Gewissheit

Bei allen Zeichen, die ich von dir bekam, gab es immer Interpretationsspielraum, kleiner Schmetterling. Ich war mir zwar sicher, dass du es gewesen warst, aber eben oft nicht zu 100%. Das hat mir zu schaffen gemacht. Ich wollte ja so gern glauben, aber ich hatte auch viel Angst, mir etwas einzureden. Deshalb habe ich mich nie getraut, aktiv nach einem Zeichen von dir zu fragen. Zu viel Unsicherheit und zu viel Angst vor der Enttäuschung, falls keines käme. Dann hätte ich mir ja sagen müssen, dass alles nur Einbildung gewesen war, geboren aus dem übermächtigen Wunsch, dass du noch da bist. Hätte mir eingestehen müssen, dass ich dem Hirngespinst nachjagte, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, und dass es eben nur das war: ein Hirngespinst. Dann habe ich ein Buch gelesen. Ich fand manches darin überzeugend, anderes weniger, aber eins habe ich aus dem Buch mitgenommen. Wir dürfen um Zeichen bitten. Unsere Verstorbenen werden uns Zeichen schicken, wenn wir sie bitten. Vielleicht nicht innerhalb von ein paar Sekunden, aber wenn wir darum bitten und die Augen offenhalten, dann werden wir die Zeichen erkennen. Und deshalb habe ich mir dann ein Herz gefasst. Ich habe das Buch auf dem Weg nach Haus im Zug zu Ende gelesen, deshalb kam meine Bitte, während ich im Auto auf dem Parkplatz saß, um nach Haus zu fahren. Ich habe mit dir gesprochen. Dich gebeten, mir ein Zeichen zu schicken. Eines, das stark genug ist um meine letzten Zweifel zu beseitigen. Eines, das so deutlich ist, dass auch dein Papa es erkennen würde. Und du hast zugehört. Ich bin dann nach unserem Gespräch losgefahren. Auch wenn ich wusste, dass das Zeichen noch auf sich warten lassen konnte und nicht klar war, wo ich dann sein würde, hatte ich das starke Gefühl, dass das Zeichen einen Auto-Bezug haben würde. Dein Schmetterlingspapa ist ein Autonarr und irgendwie fühlte es sich einfach so an. Ich auf meinem Weg eine Ampel überqueren, die Strecke vom Parkplatz bis dorthin ist sehr kurz. Seit meiner Bitte war also nur etwa eine Minute vergangen, vielleicht maximal zwei. An der Ampel musste ich dann stehen bleiben. Habe gewartet und nachgedacht. Normalerweise werfe ich nur einen Blick auf den Vordermann. Ich habe aber diesmal einen Blick auf das Auto geworfen was schräg vor mir stand. Auf der anderen Spur. Und las das Nummernschild. MI – KA stand dort, große schwarze Buchstaben. Nicht zu übersehen. Man mag jetzt sagen bei uns fahren viele Mindener herum, das kann ein Zufall sein. Aber das war nicht alles. Um meine allerletzten Zweifel zu beseitigen stand auf dem Armaturenbrett des Wagens eine Solar Wackelblume. Genau so eine wie die, die wir im Krankenhaus geschenkt bekommen haben und die jetzt bei uns in der Küche steht. Sie stand in der Sonne und winkte mir zu. Wie viele Zufälle sind einer zu viel? Wie viele Zufälle kann es geben, bis man nicht mehr an Zufälle glaubt? Ich bin mir seitdem sicher. Du bist noch da. Hinter dem Vorhang. Und irgendwann gehe ich auch durch und dann wirst du da sein.

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