Einer kommt, einer geht.

Heute Morgen hast du wieder Gesellschaft bekommen, mein Schmetterling. Deine Uroma ist gestorben, meine Oma. Für sie war es ein Segen, sie war krank und ihr Selbst ging ihr immer weiter verloren. Es ist gut, dass sie nicht weiter miterleben musste, wie das Gewebe, aus dem ihre Persönlichkeit bestand, sich mehr und mehr aufribbelte. Faden um Faden verloren ging, bis es durchscheinend und faserig und am Ende zu Nichts geworden wäre. Ich musste heute Morgen viel darüber nachdenken, dass man immer sagt, dass einer geht, wenn einer kommt. Als deine Schwester geboren wurde, ist vorher ihre Uroma Lore gestorben. Jetzt, wo dein nächstes Geschwisterchen in diese Welt kommen möchte, ist eure Uroma Christa gegangen. Der Einzige, bei dem niemand unmittelbar ging, warst du, mein Schmetterling. Der Mann deiner verbleibenden Uromi auf dieser Erde ging schon fast ein Jahr vor deiner Geburt, da warst du nicht einmal in meinem Bauch. Und wie immer bei solchen Dingen bin ich verwundert über das Muster, das sich ergibt. Einer kommt und einer geht. Bei dir ist niemand gegangen. Du bist selbst wieder gegangen. Das Leben spielt manchmal seltsame Spiele. Ich hoffe du hast deine Uroma in Emfpang genommen. Sie war stets eine „eiserne Lady“, resolut und stark. Aber dein Tod hat auch sie schwer getroffen, schwerer vielleicht als einige der anderen Verluste, die ihr Leben mitgebracht hat. Sie wusste, wie es ist, ein Kind zu verlieren, hat sie doch auch ihr Kind verloren. Sie wusste, wie es ist, das eigene Kind gegen Krebs kämpfen zu sehen. Sie war kein Typ Mensch den man im klassischen Sinne liebevoll nennen würde, dazu war ihre Schale zu fest, aber sie war absolut hin und weg von dir, ebenso wie von deiner kleinen Schwester. Ich wünschte ich hätte ihr noch erzählen können, dass sie wieder Uroma wird. Aber an dem Tag, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, war ihr Verstand wie ein zu volles Glas, in das kein einziger weiterer Tropfen passt. Sie konnte die Nachricht nicht mehr aufnehmen. Aber ich bin mir sicher, dass sie es jetzt weiß. Am Ende hat sie immer wieder die gleichen Menschen gesehen. Zwei Männer und eine Frau. Ich hoffe, dass diese drei Personen gekommen sind, um sie abzuholen, und dass sie sie geleitet haben auf ihrem Weg. Ich hoffe, sie durfte in Frieden gehen. Und ich wünsche mir, dass sie bei dir auch inneren Frieden finden wird.

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Ein Gedanke zu “Einer kommt, einer geht.

  1. Bei mir trifft es tatsächlich nicht zu, dass einer gehen musste, wenn einer kommt. Aber ich kenne einfach viele bei denen es so ist…ich habe meine Oma im Januar in den Tod begleitet, ich hatte wahnsinnige Angst vor dem Tag X. Aber es war trotzdem „schön“ bei ihr zu sein als sie die letzten Atemzüge tat, es hatte etwas ganz Friedliches an sich.
    Und…herzlichen Glückwunsch zu deinem Bauchbewohner, Mika wird auch auf ihn/sie gut aufpassen. So wie er es bisher auch bei seiner Schwester getan hat.

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