Angst und Mut

Mein kleiner Schmetterling, ich habe vor ein paar Tagen einen Artikel von einem anderen Papa gelesen, der sein Kind verloren hat. Er hat mich sehr berührt und in Worte gefasst, was ich selbst schon lange denke. http://www.nytimes.com/2016/10/23/opinion/sunday/children-dont-always-live.html?smprod=nytcore-iphone&smid=nytcore-iphone-share&_r=2

Sein Kind ist, anders als du, bei einem Unfall gestorben. Auch er hat wieder ein Kind bekommen. Und er schreibt darüber, wie es ist, wieder ein Kind zu bekommen. Über die Angst, dass es noch einmal passieren könnte. Darüber, ob es mutig oder dumm ist, es noch einmal zu versuchen.

Für dich, uns und auch deine Schwester ist es noch einmal ein bisschen anders, ein bisschen schwieriger sogar. Denn niemand kann uns sagen, warum du Krebs bekommen hast. So weit wir wissen, habe ich nichts falsch gemacht in deiner Schwangerschaft. Ich habe so sehr aufgepasst. Du warst immer gut entwickelt, du warst kräftig und groß und gesund, als du auf die Welt kamst. Du warst gesund, bis zu jenem Tag an dem wir erfahren haben, dass du eben nicht gesund bist. Dass ein Monster in deinem Kopf wohnt. Es gibt Risikofaktoren, die das Auftreten von deinem Krebs begünstigten. Es gibt Genmutationen, die erblich sind. Aber sie haben nachgeschaut und du hast diese Mutationen nicht in dir getragen. Dein Erbgut war gesund. Trotzdem ist es passiert. Und die Frage bleibt: warum? „Ein Kind mit Krebs zu haben ist Pech.“ Das hat ein Arzt gesagt. Nicht zu uns, sondern zu jemand anderem. Das klingt unempathisch, fies und kalt, aber so ist es nicht gemeint. Es bedeutet: es gibt Dinge im Leben die haben keinen Grund, den man beheben kann, den man vermeiden kann. Es gibt Dinge, die passieren einfach. Und trotz aller „Gewissheit“, die sich oft trotzdem zweifelhaft anfühlt, dass wir es nicht vererben können, dass deine Schwester das gleiche Risiko für deinen Krebs hat wie jedes andere neue Kind auf dieser Welt, bleibt ein Gefühl: Angst. Unsicherheit und Zweifel kommen mit dazu. Was ist, wenn…?

Wir verlassen uns in unserem Leben auf Erfahrungen. Wir gehen davon aus, dass die Sonne an jedem neuen Morgen aufgeht und an jedem Abend untergeht, weil das schon immer so war. An 100% der Tage, die wir erleben, ist es passiert. Wir gehen davon aus, dass Wasser uns nass macht, weil wir es erlebt haben. Weil wir in 100% der Fälle, wo wir ins Wasser gesprungen sind, nass geworden sind. In einem Fall wie dem unseren macht es die Dinge schwierig. Wie der Papa aus dem Artikel schreibt, sind auch bei uns 100% aller unserer lebenden Kinder an Krebs gestorben. 100% wurden mit 4 Monaten mit einem Hirntumor diagnostiziert. 100% sind mit 5 Monaten gestorben. Und wir sind so darauf geprägt, unseren Erfahrungen zu vertrauen, dass ein Teil von mir bis ich den Gegenbeweis bekomme immer in meinem Hinterkopf glauben wird, dass deine Schwester mit 4 Monaten krank werden wird. Ein Teil von mir wird wird darauf warten. Ein Teil von mir wird immer unruhiger werden, bis es so weit ist. Bis deine Schwester einen Tag länger gesund sein wird als du. Bis deine Schwester einen Tag länger leben wird als du, mein wunderbarer kleiner Schmetterling. Und dann einen Monat länger. Und ein Jahr länger. Und irgendwann wird dieser Teil in meinem Kopf, diese wispernde Stimme, hoffentlich Ruhe geben. Und die Angst wird kleiner werden, die Angst um deine Schwester, aber auch die Angst um deine Geschwister die irgendwann noch kommen werden. Denn dann sind es ’nur noch‘ 50% unserer lebend auf die Welt gekommenen Kinder, die Krebs bekommen haben und wieder gestorben sind. Und vielleicht irgendwann nur noch 33%. Die Stimme wird leiser werden.

Es erfordert Mut, wieder ein Kind zu bekommen, wenn man weiß, dass alle Kinder, die man je geboren hat, an Krebs gestorben sind. Und vielleicht ist es dumm. Schaut man sich die Zahlen an ist es dumm. Aber Zahlen sind eine Sache. Menschen sind in der Lage, etwas wundervolles zu empfinden. Hoffnung. Und so bin ich ‚guter Hoffnung‘, wie man früher auch sagte, wenn eine Frau ein Kind erwartete. Wir sind guter Hoffnung. Anders könnten wir nicht leben. Wir müssen es abwarten. Abwarten und hoffen. Und den Atem anhalten, bis deine Schwester 5 Monate und 28 Tage alt wird. Und bis wir wissen, dass 100% nicht heißt, dass es immer wieder passieren wird.

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4 Gedanken zu “Angst und Mut

    1. Ich denke wir werden am Anfang echt öfter beim Arzt sein als üblich, wir haben beispielsweise schon mit unserer Kinderonkologin gesprochen dass wir ein paar Tage nach der Geburt mal das Köpfchen schallen um zu schaun. Das sind dann die Dinge, die man trotzdem noch tun kann, um die Angst etwas zu lindern. Aber ganz verschwindet sie wie du sagst bestimmt nur mit der Zeit.

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      1. Das ist toll von euren Ärzten!
        Ich denke auch, dass das schon viel helfen wird.
        Und der Rest wird kommen.
        Es schleicht sich irgendwann der „normale“ Alltag ein, die „normalen“ Ängste, die die grosse Angst immer weiter in den Hintergrund rücken lassen, bis sie irgendwann nur noch ganz winzig sein wird.
        An ihrem 1. Geburtstag zum Beispiel ist sie bestimmt schon ein ganzes Stück kleiner, die Angst.

        Steht ihr mit Mikas Ärzten noch in Kontakt?

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      2. Ja wir hatten erst kürzlich nochmal Kontakt, weil wir diesen Kram wegen der Genetik nochmal klären mussten, da ja ein neues Gen als Auslöser im Raum stand. Die Oberärztin ist richtig nett und steht uns bei Fragen immer zur Verfügung. Sie haben uns auch gesagt, dass wir immer zu Gesprächen vorbeikommen können, wenn wir nochmal etwas klären möchten, etwas nicht verstanden haben und so weiter. Die machen das in Minden richtig toll. Der Chefarzt selber hat beim Sternenkindergottesdienst gesungen, die machen sich echt viel Mühe und sind sehr menschlich auf der Kinderonkologie in Minden. Das ist sehr viel wert.

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