Lebendige Erinnerungen

Bald ist es ein Jahr her, mein Schmetterling. Letztes Jahr zu dieser Zeit wussten wir schon, dass du Krebs hast und ich glaube wir wussten auch schon, dass es ein schlimmer, ein aggressiver, ein furchtbar gefährlicher Krebs war. Einer der schlimmsten. Wir wussten, dass es nicht gut steht um dich. Aber wir wussten auch, dass du ein Kämpfer bist, dass du unglaublich stark bist. Selbst die Ärzte haben gesagt: wenn es ein Kind schaffen kann, trotz schlechtester Chancen, dann du. Sie waren beeindruckt von dir und deiner Kraft. Und auch wir waren beeindruckt von dir und deinem Kampfgeist. Und auch wenn es anders kam, der Krebs zu stark war, dein Schicksal von Anfang an ein anderes war, dann kann ich doch nicht sagen, dass du verloren hast. Jemand der so stark ist, kann nicht verlieren. Du bist einfach einen anderen Weg gegangen. Aber verloren hast du nie.

Ich hatte so viel Angst davor, Dinge zu vergessen. So schreckliche Angst. Dein Gesicht zu vergessen, wie du riechst, die kleinen Geräusche, die du immer gemacht hast. Deine kleinen Hände zu vergessen, ihre zarte Berührung. Deine sanfte Art und Weise, deine Ausgeglichenheit. Dein Gewicht in meinem Arm, das Gefühl deiner Haare wenn ich deinen Kopf gestreichelt habe. Nichts davon ist passiert. Erinnerungen sind seltsam, denn sie sind unbeständig. Mir ist nicht zu jedem Zeitpunkt alles präsent. Die Dinge, dir mir in den Sinn kommen, variieren. Manchmal versuche ich, eine bestimmte Sache in meinen Kopf zu rufen, aber sie kommt nicht – sie bringt etwas ganz anderes zum Vorschein. Aber eins haben alle diese Erinnerungen gemeinsam: sie sind intensiv. Sie sind lebendig. Manchmal sind es nur Fragmente, das Gefühl wie ich dich hochhebe in deiner blauen Latzhose. Das Gefühl von deinem kleinen Bauch an meinen Lippen, wenn ich dich geküsst und gekitzelt habe. Den Geruch deiner Haare. Es sind nicht immer zusammenhängende Bilder. Manchmal fehlen Aspekte, andere sind dafür umso intensiver. Aber ich habe nichts vergessen. Am intensivsten sind die Erinnerungen, die mit starken Gefühlen verbunden waren. Ich weiß noch immer wie deine Haut sich angefühl hat, als du gerade geboren warst, ganz nass warst du und weich. Und auch wenn manchmal mein Gehirn Dinge nicht mehr sofort weiß, weil es zu viel denken muss, ich erinnere mich nicht nur mit dem Kopf. Meine Finger kennen deine Haut. Meine Nase kennt deinen Geruch. Meine Arme kennen dein Gewicht. Meine Ohren kennen deine Stimme. Und meine Augen kennen dein Gesicht, kennen deine Augen. Ich habe nichts vergessen. Die Erinnerungen haben sich verändert, aber es ist nichts verloren gegangen. In bestimmten Stimmungen kommen neue Erinnerungen hoch, die ich schon lang nicht mehr gesehen habe. Wie ein Fotoalbum, das eine zufällige Seite aufschlägt, so ist es auch damit. Und wenn du mich im Traum besuchst kann ich all die Erinnerungen immer wieder auffrischen, neue sammeln. Ich habe keine Angst mehr. Denn ich weiß: ich werde nichts vergessen.

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