Urvertrauen

Mein kleiner Schmetterling, du bist so lange fort, viel zu lange. Ich denke immernoch jeden Tag so viel an dich. Auch in den letzten Tagen habe ich viel nachgedacht. Über Dinge, die passiert sind, seitdem du krank wurdest und über noch mehr Dinge, die passiert sind, seitdem du davongeflogen bist. Ich habe darüber nachgedacht, was es mit uns gemacht hat. Mit uns als Menschen, mit unseren Gefühlen und Gedanken und mit dem, was wir sind. Und mir ist eine ganz wichtige Konsequenz klargeworden.

Ich war früher jemand, der sich viele Sorgen gemacht hat, aber trotzdem irgendwo immer eine kleine Stimme im Hinterkopf hatte die gesagt hat: wenn es ganz ernst wird, wird es schon irgendwie klappen. Es wird schon irgendwie gutgehen. So wie wahrscheinlich die meisten Menschen hatte ich einen ganz tiefgreifenden Glauben an den Prozess des Lebens. Daran, dass alles irgendwie gut wird. Dass alles ein gutes Ende nimmt. Ich habe nie wirklich in Erwägung gezogen, dass Dinge schlimm enden. Ich glaube, dass das eine Strategie ist, mit der wir uns abschirmen von dem, was jeden Tag passieren kann. Dass das unsere Möglichkeit ist, einigermaßen unbeschwert durch das Leben zu gehen. Ich glaube, das nennt man Urvertrauen.

Dieses Vertrauen habe ich nicht mehr. Es ist weg. Es ist in dem Moment das erste Mal gesprungen, als wir deine Diagnose bekamen, bekam mit jedem Tag und jeder schlechten Nachricht mehr und mehr Sprünge. Und als du dich von deinem Kokon befreit, deine irdische Hülle aufgebrochen hast, um zu fliegen, da ist es endgültig zerbrochen. Und dein Sternengeschwisterchen hat die Splitter zu Staub werden lassen. Aber wie lebt man ohne Urvertrauen? Wie lebt man, wenn man sich zu jeder Zeit über die tausend und abertausend Möglichkeiten der Verdammnis bewusst ist? Wenn man nicht mehr daran glaubt, dass irgendwie am Ende immer alles gut wird?

Man lebt trotzdem. Aber anders. Mehr in den Tag hinein. Man ist weniger unbeschwert, aber man erlebt viel intensiver, weil man nichts davon für selbstverständlich nimmt. Mancher versucht vielleicht, die Wahrscheinlichkeiten für die verschiedenen Gefahren abzumildern. Ich nicht, weil ich weiß, dass es nichts hilft. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein so kleines Kind Krebs bekommt und stirbt? Verschwindend gering. Trotzdem ist es passiert. Und so kann jeden Tag alles passieren. Kann oder kann eben auch nicht. Wir können an vielen Dingen nichts ändern. Wir können viele Dinge nur nehmen wie sie sind. Jeden Tag trotzdem aufstehen und uns darüber im Klaren sein, dass wir leben so lange es eben sein soll, aber nicht länger. Und wenn uns morgen ein Meteor erschlägt, so wie den Mann in Indien vor einiger Zeit, dann können wir es nicht ändern. Das klingt fatalistisch und negativ. Klingt vielleicht nach scheißegal. Aber so ist es nicht gemeint. Ich habe über carpe diem gesprochen. Aber carpe diem geht Hand in Hand mit memento mori. Man muss sich bewusst sein, dass man ein kleines und zerbrechliches Leben hat. Denn nur dann ist man frei, die Dinge zu tun, die einem am Herzen liegen und andere Dinge einfach nicht zu tun.

Ich kann mein Urvertrauen nicht wieder herstellen, kleiner Schmetterling. Ich trauere darum, wie ich auch um dich trauere, wenn auch längst nicht so intensiv. Aber ich habe gelernt, ohne zu leben und ich habe gelernt, dass es auch mit sich bringt, alles viel stärker wahrzunehmen und sich bei vielen Dingen viel mehr Gedanken darüber zu machen, ob man das wirklich möchte und ob man Lust hat, 100% dafür zu geben. Und sich, wenn man merkt es ist nicht so, eine Pause zu gönnen oder auch zu sagen: ich will das nicht. Ich mache etwas anderes. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit, auch wenn es vielleicht ein traurigeres Freiheitsgefühl ist als das, was die Menschen spüren, deren Urvertrauen noch in ihrem Herzen sitzt.

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3 Gedanken zu “Urvertrauen

      1. Endgültig mit etwas Frieden zu schließen, meint ja nun mal auch Abschied und Loslassen…und von manchen Sachen/Erinnerungen, oder was auch immer, möchte man ja nun mal einfach nicht loslassen…aber wie gesagt, vielleicht Frieden schließen…ich wünsche es dir sehr 🙂

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