Heute fing es an…

…das Sterben. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich weiß nicht, wie ich atmen soll und einfach einen normalen Tag haben, wo es doch so viele Dinge gibt, an die ich denke. Aber eines weiß ich noch ganz genau, mein Schmetterling. Unser letzter Tag war schön. Er war sonnig und warm und dir ging es gut, so gut wie es jemandem eben gehen kann, der so krank ist.

Das sind die letzten Bilder, die wir von dir haben. Sie sind vom Nachmittag. Wir waren spazieren, dir ging es gut genug, dass wir dich ohne alle Geräte und Schläuche mitnehmen durften. Und wir durften dich waschen und eincremen. Dein Papa wäscht dich gerade. Es war so warm, deshalb durftest du nackig da liegen. Ich sehe deinen Blick, deine aufmerksamen wachen Augen, und ich kann es nicht glauben. Zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch ungefähr 5 Stunden, bis das Schlimmste begann. Bis der Anfang vom Ende kam. Ich hätte es niemals für möglich gehalten und es tut so weh. Aber auch wenn es mich furchtbar und unendlich traurig macht, dass das die letzten Bilder von dir sind, so tröstet mich eines sehr: Du siehst nicht leidend aus. Du siehst nicht aus wie jemand, der ein paar Stunden später sterben wird. Du siehst aus wie ein etwas müdes kleines Baby. Denkt man sich die Schläuche weg, die Pflaster und die Wunden, könnte es ein ganz normales Bild sein. Ja, du musstest etwas mehr brechen an diesem Tag. Aber solche Tage gab es zwischendurch immer mal wieder. Du hattest immernoch Kraft in dir, du warst nicht gebrochen. Dein Geist war wach und klar. Ich habe dich sogar lächeln sehen dürfen. Dein Schmetterlingspapa hat es leider nicht mehr gesehen, denn er saß gerade am Tisch, aber du hast gelächelt.

Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Es schmerzt unglaublich, dass du nicht mehr da bist. Das Atmen tut weh. Das Leben tut weh. Aber wir sind noch da. Und du hast so oft gezeigt, dass du willst, dass wir glücklich sind. So lade ich meinen Schmerz in meine Worte und lasse sie heraus, schicke sie in die Welt, und lasse ihn ein bisschen los. Ich lade sie auf und schicke sie fort. Und es ist nur ein Tag. Einen Tag nach dem anderen, hat jemand zu mir gesagt. Einen Atemzug nach dem anderen. Es ist nur ein Tag. Ich habe Angst vor der Nacht, denn du bist in der Nacht gegangen. Immer ein Stückchen mehr, bis du deinen Weg am nächsten Morgen geschafft hattest. Ich hoffe die Nacht wird mir Träume schenken, die gnädig sind. Träume von dir. Ich hoffe ich werde schlafen, denn im Schlaf kann ich bei dir sein. Wir werden nie aufhören an dich zu denken, dein Schmetterlingspapa und ich. Und wir werden nie aufhören, traurig um dich zu sein. Aber wir gehen einen Schritt nach dem anderen, atmen einen Atemzug nach dem anderen und so werden wir einen Tag nach dem anderen überstehen, bis wir wieder zusammen sind.

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4 Gedanken zu “Heute fing es an…

  1. […] Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude.
    Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.
    Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.
    Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.
    Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. „Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“
    Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“
    Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“
    Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“
    Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“ […]
    (Michael Ende aus „Momo“)

    Denke immer nur an den nächsten Besenstrich…
    Ich denke an euch ❤

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