Wellen

Ich vermisse dich jetzt schon so lange, mein Schmetterling. Viel zu lange. Jeder Tag ohne dich ist einer zu viel. Ich habe etwas gelernt, seitdem du weg bist. Über die Trauer, und über das Vermissen.

Trauern und Vermissen sind wie das Meer. Denn alle drei haben Wellen. Und alle drei haben Ebbe und Flut. Wenn die Flut kommt, dann wird die Trauer über einen Zeitraum immer schlimmer. Langsam baut sie sich auf und ich werde immer trauriger. Das geht oft über Tage hinweg. An den Tagen selbst gibt es Wellen, kleinere Schwankungen, in meinem ‚mehr-traurig-sein‘. Ist eine Welle hoch, dann weine ich oft ein bisschen und manchmal spült sie mich fort und ich weine viel. Dann ist wieder eine Pause, bis die nächste Welle kommt. Und ist die Flut da, auf dem Höchststand, gibt es einen Dunkeltag. An dem Dunkeltag gibt es auch Wellen, es gibt mal eine Stunde da ist alles einigermaßen unter Kontrolle, dann gibt es eine Stunde da reißt sie mich mit sich und ich weine und weine und höre nicht mehr auf.

Aber wie das Meer kommt und geht, kann auch bei der Trauer und dem Vermissen nicht immer Flut sein. Irgendwann, nach dem Dunkeltag, zieht sie sich langsam zurück. Wird etwas weniger. Die Wellen werden flacher. Das Weinen wird seltener und das Vermissen wird besser auszuhalten, zarter und leichter. Und irgendwann ist Ebbe. Dann ist das Wasser weit fort. Man riecht es noch und man hört es Rauschen, und man weiß es wird wiederkommen, aber für den Moment ist es fort. Und das Vermissen und die Trauer sind ganz sanft. Sie sind nie weg, genauso wie der Strand immer irgendwie feucht bleibt und die Erinnerung an das Wasser auf ihm Geschrieben steht. Aber die Sonne kommt heraus und man kann am Strand spazieren gehen. Und auch das bleibt einige Zeit so. Oft auch ein paar Tage. Und wie das Meer unterschiedliche Wasserstände hat und die Flut mal höher und mal flacher ausfällt, so fällt auch die Flut in der Trauer mal schlimmer und mal weniger schlimm aus. Manchmal gibt es auch eine plötzliche Springflut. Und wie diese beim Meer oft durch äußere Faktoren ausgelöst wird, durch Wind und Wetter, so wird auch die Springflut in der Trauer oft durch etwas von Außen ausgelöst. Durch ein Datum. Durch ein Erlebnis. Durch einen Gedanken oder ein Wort. Sie ist unbarmherzig, reißt alles mit sich und hinterlässt oft Verwüstung. Aber sie ist auch kurzlebig und geht vorbei. Und ebenso wie es Springfluten gibt, gibt es auch Fluten, die niedrig ausfallen. Die nicht so schlimm sind und nicht so lange andauern.

Die Parallelen sind erstaunlich. Wellen, Gezeiten, und Salzwasser. Alles spiegelt sich irgendwie wieder. Ich wünschte ich hätte dir das Meer zeigen können, mein Schmetterling. Eines Tages, wenn ich zu dir komme, werde ich dir davon erzählen. Und dann gehen wir zusammen am Strand spazieren, deine Hand in meiner Hand.

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9 Gedanken zu “Wellen

  1. Das ist wunderschön und so treffend geschrieben❤️
    ich bin erst vor ein paar Tagen auf deinen Blog gestoßen und habe ihn an einem Tag durchgelesen. Es gefällt mir sehr gut wie du mit dem Verlust umgehst. Ich finde viele Parallelen, ich habe meinen Sohn Milo im Sommer verloren und wir waren 2 Monate mit ihm auf der Intensivstation . Ich beschreibe die Trauer oft als Spirale, auf dem äußeren Ring geht es mir gut, es ist leicht, ich komme gut durch den Tag, von dort kann ich sogar die Sonne sehen, aber dann rutsche ich wieder auf den Ringenins innere der Spirale,dort lauert nur der Schmerz, der Tod, die Dunkelheit und alle schreien nach dem Warum. Und so drehe ich mich immer weiter in meiner Trauerspirale..

    Solange bis wir Hand in Hand den Strand entlang gehen❤️
    Ich wünsche dir weiterhin viele himmelblaue Tage in deiner Mika Challenge, danke das du die teilst,
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      es tut mir sehr leid, dass du auch deinen Sohn verloren hast. Mika ist ja auch im Sommer gegangen, wann hat Milo denn seine Flügel bekommen? Magst du erzählen, was geschehen ist und warum ihr auf der Intensivstation sein musstet? Wir waren ja ’nur‘ insgesamt anderthalb Wochen da, vielleicht ein zwei Tage mehr, aber das war schon unerträglich genug. Die Spirale ist auch ein gutes Bild, um das zu verdeutlichen. Ich kann dich da sehr gut verstehen. Manchmal zieht es einen einfach herab, und manchmal schafft man es wieder weiter nach oben.
      Danke für deine lieben Worte. Fühl dich umarmt. Wir schaffen das. Für unsere Kinder. Irgendwann sehen wir uns wieder.

      Alles Liebe für dich.

      Ricarda

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  2. Liebe Ricarda,
    Unser Milo ist am 28.6.2016 auf die Welt gekommen, ein Sonntag, 1 Woche über Termin, gesund und kräftig, unsere Welt war perfekt, ein paar Stunden später gerade im Zimmer angekommen, hat Milo keine Luft mehr bekommen. Eine Schwester rannte mit ihm raus, kaum später war er schon im Krankenwagen mit Blaulicht auf der Autobahn, ganz allein und erst 5 Stunden alt.
    Wir waren nicht vorbereitet und hatten auch keine Zeit das aufzuholen, wir mussten erstmal hinterher, nach Bad Oeyenhausen in die Herzklinik. Den ganzen Tag wurde untersucht, Herzkatheter, MRT, CT… bis die Diagnose und der Op Plan stand, Lungenvenenfehlmündung, operabel, gute Überlebenschancen hieß es, um 6 in der früh konnten wir ihn nochmal sehen, 7 Std sollte die op dauern ,sie rufen an sagten sie. Kein Anruf kam, wir riefen an, um 14 Uhr, um 3, um 4 ,um 5 und um 6. sie operieren noch hieß es immer wieder, wir haben es nicht ausgehalten sind rüber in die Klinik, haben insgesamt bis 22 Uhr gewartet dann kam der Chirurg zu uns, nach einer 14 stündigen Op, alles war ganz anders gekommen als sie vorher gesehen haben, in der Op mit geöffnetem nur Walnuß- großem Herzen musste ein Plan B her, diesen speziellen Fall einer Lungenvenenfehlmündung hatten Sie noch nicht erlebt, keine Erfahrungswerte, keine Prognosen, keine Statistik, er hat eine kleine Chance sagte man uns die muss er jetzt ergreifen.
    Draußen vor seinem Zimmer hing ein Bild mit einem Apfelbaum, (Milo heißt Apfel) unter dem stand“ hier fühle ich mich geborgen, heute ist heute und morgen ist morgen.“ Unsere Mantra für die kommenden Wochen. Und es ging aufwärts jeden Tag ein bisschen, entwässern, Thorax schließen, Tubus entfernen , selber atmen, Magensonde, Milch trinken, verdauen…
    Er hat gekämpft wie ein ganz großer , hat uns so viel Kraft gegeben, hat so sehr nach Leben ausgesehen, es gab für uns keinen Zweifel wir schaffen das, wir drei, als Team, als Familie. Bis wir endlich alle Kabel verloren hatten und alle Medikamente abgesetzt waren, die Ärzte vom nachhause gehen sprachen. Sein bester Tag, der 14.8., er hat gelacht u mit seinem Mobilee gespielt, wir haben ein Video gedreht für die Omi, die hat Geburtstag ( warum erst jetzt, warum nur das eine?) und dann der Anruf in der Nacht, er hat keine Luft bekommen, man musste ihn wieder beatmen , Ultraschall, MRT, Röntgen, Herzkatheter alles von vorn und dann saßen wir da im Büro des Professors, alle Bilder vor uns auf dem Tisch, Stenosen in zwei Lungenvenen, linke und rechte Lunge, seine Lungenvenen zu dünn um im Herzkatheter was machen zu können , zu viel Druck, zu großer Rückstau, vielleicht kann man das nochmal operieren, wir müssen bis Montag auf den Chirurgen warten, ohne Op können wir nichts tun,
    was soll das heißen was passiert denn sonst?
    Dann stirbt ihr Sohn. Das war Samstag, der 15.8.
    genau 14 Tage später am 29.8.2015 hat unser kleiner Milo seinen Sternenexpress zurück genommen, wir haben die letzten 14 Tage neben ihm geschlafen , sind fast durchgedreht 24 Stunden auf dieser Intensivstation, haben die Wahrheit nicht mehr gesehen,zu viele Gefühle, zu viel für den Kopf und das Herz, wenn ich heute die Fotos der letzten Tage sehe, sehe ich ihn sterben, aber dort in diesem Raum war immer noch Hoffnung, denn die stirbt tatsächlich nicht, die hält sich standhaft und aufrecht während alles um sie herum zu Bruch geht. Jeden Tag haben wir uns gesagt wir müssen es beenden, ihn gehen lassen, doch wir konnten nicht. Der Professor der Klinik hat uns die Entscheidung abgenommen und hat quasi den Knopf für uns gedrückt. Es war kein friedlicher Tod, keiner mit dem ich leben kann mit dem ich meinen Frieden finden kann, er hat lange gedauert, denn auch als jeder Kampf verloren war wollte unser Milo nicht einfach gehen. Er ist 2 Monate und einen Tag alt geworden und für uns ist das unbegreiflich kurz aber für ihn war es sein ganzes Leben. Ich schreibe seit dem Tag seiner Geburt wieder Tagebuch, eigentlich war das für ihn gedacht gewesen um ihm mal von seinem schweren Start ins Leben erzählenzu können, jetzt hilft es mir meinen Weg in ein neues Leben ohne meinen Milo zu finden ,ich versuche mir auch (allerdings wöchentlich )gute u schöne Dinge die mich durch die Woche gebracht haben zu notieren. Dein Blog ist ein positiver Punkt in dieser Woche❤️
    Ohmann, es ist ganz schön lang geworden, und ich könnte noch ewig weiterschreiben, ich hoffe ich überfordere dich nicht, liebe Grüße Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      es tut mir so unendlich leid, was ihr durchmachen musstet und ich weine mit euch um euren Sohn. Ich kann all eure Angst, die Hoffnung wider jeglicher Vernunft und auch das Nicht-Sehen-Wollen bzw. Können so gut nachvollziehen. Ich habe auch gesehen, wie Mika von Tag zu Tag ein bisschen weniger wurde, immer weiter zerbrochen ist, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Fast bis ganz zum Ende habe ich noch gehofft, gebetet für ein Wunder, und mir gewünscht, dass irgendwie alles gut werden kann, auch wenn eigentlich klar war, dass das nicht möglich ist. Es ist schlimm, wenn selbst die Ärzte nicht weiter wissen. Man ist so hilflos. Bei uns war es nicht ganz so extrem wie bei euch, man wusste immerhin was es war und es gab Ideen dazu, was man vielleicht tun kann, aber es ist eben nicht gut genug erforscht und es war auch zu spät, um noch wirklich effektiv etwas tun zu können. Milo ist genauso wie Mika ein ganz besonderer Junge gewesen. Er ist auf die Welt gekommen, um wieder zu gehen. Wir verstehen nicht, warum. Und diese Frage werden wir wahrscheinlich erst dann beantwortet bekommen, wenn unsere eigene Zeit gekommen ist. Er hat dich auf jeden Fall verändert als Mensch, ich denke deine Sicht auf das Leben hat sich verändert. Du bist ein anderer Mensch geworden, gewachsen und stärker geworden, auch wenn der Preis viel zu hoch ist. Aber das ist Teil seiner Aufgabe gewesen. Du kannst stolz auf dich sein, dass du es geschafft hast, an seiner Seite zu bleiben. Ich weiß, wie schwierig das ist. Aber du hast ihm alles gegeben, was er brauchte und du warst ihm so eine wunderbare Mutter. Du überforderst mich nicht. Ich habe keine Angst vor der Trauer und dem Schmerz, den du trägst. Als Mütter von Sternen- und Himmelskindern helfen wir uns gegenseitig, das zu tragen. Unsere Schultern sind stark. Fühl dich umarmt und verstanden.
      Liebe Grüße,
      Ricarda

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  3. Vielenvielen Dank für deine lieben Worte. Du inspirierst mich weiter die schönen Dinge im Leben zu sehen, die Erinnerung an ihn bunt und hell zu halten und nicht schwarz und schmerzvoll. Man hat das Gefühl man tut nie genug, ich schreibe und lese, habe eine gute Gruppe von Müttern mit Sternenkindern gefunden, und wir reden und reden und machen Yoga, und du hast recht ich habe auch keine Angst mehr vor Tod und Trauer, ich suche ihn förmlich, und manchmal habe ich das Gefühl ich entferne mich immer mehr von meinen sorglosen Freunden, denn während sie ihren Urlaub planen, lese ich über den Tod von Kindern. Behalte sie alle und ihre mutigen Leben in meinem Herz.
    Und so sehr man auch versucht sein Schicksal zu teilen, macht es einen doch auch einsamer.
    Ich freue mich heute schon auf denTag an demich mit einem Lächeln und einem glücklichen Herz an Milo denke und Frieden mit mir, dem Weg den unser Leben genommen hat und mit seinem Tod geschlossen habe!
    Ich würde mich freuen hin und wieder von dir zu hören, und bin auch dankbar für jeden Tipp zu einem Forum oder Blog zum austauschen. Ich bin froh dich gefunden zu haben wo unsere Söhne sich doch schon kennen❤️

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    1. Liebe Tanja,

      ja es ist ganz wichtig, dass wir die schönen Sachen sehen. Die schlimmen sieht man sowieso. Man muss achtsam sein und die guten Dinge genießen. Wir sind sowieso schon so oft traurig. Es ist schön, dass du eine gute Gruppe für dich gefunden hast, das freut mich sehr. Das mit dem ‚den Tod suchen‘ kenne ich auch sehr gut – man setzt sich ganz aktiv damit auseinander und schiebt das Thema nicht länger weg. Es gehört zum Leben dazu und für mich ist er das Ziel am Ende einer langen Reise. Natürlich muss man die Reise genießen so gut es geht. Der Tod eines Kindes verändert einen und es ist ganz normal, dass wir danach nicht mehr die selben Menschen sind wie vorher. Ich habe das Gefühl im gleichen Maße wie es mich einsamer macht, weil Menschen wegfallen, die es nicht verstehen oder ertragen, gewinnen wir aber doch auch Menschen hinzu, die wir sonst nie kennengelernt hätten, und das ist wertvoll. Ich habe viele sehr sehr liebe Menschen getroffen und ich bin darüber froh, auch wenn der Preis natürlich zu hoch war.
      Solche Tage, an denen du dich einfach freuen kannst, dass er da war, werden immer mehr kommen. Es wird auch immer die schlechten Tage geben, aber die guten gibt es eben auch. Manchmal schwankt es sogar an einem Tag.
      Ich bin leider in Foren gar nicht aktiv, aber ich bin viel bei Facebook in Gruppen. Bist du bei Facebook? Ansonsten gibt es eine englische Seite, die wunderbare Texte hat: http://www.stillmothers.com/ Die kann ich dir nur sehr ans Herz legen, wenn du gut Englisch kannst.
      Ich finde es schön, dass du den Weg zu mir auf diese Seite gefunden hast. Unsere Kinder haben sich schon was dabei gedacht uns zusammenzuführen, da bin ich sicher.

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      1. Ja bei Facebook bin ich magst du mir ein paar Gruppen nennen oder deinen Profilnamen? Ich hab mich noch nie getraut richtig öffentlich mit seinem Tod,demVerlust, der Trauer, meinen Gefühlen umzugehen. Obwohl ich es manchmal in die Welt rausschreien möchte, einFoto von ihm teilen möchte, so wie man es getan hätte wenn er noch bei uns wäre. So wenige haben ihn noch kennengelernt, und wie gern zeigt man ihn doch her, redet von ihm, erinnert ihn, kann man es nicht ertragen das er in Vergessenheit gerät . Tatsächlich hatte ich schonmal Texte für Facebook fertig aber habe mich nicht getraut auf teilen zu drücken. Vielleicht hätte ich dann schon viel früher andere Mamas mit ihren Himmelskindern kennengelernt, na wer weiß wozu es gut war das ich dich gefunden habe, vielleicht inspirierst du mich auch eines Tages dazu! Ich freu mich jetzt jedenfalls immer darauf neues von dir und der Mikachallenge zu lesen , hab einen ganz schönen sonnigen Feierabend, Tanja

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      2. Liebe Tanja,
        die Gruppe in der ich am meisten bin heißt Sternenkinder – Wunsch nach einem Folgewunder. Wenn du da hinkommst finden wir uns da 🙂 Ich würde mich sehr freuen, ein Bild von ihm zu sehen und von ihm zu hören. Ich habe etwas total Schönes von einer anderen Sternenkindmama gehört. Sie sagte: wir können sie nicht wieder zum Leben erwecken. Aber wir können sie am Leben erhalten. Und das finde ich total wichtig. Trau dich, und wenn es erstmal nur in dem behüteten Rahmen der Gruppe ist, dann ist es ein schöner Anfang 🙂 Da weiß jeder wie das ist. Ich wünsche dir noch einen schönen Feiertag, vielleicht bis bald in der Gruppe 🙂

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