur mit der Schere abschneiden und das Reservoir durfte drin bleiben. Dann hatten alle die Möglichkeit, dich noch einmal zu sehen, Abschied zu nehmen, dich zu küssen und zu umarmen und dir zu sagen, wie sehr wir dich lieben. Und dann musste ich dich abgeben. Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten: du wirst von der Pathologie abgeholt, in unserem Beisein, oder wir verlassen den Raum, lassen dich zurück und sie holen dich später ab. Beides fühlte sich schrecklich falsch an. Man hängt plötzlich an solchen Kleinigkeiten. Wir regelten es dann anders. Ich nahm dich in die Arme und wir riefen die Oberärztin, die dein Sterben begleitete, und ich übergab dich in ihre Arme. Dort warst du gut aufgehoben. Und sie trug dich fort.

„Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
weit über Land, von Ort zu Ort,
ich folge ihr, so gut ich kann,
ihr lauf’ ich raschen Fußes nach,
bis sie sich groß und breit verflicht’
mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“  (J. R. R. Tolkien)