Wut

Mein kleiner Schmetterling, ich habe viel über Trauer geschrieben und darüber, wie sehr ich dich vermisse. Eine ganze zeitlang war das auch das Einzige, was ich gefühlt habe. Trauer und Fassungslosigkeit. Aber je länger du weg bist, desto mehr erhebt sich ein anderes Gefühl aus den tiefen Kerben, die dein Verlust in meine Seele geschlagen hat. Das Gefühl ist Wut.

Eigentlich kommt die Wut oft vor der Trauer, dann, wenn man nicht akzeptieren kann und will, was passiert ist. Aber jeder Weg durch die Trauer ist individuell, und so sind auch die Gefühle, die man hat. Bei mir kommt die Wut jetzt. Langsam aber sicher hat sie sich ihren Weg gebahnt. Jetzt ist sie da. Und sie brennt hell.

Wut darüber, dass das passieren musste. Wut darüber, dass es dich getroffen hat, von allen Kindern. Ich weiß, dass das Unsinn ist, mein Schmetterling, denn ich würde auch nicht wollen, dass es jemand anderen trifft. Ich möchte, dass es niemanden trifft. Aber die Wut ist trotzdem da. Wut darüber, was du alles ertragen musstest. Wut über die eigene Hilflosigkeit, über die Ungerechtigkeit des Ganzen. Wut darüber, was uns genommen wurde, gewaltvoll entrissen. Aber vor allem ist es Wut und Hass auf den Krebs. Darauf, dass er vor Niemandem Halt macht. Er ist gleichgültig gegenüber allem. Es interessiert ihn nicht, wen er nimmt und wann. Er nimmt und nimmt und nimmt. Seitdem du weg bist habe ich so viele Kinder an Krebs sterben sehen und ich weine viele viele bittere Tränen. Es ist eine furchtbare Wut in Anbetracht der Zerstörung, die er bringt. Der Leben, die er vernichtet. Und der Tatsache, dass all die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, so schwach sind gegenüber diesem Gegner. Er zerstört Körper, bricht den Geist, zerstört Leben. Er quält sinnlos. Er ist bösartig und krank. Ich hasse ihn. Er befällt Babys, Kinder, Erwachsene. Selbst im Mutterleib ist man nicht sicher vor ihm. Er nimmt und nimmt und scheint unersättlich.

Es tut mir leid, mein Schmetterling, dass wir dir nicht helfen konnten. Ich wünschte wir wären stärker gewesen, die Medizin wäre stärker gewesen. So bleibt nur die Wut. Aber wie alles auf meinem Weg wird auch die Wut nur eine Station sein. Irgendwann breche ich auf und gehe weiter und lasse sie hinter mir zurück. Wandle sie um, nutze ihre Energie um weiterzukommen. Und vielleicht wird Krebs irgendwann nur noch ein Sternzeichen sein. Für dich ist es zu spät, mein Schmetterling, aber für viele andere Babys, Kinder und Erwachsene wird es noch früh genug sein.

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4 Gedanken zu “Wut

  1. Hallo Schmetterlingsmika. Meinst du wir könnten auch privat miteinander schreiben. Ich habe meinen Sohn auch vor kurzem an Krebs verloren. Ich möchte es aber nicht über den Blog machen. Ich habe dir schon mal über den Blog geschrieben. Geht es? Ich würde mich gerne austauschen.

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    1. Liebe V,
      es tut mir furchtbar leid das zu hören. :,( Natürlich geht das. Hast du Facebook? Ich habe da eine Seite, die auch Schmetterling Mika heißt. Darüber kannst du Kontakt mit mir aufnehmen wenn du magst. Wenn du kein Facebook hast melde dich einfach noch mal, dann finden wir eine andere Lösung. Fühl dich umarmt. Alles Liebe für dich und ganz viel Kraft.

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