Unsichtbare Kinder

Ich bin krank momentan und habe ganz viel Zeit zum Nachdenken. Zu viel Zeit glaube ich. Wenn man nichts tun kann als auf dem Sofa zu hängen, dann denkt man meistens zu viel. Ich habe über unsichtbare Kinder nachgedacht, mein kleiner Schmetterling. Unsichtbare Kinder wie dich. Alle verwaisten Eltern haben unsichtbare Kinder. In einem Gespräch vor Kurzem wurde es mir sehr bewusst. Zu mir sagte jemand: „Wenn bei Ihnen auch irgendwann Kinder kommen.“ Dieser Satz hat mir schrecklich weh getan. Ich konnte nichtmal etwas dazu sagen, denn ich wäre wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen. Ich habe doch schon ein Kind! Ich habe dich, mein Schmetterling. Nur kann das niemand sehen. Du bist unsichtbar. Und das tut so weh. Wer mich sieht und mich nicht kennt, der sieht eine junge Frau. Manchmal unterwegs mit Mann, manchmal mit Freunden, manchmal allein. Aber nie wird jemand einen Kinderwagen sehen, oder ein Tragetuch. Nie wird jemand dich an meiner Hand spazieren gehen sehen. Und das tut so weh. Dass du fest in meinem Herzen bist und manchmal ein Stück mit mir und an meiner Hand gehst, das kann niemand sehen. Wir verwaiste Eltern haben unsichtbare Kinder. Und das wichtigste Anliegen von vielen von uns ist: sie sichtbar machen. Wir wollen, dass die Welt unsere Kinder sieht. Wir wollen, dass jeder weiß, dass sie da sind. Dass sie lebten. Wir sind Eltern. Auch wenn unsere Kinder im Himmel sind, bleiben wir Eltern. Auch wenn ihr unsichtbare Kinder seid, wir bleiben Eltern.

Aber es ist so schwierig, euch sichtbar zu machen. Wir können nicht in jeder wachen Minute von euch erzählen und wir können nicht jedem Passanten entgegenschreien: da ist mein Kind. Du kannst es nicht sehen, aber es ist da! Ich hatte schon ein Kind und ich trage es fest in meinem Herzen. Wir können uns tätowieren lassen, wir können gedruckte T-Shirts tragen auf denen steht, dass wir ein Kind im Himmel haben, wir können vielen Menschen von euch erzählen, über euch schreiben, Bilder von euch zeigen. Aber ihr werdet nie so selbstverständlich für alle Menschen sichtbar sein, wie wenn ihr an unserer Hand wärt. Und das tut weh. Wir wünschen uns, dass ihr die gleiche Aufmerksamkeit bekommt, wie andere Kinder. Wir wünschen uns, dass ihr gesehen werdet und man uns sagt, wie niedlich ihr seid. Dass man uns fragt, wie alt ihr seid und wie ihr heißt. Dass man euch beim Bäcker ein Brötchen schenken will und beim Fleischer eine Scheibe Wurst. Aber all das kann nicht passieren. Weil ihr unsichtbare Kinder seid. Für uns seid ihr so wichtig wie jedes sichtbare Kind. Aber das kann niemand sehen, wenn wir nicht davon erzählen.

Deshalb wünsche ich mir Verständnis, wenn wir zu viel von euch reden, denn für uns ist es längst nicht genug. Deshalb wünsche ich mir Verständnis, wenn es auch nach Jahren nicht besser ist, nicht genug. Wir nicht ‚darüber weg‘ kommen, nicht ‚weitermachen‘. Wir machen ja weiter. Wir leben noch. Wir wünschen uns nur, dass unsere unsichtbaren Kinder sichtbar werden. Dass sie gesehen werden. Deshalb werde ich bis zu meinem letzten Atemzug von dir sprechen, mein Schmetterling. Ich mache dich sichtbar so gut ich kann, für so viele Menschen wie ich kann. Ich will, dass du Leuchtest, so hell, dass jeder dich sehen kann. Du bist mein Kind. Und für mich bist du sichtbar. Immer.

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4 Gedanken zu “Unsichtbare Kinder

  1. Meine Liebe, ich musste sehr schlucken bei deinem Text. *umarm* Du hast die Zeilen wieder ganz wundervoll geschrieben und man konnte jedes Wort nachfühlen.
    Weißt du, Mika leuchtete zu seinen viel zu kurzen Lebzeiten wie ein kleiner Stern und heute strahlt er durch seine Eltern und lieben Verwandten. Er wird von vielen Menschen in die Welt getragen und du hast ihm schon viele wundervolle Denkmäler gesetzt.
    Mika wird immer euer Sohn bleiben und ich bin mir sicher, dass er auch immer an eurer Seite und euren Händen sein wird. Unsichtbar, aber da.
    Ich umarme dich aus der Ferne und wünsche dir eine gute Genesung, Jacky

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    1. Danke liebe Jacky ❤ Es ist nicht so einfach, wenn man sich vor Augen führt, dass all die Menschen, denen man so tagtäglich über den Weg läuft, nie wissen werden, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Der Gedanke ist kaum zu ertragen. Er wird nie groß werden, Freunde finden, heiraten und eine Familie gründen. Es sind so viele Menschen, die er verpasst und die ihn verpassen. Das macht mich sehr traurig. Ich wünschte einfach ich könnte ihn sichtbar machen, für jeden. Aber das geht nicht, und damit muss ich leben lernen.
      Alles Liebe,

      Ricarda

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  2. Du hast es sehr schön formuliert. Mir tun alle menschen furchtbar leid, die nichtmal wissen, dass sie in ihre klasse gegangen wäre, dass sie sich unglaublich in sie verliebt hätten, dass sie die tollste freundin auf der ganzen welt in ihr gehabt hätten, dürfte sie leben.
    Ich habe eine theorie, alle menschen, die ihr ganzes leben lang suchen, aber nicht finden, die unglücklich sind und nicht wissen, wieso, ihnen ist ihr_e seelenpartner_in gestorben, bevor sie sie_ihn gefunden hatten…
    Alles liebe dir, und viel sonne, Ronja lässt sie scheinen!!!
    Lovis

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    1. Ja, das klingt plausibel. Dann müssen sich Menschen mit ‚der zweitbesten Person‘ zufrieden geben. Mir tun vor allem seine Kinder leid, die nie geboren werden. Stirbt ein Kind, stirbt ein ganzes Leben. Und viele weitere.
      Dir auch alles Liebe ❤

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