Dilemma und Zwiespalt

Etwas Schwieriges geschieht, mein Schmetterling. Über 6 Monate bist du jetzt nicht mehr in meinen Armen. Du bist länger weg, als du bei uns warst. Es gibt keine Worte für das Gefühl, das der Gedanke daran in mir auslöst. Aber es geschieht etwas. Mit meiner Trauer. Mit mir. Mit meinen Emotionen. 6 Monate sind viel Zeit, wenn man jemanden vermisst. Unendlich viele Tränen sind für dich geflossen. Ich habe so viel geweint, dich so sehr vermisst, so sehr gelitten weil du weg bist. Ich leide noch immer und ich werde immer darunter leiden. Meine tiefe Liebe zu dir wird nie kleiner werden und ich werde dich immer schrecklich schmerzhaft vermissen. Aber etwas ist anders geworden. Die Trauer war zu beginn so rasend, so riesengroß und so schwarz, dass um sie herum kein Platz war. Es war kein anderes Gefühl da, nur der rohe und animalische Schmerz, weil ich dich verloren habe. Auch jetzt gibt es noch viele Tage, an dem es so ist. Aber es sind nicht mehr alle. Die Trauer schreit nicht mehr so laut. Sie ist etwas verblichen, ganz leicht. Sie ist nun grau und füllt nicht mehr 100% meines ganzen Seins aus. Sie hat Platz gemacht. Platz für andere Gefühle. Und seit einigen Tagen ist wieder genug Platz da für Glück. Nur selten und zaghaft, aber es gibt Tage, da geht es mir für einen Moment gut. Du bist immer in meinen Gedanken, aber manchmal tut es für einen kurzen Moment nicht so weh. Manchmal ist da nur Glück, wegen irgendetwas. Manchmal wegen Kleinigkeiten, vielleicht weil die Sonne scheint oder ich einen Schmetterling sehen darf. Aber das wirft mich in einen schlimmen Konflikt mit mir selbst. Ich freue mich nicht darüber. Ich fühle Schuld. Du bist ja immernoch weg. Wie kann ich glücklich sein, und sei es nur für einen Augenblick, wo du nicht in meinen Armen bist? Wie kann ich froh sein, weil die Sonne scheint, wenn du nicht da bist um sie zu sehen? Ich gestatte mir mein Glück nicht, fühle mich schrecklich deswegen, und das ist schlimm. Und wie ich es drehe und wende in meinem Kopf, ich finde keine Lösung dafür. Mein Herz tut weh, denn ich möchte gern wieder glücklich sein. Aber wie kann ich das, wenn du weg bist? Wie kann ich mir Glück gestatten, wenn das Wichtigste in meinem Leben einfach weg ist?

Ich weiß, dass du dir wünscht, dass ich glücklich bin, mein Schmetterling, mein Mika. Ich weiß, dass du froh bist, wenn ich lache. Ich muss versuchen, die glücklichen Momente zu nehmen, wenn sie kommen, und sie zu genießen ohne mich zu verurteilen. Denn ich weiß, dass es das ist, was du dir wünschen würdest. Aber es ist schwer, mein Schmetterling, es ist so schwer. Fast schwerer als alles, was bisher mit meiner Trauer geschah. Es ist schwer, ohne dich zu leben, aber es ist noch viel schwerer, glücklich zu sein ohne dich. Und am schwersten ist es, mir dieses Glück zu gestatten. Ich glaube ich brauche noch Zeit um zu lernen, dass beides sein kann. Dass ich um dich traurig sein und gleichzeitig über Dinge glücklich sein kann, dass ich dich vermissen und gleichzeitig Freude über Dinge empfinden darf. Dass das eine Gefühl das andere nicht ausschließt und dass es nicht heißt, dass ich dich vergesse oder mich nicht mehr nach dir Sehne. Dass es einfach heißt, dass mein Leben weitergeht, weitergehen muss und weitergehen darf ohne dich. Alles wehrt sich in mir beim Schreiben dieses Satzes. Eine Stimme schreit: „NEIN! Es geht NICHT weiter, es DARF nicht und es kann nicht und es ist unmöglich. Die Welt DARF sich nicht weiter drehen ohne dich. Es ist verboten. Es kann nicht sein. Es ist unnatürlich und es geht nicht.“ Und ich weine viele Tränen, denn der Gedanke zerreißt mich. Aber eine andere Stimme sagt: „Du weißt, dass es weitergeht. Es muss. Die Welt dreht sich weiter und du musst dich mit der Welt weiter drehen. Du musst dir gestatten, glücklich zu sein. Mika wünscht dir kein trauriges Leben. Mika wünscht sich eine lachende Mama, die froh ist. Die singt und lächelt und tanzt. Die an ihn denkt und glücklich ist. Trotz allem, was geschehen ist.“ Ich werde versuchen, dieser Stimme stärker zuzuhören. Für dich, mein Schmetterling. Das ist meine nächste Aufgabe, und es ist die schwierigste, die ich bisher schaffen musste. Vielleicht die schwierigste, die ich jemals schaffen muss. Denn sie fühlt sich so falsch an, auch wenn ich in meinem Herzen weiß, dass sie richtig ist. Aber ich bin sicher, du wirst mir dabei helfen. Und du wirst mir zeigen, dass Glück das ist, was du dir für uns wünschst.

2 Gedanken zu “Dilemma und Zwiespalt

  1. Ich möchte mal was loswerden. Ich hoffe nicht das du es irgendwie negativ aufnimmst.
    Ich kann deine Situation absolut verstehen, den Zwiespalt etc.
    ABER und das ist ein ganz wichtiger Punkt…Du bist unschuldig an dieser schlimmen Situation. Du kannst dich nicht dein Leben lang geißeln lassen für dein Schicksal.
    Das der Schmerz im Moment überwiegt, die Trauer und die Tränen die Tage füllen ist absolut verständlich. Aber es muss auch wieder Sonne und Glück in dein leben und deine Seele.
    Du kannst nicht für den Rest deines Lebens leiden und von der Trauer erschlagen werden. Du hast das schlimmste erlebt was sich ein Elternteil vorstellen kann. Das ist Leid uns Schmerz genug für ein Leben. Niemand ist damit geholfen wenn du dich schuldig fühlst für die guten Momente…schon gar nicht dem Andenken von Mika.

    Lass die schönen Momente zu… schlechte hattest du genug…
    Es verdrängt ja nicht den kleinen Mann aus deinem Herzen und deinen Gedanken.
    Das wird kein Lachen und keine Freude schaffen

    Liken

    1. Liebe Romy,

      nein ich fasse das nicht negativ auf und ich bin mir sicher, dass du Recht hast. In meinem Herzen weiß ich das ja auch. Aber es ist nicht so einfach. Man kann ja seine Gefühle leider nicht einfach ausschalten. Ich denke es ist ein Lernprozess und der ist nicht einfach. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, aber ich habe auch von anderen Müttern, deren Kinder verstorben sind, davon gehört. Wahrscheinlich ist das einfach eine weitere Phase der Trauer, durch die man gehen muss und die irgendwann vorbei sein wird. Man muss sie eben aushalten so lange sie dauert. Ich bin mir sicher, dass ein Leben in Trauer nicht das ist, was Mika sich für mich bzw. uns gewünscht hat. Ich muss nur mit meinen ’neuen‘ Gefühlen klarkommen und mich ein bisschen sortieren. Und wie alles, was mit der Trauer zu tun hat, dauert das einfach seine Zeit. Ich muss es schaffen, ihn in meine Freude zu integrieren, irgendwie. Aber ich bin sicher irgendwann wird mir das ganz bestimmt gelingen.

      Liebe Grüße,

      Ricarda

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s