Zwei Arten

Ich habe jetzt viel Erfahrung gesammelt mit den Reaktionen von Menschen auf Themen wie deines, mein Schmetterling, und ich habe festgestellt, dass es eigentlich zwei Arten von Menschen gibt, beziehungsweise zwei Arten, mit dem Thema umzugehen. Vielleicht werden meine Gedanken heute ein bisschen philosophisch, man mag es mir verzeihen.

Es gibt die Menschen, die Dinge sehen und wissen möchten, und es gibt die Menschen, die das nicht möchten. Ich urteile nicht darüber, denn jeder muss tun, was für sie oder ihn am besten ist, womit man sich am besten fühlt, womit man am besten Leben kann. Trotzdem finde ich es sehr interessant. Aufgefallen ist es mir vor allem in den Reaktionen auf dein Buch, mein Schmetterling. Die Menschen, die es gelesen haben, melden mir oft zurück, dass es sehr traurig ist, dass sie es aber trotzdem geliebt haben, es zu lesen. Aber es hat sie sehr beschäftigt, hat sie auch traurig gemacht manchmal, hat dazu geführt, dass sie mit anderen Menschen sprechen wollten. Darüber, was sie bewegt, wie sie sich damit fühlen, darüber, dass die Welt manchmal einfach nicht fair ist. Das funktioniert gut – aber nur wenn man jemand anderen findet, der auch ‚wissen‘ will. Einige andere Menschen verstehen die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht. Sie sagen: warum tust du dir das an, wenn es dich traurig macht? Diese Menschen sind glücklicher, nicht zu ‚wissen‘. Und das ist in Ordnung. Ich weiß nicht, welche Art Mensch ich vorher war. Das nicht-wissen kann tröstlich sein, das nicht-sehen. Manchmal denke ich es ist fast wie ein Aberglaube: Wenn ich mich nicht damit beschäftige, kann es mir nicht passieren. Wenn ich mich nicht damit belaste, wird es meiner Lebenswelt fern bleiben. Ich kann das gut verstehen. Als du im Krankenhaus warst, mein Schmetterling, wollte ich nicht davon hören, dass Kinder an Krebs gestorben sind. Ich wollte es nicht hören, weil ich Angst hatte, wenn ich davon höre, dann wird es sich auf dich auswirken. Auf deine Geschichte. Auf den Ausgang des Kampfes. Natürlich passiert so etwas nicht. Aber manchmal fühlen wir uns besser, wenn unsere Welt heil bleibt, wenn wir uns abschirmen von dem Wissen, dass da draußen schlimme Dinge geschehen. Das ist okay. Aber der andere Weg ist auch okay. Und besonders für uns verwaiste Eltern ist das der wichtige Weg. Der überlebenswichtige Weg. Wir brauchen Menschen, die es zulassen, dass diese Themen Platz finden in ihrem Leben. Dass ihre Lebensrealität davon betroffen wird. Dass sie unserem Kummer in ihrem Leben einen Ort geben und dass sie mit uns traurig sind. Es gibt wenige Dinge in diesen Tagen die mich mehr freuen als jemand, der mir schreibt und sagt: ich habe von euch gelesen und ich denke an euch. Oder der sagt: ich habe das Gefühl, ich hätte Mika kennengelernt. Menschen dir mir mitteilen, dass sie dich lieb gewonnen haben, mein Schmetterling, die zugelassen haben, dass meine Worte in ihre Herzen gehen und sie dort berühren. Danke dafür ❤ An jeden einzelnen und jede einzelne von euch. Aber am wichtigsten ist, dass wir lernen, nicht über die Wege der anderen zu urteilen, jedem seinen Weg zuzugestehen. Am wichtigsten ist Verständnis. Am wichtigsten ist Akzeptanz. Am wichtigsten ist Liebe.

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5 Gedanken zu “Zwei Arten

    1. Danke liebe Isabelle. Man kann die Gefühle ein Kind zu verlieren nicht wirklich in Worte fassen, aber ich glaube es ist wirklich das Schlimmste, was einem passieren kann. Aber trotz allem weiß ich, dass Mika immer da ist. Und so kann man irgendwie weitermachen. Unsere Kinder geben uns die Kraft dazu.

      Liebe Grüße,

      Ricarda

      Gefällt 1 Person

      1. Es gibt einen schönen Spruch, der mir in der Zeit von Mikas Erkrankung immer wieder begegnet ist: man weiß erst, wie stark man ist, wenn man keine andere Möglichkeit hat, als stark zu sein. Wir sind viel stärker, als wir glauben, und wir schaffen viel mehr, als wir denken. Du wirst hoffentlich (und das meine ich aus ganzem Herzen) nie in eine Situation kommen, wo du es herausfindest, aber sollte es so sein wirst du merken, dass du viel viel mehr schaffst, als du glaubst. ❤

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