Wie es gewesen wäre

Heute Nacht hast du mich wieder besucht, mein Schmetterling. Ich glaube es ging dir darum, mir zu zeigen, wie es gewesen wäre, hättest du den Kampf in der Nacht geschafft. Zum ersten Mal warst du nämlich älter, als ich dich kannte. Ich wusste trotzdem sofort, dass du es bist. Du warst mit uns unterwegs, ich glaube es war ein Zoo. Hast in einem Buggy gesessen, so ein klappriges Ding aus Gestänge mit nur ein bisschen Stoff dazwischen, was man aber schön klein zusammenfalten kann. Du hattest weiße Sandalen an, und sonst nur eine Windel. Es war warm, aber im Schatten hattest du eine leichte Gänsehaut. Und du konntest laufen. Noch nicht richtig gut, aber wackelig flitzen ging schon, mit deinen kleinen Sandalen auf deinen dicken Beinchen. Du warst gut drauf, hast mit Dingen gespielt, sie herumgewedelt um zu sehen, welche Geräusche sie machen, und sie uns begeistert hingehalten. Sprechen konntest du nicht, aber du hast deine typischen begeisterten Laute von dir gegeben, wenn dir etwas gefallen hat. Aber du warst krank. Immernoch. Gut gelaunt und aktiv, aber du hattest getrocknetes Blut an deiner Nase, nur ein bisschen. Und du hattest eine Magensonde in der Nase, der Schlauch klebte in deinem kleinen Gesicht. Und du hattest wenig Haare, die Narben auf deinem Kopf, zum Teil frisch, waren gut zu sehen. Und ich wusste, dass du gehen musst, dass ich dich nicht für immer behalten kann. Dass ich dich verlieren werde. Wieder. Du bist so froh herumgelaufen auf deinen Patschefüßen. Ich habe dich dann gerufen und habe gefragt: „Darf Mama dich in den Arm nehmen?“ Und du bist mit ausgebreiteten Ärmchen auf mich zugelaufen. Ich saß in der Hocke, und du bist mir in den Arm gefallen. Ich habe dich ganz fest umarmt, deinen kleinen Körper mit der dicken Windel, und habe geweint und geweint, weil ich wusste dass du nicht da bleiben kannst. Dann bin ich wach geworden.

Ich glaube du wolltest mir zeigen, dass es besser war, so wie es ist. Ich glaube du wolltest mir zeigen, dass der Kampf nicht aufgehört hätte. Ich habe es jetzt so oft gesehen, bei so vielen anderen kleinen Kämpfern mit deinem Monster im Kopf. Sie schaffen es, eine zeitlang. Aber meistens kommt es zurück. Hat sich nur versteckt und auf den rechten Moment gewartet. Es war so schön, dich im Traum zu halten. Es war so wunderschön, dich mit ausgebreiteten Armen auf mich zulaufen zu sehen und zu spüren, wie du deine kleinen Arme um meinen Hals schlingst. Auch wenn es nur ein kurzer Moment war, ich werde ihn in meinem Herzen festhalten, ganz fest, so lange ich kann. Aber das wäre es nicht wert gewesen. Dein längeres Leiden, die ständige Angst, deine Schmerzen und dein langer Kampf. Im Traum warst du sehr gut drauf, aber das wäre nicht immer so gewesen. Du hättest viel gelitten, noch mehr. Und das ist es nicht wert. Nichts in der Welt wäre es wert, dich noch mehr leiden zu lassen.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Wie es gewesen wäre

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s