Schmetterlingspapas

Mein Schmetterling, erst heute habe ich wieder einen Artikel gesehen zur Trauer der Väter. Männer und Frauen trauern ganz verschieden,  das ist zumindest ganz oft der Fall. Männer reden meist viel weniger, versuchen oft „stark“ zu sein, auch für ihre Frauen. Dein Schmetterlingspapa hat nachdem du starbst etwas gesagt, was mir immernoch die Tränen in die Augen treibt, wenn ich daran denke. Ich habe so sehr geweint, nachdem ich deinen letzten Herzschlag gehört hatte, habe meinen Schmerz in die Welt geschrien, weil er zu groß war, um ihn verschlossen zu halten. Wie eine Explosion bahnte er sich seinen Weg. Und dein Schmetterlingspapa bürdete sich meinen Schmerz auf, zusätzlich zu seinem eigenen, der schon für sich allein so schrecklich schwer zu tragen war. Und er sagte zu mir: „Ich kann es nicht ertragen, dich so verzweifelt zu sehen. Ich muss dich doch beschützen.“ Seine Stimme war ganz erstickt von all den zurückgehaltenen Gefühlen. Aber niemand auf der Welt hat die Kraft oder die Pflicht, jemand anderen vor so etwas zu schützen. Mein Schmetterling, niemand auf der Welt kann oder muss diese Bürde tragen. Dein Papa nicht und kein anderer Schmetterlingspapa. Manchmal sehe ich den Schmerz deines Schmetterlingspapas. Oft zeigt er ihn nicht, schiebt ihn weg, versteckt und vergräbt ihn. Aber er bahnt sich immer mal seinen Weg, eine Naturgewalt kann man nicht unbegrenzt aufhalten. Manchmal ist es ein Bild, dass er sieht, manchmal ein Gedanke, und der Schmerz rollt über ihn hinweg. Und es tut mir weh, genauso wie es ihm wehtut, meinen Schmerz zu sehen. Ich möchte ihn nicht beschützen, denn ich weiß, dass ich das nicht kann. Ich unterliege einem anderen Irrtum. Ich möchte ihn heilen. Ich möchte sein gebrochenes Herz in meine beiden Hände nehmen, die Scherben aufsammeln, ganz sanft, und ich möchte es heilen. Ich möchte, dass es nicht mehr weht tut. Aber auch das ist Unsinn. Er trauert um dich, mein Schmetterling. Wie könnte ich diese Trauer jemals heilen? Niemand kann das. Und so sind wir verschieden und doch irgendwie gleich.

Vor Kurzem las ich etwas, das mir sehr geholfen hat, zu verstehen. In einem kurzen Beitrag von Pascal Voggenhuber, den ich (nicht weil er vorgibt, ein Medium zu sein, was ich nicht beurteilen kann) wegen seiner angenehmen, alltäglichen Psychologie sehr schätze. Ich habe viele Bücher gewälzt zu Formen der Trauer, zu instrumenteller und intuitiver Trauer, zu Trauer von Männern und Frauen. Zu den Phasen der Trauer. Ich habe sie zerlegt, sie seziert, analysiert, ihre Teile in Schubladen eingeordnet, mit Schildern versehen. Aber eine Sache hat mir am meisten weitergeholfen, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu verstehen. Vielleicht ist es auch nur ein Klischee. Da stand: Männer wollen Lösungen anbieten. Wenn ich zu deinem Schmetterlingspapa sage, dass ich mich über jemanden geärgert habe, schlägt er mir Ideen vor, wie ich die Situation verbessern kann. Aber die will ich ja gar nicht. Ich will mich nur ärgern. Ähnlich ist es mit der Trauer. Wenn wir Schmetterlingsmamas von unserer Trauer erzählen, so bekommen wir oft wenig Antworten von den Schmetterlingspapas. Wir fühlen uns allein damit. Auch sprechen die Schmetterlingspapas nur sehr selten von sich aus davon. Aber warum ist das nur so? Sind sie etwa nicht so traurig? Der Beitrag sagt etwas anderes. Er sagt, dass die Papas uns gern Lösungen anbieten möchten, sie wollen uns etwas sagen, was hilft. Sie wollen uns eine Idee präsentieren, die die Situation besser macht. Das Problem ist nur: es gibt keine. Nicht eine einzige gute Idee oder Lösung kann helfen. Unsere Kinder sind tot. Da gibt es nichts mehr zu tun. Und deshalb sagen sie nichts. Natürlich ist das nicht bei allen Menschen so, manche Männer verstehen durchaus, dass wir in dem Moment nur unsere Trauer loswerden möchten. Aber auch in Gesprächen mit anderen Schmetterlingsmamas habe ich erfahren, dass es oft so ist wie dort beschrieben. Die Schmetterlingspapas trauern genauso sehr, und unsere Gefühle sind ihnen nicht egal – ganz im Gegenteil. Ihr Schmerz ist genauso intensiv wie unserer. Aber sie können uns keine Lösung zeigen. Deshalb schweigen sie oft.

Wir Schmetterlingseltern müssen lernen, die Unterschiede zu verstehen und zu akzeptieren. Wir gehen in dieselbe Richtung. Aber von Zeit zu Zeit, ist es nicht der gleiche Weg, auf dem wir gehen, manchmal sind es zwei Wege, die parallel zueinander verlaufen. Dann wieder führen sie zusammen und wir laufen ein Stück gemeinsam, Hand in Hand. Aber auch, wenn die Wege gerade parallel sind, wir können uns sehen. Wir können uns etwas zurufen. Und wir sind trotzdem nicht allein.

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