Von der Wiege bis zur Bahre…

…Formulare, Formulare. So sagt man, mein Schmetterling. Und es stimmt. Normalerweise macht man sich kaum Gedanken darüber, was man ausfüllt und vor allem: was drinsteht. Die Formulare werden für den prototypischen Menschen gemacht, der in den Köpfen der Behörden existiert. Aber jemand, der nicht mehr in den ’normalen‘ Lebensablauf passt, weil ihm etwas passiert ist, was eben nicht üblich ist, der kämpft mit den Formularen.

Die wichtigste Frage, die ganz oft vorkommt: Haben Sie Kinder? Und wenn ja, wie viele? Tja. Wie viele Kinder habe ich. Es fällt mir noch recht leicht dein Sternengeschwisterchen nicht aufzuführen, denn wir hatten nie die Freude, einen Herzschlag sehen zu dürfen. Per Definition hat es nie ‚gelebt‘, auch wenn es selbstverständlich freudig erwartet wurde. Das ist allerdings nur die erste Hürde. Frühe Aborte zählen für die Behörden nicht. Aber was ist mit dir, mein Schmetterling? Du hast gelebt. Du wurdest geboren. Du warst wirklich und wahrhaftig da. Ich habe dich atmen, lachen und weinen gehört, ich habe deine Wärme gespürt und ich kenne deinen Herzschlag. Auf dem Papier ist das noch recht einfach zu lösen. Ich kreuze ja an. Und schreibe dazu, dass du nicht mehr hier bist. Dann können sie daraus machen, was sie wollen. Aber nun kommt die nächste Eskalationsstufe hinzu. Online-Formulare. Mit festgelegten Formaten, wo man nichts hinzuschreiben kann. Haben Sie Kinder? Ja oder nein. Wie viele? Hier kann man nur eine Zahl ankreuzen. Und was mache ich jetzt? Ich weiß, dass die Frage auf lebende Kinder abzielt – wahrscheinlich. Aber ich will und kann nicht Nein ankreuzen. Ja. Ich habe Kinder. Ich habe zwei. Ein drittes ist in meinem Bauch. Ich habe ein Minikind, was nie auf die Welt kommen durfte, einen Schmetterling, der viel zu früh wieder fliegen musste, und ich habe ein Regenbogenkind, was seinen Weg auf diese Welt noch nicht ganz abgeschlossen hat. Und ebenso, wie es in Formularen hoffentlich irgendwann üblich sein wird, unter Geschlecht etwas anderes als männlich und weiblich anzukreuzen, sollte es auch Felder geben, wo wir unsere verstorbenen Kinder angeben können. Für die Bürokratie mag das nicht wichtig sein, weil es nicht ‚zählt‘. Aber für uns ist es wichtig. Ich werde niemals in einem Formular angeben, dass ich keine Kinder habe. Denn ich habe Kinder. Sie sind nicht an meiner Hand. Aber sie sind trotzdem meine Kinder.

Manche Abläufe führen sich selbst ad absurdum. Ein weiteres kleines Beispiel aus der Welt der Bürokratie bezieht sich auf ein Promotionsstipendium, was ich erhalte. Bekommt man ein Kind, so wird die Dauer um ein Jahr verlängert. Eigentlich. Man ist ja ausgefallen für Mutterschutz, Geburt, für die Kinderbetreuung. Nun bist du nach nichtmal 6 Monaten wieder davongeflogen, mein Schmetterling. Vorher war ich mit dir einen Monat lang im Krankenhaus. Danach war ich eine kurze Zeit zu traurig um zu arbeiten. Und auch nach meiner Rückkehr war ich eine Weile nicht so leistungsfähig wie vorher. Das ist normal, wenn ein Kind stirbt. Entsprechend ist ein zusätzliches Jahr sehr wichtig. Mindestens genauso wichtig, wie wenn alles nicht passiert wäre. Allerdings waren die Behörden der Ansicht, dass wenn ein Kind nur 6 Monate gelebt hat man auch nur 6 Monate länger bekommt. Eine der Begründungen war unter anderem, dass ich so schnell wieder angefangen habe zu arbeiten. Ich kämpfe mich aus dem Loch, welches dein Verlust hinterlassen hat, mein Schmetterling, bin stark so gut ich kann, und das ist die Konsequenz. Meine Arbeitsstelle ist zum Glück toll und sie haben dafür gesorgt, dass ich das ganze Jahr bekomme. Aber der Schlag ins Gesicht hat gesessen. Ich habe vor Wut und Fassungslosigkeit in meinem Büro geweint, als ich die Nachricht und auch die Begründung bekam.

Ein bisschen mehr Empathie wäre schön. Ein bisschen mehr Mitgefühl. Ein bisschen mehr Flexibilität und ein bisschen mehr Nachdenken. Unser Leben bringt genug Hürden mit sich, wenn wir unsere Kinder verloren haben. Formulare sollten nicht eine davon sein.

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3 Gedanken zu “Von der Wiege bis zur Bahre…

  1. Schämen sich diese Leute, die solche Sachen beschließen und entsprechend argumentieren (die 6 Monate..) eigentlich nicht? Wo sind wir denn gelandet?

    Und genau diese Frage mit der Anzahl der Kinder habe ich mir komischerweise neulich auch gestellt.
    Und meine Antwort wäre ebenso JA.
    Für immer JA.

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    1. Ich hätte den Entscheider bzw. die Entscheiderin gern selbst dazu gefragt, aber man hat mir den Namen nicht mitgeteilt. Ich vermute da wird eben einfach in ein Buch geschaut wie die rechtliche Grundlage ist und darauf basierend wird entschieden, ohne den Einzelfall wirklich zu betrachten. Zum Glück gibt es ja noch sogenannte ‚Härtefallentscheidungen‘ wo dann Sachen auch mal anders gemacht werden können. Ich weiß nicht ob man als Sachbearbeiter irgendwann anfängt sich abzugrenzen, weil es einem dann besser geht, aber ich finde das geht doch ein bisschen zu weit.
      Und was die Antwort auf die Frage im Formular angeht: wenn es sich so dermaßen falsch anfühlt, nein anzukreuzen, dann muss JA die richtige Antwort sein. Egal was eigentlich bei der Frage von Seiten der Behörden vorgesehen ist.

      Gefällt 1 Person

      1. Das ist so traurig… ich würde es verstehen, würde alles automatisch durch PCs abgewickelt werden… aber da sitzt ein Mensch, der die Daten einpflegt und schlussendlich den Bescheid erstellt.
        Ist das so? Stumpft man wirklich so ab? 😔 Das fände ich so traurig. Wo kommen wir da hin?
        Gut, dass schlussendlich doch alles geklappt hat… aber sehr schade, dass es in so einer Situation nicht auch einfach mal „einfach“ geht.

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