Psychotherapie nach dem Tod eines Kindes

Der Verlust des eigenen Kindes ist eines der schlimmsten Traumata, vielleicht das schlimmste Trauma, das man erleben kann. Es ist ganz normal und keine Schande, wenn man das nicht allein bewältigen kann. Man begräbt mit dem eigenen Kind Hoffnungen, Träume, ein ganzes Leben. Oft begräbt man auch ein großes Maß an Vertrauen in das Leben, einen großen Teil der eigenen Lebensfreude. Und oft kommt man irgendwann an dem Punkt an, an dem man merkt: es geht nicht mehr. Spätestens dann ist es an der Zeit, sich Hilfe zu suchen.

Ich habe Kontakt zu vielen vielen Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und ihr Umgang damit ist so vielfältig wie die Schicksale. Die Verarbeitung ist unterschiedlich ausgeprägt, die Menschen sind unterschiedlich weit auf ihrem Weg mit dem Verlust zu leben. Viele von ihnen haben aber eines gemeinsam: sie kommen nicht mehr weiter. Es gibt unterschiedliche Anzeichen dafür, dass man Hilfe in der Trauer braucht, und auch diese sind sehr individuell. Ein paar Anhaltspunkte möchte ich aber geben. Wichtig ist: ich bewerte nichts davon. Wenn man etwas so schlimmes erlebt hat, dann ist es normal, wenn man nicht „funktioniert“. Aber das muss nicht so bleiben.

Über die Suche nach Hilfe sollte man bei Auftreten von einer oder mehr der folgenden Situationen nachdenken:

  • Die Ehe oder Partnerschaft droht an der Trauer zu zerbrechen. Oft ist dies der Fall, wenn die Menschen sehr unterschiedlich trauern. Manchmal muss man lernen, die Art und Weise des Anderen mit seiner Trauer umzugehen, zu akzeptieren. Hier kann auch eine Traumatherapie als Paar sinnvoll sein.
  • Man hat überhaupt keine Freude mehr im Leben. Egal was um einen herum passiert, man kann sich über nichts davon mehr freuen. Manchmal hat man auch kaum noch Hunger.
  • Man fühlt sich nur noch ausgelaugt und müde. Die kleinsten Erledigungen werden zu einem unglaublichen Hindernis. Aus dem Bett aufzustehen und den Tag zu beginnen ist eine echte Hürde.
  • Sämtliche Gedanken drehen sich nur noch um den Verlust, man hat überhaupt keine Kapazitäten mehr, um noch irgendetwas anderes wahrzunehmen.
  • Man hat Flashbacks, durchlebt also die schlimmen Momente immer und immer wieder sehr intensiv. Anfangs, also kurz nach dem Verlust, ist das normal. Hat es sich aber innerhalb eines halben Jahres nicht verbessert, sollte man es abklären lassen.
  • Alle Lebensbereiche leiden unter dem Verlust und dem eigenen Zustand: die Arbeit, Freundschaften, die Familie.
  • Man hat ganz subjektiv selber das Gefühl, dass man es allein nicht mehr schaffen kann.
  • Man hat Suizidgedanken, die immer wieder kommen. Man denkt vielleicht sogar konkret über die Umsetzung nach. Die Gedanken sind häufig und lassen nicht nach.
  • Man hat Angstzustände und zieht sich stark zurück. Man kann vielleicht das Haus allein nicht mehr verlassen oder traut sich bestimmte Dinge, die früher kein Problem waren, einfach nicht mehr zu.
  • Man ist nur noch wütend, gereizt, schlech gelaunt oder traurig. Positive Emotionen kommen nicht mehr oder nur noch sehr selten vor.

Diese Liste ist natürlich nicht erschöpfend, spiegelt aber das wieder, was ich bei mir selbst oder anderen beobachten konnte oder mir berichtet wurde. Aber was ist dann zu tun?

Man kann zunächst mit seinem Hausarzt darüber sprechen. Hausärzte haben oft Listen mit Therapeuten und Therapeutinnen in der Nähe oder können vielleicht sogar jemanden für den Zweck empfehlen. Ansonsten gibt es in jedem Bundesland eine entsprechende Psychotherapeutenkammer mit einer Internetseite. Über diese Seite findet man auch eine Auflistung von Psychotherapeut_innen in der Nähe. Idealerweise sollte sich die Person mit Trauma auskennen oder sich darauf spezialisiert haben. Ruft man dort an und schildert die Situation, wird man aber sicher eine Auskunft darüber bekommen, ob es passt oder ob man jemand anderen kontaktieren sollte.

Ganz wichtig: die Wartezeiten sind lang! Besonders in ländlichen Gebieten kann es gut und gerne ein halbes bis hin zu einem Jahr dauern, bis man einen Platz bekommt. Deshalb gilt: so früh wie möglich kümmern. Nicht erst warten, bis gar nichts mehr geht, denn manchmal muss man dann noch eine ganze Weile ausharren. Idealerweise lässt man sich gleich bei mehreren in Frage kommenden Therapeut_innen auf die Warteliste setzen.

Habe ich dann einen Platz, worauf sollte ich achten? Es ist in der Psychotherapie sehr wichtig, dass man sich dem Therapeuten oder der Therapeutin gegenüber öffnen kann. Man spricht über sehr intime Dinge, man wird wahrscheinlich weinen. Das kann man nicht, wenn einem das Gegenüber nicht sympathisch ist. Stimmt die Chemie nicht und hat man sich im Verlauf der ersten Kennenlernsitzungen nicht aneinander gewöhnt, dann wird es nichts. In dem Fall sollte man lieber zu jemand anderem wechseln, als viel Zeit zu investieren, in der man nicht voran kommt. Übrigens: nach dem heutigen Stand bekommt man eine gewisse Anzahl an Stunden von der Krankenkasse ohne vorherige Beantragung genehmigt. Das reicht in der Regel für die ersten Sitzungen, der Therapeut/ die Therapeutin wird dann darauf aufbauend eine Kurz- oder Langzeittherapie beantragen – je nach Ausprägung der Symptome und der Geschichte. Nach dem Verlust eines Kindes wird oft sofort eine Langzeittherapie beantragt und in der Regel wird dies auch genehmigt. Manchmal ist auch ein Klinikaufenthalt eine gute Idee, oder eine Rehamaßnahme. Ein Therapeut oder eine Therapeutin können auch da bei der Suche behilflich sein.

Habt keine Angst und keine Hemmungen, euch Hilfe zu suchen! Es gibt KEINEN größeren Schmerz, als unsere eigenen Kinder sterben zu sehen und ohne sie weitermachen zu müssen. Es ist absolut normal, danach jemanden zu brauchen, der einem hilft, die Erfahrung zu bewältigen und zu lernen, das Leben ohne das Kind wieder zu bewältigen. Denn: es geht nicht nur darum, zu ÜBERleben. Wir müssen lernen, wieder zu leben. Wir müssen unsere Freude wiederfinden, wir müssen wieder ein bisschen Sonne in unsere Herzen lassen können und es uns erlauben, auch wieder glücklich zu sein. Und manchmal brauchen wir eben jemanden, der uns hilft, die Wolken wegzupusten. Das ist keine Schande. Im Gegenteil. Es ist mutig. Es erfordert Kraft. Und es ist richtig.

Ihr wunderbaren, zerbrochenen Eltern.Ich sehe euch. Ich fühle euren Schmerz. Lasst jemanden helfen, die Scherben eurer Herzen aufzusammeln und so gut es geht wieder zusammenzusetzen. Es wird nie wieder wie vorher, aber ein zersplittertes Gefäß kann repariert werden. Und manchmal ist es danach umso schöner. Denn man kann die Geschichte sehen, die es hat.

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3 Gedanken zu “Psychotherapie nach dem Tod eines Kindes

  1. Nun ja, nachdem meine therapeutin nun ernsthaft sagte, dass ich doch nicht immer sagen könne, dass ich zwei kinder hätte, breche ich die therapie ab, irgendwie habe ich auch das gefühl, dass ich der Dame, obwohl sie so symphatisch ist, in unseren gesprächen eher immerwieder sagen musste, dass ihre bürgerlichen vorstellungen von muss und soll, einfach nur gemachte kritärien sind, die nicht für jede und vor allem für mich nicht gelten. Im grunde genommen hat sie gesellschaftliche gedankengange, die in der öffentlichkeit nicht an mich herangetragen werden formuliert und mir geholfen, meine antwort auszusprechen. Aber der satz war zu viel, leider hat sie ihn ausgesprochen.
    Ich will mich nun um mich und um die meinen kümmern, nicht mehr um diese therapeutin.
    Das zu formulieren, ist vielleicht auch teil meiner therapie.
    Im allgemeinen befürworte ich therapie.
    Lovis

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    1. Liebe Lovis,
      ja leider gibt es auch viele schlechte Therapeuten und Therapeutinnen. Ich habe auch mal einen Ansatz abgebrochen, weil die Dame der Ansicht war, es müsste zwingend irgendwas in meinem Elternhaus gewesen sein und sich partout nicht überzeugen ließ, dass dem nicht so ist. Ich kann gut verstehen, dass du die Therapie abgebrochen hast. Es ist wichtig, dass wir uns wohl fühlen und vor allem, dass wir auch das Gefühl haben, dass es uns hilft. Wenn wir uns dauernd mit unseren Therapeuten und Therapeutinnen in die Wolle kriegen, weil sie uns von ihren Ansichten überzeugen wollen, dann kann es nicht richtig sein. Die Aufgabe von Therapeut_innen ist es nämlich, zu Selbsterkenntnis zu verhelfen und nicht einem die Ansichten, die sie haben, um die Ohren zu hauen. Das ist keine gute Therapie. Es tut mir Leid, dass du da so eine schlechte Erfahrung machen musstest. Das kommt leider immer mal wieder vor 😦 Ich hoffe du findest irgendwann jemand Besseres oder bist für dich mit deinem Weg auch so zufrieden 🙂
      Liebe Grüße,
      Ricarda

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      1. Das wollte ich damit auch ausdrücken, ich denke, dass therapie helfen kann, meine therapeutin ist mir nicht unsymphatisch, aber meine einstellung gegenüber der gesellschaft muss ich weder hinterfragen, noch festigen. Ich bin sehr reflektiert, sagt auch meine therapeutin und genau desshalb brauche ich die therapie nicht. Ich habe genug freunde die mir zuhören und mich besser verstehen, zum glück.
        Danke, und viel Sonne, Ronja lässt sie scheinen!!!
        Lovis

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