Neue alte Orte

Manche Dinge sind eine größere Herausforderung als man denkt, mein Schmetterling. Manchmal meint man, dass etwas gar kein Problem ist, und ist man dann in der Situation merkt man, dass es doch nicht so einfach ist wie man gedacht hat. Gestern hat es so eine Situation gegeben. Denn ich musste gestern zu deinem Kinderarzt. Eigentlich habe ich mir keinen Kopf darum gemacht, denn ich wollte nur eine Unterschrift abholen. Deine kleine Schwester soll zum Neugeborenen-Screening zu Haus bleiben dürfen, so wie du, deshalb braucht man eine Unterschrift. Ich weiß noch genau wie es bei dir war, dein Papa musste dich halten und ich habe geheult, als unsere Hebamme dich in den Fuß gestochen hat. Es tat mir so leid, gerade auf der Welt und schon traktieren sie dich. Da kommt man aus der geschützten Umgebung, in der man die letzten Monate verbracht hat und auf einmal ist es zu kalt oder zu warm, zu hell, man hat auf einmal Hunger und Bauchweh, alles fühlt sich komisch an, der eigene Körper ist plötzlich viel zu schwer, man kann sich nicht bewegen und weiß auch nicht wofür das alles gut ist, was so an einem dran hängt, und dann sticht einen auch noch jemand in den Fuß. Aber es führt ja kein Weg dran vorbei.

Und so bin ich gestern zu deinem Arzt gefahren. Denn es ist ein guter Arzt und wir möchte eigentlich keinen anderen für deine Schwester. Bis ich vor der Tür stand war noch alles in Ordnung. Und dann war ich drin. Und dann war auf einmal nichts mehr in Ordnung. Erinnerungen sind unkontrolliert auf mich eingeprasselt, weinende Babys in meinen Ohren und die Bilder – oh all die Bilder als die Welt noch in Ordnung war. Du hast dich immer so toll entwickelt. Alle waren immer so zufrieden mit dir. Alles war okay, nichts war auffällig, dabei warst du schon so krank. Ich konnte dich wieder in meinen Armen sehen, nur mit Windel an und in meine Strickjacke gewickelt, weil wir noch ein bisschen warten mussten und du natürlich Hunger bekommen hast, nachdem wir dich ausgezogen hatten. Ich konnte dich im Wartezimmer sehen, auf meinem Schoß sitzend und auf dem von deinem Schmetterlingspapa. Ich konnte uns am Empfang sehen, wie wir auf Unterschriften gewartet haben, auf einen neuen Termin. Ich konnte uns in 100 Situationen sehen. Nur war ich jetzt allein. Hatte keinen Kindersitz dabei. Hatte dich nicht dabei. Nur meinen Zettel für die Unterschrift. Ich habe nicht geweint, aber es war wirklich schwierig es nicht zu tun. Die Sprechstundenhilfen waren freundlich wie immer, wussten ja nicht mit welchem Paket ich komme. Wünschten mir alles Gute. Es wird nicht einfach, mein Schmetterling. Wir werden sehen, ob wir es aushalten können, weiterhin dort hinzugehen, ob die Erinnerungen kontrollierbarer werden und weniger schmerzhaft. Und wenn nicht, dann eben nicht. Dann wechseln wir doch. Man muss nichts tun, was man nicht aushalten kann.

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